Teufelsliteratur

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Als Teufelsliteratur bezeichnet man didaktische, zur Rügedichtung zählende Traktate satirischen Charakters, die vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verfasst wurden. Sie richteten sich gegen Sünden und Laster, hinter denen ein dafür zuständiger Teufel vermutet wurde.[1]

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sturz des Satan Illustration von Gustave Doré, 1865

Die Deutung der Paradiesgeschichte führte dazu, dass der Teufel in Schöpfungserzählungen und Weltchroniken Teil der Dramatis personae wurde.

So erschien er im Geistlichen Drama und Passionsspiel des Mittelalters als Kontrahent und Versucher Christi. Das Bewusstsein vom Sieg Gottes wies ihm in der dramatischen Umsetzung die stereotype Rolle des Unterlegenen zu. Auf diese Weise erhielt er neben den schrecklichen auch komische Züge. Der schönste und klügste unter den Engeln, der nach der Legende wegen seines Stolzes, Hochmuts und seiner Auflehnung gegen Gott vom Erzengel Michael in den Abgrund gestürzt worden war, verwandelte sich dort in einen hässlichen Betrüger in tierähnlicher Gestalt.[2]

Häufig beschrieben wurde die große Klageszene des Verdammten nach seinem Höllensturz. Gegen die Ränke des auf diese Weise komisch dargestellten Teufels waren die Menschen der damaligen Vorstellungswelt durch ihren Glauben gefeit.

So entstanden eine Reihe satirischer Lehrgedichte - etwa Des Teufels Netz von 1441 - sowie „Beichten“ und Legenden vom „armen Teufel“.[3] In der weiteren Entwicklung ist vor allem der Einfluss der Reformation von Bedeutung.

Hintergrund und Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Absicht, der Glaubensreinheit zu dienen und die Wahrheit der Heiligen Schrift gegenüber einer Vielfalt unterschiedlicher Auslegungen zu unterstreichen, schärfte die Teufelsliteratur ein Sündenbewusstsein, das alle Stände und Gesellschaftsbereiche erfasste. Dieser Vorgang war von der reformatorischen Rechtfertigungslehre ebenso beeinflusst wie von Martin Luthers immer wieder geäußerter Vorstellung von der Allgegenwart des Teufels. In vielen Schriften ist der Teufel - auch als Kompositum - Teil einer gängigen Rhetorik, mit der er das Schlechte anprangerte.

So sprach Luther etwa in der nachträglich verfassten Vorrede zu den 95 Thesen davon, dass „Satan nicht tot“, sondern „noch ein Fürst der Welt“ sei. Seiner „Macht, List und Bosheit“ sei jedermann unterworfen, ausgenommen Christus und diejenigen, „die in Wahrheit Christus angehören!“[4] In der Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation bemühte er den Teufel ebenfalls mehrfach, um Missstände zu verdeutlichen und anzuklagen. In seinen Tischreden äußerte er einmal, man könne den Teufel mit „Possenreißerei verjagen“, wenn es mit „ernsten Worten und mit der Schrift“ nicht möglich sei. „Der Teufel kommt nur dann zu mir, wenn mein Geist ohne Arbeit ist.“ Es handele sich um teuflische „Anfechtungen, ... wenn einer (in seiner durch Leid gequälten Vorstellung) aus Gott den Teufel macht.“[5]

In der Teufelsliteratur klagte man vor allem über die Schlechtigkeit der Welt und verdammte die Sünden des Alltagslebens, die sich als Sauf-, Fluch, Spiel-, Neid-, Hochmut- und Lügenteufel an die Menschen heranschleichen und sie zu einem unsittlichen Lebenswandel verführen würden.

Neben den öffentlich dargestellten Unsitten bezogen sich die Mahnungen vornehmlich auf den Bereich von Ehe und Familie und führten zu einer differenzierten reformatorischen Teufelslehre. Diese knüpfte zwar an mittelalterliche Traditionen an, entwickelte jedoch eine eigenständige Vorstellung von der Gegenwart des Bösen im Alltag und suchte die persönlichen wie kirchenöffentlichen Frömmigkeits- und Verhaltensstandards mit moralischen Ratschlägen zu reglementieren. In diesem Sinne stand bei den bekanntesten Autoren dieses Genres wie etwa Andreas Musculus und Cyriacus Spangenberg, die als Theologen und Prediger für die Reformation eintraten, die volkspädagogische Absicht im Vordergrund.[6]

In Sigmund Feyerabends Theatrum diabolorum von 1569 findet sich eine umfangreiche Sammlung von Teufelsliteratur.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Grimm: Die deutschen Teufelsbücher des 16. Jahrhunderts. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 2 (1958 – 1960), S. 513–570.
  • Gustav Roskoff: Geschichte des Teufels
  • Günther Mahal: Teufelsbuch. In: Jan-Dirk Müller (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band 3: P – Z. Neubearbeitung (3. neubearbeitete Auflage). de Gruyter, Berlin / New York 2003, ISBN 3-11-015664-4, S. 592–594.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Metzler, Lexikon Literatur, Teufelsliteratur, S. 759, Weimar, 2007
  2. Satan, in: Elisabeth Frenzel, Stoffe der Weltliteratur. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2005, S. 818
  3. Meinolf Schumacher: Catalogues of Demons as Catalogues of Vices in Medieval German Literature: „Des Teufels Netz“ and the Alexander Romance by Ulrich von Etzenbach, in: Richard Newhauser (Hrsg.): In the Garden of Evil: The Vices and Culture in the Middle Ages, Pontifical Institute of Mediaeval Studies, Toronto 2005, ISBN 0-88844-818-X, S. 277–290
  4. Martin Luther, Vorrede zur Sammelausgabe der frühen Thesenreihen von 1538, Die reformatorischen Schriften, Band 1, Gottes Werke und Menschenwerke, Deutscher Taschenbuchverlag, München, 1983, S. 13
  5. Martin Luther, in Luthers Tischreden, zusammengestellt von Jürgen Henkys, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Leipzig 2003, S.59
  6. Metzler, Lexikon Literatur, Teufelsliteratur, S. 759, Weimar, 2007