Stadtwald Lübeck

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Der Stadtwald Lübeck ist das kommunale Forstunternehmen, welches die Waldflächen der Hansestadt Lübeck verwaltet und bewirtschaftet. Die Lübecker Forsten wurden durch das Konzept der „Naturnahen Waldnutzung“ bekannt.

Forstgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Witthauerstein für den Lübecker Förster Witthauer im Lauerholz

Die Hansestadt Lübeck besitzt seit 1163 einen über Jahrhunderte gewachsenen Stadtwald, der heute eine Fläche von rund 4.600 Hektar umfasst. Er liegt zum Teil auf Lübecker Stadtgebiet, zum Teil aber auch in den Kreisen Herzogtum Lauenburg und Nordwestmecklenburg. Zusätzlich zum Wald in kommunalem Eigentum (historisch: Kämmereiforst) betreut die Forstverwaltung der Stadt seit 1875 den Waldbesitz der städtischen öffentlich-rechtlichen Stiftungen Heiligen-Geist-Hospital, Westerauer Stiftung und Stiftung St.-Johannis-Jungfrauen-Kloster (historisch: Klosterforst, siehe auch Forsthaus Waldhusen) mit ca. 625 Hektar.

Als Lübeck durch das Groß-Hamburg-Gesetz 1937 seine Exklaven verlor, waren die Forstflächen davon ausgenommen. Insbesondere der seit 1465 in Lübecker Besitz befindliche Forst Ritzerau mit 650 Hektar sowie der Forst Behlendorf (450 Hektar) blieben somit städtisches Eigentum. Der Hevenbruch im Forst Ritzerau wird seit 1994 nicht mehr bewirtschaftet und ist heute Naturschutzgebiet.

Das östlich der Wakenitz gelegene Klosterforst-Revier Schattin von ca. 50 Hektar mit dem Kammerbruch lag nach 1945 auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, verlor bald nach Kriegsende einen Teil seines Eichenbestands durch Reparationshiebe und wurde als ausländisches Eigentum lange nicht bewirtschaftet. Ende der 1950er Jahre kam der Plan auf, es dem Waldbesitz der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs zuzuordnen.[1] Die treuhänderische Bewirtschaftung durch die Landeskirche erfolgte ab 1961. Nach 1970 erschwerte das verschärfte Grenzregime jede Bewirtschaftung; das Schattiner Forstamt wurde leergezogen und abgebrochen. Erst nach der Wiedervereinigung kam das Revier 1991 wieder unter Lübecker Verwaltung. Heute dient der Schattiner Zuschlag als unbewirtschaftete Referenzfläche und Urwald von morgen.[2]

Bestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon im 19. Jahrhundert wurde ein exzellenter Bestand an Buchen und Eichen hervorgehoben[3] sowie die Tatsache, dass die freie Stadt Lübeck in ihren Kämmerei- und Klosterforsten seit einer langen Reihe von Jahren schon eine musterhafte Forstwirthschaft führt, und beim Abnutz der Wälder mit sorgsamer Rücksicht auf die Nachkommen Bedacht nimmt.[4]

Heute bestehen die Wälder zu rund 20 Prozent aus Nadelwäldern und zu rund 80 Prozent aus Laub(Misch)wäldern. Buchen nehmen mit rund 35 Prozent die größte Fläche ein, gefolgt von rund 25 Prozent Eichen. Das städtische Forstamt beschäftigt 25 Mitarbeiter (2009).[5] Größter Einzelforst im Lübecker Stadtgebiet ist mit 960 Hektar Fläche das Lauerholz.

Konzept der „Naturnahen Waldnutzung“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Auftrag des Senats, den Wald unter dem Eindruck des "Waldsterbens" der 1980er Jahre naturgemäßer zu bewirtschaften, wurde Lutz Fähser im Jahr 1986 neuer Forstamtsleiter im Stadtwald Lübeck. Dabei setzte er seine Ideen der „Naturnahen Waldnutzung“ um, die dann 1994 offiziell vorgestellt wurden. Die Flächen erfüllten die Kriterien der nach Naturland und Forest Stewardship Council (FSC), noch bevor es diese Zertifizierungen gab. Heute setzt der Ingenieur Knut Sturm das Projekt fort.

Die Lübecker Bürgerschaft hatte das stadteigene Forstamt mit einstimmigem Beschluss beauftragt, dieses Konzept umzusetzen. Damit steht der Wald unter „Prozessschutz“, was minimale forstwirtschaftliche Eingriffe des Menschen unter Nutzung einer naturnahen Vergleichsfläche bedeutet. Grundidee ist die weitgehende Anpassung der Bewirtschaftung an die natürlichen Prozesse und die Minimierung störender Eingriffe. Das forstwirtschaftliche Prozessschutzkonzept bedeutet, dass so gewirtschaftet wird, dass natürliche Abläufe in den Wäldern weitgehend zugelassen werden bzw. im Sinne der Wirtschaftsziele mitbenutzt werden (z. B. natürliche Ansamung, Auslese durch natürliche Konkurrenz).

Einige große Städte in Deutschland haben in ihren Wäldern dieses Konzept übernommen: Berlin, München, Bonn, Saarbrücken, Wiesbaden, Hannover und Göttingen. Zur wissenschaftlichen Bearbeitung der Lübecker Wälder wurde auch die Naturwald-Akademie nach Lübeck geholt, die dort 2016 gegründet wurde. Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates der Akademie ist der derzeitige Leiter des Stadtwaldes, Knut Sturm.

Leitideen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drei Leitideen bestimmen das Lübecker Konzept:

  1. Die Wirtschaftswälder sollen sich in die risikoarme und produktive Erscheinungsform der natürlichen Waldgesellschaft entwickeln (Naturnähe)
  2. Die Leistungsanforderungen an den Wald dürfen die natürliche Leistungsfähigkeit nicht überschreiten (ökologisches Ertragsniveau)
  3. Der wirtschaftliche Einsatz erfolgt nach dem Prinzip des minimalen Eingriffs und dem Prinzip der Vorsicht (Minimierung)

Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten Maßnahmen orientieren sich am Prinzip des "Minimalen Einsatz", die Leistungs- und Wirtschaftsziele der Forstwirtschaft nicht als maximierend festlegt.

Vergleichsflächen auf 10 % der Lübecker Gesamtwaldfläche mit mind. 20 Hektar Größe dienen als Referenz der Bewirtschaftung der Forstwälder, um deren Naturnähe zu beurteilen und zu reflektieren. Totholz und Starkholz sollen einen Anteil von 10 % der oberirdischen Baummasse ausmachen, Biotopbäume gilt es zu erhalten. Natürlich vorkommende Baumarten und deren natürliche Verjüngung sollen gefördert werden. Manuelle Ausbringung von Samen und Anpflanzung sollen nur in Ausnahmefällen stattfinden. Nicht-heimische Baumarten (u. a. um Fichten, Lärchen, Douglasien und Roteichen) werden nicht gefördert. Dabei werden als einzige lenkende Eingriffe in den Wald auch nicht heimische und qualitativ schlechte Bäume entnommen, wenn diese gute heimische Bäume bedrängen. Auf Entwässerung von Feuchtgebieten und Kahlschläge wird verzichtet. Es findet ein waldverträglicher Einsatz von "Verfahren, Maßnahmen, Geräte, Maschinen und Stoffe zur Pflege und Nutzung der Wälder" statt, z. B durch den Verzicht auf Pestizide[6]. Auch soll durch die Nutzung von Rückepferden anstatt Holzvollernter (Harvester) Bodenverdichtung vermieden und Arbeitsplätze erhalten werden. Die Jagd wird als explizites Instrument zur Reduzierung der Wilddichte auf ein waldverträgliches Niveau angesehen.[7][8]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer wieder besuchen prominente Naturschützer das Projekt. 2009 besuchte die BfN-Präsidentin Beate Jessel und die Unterabteilungsleiterin im Umweltministerium (BMU) Elsa Nickel den Lübecker Stadtwald, um sich über das Konzept der „Naturnahen Waldnutzung“ zu informieren.

Das Lübecker Konzept wurde und wird mitgetragen von großen Umweltverbänden wie Greenpeace, BUND/Friends of the Earth und Robin Wood. Es erhielt Auszeichnungen unter anderem von der Europäischen Papierindustrie (1996) und vom Bundesumweltministerium (1998).

Auch international gilt das Lübecker Konzept als vorbildlich im Sinne der Beschlüsse von Rio de Janeiro 1992. Der Leiter des Stadtwaldes wurde seit 1994 in zahlreiche Länder zum Vortrag und Anleiten eingeladen (wie z. B. nach Russland, China, Finnland, Schweden, Kanada, Chile und Spanien). Mehrere Tausend forstliche Fachleute haben seitdem Lübeck besucht. Aus diesen Begegnungen sind zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten entstanden.

Kritiker werfen dem Konzept eine mangelnde Wirtschaftlichkeit mit hohen Holzpreisen durch zu personalintensive Arbeit und nicht ausreichenden Holzgewinn vor.[8][9] Dieser Kritik wird Vereinfachung und Vernachlässigung der Ökosystemdienstleistungen entgegengehalten.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Rathje Reimers: Der Lübecker Wald und seine Geschichte. Band 1: Schriftenreihe Gesellschaft der Freunde des Stadtwaldes Lübeck e.V. Lübeck 2019, ISBN 978-3-7950-5251-5.
  • Gerhard Schneider: Die Lübecker Forsten. In: Der Wagen 1956, S. 81–87.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe Fred Ruchhöft: Forstwirtschaft der östlichen evangelischen Kirchen zwischen 1945 und 1991. Norderstedt: Books on Demand 2012 ISBN 978-3-8482-0577-6, S. 143f
  2. Der Schattiner Zuschlag, abgerufen am 11. Oktober 2014; Hans Rathje Reimers; Wird der „Waldort“ Schattin ein echter Urwald?, in: Lübeckische Blätter 2012, S. 264f (Digitalisat (Memento vom 17. Oktober 2014 im Internet Archive) (Archivversion))
  3. Ottomar Victor Leo: Forststatistik über Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Berlin: Julius Springer 1874, S. 131
  4. Ernst Wilhelm Maron: Forst-Statistik der sämmtlichen Wälder Deutschlands einschliesslich Preußen. Berlin: Julius Springer 1862, S. 182
  5. http://www.luebeck.de/bewohner/umwelt_gesundheit/stadtwald/aufgaben/index.html
  6. Karl-Friedrich Weber: Das Lübecker Konzept der „Naturnahen Waldnutzung“ – Ökonomie durch Ökologie. BUND, Helmstedt 21. März 2021 (bund-helmstedt.de [PDF]).
  7. The effect of hunting regimes on tree regeneration in lowland beech (Fagus sylvatica L.) forests - forstpraxis.de. Abgerufen am 27. November 2021 (deutsch).
  8. a b Stefan Woestmeyer, Holger Koopmann: die story: Wald oder Wüste: Was kommt nach dem Fichtensterben? | ARD Mediathek. 25. August 2021, abgerufen am 2. November 2021.
  9. Dr. Gaby Schäfer: Bemerkungen 2015. Hrsg.: Landesrechnungshof Schleswig-Holstein. Kiel 17. März 2015, S. 93–99 (landesrechnungshof-sh.de [PDF]).
  10. Martin Schmid: Wirtschaftlichkeit des Stadtwald Lübeck - Gutachten im Auftrag von Greenpeace e.V. 4. Dezember 2015 (greenpeace.de [PDF]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stadtwald Lübeck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien