Straßenfächer

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Dreistrahliger Straßenfächer der Piazza del Popolo in der Karte des nördlichen Roms von Giambattista Nolli, 1748

Ein Straßenfächer ist eine fächerförmige Anordnung von Straßen und Wegen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Straßenfächer entstanden vor allem in Städtebau, Architektur und Gartenkunst des Barock und des Absolutismus, deren Planung die künstlerische Verklammerung von Bauwerk, Straße, Platz, Stadt und Landschaft als Ausdruck umfassender Beherrschung anstrebte.[1] Dabei wurden Verkehrsflächen so angelegt, dass sie aus mehreren Richtungen axial auf einen zentralen Blickpunkt (Point de vue) zulaufen. An dem gemeinsamen Flucht- und Blickpunkt solcher Sichtachsen wurden oft bedeutende Bauwerke und Denkmäler errichtet. Neben künstlerischer Gestaltung dienten Straßenfächer der Verkehrslenkung auf zentrale Punkte und Plätze, etwa an den Eingängen befestigter Städte.

Bestehen Straßenfächer aus lediglich drei Achsen, wird auch von einem (Straßen-) Dreistrahl oder einer Patte d’oie (französisch: Gänsefuß) gesprochen.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Projekt der Place de France in Paris, 1610
Idealisierte Karlsruher Stadtansicht von Heinrich Schwarz, 1721
Plan de Versailles, 1746, rechts der Dreistrahl an der Place d’Armes

Ein frühes Beispiel für einen Straßenfächer bildet die städtebauliche Konfiguration von Via del Corso, Via del Babuino und Via di Ripetta in Rom, die axial auf die Piazza del Popolo und den 1589 dort aufgestellten Obelisco Flaminio zulaufen. Diese Anlage geht auf die Baupolitik von Sixtus V. zurück, der die Pilgerströme Roms durch raumgreifende Straßenachsen auf wichtige Knotenpunkte und Pilgerstätten der Stadt lenken wollte.

Einen Straßenfächer als Anlage der Verkehrslenkung stellt das nicht realisierte Projekt Place de France in Paris von Jacques Aleaume (1562–1627) und Claude Chastillon aus dem Jahr 1610 dar.[2] In Gestalt eines achtstrahligen Fächers sollten die Verkehre auf ein Stadttor in den Pariser Stadtmauern gelenkt werden.

Ein weiteres bekanntes Beispiel für einen Straßenfächer ist der Dreistrahl der Place d’Armes (Avenue de Saint-Cloud, Avenue de Paris und Avenue de Sceaux) auf der Stadtseite des Schlosses Versailles, dessen Blickpunkt das Schloss ist.

Die Stadt Karlsruhe, die 1715 von Karl III. Wilhelm von Baden-Durlach als Ideal- und Planstadt errichtet wurde, besteht in ihrem historischen Kern aus einem neunstrahligen Straßenfächer, der im Weiteren zu einem in die Wälder ausgreifenden Jagdstern erweitert ist. Im Zentrum der Anlage liegt der Turm des Schlosses Karlsruhe. Der Fächergrundriss Karlsruhes inspirierte Thomas Jefferson, der auf seiner Europareise 1788 auch Karlsruhe besucht hatte. Die von dieser Reise mitgebrachten Stadtpläne legte er dem Stadtplaner Pierre L’Enfant vor, der von George Washington den Auftrag erhalten hatte, einen Grundriss für die „Federal City“ Washington, D.C. zu entwerfen. L’Enfants 1792 veröffentlichter Plan of the City of Washington enthielt auf einem rechtwinkligen Straßenraster eine Vielzahl von großen, diagonal zum Raster verlaufenden Avenuen, die stern- bzw. fächerförmig auf wichtige Gebäude wie das Weiße Haus und das Kapitol ausgerichtet sind.

Nach dem städtebaulichen Vorbild der Piazza del Popolo ließ Friedrich I., König in Preußen, in seiner Hauptstadt Berlin 1734 den heutigen Mehringplatz an der Berliner Zoll- und Akzisemauer anlegen. Von diesem ursprünglich Rondell genannten Platz am Halleschen Tor führte ein Dreistrahl aus Lindenstraße, Friedrichstraße und Wilhelmstraße die Verkehre in das Gebiet der Berliner Friedrichstadt.[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Müller, Gunther Vogel: dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln und Texte. Band 2: Baugeschichte von der Romantik bis zur Gegenwart. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981, ISBN 3-423-03021-6, S. 439
  2. Tiré de la Topographie francoise ou representations de plusieurs villes, bourgs, chasteaux, plans, forteresses, vestiges d'antiquité, maisons modernes et autres du royaume de France, Boisseau, Paris, 1655
  3. Stefan Hirtz: Grenzen und Stadttore von Berlin. Positionen der Toranlagen im Stadtgrundriß und ihr Einfluß auf das Stadtbild. Magisterarbeit, Freie Universität Berlin, Berlin 2000, S. 113 (Google Books)