Spuk im Schloß (1927)

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Filmdaten
Deutscher TitelSpuk im Schloß
OriginaltitelThe Cat and the Canary
ProduktionslandUSA
OriginalspracheEnglisch
Erscheinungsjahr1927
Länge(2350 Meter auf acht Akte)
82 Minuten
Stab
RegiePaul Leni
DrehbuchAlfred A. Cohn
Robert F. Hill
ProduktionPaul Kohner
MusikHugo Riesenfeld
KameraGilbert Warrenton
SchnittMartin G. Cohn
Besetzung

Spuk im Schloß ist der deutsche Titel des Stummfilms The Cat and the Canary, den Paul Leni[1] 1927 in den USA für Carl Laemmles Universal Pictures Co. drehte. Das Drehbuch nach der Schwarzen Komödie gleichen Titels von John Willard aus dem Jahr 1922 schrieben Alfred A. Cohn und Robert F. Hill. Produzent war Paul Kohner. Die Zwischentitel verfasste Walther Anthony. Die Kinomusik stellte Hugo Riesenfeld zusammen. Für die Photographie zeichnete Gilbert Warrenton verantwortlich, der als Kameramann in Amerika etwa die gleiche Hochachtung genoss wie in Europa Karl Freund.[2]

Der Titel bezieht sich auf die Situation, in der sich die junge Erbin mitten unter den gierigen Verwandten befindet: wie ein Kanarienvogel „in a cage surrounded by cats“.[3]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cyrus West, ein reicher alter Exzentriker, hat in seinem Testament festgelegt, dass sein großes Vermögen erst 20 Jahre nach seinem Tod an die Verwandtschaft verteilt werden darf. Kaum ist der Tag gekommen, treffen die erwartungsvollen Hinterbliebenen auf seinem verfallenden Herrensitz am Hudson River ein, um endlich das Erbe einheimsen zu können: die Neffen Harry Blythe, Charles „Charlie“ Wilder und Paul Jones, dessen Schwester Susan Sillsby und ihre Tochter Cecily. Doch zu ihrer großen Enttäuschung hat West seinen ganzen Reichtum einer eher entfernten Verwandten, der jungen Annabelle West vermacht – es sei denn, ihr könne nachgewiesen werden, dass sie verrückt sei. Für diesen Fall sei ein zweites Testament vorgesehen.

Daraufhin kommt es zu allerlei geheimnisvollen Vorfällen, die geeignet sind, die junge Erbin tatsächlich um den Verstand zu bringen. Einen ersten Schrecken löst die Meldung aus, dass sich „The Cat“, ein entsprungener Irrer, der sich für eine Katze hält und seine Opfer zerreißt, als wären sie Mäuse, auf dem Gelände oder gar schon im Hause befindet. Der Wachmann bringt sie, als man gerade beim Abendessen sitzt. Als Wests Anwalt Roger Crosby Annabelle warnen will, wird er von einer behaarten Hand mit Krallen, die hinter einem Bücherregal hervorkommt, in einen geheimen Gang gezerrt. Annabelle wird, als sie von seinem Verschwinden berichtet, sogleich für verrückt gehalten. Dieselbe Hand erscheint wieder, als Annabelle schläft, und nimmt ihr heimlich den Diamantschmuck vom Hals. Wieder wird ihr Verstand angezweifelt, als sie davon erzählt, doch als Harry und Annabelle das Zimmer untersuchen, entdecken sie in der Wand eine verborgene Nische und darin die Leiche von Roger Crosby.

Nun verständigt die Hauswartsfrau die Polizei. Während Harry nach dem Wachmann sucht, gerät Susan in Panik und läuft weg, um sich von einem Milchmann in seinem Wagen mitnehmen zu lassen. Paul und Annabelle entdecken, dass Crosbys Leiche verschwunden ist, und auch Paul verschwindet in dem geheimen Gang in der Wand. Während er dort herumgeht, wird er von „The Cat“ angegriffen und für tot liegengelassen. Er kommt gerade rechtzeitig wieder zu Bewusstsein, um Annabelle zu retten. Die Polizei erscheint und verhaftet den Irren: Es ist Charlie Wilder, der sich verkleidet hatte, der Wachmann war sein Komplize. Wilder ist der Mann, dessen Name in dem zweiten Testament steht. Er hoffte, an das Erbe zu kommen, indem er Annabelle in den Wahnsinn treibt.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film entstand in den Universal Studios Hollywood, 1000 Universal Studios Blvd, Universal City, California, USA.

Der Autor des Bühnenstücks Willard wehrte sich zuerst gegen die Verfilmung, weil dadurch ja für jedermann das trickreiche Ende der Geschichte bekannt gemacht würde, wodurch es künftig nicht mehr gewinnbringend eingesetzt werden könnte. Doch Carl Laemmle gelang es, ihn zu überreden.[4]

Der Film erlebte am 9. September 1927 im Colony Theatre[5] in New York City seine Uraufführung und erwies sich als Kassenschlager. Auch in Europa wurde der Film mit Erfolg eingesetzt; in Deutschland lief er unter dem Titel Spuk im Schloß, in Österreich entweder als Gespenster im Schloß oder Von Elf bis Elf, in Frankreich als La Volonté du mort, in Italien als Il castello degli spettri.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film wirkte stilbildend. Er begründete das in Amerika in den 1920er Jahren von diversen Broadway-Bühnenstücken[6] inspirierte[7] Genre des „comedy-horror“-Films, in dem Unheimliches und Humor gemischt werden.[8] Regisseur Leni hatte in Deutschland bereits 1925 mit Das Wachsfigurenkabinett in diese Richtung vorgearbeitet; mit Spuk im Schloß gab er seinen Einstand in Hollywood.[9]

Lenis Regiestil beeinflusste die Spezies des „old dark house“-Horrorfilms, die zwischen 1930 und 1950 gedeihen sollte.[10]

Der Stoff wurde noch fünf Mal verfilmt; als die bekannteste Verfilmung gilt die von 1939 mit Paulette Goddard und dem Komiker Bob Hope[11].

Während in den USA die Kritik den Film meist positiv annahm …

“The Cat and the Canary pleased critics as well. Mordaunt Hall in the New York Times called it ‘one of the finest examples of motion picture art … Mr. Leni has not lost a single chance in this new film to show what can be done with a camera.’ Highbrow cineastes were less enthusiastic. As film historian Bernard F. Dick writes in his study of Universal Pictures, ‘Exponents of Caligarisme, Expressionism in the extreme … naturally thought Leni had vulgarized the conventions … yet all he did was lighten them so they could enter American cinema without the baggage of a movement that had spiraled out of control’.” (Margarita Landazuri)

“German horror stylist Paul Leni brings his expressionist flourishes to this compendium of haunted clichés, creating one of the most stylish horror movie spoofs ever, a delightful mix of the gothic and the goofy.” (so das Fachblatt Variety)

… stieß er in Europa, besonders aber in Deutschland, eher auf Vorbehalte:

Nicht zufrieden war der Kritiker Willy Haas. Er schrieb im Film-Kurier vom 25. August 1927: „Interessant, spannend, direkt kriminalpsychologisch fesselnd ist für mich an dieser Sache eigentlich nur eines: wieso das feinste ästhetisch differenzierteste, gepflegteste, bis zum Snobismus raffinierteste Talent des deutschen Films, Paul Leni, ausgerechnet mit solchem Kriminalkitsch in Hollywood debütiert; warum er sich mit einer Versessenheit, einer leidenschaftlichen, gequälten, skrupulösen Hingabe, die man jeder Einstellung, jedem Ausschnitt, jeder der unendlich originell und skurril erdachten Dekorationen, jeder der zauberhaften Licht- und Schattenwirkungen, jedem Photographietrick, jedem Möbelstück, jeder Schauspielermaske ansieht – warum er sich mit dieser unersättlichen, gierigen, maßlosen Arbeitsfuries ausgerechnet in einen solchen Kriminalkitsch hineinkniet?“[12]

Abbildungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Amerikanisches Kinoplakat zu The Cat and the Canary[13]
  • Programmheft des Kinos „Königsbau“ in Bad Cannstatt vom 2. bis 5. Dezember 1927 zu Spuk im Schloß[14]
  • Standfoto: die haarige Hand[15]
  • Standfoto: die „Erbengemeinschaft“[16]
  • Standfoto: die Überwältigung des maskierten Täters[17]

Wiederveröffentlichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Firma Image Entertainment wurde eine restaurierte Fassung von The Cat and the Canary am 1. Februar 2005 als DVD in den Handel gebracht. Am 9. Oktober 2007 erschien von Kino International eine DVD-Edition[18] mit einer von Neil Brand geschriebenen Musikbegleitung, die vom Philharmonischen Orchester der Stadt Prag ausgeführt wurde.[19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Douglas Brode: Edge of Your Seat – The 100 Greatest Movie Thrillers. Citadel Press, New York 2003, ISBN 0-8065-2382-4.
  • Ian Conrich: Before Sound: Universal, Silent Cinema, and the Last of the Horror Spectaculars. In: Stephen Price (Hrsg.): The Horror Film. Rutgers University Press, New Brunswick, N.J. 2004, ISBN 0-8135-3363-5.
  • Bernard F. Dick: City of Dreams – The Making and Remaking of Universal Pictures. The University Press of Kentucky, 1997, ISBN 0-8131-2016-0.
  • Daniel Hermsdorf: Filmbild und Körperwelt – Anthropomorphismus in Naturphilosophie, Ästhetik und Medientheorie der Moderne. (=Film – Medium – Diskurs, Band 34). Königshausen & Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4462-5.
  • Margarita Landazuri: The Cat and the Canary. Essay. San Francisco Silent Film Festival 2013. (online auf: silentfilm.org)
  • Steve Neale: Genre and Hollywood. Routledge, London 2000, ISBN 0-415-02606-7.
  • Sonja Richter: Paul Leni, Grafiker, Filmarchitekt und Regisseur. In: Irene Stratenwerth, Hermann Simon (Hrsg.): Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt. Henschel, Berlin 2004, S. 281–283.
  • Cristina Stanca-Mustea: Carl Laemmle – Der Mann, der Hollywood erfand. Murmann Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-95510-014-8.
  • Irene Stratenwerth, Hermann Simon (Hrsg.): Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Centrum Judaicum Berlin. Henschel, Berlin 2004, ISBN 3-89487-471-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Als Paul Josef Levi 1885 in Stuttgart als Sohn eines Bankiers geboren, gestorben am 2. September 1929 in Los Angeles, Kalifornien, eine Schlüsselfigur des deutschen Expressionismus im Film, vgl. Richter S. 281–283, und film-zeit.de (Memento des Originals vom 13. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.film-zeit.de.
  2. Vgl. Kevin Brownlow auf jstor.org; Freund ging schon 1929 nach Hollywood.
  3. Vgl. Zwischentitel Nr. 64 auf intertitleorama.webs.com
  4. Vgl. Douglas Brode: Edge of Your Seat. S. 32.
  5. Vgl. cinematreasures.org und nycago.org
  6. Ihre Geschichten gehen zurück auf den Topos des „haunted house“ aus der „gothic novel“, vgl. Hermsdorf S. 596.
  7. Vgl. Neale S. 95, Beispiele bei Conrich S. 47.
  8. „Die Handlung hat einen deutlich komischen Anklang, ohne jedoch darüber die Spannung zu vernachlässigen, der skurril-komische Grusel ist hervorragend ausbalanciert. Zudem wird durch den meisterhaften Einsatz der Kamera dem Zuschauer auch heute noch das Gefühl gegeben, selbst mitten im Geschehen zu sein. Und wenn die Geschichte auch durch und durch amerikanisch ist, so verrät ihre gestalterische Umsetzung eindeutig den Einfluss des deutschen expressionistischen Kinos“, vgl. stummfilmfestival.de
  9. Vgl. Stanca-Mustea: „Die Handlung dieser Produktion basierte auf dem Broadway-Erfolg The Cat and the Canary und wurde nun für die Verfilmung adaptiert. Obwohl er auch einen europäischen Stoff als erstes Projekt hätte wählen können, suchte Leni die Herausforderung mit dieser Produktion. Laemmle hatte Verständnis dafür und ließ seinen neuen Regisseur gewähren.“
  10. Vgl. Kevin Hagopian, Penn State University über den ersten dieser Filme (The Old Dark House, James Whale 1932) auf albany.edu: “Shrill, sly, and terrifying, The Old Dark House would coin a new horror subgenre, just as Frankenstein had; this time, the species would bear the name of Whale’s remarkable film.”; ebenso Margarita Landazuri: “[I]t was The Cat and the Canary that established the template for the ‘Old Dark House’ genre. According to film historian Carlos Clarens, ‘Leni filled his haunted house not only with the standard cobwebs and sliding doors but with a genuine sense of mystery … The Cat and the Canary became the cornerstone of Universal’s school of horror’.”
  11. Vgl. en.wiki The Cat and the Canary (1939 film), Gary Alston 2013 auf houseofretro.com, in Deutschland als Erbschaft um Mitternacht am 4. Juli 1954 uraufgeführt, vgl. imdb.com
  12. Zit. auf stummfilmfestival.de
  13. Vgl. moviepilot.de (Memento des Originals vom 27. September 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.moviepilot.de
  14. Vgl. trixum.de (Memento des Originals vom 14. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/cdn01.trixum.de
  15. Vgl. cultreviews.com
  16. Vgl. imageshack.us
  17. Vgl. fdb.pl
  18. K557, UPC 7-38329-05572-1
  19. Vgl. silentera.com