Surpava

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Surpava, auch surpawa, surpāvā (Hindi), ist eine seltene, in der volkstümlichen nordindischen Musik im indischen Bundesstaat Maharashtra gespielte Querflöte und eine ungewöhnliche Form der Doppelflöten. Die surpava wird in senkrechter Position in der Mitte angeblasen und produziert zur Melodie gleichzeitig einen Bordunton.

Bauform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ungewöhnliche Flöte besteht aus einem 60 bis 70 Zentimeter langen Bambusrohr mit einem Durchmesser von 1,5 bis 2,5 Zentimetern. Die Anblaskante befindet sich in der Mitte des Rohres an einem kurzen angesetzten Mundstück. An der oberen und unteren Rohrhälfte sind annähernd symmetrisch jeweils sechs Fingerlöcher angeordnet. Beide Lochreihen bringen unterschiedliche Tonhöhen hervor und nur die Grifflöcher an der nach unten ragenden Seite werden mit den Fingern abgedeckt und zur Melodiebildung verwendet.

Nahe den Enden der beiden Lochreihen dient ein durchgehendes großes Loch als Luftaustrittsöffnung. Diese wird an der nicht gespielten, oberen Seite mit einem Schiebedeckel verschlossen. Das Instrument erhielt seinen Namen vom an der oberen Seite erklingenden Bordunton (Hindi sur, verwandt mit svara, „Tonstufe“) und von pava, umgangssprachlich für „Flöte“.[1]

Herkunft und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die surpava wird von den Dhangar[2] gespielt, einer überwiegend in Maharashtra lebenden Adivasi-Gruppe. Dhangar sind traditionell Schafhirten, wobei eine Herleitung ihres Namens auf Sanskrit dhenugar, „Kuhhirten“ zurückführt.[3] Dhangar-Musiker treten bei Hochzeiten und anderen Familienfeiern sowie auf öffentlichen Bühnen bei Jahresfesten wie Holi auf. Sie begleiten ihre religiösen Gesänge, die von den mythischen Geschichten des jugendlichen Gottes Krishna mit seiner Geliebten Radha handeln, neben Flöten mit der zweifelligen Fasstrommel dhol und mit Zimbeln[4].

Indische Bambusquerflöten, die seit der vedischen Zeit bekannt sind, werden geografisch in die Gruppe der nordindischen bansuri und der südindischen venu unterteilt. Die in der nordindischen klassischen Musik gespielte bansuri mit etwa 50 Zentimetern Länge und sieben Fingerlöchern hat sich im 20. Jahrhundert aus kürzeren Volksmusikinstrumenten (bansi) mit sechs Löchern entwickelt. Bei der 30 Zentimeter langen südindischen venu ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine etwas längere Version mit acht Löchern in der klassischen Musik üblich.

Nach ihrer musikalischen Verwendung gehört die surpava weniger zu diesen Querflöten, sondern eher zu den längs gespielten indischen Doppelflöten, die ebenfalls einen Bordunton zur Melodie von sich geben. Hierzu zählen die in Rajasthan, im Punjab und im pakistanischen Sindh von Hirten eingesetzte kleine oder mittelgroße alghoza (auch algoza, algoja), bei der mancherorts beide Rohre am oberen Ende miteinander verbunden sind, und die etwas längere, unverbundene Hirtenflöte satara derselben Regionen. Das in Rajasthan auch pawa jodi („Flöten-Paar“, analog jod-samel, einem „Paar Trommeln“ in Goa) genannte Instrument besitzt einen Tonumfang von einer Oktave. Das Wort alghoza stammt aus dem Arabischen, folglich dürfte der Flötentyp von muslimischen Einwanderern aus dem Nordwesten eingeführt worden sein[5].

Eine ebenso lange und in der Mitte angeblasene Bambusflöte ist die veno in der Region Saurashtra in Gujarat. Sie besitzt vier Grifflöcher auf jeder Seite. Ihr Name ist abgeleitet von venu, einem Sanskrit-Wort für „Bambusrohr“ (Flöte), das alternativ zu pullankuzhal die kurze südindische Bambusquerflöte bezeichnet. Der surpava-Flötentyp ist in anderen Gegenden von Gujarat als piho oder pisbo bekannt.[6]

In Odisha ist die dobandi bansi eine ebensolche Doppelkerbflöte, die aus einem etwa 72 Zentimeter langen Bambusrohr mit einem Einblasloch über dem mittleren Sprossknoten besteht. An beiden Seiten des Knotens sind Schneidenkanten in die Rohrwand eingeschnitten, zu denen die Blasluft durch als Block dienende Wachspfropfen in der Röhre geleitet wird. Jeweils fünf Fingerlöcher befinden sich bei den nicht genau gleich langen Röhren in der Nähe der Enden. Die dobandi bansi wird beim Spielen waagrecht gehalten und produziert Tonfolgen in variablen Intervallen. Sie wird von Rinderhirten und Volksmusikern gespielt. Bei der dortigen ekbandi bansi mit nur etwa 50 Zentimetern Länge produziert eine Röhrenhälfte einen Bordunton.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stichwort: Surpāvā. In: Late Pandit Nikhil Ghosh (Hrsg.): The Oxford Encyclopaedia of the Music of India. Saṅgīt Mahābhāratī. Vol. 3 (P–Z) Oxford University Press, Neu-Delhi 2011, S. 1037

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Oxford Encyclopaedia, S. 1037
  2. Dhangar, Indian Aboriginal Tribe. Indianetzone
  3. Syed Siraj Ul Hassan: The Castes and Tribes of H.E.H. the Nizam’s Dominions. Volume 1. The Times Press, Bombay 1920, S. 166 (Online bei Internet Archive)
  4. Dhangar Dance. Government of Goa, Department of Tourism (abgebildet ist die lange Längsflöte pawa)
  5. Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Georg Reimer Verlag, Berlin 1915, S. 152
  6. Stichwort: Veno. In: Late Pandit Nikhil Ghosh (Hrsg.): The Oxford Encyclopaedia of the Music of India. Saṅgīt Mahābhāratī. Vol. 3 (P–Z) Oxford University Press, Neu-Delhi 2011, S. 1123
  7. Alastair Dick: Dobandī bā̃sī. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016