St. Severin (Keitum)

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St. Severin von Südosten gesehen
Einer Sage zufolge handelt es sich bei diesen zwei in die Westwand des Kirchturms eingebauten Feldsteinen um die Grabsteine der Schwestern Ing und Dung, die den Bau des Turms finanziert haben sollen.

Die Kirche St. Severin ist eine evangelisch-lutherische Kirche in Keitum auf Sylt. Sie erhielt ihren Namen nach Severin von Köln, einem Bischof aus dem 4. Jahrhundert. Die Kirche steht abseits des Ortes auf der höchsten Erhebung des Sylter Geestkerns. An dieser Stelle befand sich in vorchristlicher Zeit ein Odinheiligtum. 1240 ist die Kirche erstmals urkundlich erwähnt. Amtliche Untersuchungen der Denkmalpflege haben ergeben, dass die Errichtung des Dachstuhles der Kirche auf das Jahr 1216 datiert werden kann. Sie ist somit der älteste Sakralbau in Schleswig-Holstein.[1]

Turm und Langschiff der Kirche

Bau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchenschiff, der deutlich schmalere Chor und die halbrunde Apsis sind die ältesten Teile der Kirche. Sie stammen aus der romanischen Periode. Das Mauerwerk besteht im unteren Bereich aus Granitquadern, darüber wurde rheinischer Tuffstein und Backstein verwendet. Verschiedene Friese zieren die Wände: Treppenfriese befinden sich unmittelbar unter den Traufen von Schiff und Apsis. Darunter schließt sich beim Schiff ein Rautengitterfries an, bei der Apsis ein Doppelrundbogenfries. Die Apsis ist außerdem durch Lisenen gegliedert. Die Dächer der alten Gebäudeteile sind mit Blei gedeckt.

Die Baumaterialien und der Grundaufbau finden sich auch in der kleineren Nachbarkirche St. Martin in Morsum wieder.

Der um 1450 errichtete spätgotische Turm setzt sich mit seinem roten Backstein und dem Ziegeldach deutlich von den älteren Bauteilen ab. Er ist das einzige backsteingotische Baudenkmal auf Sylt. In alten Zeiten wurde er auch als Zufluchtsort genutzt. Da er durch seine exponierte Lage weithin sichtbar ist, diente er den Seefahrern früher als Landmarke. Bis 1806 wurde der Turm auch als Gefängnis genutzt. Nach einem Unglück im Jahre 1740 wurde der Innenraum zugemauert und erst 1981 wieder geöffnet, er dient jetzt als Eingangshalle zur Kirche.

An der Südseite ist ein kleines, ebenfalls bleigedecktes Vorhaus angefügt, das als Kalfaster bezeichnet wird (lateinisch cale facere = warm machen). Es diente ursprünglich vermutlich als Aufwärmraum. 1979 wurde es zur Sakristei umgebaut.

Innenraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum, Blick zum Altar,
links die Nordempore

Das Schiff hat zwei Emporen, die Westempore von 1699 und die Nordempore von 1724. Die Nordempore überragt die nördlichen unteren Bankreihen bis zum Mittelgang, während die südlichen Bankreihen frei stehen. Turmhalle, Schiff und Chor sind flach gedeckt, die Apsis weist ein Halbkuppelgewölbe auf.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Taufstein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Taufstein ist das älteste Stück der Kirche. Entstehungszeit ist das 12./13. Jahrhundert,[2] die Kirchengemeinde gibt ungefähr das Jahr 1000 an.[3] Er besteht aus rheinischem Sandstein vermutlich aus der Bentheimer Region. Die zylindrische Kuppa ist mit einem Rankenornament versehen. Der quadratische Sockel zeigt vier Löwen.

Flügelaltar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Apsis befindet sich der dreiteilige Schnitzaltar. Er stammt aus der Zeit der Spätgotik um 1480 – möglicherweise aus der Schule des unbekannten Lübecker Imperialissima-Meisters.[4] Im Mittelschrein ist der Gnadenstuhl dargestellt: Gottvater präsentiert der Gemeinde den auferstandenen Christus. Die beiden Seitenfiguren sind Maria mit dem Kind und der Bischof St. Severin. Skulpturen der zwölf Apostel sind in den Seitenflügeln zu sehen. Die Predella zeigt ein barockes Gemälde des Abendmahls aus der Zeit um 1705.

Kanzel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kanzelkorb mit christlichen Tugenden und Wappen

Die Renaissancekanzel von 1580 kommt ursprünglich aus Mögeltondern. Sie wurde 1699 vom Pastorenehepaar Gruppius der Kirche geschenkt. In den Kanzelkorb wurden nachträglich Ecksäulen, Relieffiguren und Adelswappen eingefügt. Die Figuren stellen christliche Tugenden dar: Fides (Glaube), Temperantia (Mäßigung) und Iusticia (Gerechtigkeit). Der Schalldeckel der Kanzel ist sechsseitig. In den Giebeln sind Kopfmedaillons zu sehen.

Gemälde und Plastiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Ausmalung von Decke stammt von Franz Korwan (1865–1942).
  • An der Nordwand hängen außer dem Votivbild der Stifter von 1654 zwei barocke Gemälde, die Kreuzabnahme und die Grablegung Christi (17. Jahrhundert).
  • Die Statue von Johannes dem Täufer ist eine oberrheinische Arbeit aus dem 17. Jahrhundert.
  • Im Chorraum befindet sich eine Holzplastik aus dem 15. Jahrhundert, die den heiligen Antonius zeigt. Sie ist vermutlich spanischer Herkunft.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die neue Orgel

Die neue Orgel ersetzt das Vorgängerinstrument von 1787. Sie wurde 1999 von der Firma Mühleisen in Leonberg erbaut. Sie ist mit 46 klingenden Registern die größte Kirchenorgel in Nordfriesland.

I Hauptwerk
1. Principal 08′
2. Rohrflöte 08′
3. Viola da Gamba 08′
4. Octave 04′
5. Quinte 0223
6. Spitzflöte 04′
7. Octave 02′
8. Mixtur IV
9. Cymbel III
10. Bourdon 16′
11. Trompete 08′
12. Cornet V
II Positiv
13. Principal 8′
14. Gedackt 8′
15. Quintadena 8′
16. Octave 4′
17. Rohrflöte 4′
18. Nasat 223
19. Doublette 2′
20. Quint 113
21. Tertia 135
22. Scharff III
23. Sieflet 1′
24. Chalumeau 8′
Tremulant
III Schwellwerk
25. Principal 8′
26. Bourdon 8′
27. Flûte harmonique 8′
28. Viola da Gambe 8′
29. Voix céleste 8′
30. Flûte traversière 4′
31. Fugara 4′
32. Plein jeu VI
33. Piccolo 2′
34. Trompette harmonique 8′
35. Hautbois 8′
36. Clairon 4′
37. Voix humaine 4′
Tremulant
Pedal
38. Principalbass 16′
39. Subbass 16′
40. Untersatz 32′
41. Octavbass 08′
42. Violon 08′
43. Octavbass 04′
44. Posaunenbass 16′
45. Trompetenbass 08′
46. Clarinbass 04′
Cymbelstern
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
    • Superoktavkoppeln: III/P
    • Suboktavkoppeln: III/I, III/II, III/III

Kronleuchter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die aus Messing bestehenden Leuchter wurden in den Niederlanden hergestellt und in den Jahren 1683, 1698 und 1700 von Kapitänen gestiftet.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Keitumer Kirche verfügt über drei Glocken:

  • Die gis′-Glocke (700 kg) mit der Inschrift: „Tote beklage ich, Lebende mahne ich, Gott, den Herrn lobe ich.“
  • Die fis′-Glocke (841 kg); sie trägt die Inschrift „Gott, der Herr, ist Sonne und Schild“ und die Namen des Brautpaares, zu deren Trauung die Glocke gestiftet wurde.
  • Die h′-Glocke (381 kg) mit der Jahreszahl „A.D. 1966“ und dem Namen des Kirchenvorstehers Jens Uhl.
Auf dem Friedhof von St. Severin befindet sich eine Vielzahl von alten, zum Teil restaurierten Grabplatten

Restaurierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen Befalls durch den Bunten Pochkäfer wird die Kirche im Herbst 2017 renoviert. Die Maßnahme wird durch zusätzliche Mittel aus dem Dankmalschutzsonderprogramm 2017 unterstützt.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kunst-Topographie Schleswig-Holstein. Wachholtz, Neumünster 1982, ISBN 3-529-02627-1.
  • DuMont Kunst-Reiseführer Schleswig-Holstein. DuMont, Köln 1989, ISBN 3-7701-0936-8.
  • Infoblatt zur Kirche von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Keitum auf Sylt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Severin (Keitum) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. St. Severin: sie älteste Kirche im Land. shz.de, abgerufen am 13. Januar 2016
  2. Kunst-Topographie Schleswig-Holstein. Wachholtz, Neumünster 1982, ISBN 3-529-02627-1
  3. Infoblatt zur Kirche von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Keitum auf Sylt
  4. www.st-severin.de – Geschichte der Kirche Sankt Severin, abgerufen am 13. Januar 2016
  5. Hamburger Abendblatt 9. März 2017 "Rettungs für Schleswig-Holsteins Wahrzeichen

Koordinaten: 54° 54′ 7,2″ N, 8° 21′ 49,6″ O