Thomas Glavinic

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Thomas Glavinic (2011)

Thomas Glavinic [ˈglavinitʃ] (* 2. April 1972 in Graz) ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist. Glavinic hat zahlreiche Romane, Reportagen, Kolumnen sowie eine Sammlung von Vorlesungen veröffentlicht. Sein Werk umfasst unterschiedliche Genres und variiert stilistisch. Es wurde mehrfach ausgezeichnet und in 18 Sprachen übersetzt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Glavinic’ bosnischer Vater war Taxifahrer. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs er bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr bei seiner Mutter in Graz auf.[1] Bereits in der Schulzeit hatte er den Wunsch, Schriftsteller zu werden, was bei seinen Eltern auf wenig Resonanz stieß. Die Matura legte er in Gleisdorf ab, da er einer Grazer Schule verwiesen wurde.[2] Anschließend arbeitete er u. a. als Werbetexter, Interviewer für Meinungsforschungsinstitute, Taxifahrer[3], Versicherungsvertreter und Journalist,[4] bis er 1989 für steirische Regionalzeitungen schrieb[5] und 1991 ein Germanistikstudium begann.[6]

Seit 1991 schreibt er Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen und ist seit 1995 als freier Schriftsteller tätig.[5] Seine Bücher schreibt er auf einer mechanischen Schreibmaschine, was laut eigenen Angaben seinem Arbeitsstil entgegenkommt, sich die Sätze vor der Niederschrift genau zu überlegen.[7]

Glavinic ist Vater eines Sohns und lebt in Wien. Er ist Mitglied des SK Rapid Wien[8] sowie bekennender Fan des SK Sturm Graz. Glavinic ist auf Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram aktiv und sorgt durch provokante Statements regelmäßig für mediales Aufsehen. Unter anderem griff das Satiremagazin Titanic einen seiner Facebook-Einträge und die medialen Reaktionen darauf in dem Artikel „Ein Penis wie eine Axt“ auf.[9][10]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Glavinic (2014)

Glavinic greift in seinem Werk häufig auf Erzählmuster von Unterhaltungs- oder Trivialliteratur zurück. Die Genres umfassen Kriminalromane, Coming-of-age-Romane, historische Romane und Biographien. Stilistisch variieren sie stark und gehen häufig von einem psychologischen Gedankenexperiment aus.[11] So wie er mit jedem Roman ein neues Thema behandelt, bedient er sich auch einer anderen Erzählweise.[12] Zentrale Motive sind Angst, Gewalt, Einsamkeit und existenzielle Verunsicherung.[5]

Im Jahr 1998 veröffentlichte er seinen ersten Roman Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Der Roman beschreibt den Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen Emanuel Lasker und dem fiktiven Carl Haffner. Für den Protagonisten Haffner wählte der Autor den Wiener Schachmeister Karl Schlechter zum Vorbild. Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt. Der Roman hat einen autobiografischen Bezug: Glavinic spielte bereits im Alter von fünf Jahren seine erste Schachpartie und erreichte 1987 mit fünfzehn Jahren in seiner Altersklasse Rang 2 der österreichischen Schachrangliste.

Im Jahr 2000 folgte der Roman Herr Susi, eine in deftiger Sprache geschriebene Abrechnung mit dem Fußball-Vermarktungsgeschäft. Dieser Roman erhielt viele Negativkritiken.[13]

Der Durchbruch gelang Glavinic mit seinem 2001 erschienenen Roman Der Kameramörder, der von den Feuilletons positiv aufgenommen wurde, wobei vor allem die Medienkritik hervorgehoben wurde. Das Buch spielt in der Steiermark: Zwei Geschwister werden auf grausame, sadistische Weise an einem Karfreitag in den Tod getrieben. Aufnahmen der Tat gelangen über einen deutschen Fernsehsender an die Öffentlichkeit. Die Geschehnisse werden von einem namenlosen Ich-Erzähler, der das Osterwochenende mit seiner Lebensgefährtin bei einem befreundeten Paar im Nachbarort des Tatorts verbringt, in detaillierter Protokollform geschildert. Die Idylle der vier Freunde wird durch die Berichterstattung in den Medien und die intensive Suche nach dem Täter gestört. Glavinic wollte nach eigenen Angaben „eine grausame, grausige Geschichte erzählen, die durch die Form gebrochen wird“.[14] Glavinic erhielt für diesen Roman den Friedrich-Glauser-Preis.[5]

Der satirische Entwicklungsroman Wie man leben soll, der durchgängig in der „Man-Perspektive“ geschrieben ist, hatte im Jahr 2004 sowohl Erfolg bei den Lesern (Platz 1 auf der Bestsellerliste Österreichs) als auch bei den Kritikern (Platz 1 auf der Kritiker-Bestenliste des ORF). Er diente 2010 als Vorlage für den gleichnamigen Film.

2006 erschien der Roman Die Arbeit der Nacht, der im August 2006 ebenfalls auf dem 1. Platz der ORF-Bestenliste zu finden war. Hierfür erhielt Glavinic im gleichen Jahr den österreichischen Förderungspreis für Literatur.[15] Der Roman steht stärker als seine Vorgänger in der Tradition magischen Literatur und erinnert etwa an Herbert Rosendorfers Großes Solo für Anton oder Marlen Haushofers Die Wand.[5] Er bildet den Auftakt eines dreiteiligen Zyklus (Das Leben der Wünsche und Das größere Wunder) und handelt von einer Welt, in der jedes Menschen- und Tierleben plötzlich verschwunden ist und nur noch der Protagonist Jonas übrig ist. Er begibt sich quer durch Österreich und Teile Europas auf eine Suche nach den Menschen, seiner großen Liebe Marie und letztlich nach sich selbst.

Glavinic’ 2007 erschienener Roman Das bin doch ich handelt von einem Autor namens „Thomas Glavinic“, der gerade sein Buch Die Arbeit der Nacht beendet hat, nach einem Verlag sucht und auf Erfolg hofft, während der Freund und Kollege „Daniel Kehlmann“ mit Die Vermessung der Welt hohe Verkaufszahlen schreibt. Der Roman ist eine Künstlerbiografie, die zahlreiche Ähnlichkeiten zum realen Autor aufweist, und gleichzeitig eine Kritik am Literaturbetrieb. Das bin doch ich wurde auf für die Shortlist des Deutschen Buchpreis nominiert.[5]

Der Roman Das Leben der Wünsche war 2009 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

Während der Coronakrise 2020 begann er, den autofiktionalen Fortsetzungsroman Der Corona-Roman auf Welt.de zu veröffentlichen.[16]

Glavinics Werke wurden in über 18 Sprachen übersetzt.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • David-Christopher Assmann: Das bin ich nicht. Thomas Glavinics Literaturbetriebs-Szene. In: Thomas Wegmann, Norbert Christian Wolf (Hrsg.): „High“ und „low“. Zur Interferenz von Hoch- und Populärkultur in der Gegenwartsliteratur. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur; 130). de Gruyter, Berlin und Boston 2011, S. 121–140.
  • Marta Famula: Gleichnisse des erkenntnistheoretischen Scheiterns. Thomas Glavinics Roman 'Die Arbeit der Nacht' in der Tradition des labyrinthischen Erzählens bei Franz Kafka und Friedrich Dürrenmatt. In: Andrea Bartl (Hrsg.): Transitträume. Beiträge zur deutschen Gegenwartsliteratur. Interviews mit Raoul Schrott u. a., unter Mitarbeit von Hanna Viktoria Becker (= Germanistik und Gegenwartsliteratur; 5), Wißner, Augsburg 2009, S. 103–122.
  • Goran Lovrić: Unterwegs im Namen des Erzählers. Faktualisierung des Fiktiven in Thomas Glavinics „Unterwegs im Namen des Herrn“. In: Jan Standke (Hrsg.): Die Romane Thomas Glavinics. Literaturwissenschaftliche und deutschdidaktische Perspektiven.Peter Lang, Bern etc. 2014, S. 229–243 (= Beiträge zur Literatur- und Mediendidaktik: 25)
  • Stefan Hofer-Krucker Valderrama: Tod des Autors und Satire auf den Literaturbetrieb. Thomas Glavinics Roman „Das bin doch ich“ im Literaturunterricht auf der Sekundarstufe II. In: Jan Standke(Hrsg.): Die Romane Thomas Glavinics. Literaturwissenschaftliche und deutschdidaktische Perspektiven. Peter Lang, Bern etc. 2014, S. 403–423 (= Beiträge zur Literatur- und Mediendidaktik; 25)
  • Birgit Holzner: Thomas Glavinics Endzeitroman 'Die Arbeit der Nacht'. In: Evi Zemanek, Susanne Krones (Hrsg.): Literatur der Jahrtausendwende. Themen, Schreibverfahren und Buchmarkt um 2000. Transcript, Bielefeld 2008, S. 215–224.
  • Anja K. Johannsen: In einem Anfall von Literaturbetriebswiderwillen. Die Romane Thomas Glavinics im Geflecht des Literaturbetriebs. In: Paul Brodowsky, Thomas Klupp (Hrsg.): Wie über Gegenwart sprechen? Überlegungen zu den Methoden einer Gegenwartsliteraturwissenschaft. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2010, S. 105–118.
  • Sascha Löwenstein: „Und wie alle anderen hatte er keine Spur hinterlassen“ – Über die Rätselhaftigkeit von Ich und Welt in Thomas Glavinics 'Die Arbeit der Nacht'. In: Thomas Maier, Sascha Löwenstein (Hrsg.): Schöner Sterben. Vorträge zur Literatur beim Heinrich von Veldeke Kreis. Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2013, S. 228–262.
  • Eberhard Sauermann: Thomas Glavinic’ „Kameramörder“ – doch kein Skandal? In: Stefan Neuhaus, Johann Holzner (Hrsg.): Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 666–677.
  • Jan Standke (Hrsg.): Die Romane Thomas Glavinics. Literaturwissenschaftliche und deutschdidaktische Perspektiven. Peter Lang, Bern etc. 2014 (= Beiträge zur Literatur- und Mediendidaktik; 25).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Thomas Glavinic – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philipp Wilhelmer: Thomas Glavinic, die FPÖ und die "Urhure". Abgerufen am 2. Mai 2017.
  2. E. Hirschmann-Altzinger: Ein Leben zwischen Drogen & Frauen. Abgerufen am 2. Mai 2017.
  3. Ingo Irsigler: Glavinic, Thomas. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Band 5. de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-022048-3, S. 247 (degruyter.com).
  4. I. Schinnerl: Glavinic, Thomas. In: Austria-Forum. Abgerufen am 3. Februar 2018.
  5. a b c d e f Thomas Schaefer: Thomas Glavinic - Essay. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. edition text + kritik, München 2017, ISBN 978-3-86916-626-1 (nachschlage.net).
  6. Stefan Gmünder: Das Unsagbare zeigen. In: Der Standard. 21. Februar 2001, S. 14.
  7. Dorit Weinstein: Das bin doch ich. In: SIMsKultur. Nr. 7, 2007, S. 70–71.
  8. „Rapidviertelstunde“ vom 7. November 2014
  9. Titanic: Ein Penis wie eine Axt – Rezension zu Thomas Glavinics neuestem Gemächtwerk | TITANIC – Das endgültige Satiremagazin. Abgerufen am 15. März 2017.
  10. Sandra Kegel: Glavinic vs. Sargnagel: Wiener Mopsposse mit Schmäh. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. Juli 2016, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 15. März 2017]).
  11. Ingo Irsigler: Glavinic, Thomas. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Band 5. de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-022048-3, S. 247 (degruyter.com).
  12. Thomas Schaefer: Thomas Glavinic - Essay. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. edition text + kritik, München 2017, ISBN 978-3-86916-626-1 (nachschlage.net).
  13. Ich war jung und brauchte das Geld. Der Standard, 9. Februar 2011, abgerufen am 11. Februar 2020.
  14. #88 – Interview mit Thomas Glavinic (Uncut Podcast). In: Youtube. 26. März 2010, abgerufen am 3. Februar 2018.
  15. Kristina Werndl: Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. In: LiteraturhausWien. 6. November 2006, abgerufen am 3. Februar 2018.
  16. Thomas Glavinic: Thomas Glavinic: Der Corona-Roman, Teil 1. In: DIE WELT. 19. März 2020 (welt.de [abgerufen am 19. März 2020]).