Steckenpferdreiten

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Steckenpferdreiter an der Stadthalle Osnabrück

Das Steckenpferdreiten ist ein Brauch, der in der niedersächsischen Stadt Osnabrück an den Friedensschluss von 1648 zur Beendigung des Dreißigjährigen Kriegs erinnert.

Das Friedensfest fand zum ersten Mal am 22. Oktober 1948 aus Anlass der 300-Jahr-Feier des in Osnabrück und Münster (Westfalen) besiegelten Westfälischen Friedens statt. Seit 1953 reiten in jedem Jahr um den 25. Oktober, dem Tag der Verkündigung des Friedens, Schülerinnen und Schüler der vierten Jahrgangsstufe aus Osnabrück mit Steckenpferden zum Rathaus, nachdem zunächst nur Jungen teilnehmen durften. Der Umzug ist mit einem Kinderfest im Zentrum der Altstadt verbunden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Brauch des Steckenpferdreitens in Osnabrück beruht auf einer Legende aus Nürnberg. Danach ritten dort 1650 während des Nürnberger Exekutionstags Jungen mit ihren Steckenpferden zu Fürst Octavio Piccolomini, der die Delegation von Kaiser Ferdinand III. leitete, und baten ihn um ein Andenken an den Frieden. Dieser ließ historisch belegte quadratische Silbermünzen prägen, die auf einer Seite Jungen auf Steckenpferden zeigten.

Diese Legende griffen die Dichterinnen Clara und Emmy von Dincklage in ihrem Geschichtenbuch für die Jugend von 1875 auf und verlegten den Ort der Handlung nach Osnabrück. Auf Anregung des Osnabrücker Schriftstellers und Kulturhistorikers Ludwig Bäte wurde das Steckenpferdreiten zu einer Osnabrücker Tradition. Zunächst war es ein besonderes Vorrecht der Osnabrücker Jungen, wie es in der Heimatkunde für die Schulen der Stadt Osnabrück und des Osnabrücker Landes von 1956 hieß. Schließlich nahmen auch immer mehr Mädchen teil; seit Mitte der 70er Jahre wird das Steckenpferdreiten für alle Schüler der vierten Grundschulklassen Osnabrücks veranstaltet.

Die Kinder reiten mit selbst gebastelten Steckenpferden und bunten Papierhüten zum Rathaus von Osnabrück, in dessen historischem Rathaussaal der Friedensvertrag von 1648 unterzeichnet wurde. Der Zug wird von Stadtpfeifern angeführt. Die Kinder werden vom Oberbürgermeister der Stadt empfangen und auf der Rathaustreppe mit süßen Brezeln beschenkt. Für das Kinderfest wurde das Lied der Steckenpferdreiter komponiert, das mit der Zeile Wir Reiter ziehn durch Osnabrück und singen für den Frieden beginnt.

Verschiedenes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2006 beteiligten sich mehr als 1400 Kinder aus Osnabrück und deren türkischer Partnerstadt Çanakkale am Steckenpferdreiten.

Auch in der amerikanischen Stadt Evansville (Indiana), zu der Osnabrück freundschaftliche Kontakte pflegt, wurde 1998 im 350. Jahr der Wiederkehr des Westfälischen Friedens ein Steckenpferdreiten beim Oktoberfest der deutschstämmigen Bevölkerung veranstaltet. Dazu reisten Schüler aus Osnabrück nach Evansville.

Vom 6. Oktober bis 29. Oktober 2004 wurde im Dreikronenhaus in Osnabrück die Ausstellung „Zur Geschichte des Osnabrücker Steckenpferdreitens“ gezeigt.

Vor der Osnabrücker Stadthalle wurde ein Steckenpferdreiter-Denkmal aus Bronze, geschaffen vom Osnabrücker Bildhauer Hans Gerd Ruwe, installiert, das sich aber mittlerweile vor der Katharinenkirche befindet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Clara und Emmy von Dincklage: Die Steckenpferd-Reiter. In: Geschichtenbuch für die Jugend. Kunstverlag H. Müller, Stuttgart 1875, S. 133–135
  • Ludwig Schirmeyer (Hrsg.): Osnabrücker Sagenbuch. Osnabrück 1920. (7. Auflage H. Th. Wenner, Osnabrück 1987, ISBN 3-87898-243-7)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]