Tonbild

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Edisons Kinetophone, ca. 1895

Tonbilder nannte man in der Frühzeit des Kinos kurze Filme, die mittels speziell für sie produzierter Schallplatten die Illusion „lebender, sprechender und singender Photographien“[1] zu erzeugen wussten. Projektionsapparat und Grammophon wurden dabei nach verschiedenen elektro-mechanischen Verfahren[2] in annähernder Synchronität gehalten.

Ein Nachteil war, dass man Bild und Ton getrennt aufnehmen und auch wieder auf getrennten Apparaten abspielen musste. Da die damalige Tonaufnahmetechnologie allein auf mechanische Verfahren gestellt war, bei denen der Interpret in einen Aufnahmetrichter singen bzw. sprechen musste statt in ein Mikrophon, und allein die Kraft seiner Stimme ohne die Möglichkeit einer Verstärkung ausreichen musste, um über Membrane und Stichel die Rille ins Aufnahmewachs zu schneiden, schied eine „Originalton“-Aufnahme aus. Es wurde daher zuerst die Platte im Studio besprochen, um nachher bei der Bildaufnahme über ein Grammophon abgespielt zu werden, wozu dann die Schauspieler auf der Szene stumm die Münder mehr oder weniger synchron bewegten.

Das Fassungsvermögen damaliger Grammophonplatten begrenzte zudem die mögliche Filmlänge auf 3 bis 4 Minuten. Das gestattete zwar die Wiedergabe einzelner Lieder, Arien oder Varieténummern,[3] nicht aber längerer Spielhandlungen.[4] Obendrein wurde es bei längerer Vorführdauer entsprechend schwieriger, die Synchronität von Bild und Ton dauerhaft aufrechtzuerhalten.

Ein Pionier auch auf dem Gebiete des Tonfilms war Oskar Messter, der im Berliner Apollo-Theater am 29. August 1903 erstmals Tonbilder im Rahmen eines Varietéprogramms zeigte. Die Plattenaufnahmen zu seinen Filmen ließ er bei der Deutschen Grammophon A.G. herstellen.[5]

Messters Tonbilder zeigten Aufnahmen der seinerzeitigen Größen aus Oper, Operette und Kleinkunstszene. Er sicherte sich früh die Mitwirkung bekannter Künstler wie Henry Bender, Alexander Girardi, Otto Reutter, Gustav Schönwald und der Geschwister Rosa und Henny Porten. Der Erfolg war so groß, dass er damit bald auf allen größeren Varietébühnen des In- und Auslandes gastieren konnte. 1904 zeigte Messter seine Apparatur auf der Weltausstellung in St. Louis zum ersten Male öffentlich in Amerika. Er hatte dazu eigens Tonaufnahmen in englischer Sprache anfertigen lassen; darunter war der damalige Music-Hall-Schlager The Whistling Bowery Boy von T. W. Thurban.[6]

Messter hatte sich auch Gedanken gemacht, wie dem Spielzeitproblem zu begegnen wäre. Er konstruierte einen Doppelplattenspieler, bei dem abwechselnd je ein Plattenteller mit Tonarm, Schalldose und Trichter in Tätigkeit gesetzt wurde, sodass sich Folgen von Plattensätzen wiedergeben ließen. So soll der gekürzte zweite Akt aus Johann Strauß Operette Die Fledermaus mit einer Spieldauer von rund 20 Minuten aufgeführt worden sein.[7]

Auch über ein Trichtersystem, das die Aufzeichnung des Tons während der Bildaufnahme möglich machen sollte, dachte er nach. Die Szene sollte zur Kamera hin durch eine Glaswand abgeschlossen sein, welche den Schall der Stimmen in den von oben in diesen Bühnenraum eingeführten Aufnahmetrichter reflektieren sollte. Ob es je zur Ausführung kam, ist nicht belegt, nur durch die Erinnerungen Messters und ein Modell der Anordnung wissen wir davon.[8]

Bis zum Jahr 1913 hatten insgesamt rund 500 Lichtspieltheater Messters Apparatur, das „Biophon“, installiert. Außer Messter warfen bald auch Konkurrenzfirmen wie Buderus, Duskes und die Deutsche Mutoskop und Biograph GmbH.[9] Tonbilder auf den Markt.

In Frankreich versuchte sich Léon Gaumont, in Amerika sogar Thomas Alva Edison mit Tonbildern. Edison hielt am Wachszylinder als Tonträger und an der Tiefenschrift fest, während alle anderen Schallplatten in Seitenschrift benutzten, um den Ton zu speichern.

Um eine Übereinstimmung zwischen Bild und Ton zu erzielen, verwendete Messter elektrische Synchronmotore in Projektor und Grammophon.[10] Die Tonwiedergabe erfolgte allerdings mechanisch mittels Schalldose und Trichter. Das begrenzte den Radius der Vorführungen beträchtlich, denn große Kinosäle konnten damit nicht oder nur unzureichend beschallt werden.

Einen wenngleich teueren[11] Ausweg bot das mit Pressluft betriebene und zwischen 1906 und 1918 hergestellte „Auxetophon“ der Victor Co.,[12] bei dem die Grammophonnadel nicht mehr eine Glimmermembran, sondern ein Kammventil steuerte, welches den Luftstrom aus einem Kompressor modulierte. Damit ließen sich größere Schalldrücke erzeugen, allerdings wurden auch die Nebengeräusche größer.[13] Messter setzte Auxetophone ab etwa 1910 in seinen „Biophon“-Theatern ein.[14]

Die begrenzte Lautstärke des mechanischen Grammophons, das Gleichlaufproblem und womöglich auch der Umstand, dass man inzwischen längere Spielhandlungen mit anspruchsvolleren Inhalten und mehr künstlerischen Mitteln zu filmen begann, führte um die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg dazu, dass das Interesse des Publikums nachließ und die „Tonbilder“ allmählich wieder verschwanden. Nach dem Weltkrieg aber machten sich Erfinder in Deutschland, Frankreich und Amerika unabhängig voneinander daran, das Problem mit Licht und Elektrizität anzugehen: am Schluss stand der „photographierte Ton“, der Lichttonfilm,[15] bei dem Bild und Tonaufzeichnung auf einem gemeinsamen Träger gespeichert sind.

Erhaltene und restaurierte Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • “Dickson Experimental Sound Film” von 1895[10]: The film features William Dickson playing the melody “Song of the Cabin Boy” from the light opera “The Chimes of Normandy”, composed by Robert Planquette in 1877. Restaurierung: Walter Murch, Rick Schmidlin[11].
  • "Schutzmann-Lied" aus der Metropol-Revue "Donnerwetter-Tadellos!" (Musik: Paul Lincke), Darsteller: Henry Bender, "Tonbild" Berlin 1908[12]
  • "Rauschlied" aus "Künstlerblut" (Musik: Edmund Eysler), Darsteller: Alexander Girardi, der Komponist dirigiert das Begleitorchester. "Tonbild". Filmaufnahme: Oskar Messter, Berlin, genaues Datum unbekannt, evtl. während Girardis Berliner Gastspiel im Januar 1908. Tonaufnahme: Gramophone Concert Record 3-42691, Matrize 9871 u, aufgen. in Wien, Dezember 1906[13]: Video- und Audiorestaurierung: Christian Zwarg.

Abbildungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • DicksonFilm Still Auf dem Standbild aus dem Experimental Sound Film des Edison-Mitarbeiters William K.L.Dickson von 1895 sieht man den Aufnahmetrichter des Phonographen.
  • Grammophonplatte, eigens für Messters »Biophon« hergestellt (“Spezial-Aufnahme”)
  • Zensurkarte zu dem Kulturfilm der Ufa "Als man anfing zu Filmen" aus dem Jahre 1934, in welchem Oskar Messter über die Anfänge der Kinematographie spricht. Zu sehen sind darin auch Sequenzen aus verschiedenen Tonbildern, wobei die Töne der Schallplatten eigens für diese Produktion auf Lichtton umkopiert worden sind.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dennis Basaldella: Auf den Spuren der Tonbilder. Ein Interview mit Dirk Förstner von der Deutschen Kinemathek in Berlin. In: fragmentfilm.de. 21. Dezember 2012 (online auf: fragmentfilm.de)
  • Herbert Birett: Zwischen Stumm- und Tonfilm - der «Tonbild»-Film. In: Neue Zürcher Zeitung. 24. Februar 2006. (online auf: nzz.ch)
  • Jana Dugnus: Natürliche Verbündete - Die wechselseitige Beziehung von Bild und Ton im Film. Diplomarbeit im Studiengang Audiovisuelle Medien, Fakultät Electronic Media an der Hochschule der Medien Stuttgart, 30. Juni 2008, S. 13–15. (online auf: hdm-stuttgart.de)
  • Dirk Förstner: Rauschlied a. Künstlerblut. Rekonstruktion von Tonbildern in modernen Wiedergabesystemen. In: Matthias Knaut (Hrsg.): Kreativwirtschaft: Design, Mode, Medien, Games, Kommunikation, Kulturelles Erbe. (= Beiträge und Positionen der HTW Berlin. Band 1). BWV Verlag, 2011, ISBN 978-3-8305-1915-7, S. 9, 204–212.
  • Oliver Huck: Das musikalische Drama im 'Stummfilm' - Oper, Tonbild und Musik im Film d'Art. Verlag Georg Olms, 2012, ISBN 978-3-487-14846-5.
  • Harald Jossé: Die Entstehung des Tonfilms. Beitrag zu einer faktenorientierten Mediengeschichtsschreibung. Freiburg/ München 1984, S. 48ff.
  • Corinna Müller: Frühe deutsche Kinematographie - formale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen 1907–1912. Stuttgart/ Weimar 1994, S. 79ff.
  • Ulrike Oppelt: Film und Propaganda im Ersten Weltkrieg: Propaganda als Medienrealität im Aktualitäten- und Dokumentarfilm. (= Beiträge zur Kommunikationsgeschichte. Band 10). Franz Steiner Verlag, 2002, ISBN 3-515-08029-5, S. 203–205.[16]
  • Guido Seeber: Der Seeberograph und das das Seeberophon. In: Das wandernde Bild. Der Filmpionier Guido Seeber. Herausgegeben von der Stiftung Deutsche Kinemathek. EP 23, S. 35–44.
  • Stiftung Deutsche Kinemathek (Hrsg.): Das wandernde Bild. Der Filmpionier Guido Seeber. Herausgegeben von der Stiftung Deutsche Kinemathek. EP 23, Elefanten Press Verlag, Berlin 1979.
  • Michael Wedel: Der deutsche Musikfilm. Archäologie eines Genres 1914–1945. Edition Text und Kritik, Rich. Boorberg Verlag, München 2007, ISBN 978-3-88377-835-8, KNV-Titelnr.: 16277371.
  • Friedrich v. Zglinicki: Der Weg des Films. Die Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Rembrandt Verlag, Berlin 1956.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan-Christopher Horak: Biophon. im Lexikon der Filmbegriffe.
  • Jan-Christopher Horak: Chronophon. im Lexikon der Filmbegriffe.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. uni-trier.de[1]
  2. vgl. J.P.Müller Nr.3 Anm. 13, Jossé S. 69; der sächsische Filmpionier Guido Seeber stellte bei seinem 1904 vorgestellten Seeberophon den Gleichlauf durch ein perforiertes Filmband sicher, mit dem er Projektor und Grammophon schlupffrei koppelte, vgl. Seeber S. 42 und Oppelt S. 204 nebst Anm. 97
  3. Beispiele nennen Martin Koerber (Deutsche Kinemathek), Laurent Mannoni (Cinémathèque française) und Manuela Padoan (Gaumon Pathé Archives) bei [2]
  4. Wedel S. 25.
  5. die arbeitete auch für Léon Gaumont, vgl. Plattenlabel GAUMONT’S PATENT über Zonophone-label geklebt, bei [3]
  6. vgl. Zglinicki S. 281, Hörbeispiel von Bariton Samuel H. Dudley auf Victor 3175 (mx. 713) vom 13. März 1901 bei [4]
  7. Zglinicki S. 282, Seeber S. 42.
  8. Modell im Besitz der ehem. Sammlung Paul Sauerlaender, jetzt im Deutschen Film-Museum Frankfurt am Main; eine Beschreibung findet sich in dem Artikel in der Filmwelt Nummer 47 - Berlin, vom 22. November 1936.
  9. Die Deutsche Mutoskop & Biograph GmbH. hielt im Jahr 1908 Henry Benders Nummer Schutzmann-Lied aus der Metropol-Revue Donnerwetter-Tadellos! (Premiere September 1908, Musik von Paul Lincke), die sich über die Selbstgefälligkeit und Dummheit der Berliner Polizei lustig macht, in einem etwas über dreiminütigem „Tonbild“ fest
  10. vgl. Zglinicki S. 281.
  11. damaliger Verkaufspreis war 500 Dollar
  12. vgl. The Auxetophone & Other Compressed-Air Gramophones[5], The Story of the Victor Auxetophone[6]
  13. vgl. Seeber S. 42, Tondemonstration von Rene Rondeau bei youtube[7]
  14. vgl. starkton Feb 6, 2009 at 2:25pm[8]
  15. vgl. J.P.Müller Nr.5 Lichtton: An art of time
  16. In der Anm. 93 auf S. 203 verwechselt die Verfasserin allerdings Messters normalformatige 25 u. 30 cm Grammophonplatten mit den erst zu hohen Tonfilmzeiten ("Vitaphone") eingeführten amerikanischen 40 cm-Nadeltonfilmplatten mit 33 1/3 U/min. und Innenstart. Einen Durchmesser von einem Meter (!) hatten nur die Platten, von denen ein Karl Valentin träumte (im Text "Die Uhr von Loewe" : "Eine Schallplatte müßte eigentlich einen Meter Durchmesser haben...!", Homocord-Matrize H 20 977, 1928, anzuhören bei youtube [9])