Strontiumisotopenanalyse

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Der Weg des Strontiums

Die Strontiumisotopenanalyse dient unter anderem zur Analyse von (prä)historischem Migrationsverhalten von Menschen und Tieren. Strontium wird abhängig vom geographischen Ort in unterschiedlichen Isotopenverhältnissen mit der Nahrung aufgenommen und in Knochen und Zähnen eingelagert. Die Archäologie bedient sich seit einigen Jahren zunehmend dieser neuen Methode. Die ersten Projekte gingen von den USA und Großbritannien aus und betrafen zunächst Nord- und Mittelamerika. Aktuelle Anwendungen beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Migrationsverhalten im Jungpaläolithikum[1], dem Neolithikum[2][3] oder der Eisenzeit[4] in Mitteleuropa.

Neuere Anwendung nutzen den Effekt der geographisch-variierenden Sr-Isotopenzusammensetzung auch zur Lebensmittelherkunfts- bzw. -echtheitsbestimmung. Da beispielsweise bestimmte Regionen durch eine charakteristische Sr-Isotopensignatur geprägt sind, wird diese Signatur unter anderem auch in verschiedenen landwirtschaftlichen Produkten reflektiert. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass es durch den Eintrag von Dünger und Niederschlag zu einer dem geologischen Untergrund unterschiedlichen Sr-Isotopensignatur im Produkt kommen kann. Man spricht hierbei auch von der „mobilen Sr-Fraktion“. Weitere Anwendungen der Sr-Isotopenanalyse finden sich beispielsweise auch in der Forensischen Medizin.

Der radioaktive Rubidium-Strontium-Zerfall eignet sich für die Datierung von Gestein aus dem Präkambrium.

Physikalische Grundlagen[Bearbeiten]

Strontium hat vier stabile, natürlich vorkommende Isotope: 84Sr (0,56 %), 86Sr (9,86 %), 87Sr (7,0 %) und 88Sr (82,58 %). 87Sr entsteht beim β-Zerfall des Rubidium-Isotops 87Rb mit einer Halbwertszeit von 4,81 · 1010 a.[5] Da die Lebensdauer von 86Rb nur kurz ist, entsteht daraus schon während der Entstehung des Gesteins 86Sr. Damit gibt das Isotopenverhältnis von 87Sr zu 86Sr Hinweise auf Alter des Gesteins. Je nach Region variiert das mittlere 87Sr / 86Sr-Verhältnis von 0,71 um bis zu 2 %[6].

Einlagerung in Knochen und Zähnen[Bearbeiten]

Strontium ist wie Calcium ein Erdalkalimetall. Es wird daher im Körper ebenso wie Calcium zum Aufbau von Knochen und Zähnen gebraucht. Da die Entwicklung der Zähne im Jugendalter abgeschlossen wird, sich jedoch die Knochen ständig erneuern, finden sich abhängig davon, wo die Person aufgewachsen ist und wo sie sich in den letzten Lebensjahren befand, unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Dadurch wird zum Beispiel eine Analyse von Migrationsbewegungen sesshafter Bevölkerungen ermöglicht, wenn dazu die Strontiumisotope von Fossilienfunden herangezogen werden.

Nutzen und Nachteile[Bearbeiten]

Voraussetzung für die Anwendung ist u. a. die Kartierung von Gesteinen. Zwangsläufig liefert eine Kartierung der Strontiumisotopenverhältnisse Mehrdeutigkeiten. Daher reicht die Strontiumisotopenanalyse alleine nicht aus. Für die Analyse von Migration müssen daher weitere Indizien hinzugezogen werden, wie zum Beispiel kulturfremde Artefakte in Gräbern.

Weitere Störfaktoren sind auch der Handel mit Nahrungsmitteln über weite Strecken. Dies macht die Isotopenanalyse für Kulturen wie das antike Rom schwieriger, zeigt aber auch frühes Wissen von Distribution auf.

Rubidium-Strontium-Datierung[Bearbeiten]

Die Halbwertszeit von 87Rb ist ca. 10-mal höher als das geschätzte Alter der Erde. Rubidium-Strontium-Datierung basiert auf dem Zerfall von Rubidium in Strontium. Mit ihr lassen sich Gesteine aus dem Präkambrium vor 4,5 Mrd. Jahren bis zur Kreidezeit vor ca. 50 Mio. Jahren zeitlich einordnen. Für jüngere Gesteine sind andere geochronologische Verfahren vorzuziehen.

Dank des Vorhandenseins des stabilen Referenzisotops 86Sr stützt sich die Radiometrische Datierung auf die Isochronenmethode. Dadurch ist sie weniger anfällig gegenüber dem Schätzen der Ausgangskonzentration und erreicht eine Genauigkeit von bis zu 5 %.

86Sr - 87Sr Verhältnis in Sedimenten und Strontium-Isotopen-Stratigraphie[Bearbeiten]

Durch den Zerfall von 87Rb zu 87Sr steigt der Anteil dieses Isotops im Meerwasser im Verhältnis zu86Sr mit der Zeit stetig an (Durch die hohe Verweilzeit des Elements im Verhältnis zur Durchmischung ist der Gehalt des Seewassers zu jedem Zeitpunkt global fast homogen). Dadurch kann das Verhältnis dieser Isotope zur Datierung mariner Sedimente verwendet werden.[7][8]. Verwendet werden vor allem biogene Minerale wie Calcit und Apatit sowie Kalk- und Dolomit-Gesteine, in die Strontium als geringe Beimengung im Austausch für Calcium regelmäßig eingelagert wird. Bei der Datierung ist zu beachten, dass das Verhältnis der Isotope nur über relativ kurze Zeitperioden linear ist. Über geologische Epochen betrachtet, schwanken die Werte stark zyklisch mit einer Periode von etwas mehr als 60 Millionen Jahren[9]; deshalb muss bei Verwendung zur Datierung eine Eichkurve zugrunde gelegt werden.

Neben der absoluten Datierung kann das Verhältnis der Strontium-Isotope für weitere interessante Anwendungen herangezogen werden. Durch fraktionelle Kristalisierung ist die Kontinentale Erdkruste gegenüber dem Erdmantel an Strontium und Rubidium angereichert. Dadurch ist in Verwitterungsprodukten der Kontinente, und im kontinentalen Abfluss der Anteil von 87Sr höher als in den (aus dem Mantel gespeisten) mittelozeanischen Rücken. Das Verhältnis von 87Sr zu 86Sr kann daher als indirekter Indikator (Proxy) für den Eintrag kontinentaler Verwitterungsprodukte in die Weltmeere verwendet werden, oder zur Unterscheidung mariner und fluviatiler Sedimente dienen[8]. Die Verwitterungsrate und damit das Isotopenverhältnis wird zum Beispiel durch Eiszeitalter verändert; dies kann zur indirekten Datierung von globalen Eiszeiten, etwa im Präkambrium, dienen[10]. Zahlreiche weitere Anwendungen werden erprobt. So können plötzliche Knicke in der Kurve der Isotopenverhältnisse in Packeten mariner Sedimente zur Analyse der Ablagerungsgeschwindigkeit dienen. Unterschiedliche Verhältnisse innerhalb eines Gesteins, zum Beispiel der Kristalle und Matrix eines Sedimentgesteins, klären auf, ob beide gleiches Alter besitzen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas Prohaska, Maria Teschler-Nicola, Patrick Galler, Antonin Přichystal, Gerhard Stingeder, Monika Jelenc and Urs Klötzli: Non-destructive Determination of 87Sr/86Sr Isotope Ratios in Early Upper Paleolithic Human Teeth from the Mladeč Caves - Preliminary Results. In: Early Modern Humans at the Moravian Gate. Springer, Vienna 2006. doi:10.1007/978-3-211-49294-9, ISBN 3-211-23588-4
  2. T. D. Price, J. Wahl, C. Knipper, E. Burger-Heinrich, G. Kurz, A. Bentley: Das bandkeramische Gräberfeld vom 'Viesenhäuser Hof' bei Stuttgart-Mühlhausen. Neue Untersuchungsergebnisse zum Migrationsverhalten im frühen Neolithikum. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Stuttgart 27.2003, 23-58. ISSN 0071-9897
  3. T. D. Price, C. Knipper, G. Gruppe, V. Smrcka: Strontium Isotopes and Prehistoric Human Migration. The Bell Beaker Period in Central Europe. In: European Journal of Archaeology. London 7.2004, 9-40. ISSN 1461-9571
  4. Karin Margarita Frei, Irene Skals, Margarita Gleba, Henriette Lyngstrøm: The Huldremose Iron Age textiles, Denmark - an attempt to define their provenance applying the strontium isotope system. In: Journal of Archaeological Science. Oxford 36.2009,9, S.1965-1971. doi:10.1016/j.jas.2009.05.007, ISSN 0305-4403
  5. Decay Radiation Results. In: Chart of Nuclides database. National Nuclear Data Center. Abgerufen am 24. Januar 2012.
  6. Isotopic distribution for UK.
  7. J.M. McArthur, R.J. Howarth; G.A. Shields: Strontium Isotope Stratigraphy. Chapter 7 in Felix Gradstein, James Ogg, Mark Schmitz, Gabi Ogg (Editors): The Geologic Time Scale 2012. Elsevier. ISBN 9780444594259. doi:10.1016/B978-0-444-59425-9.00007-X
  8. a b Jan Veizer (1989): Strontium Isotopes in Seawater Through Time. Annual Review of Earth and Planetary Sciences, Vol. 17: 141-167.
  9. Adrian L. Melott, Richard K. Bambach, Kenni D. Petersen, John M. McArthur (2012): A ~60 Myr periodicity is common to marine-87Sr/86Sr, fossil biodiversity, and large-scale sedimentation: what does the periodicity reflect? Journal of Geology 120: 217-226.
  10. G.A. Shields-Zhou, A.C. Hill, B.A. Macgabhann: The Cryogenian Period. Chapter 17 in Felix Gradstein, James Ogg, Mark Schmitz, Gabi Ogg (Editors): The Geologic Time Scale 2012. Elsevier. ISBN 9780444594259. doi:10.1016/B978-0-444-59425-9.00017-2

Literatur[Bearbeiten]

  • O. Hahn, F. Strassmann und E. Walling: Herstellung wägbarer Mengen des Strontiumisotops 87 als Umwandlungsprodukt des Rubidiums aus einem kanadischen Glimmer. In: Naturwissenschaften, 25, 189, 1937.
  • O. Hahn und E. Walling: Über die Möglichkeit geologischer Altersbestimmungen rubidiumhaltiger Mineralien und Gesteine. In: Zs. f. Anorg. Chemie, 236, 78-82, 1938.
  • O. Hahn: Geologische Altersbestimmungen nach der Strontiummethode. In: Chemiker Zeitung, 67, 55, 1943.
  • C. Knipper: Die Strontiumisotopenanalyse. Eine naturwissenschaftliche Methode zur Erfassung von Mobilität in der Ur- und Frühgeschichte. In: Jahrb. des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. Bonn 51.2004, 589-685. ISSN 0076-2741