Feuilletonroman

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Unter einem Feuilletonroman (auch: Zeitungsroman, Fortsetzungsroman, Fortsetzungsgeschichte) versteht man einen Roman, dessen einzelne Kapitel in einer Publikumszeitschrift veröffentlicht werden. Auf die serielle Veröffentlichung folgt später oft auch eine Buchveröffentlichung. Im 19. Jahrhundert war der Feuilletonroman in einigen Teilen Europas die vorherrschende Form der Erstpublikation von Romanen. Große Popularität haben damit u. a. Eugène Sue und Alexandre Dumas der Ältere erlangt. Obwohl die serielle Publikation Texte mit kurzen Spannungsbögen und Cliffhangern ‒ also tendenziell Unterhaltungs- und Trivialliteratur ‒ begünstigt, haben auch einige Meisterwerke der Weltliteratur als Feuilletonromane begonnen, darunter etwa die Arbeiten von Gustave Flaubert, Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski.

Begriffsabgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn die Publikation eines größeren erzählerischen Textkorpus nicht Kapitel für Kapitel, sondern Band für Band, und nicht in einer Zeitschrift, sondern in selbstständigen Büchern oder E-Books erfolgt, spricht man nicht von einem Feuilleton- oder Fortsetzungsroman, sondern von einer Romantrilogie, -tetralogie usw. oder einem Romanzyklus.

Geschichte des Feuilletonromans[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früher als in anderen europäischen Ländern fand der Feuilletonroman im Frankreich weite Verbreitung. Ein frühes Beispiel war Honoré de Balzacs kurzer Roman La Vieille Fille, der 1837 in der Tageszeitung La Presse erschien.[1] Balzac hatte bereits seit 1930 (El Verdugo) Prosawerke in Zeitschriften veröffentlicht.

Als der erfolgreichste jemals veröffentlichte Feuilletonroman gilt Die Geheimnisse von Paris, den Eugène Sue vom 19. Juni 1842 bis zum 15. Oktober 1843 in 90 Fortsetzungen im Journal des débats veröffentlichte. In derselben Zeitschrift erschien später auch Alexandre Dumas’ Roman Der Graf von Monte Christo (1844‒1846). Zuvor hatte er bereits Die drei Musketiere als Feuilletonroman veröffentlicht (1844, in der Tageszeitung Le Siècle). Auch George Sand hat wiederholt Feuilletonromane geschrieben.

Im 20. Jahrhundert veröffentlichte Maurice Leblanc Abenteuer des Meisterdiebes Arsène Lupin als Fortsetzungsromane (1905 ff. in der Zeitschrift Je sais tout).

Deutschsprachiger Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein deutscher Pionier des Feuilletonromans war Georg Greflinger, der in Hamburg 1664 den Nordischen Mercurius begründete. In drei Folgen publizierte Greflinger darin eine deutsche Übersetzung von Henry Nevilles frivoler Robinsonade Entdeckung der Insel Pines (Original 1668).[2]

Georg Weerth hatte mit seinem satirischen Werk Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski bei der Neuen Rheinischen Zeitung großen Erfolg. Der Roman erschien während der Märzrevolution im Zeitraum vom 8. August 1848 bis zum 21. Januar 1849.[3] 1850 veröffentlichte die Kölnische Zeitung die Romane Namenlose Geschichten von Friedrich Wilhelm Hackländer und Der Bauernfürst von Levin Schücking.[4]

Das für die Fortsetzungsliteratur bedeutendste Organ Deutschlands wurde in den 1850er Jahren unter der Herausgeberschaft von Ernst Keil die Familienwochenschrift Die Gartenlaube. Nachdem hier zunächst nur kürzere Prosawerke in Fortsetzungen veröffentlicht worden waren, folgten von 1861 an auch Romane, beginnend mit zwei Arbeiten von Otto Ruppius (Ein Deutscher, 1861; Zwei Welten, 1862), Fanny Lewalds Der Letzte seines Stammes (1862) und Hermann von Schmids Der bairische Hiesel (1865). E. Marlitt, deren äußerst populäres Prosawerk fast exklusiv in der „Gartenlaube“ veröffentlicht wurde, trieb die Verkaufszahlen von 1865 an um ein Vielfaches in die Höhe. Weitere produktive Romanautoren der „Gartenlaube“ wurden nach ihr Wilhelmine von Hillern, Levin Schücking, Elisabeth Bürstenbinder (alias E. Werner), Friedrich Spielhagen, Stefanie Keyser, Ludwig Ganghofer, Ernst Eckstein, Wilhelmine Heimburg, Sophie Junghans, Ida Boy-Ed und Marie Bernhard. Die Buchausgaben folgten gleich nach der seriellen Veröffentlichung in Keils eigenem Buchverlag.

Franz Eugen Schlachter brachte in seiner evangelischen Zeitschrift Brosamen von des Herrn Tisch in den Jahren von 1888 bis 1907 regelmäßig Fortsetzungsgeschichten, die er dann später als Bücher herausgab, wie z. B. Resli, der Güterbub.

Jakob Wassermann veröffentlichte 1925 seinen Roman Laudin und die Seinen in Fortsetzungen in der Vossischen Zeitung.[5]

21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Eschbach schreibt im „Making of“ seines Fortsetzungsromans „Exponentialdrift“: Völlig falsch eingeschätzt haben alle Beteiligten, glaube ich, das Bedürfnis nach der Form des Fortsetzungsromans. Es stimmt, seit Charles Dickens hat das niemand mehr gemacht – aber vermutlich aus gutem Grund. Ich schließe dies aus der Resonanz, die ich bekommen habe. Fast jeder, der mir zu „Exponentialdrift“ schrieb, beklagte sich darüber, nur ein so kurzes Stück Text zu lesen zu kriegen und dann wieder eine Woche warten zu müssen. Viele äußerten, dass sie das als Zumutung empfanden. [..] Es mag sein oder auch nicht, dass immer weniger gelesen wird, aber ich glaube, wenn jemand liest, tut er dies schneller und mit höheren Ansprüchen als früher. Vor diesem Hintergrund waren die Folgen entschieden zu kurz, sowohl was das Leseerlebnis als auch die gestalterischen Möglichkeiten anbelangte. Ich glaube, dass der klassische Fortsetzungsroman – einige wenige Spalten in einer Zeitung – eine überholte Form ist.

Gegenwärtig (Stand 2017) ist der Fortsetzungsroman so gut wie ausgestorben.

Ein Versuch, den Fortsetzungsroman neu zu beleben, gelang dem Autor Tilman Rammstedt, der zusammen mit dem Hanser Verlag den Roman "Morgen mehr" veröffentlichte. Im Gegensatz zum klassischen Fortsetzungsroman benutzte das Team um Rammstedt das Internet als Medium für die Verbreitung des Romans. Durch ein kostenpflichtiges Abonnement erhielt der Leser jeden Tag zwei Seiten des Romans per E-Mail, WhatsApp oder Online.

Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fjodor Dostojewski hat den größten Teil seines Werks, noch vor der Publikation in Buchform, in Zeitschriften veröffentlicht. Außer Der Spieler (1866) erschienen all seine Romane zunächst als Feuilletonromane: Arme Leute (1846) in der Zeitschrift Peterburgski Sbornik, Njetotschka Neswanowa (1849) und Der Jüngling (1875) in Otetschestwennye Sapiski, Erniedrigte und Beleidigte (1861) in Wremja, Schuld und Sühne (1866), Der Idiot (1868), Die Dämonen (1871) und Die Brüder Karamasow (1879‒1880)[6] in Russki Westnik. Dostojewski schrieb meist unter mehr oder weniger großem Termindruck, d. h. während die ersten Kapitel bereits gedruckt wurden, hatte er spätere Kapitel zwar schon konzipiert, aber noch nicht geschrieben.

Gontscharow hat seinen Roman Oblomow (1859) in Otechestvennye Sapiski seriell publiziert. In Russki Westnik erschienen auch Turgenews Roman Väter und Söhne (1862) sowie Tolstois Krieg und Frieden (1865‒1869) und Anna Karenina (1875‒1877).

Berühmte Fortsetzungsgeschichten/-romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Bohrmann: Fortsetzungsroman. In: Severin Corsten u. a. (Hrsg.): Lexikon des gesamten Buchwesens. Band 2: Buck – Foster. 2. Auflage. Anton Hiersemann, Stuttgart 1995, ISBN 3-7772-8911-6, S. 637–638.
  • Walburga Hülk: Als die Helden Opfer wurden. Grundlagen und Funktion gesellschaftlicher Ordnungsmodelle in den Feuilletonromanen „Les Mystères de Paris“ und „Le Juif errant“ von Eugène Sue. Winter, Heidelberg 1985, ISBN 3-533-03686-3.
  • E. Meunier und H. Jessen: Das deutsche Feuilleton.
  • H.-J. Neuschäfer, D. Fritz-El Ahmad und K.-P. Walter: Der französische Feuilletonroman: die Entstehung der Serienliteratur im Medium der Tageszeitung. Darmstadt 1986, ISBN 3-534-01806-0.
  • W. Haacke: Handbuch des Feuilletons.
  • Johanna Maria Pekarek: Der Zeitungsroman in der Wiener Tagespresse 1918–1938 unter Berücksichtigung der Entwicklung seit 1945. Dissertation. Universität Wien, Wien 1953.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Fortsetzungsroman – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Du roman-feuilleton au roman de cape et d'épée. Abgerufen am 6. August 2020.
  2. Astrid Dröse: Georg Greflinger und das weltliche Lied im 17. Jahrhundert. De Gruyter, Berlin, München, Boston 2015, ISBN 978-3-11-036336-4, S. 190 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Florian Vaßen: Georg Weerth. Ein politischer Dichter des Vormärz und der Revolution von 1848/49. Metzler, Stuttgart 1971, ISBN 3-476-00185-7, S. 96.
  4. Florian Vaßen: Georg Weerth. Ein politischer Dichter des Vormärz und der Revolution von 1848/49. Metzler, Stuttgart 1971, S. 172.
  5. Dierck Rodewald: Der Fall Maurizius – als Produktionsprozeß betrachtet. In: Dirk Niefanger, Gunnar Och, Daniela F. Eisenstein (Hrsg.): Jakob Wassermann: Deutscher, Jude, Literat. Wallstein, 2007, ISBN 978-3-8353-0158-0, S. 180–216, hier: S. 198 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. William Mills Todd III: Dostoevsky and Tolstoy: The Professionalization of Literature and Serialized Fiction. In: Dostoevsky Studies – The Journal of the International Dostoevsky Society. New Series Bd. XV, 2011, ISSN 1013-2309, S. 29 - 36.