Tricensimae

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Tricensimae
Limes Niedergermanischer Limes
Datierung (Belegung) Letztes Viertel 3. Jahrhundert
bis 1. Hälfte 5. Jahrhundert
Typ spätantike Festung,
zivil und militärisch genutzt
Einheit Legio XXX Ulpia Victrix (?)
Größe 400 × 400 m = 16 ha
Bauweise Steinkastell
Erhaltungszustand Oberirdisch nicht mehr sichtbar
Ort Xanten
Geographische Lage 51° 40′ 0″ N, 6° 27′ 0″ OKoordinaten: 51° 40′ 0″ N, 6° 27′ 0″ O
Höhe 45 m ü. NHN
Vorhergehend Burginatium
Anschließend Calo (?), Asciburgium (beide südsüdöstlich)
Lage von Tricensimae innerhalb der Colonia Ulpia Traiana

Tricensimae war der Name einer großen römischen Festung der Spätantike im Zentrum des Areals der mittelkaiserzeitlichen Stadt Colonia Ulpia Traiana (CUT) in Xanten am Niederrhein.

Quellen und Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt nur eine antike Quelle zu Tricensimae: Ammianus Marcellinus (um 330 bis um 395) erwähnt den Ort zweimal im 18. und im 20. Buch seiner res gestae. In der ersten Erwähnung wird beschrieben, wie Kaiser Julian im Jahr 359 Tricensimae und sechs andere Plätze am Rhein zwischen Castra Herculis und Bingium zurückerobert und wiederhergestellt hat[1]. Die zweite Stelle erwähnt, dass Tricensimae für Julian im Jahre 360 als Aufmarschbasis für einen Feldzug gegen die rechtsrheinischen Chattuarier diente[2]. Nicht unwichtig ist, dass Ammian im Zusammenhang mit Tricensimae stets von einer urbs, einem oppidum oder von einer civitas schreibt, nicht jedoch von einem castellum oder castrum. Daraus lässt sich vermuten, dass es sich bei Tricensimae in erster Linie um eine zivile Ansiedlung und nicht um ein Militärlager gehandelt haben könnte.[3] Man muss dabei jedoch berücksichtigen, dass in der Spätantike die räumliche Trennung zwischen Militär und Zivilisten mehr und mehr aufgehoben wurde. Soldaten wurden in Zivilsiedlungen einquartiert und umgekehrt suchten Zivilisten in militärischen Einrichtungen Schutz.[4][5]

Die Lokalisierung von Tricensimae war lange Zeit ein Objekt zahlreicher Hypothesen und Spekulationen. Zwar war bereits Hermann Hinz Anfang der 1960er Jahre auf die ersten Befunde gestoßen, hatte diese aber noch nicht richtig zu interpretieren gewusst[6]. Erst Ende der 1960er Jahre legte Günther Binding inmitten der Colonia Ulpia Traiana spätrömische Befestigungsreste frei, die er als Tricensimae interpretierte. Diese Interpretation stieß in der Fachwelt zunächst nicht auf ungeteilte Zustimmung.[7] 1979 legte Christoph B. Rüger eine ausführliche Erstpublikation der Festung in den Bonner Jahrbüchern vor und wies darin die Gleichsetzung des Befundes mit Tricensimae zurück[8], und noch 1987 erwähnte derselbe in einem Kompendium der römischen Fundstätten Nordrhein-Westfalens Tricensimae mit keinem Wort, sondern vertrat weiterhin die These, dass die CUT bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts weiter bestanden hätte[9], und dass eine Nachfolgesiedlung weiter östlich zu suchen sei.[5] Inzwischen ist in der Fachwelt die Identität der spätrömischen Befunde im Zentrum der CUT mit dem von Ammianus Marcellinus erwähnten Tricensimae unstrittig.

Geschichte und archäologische Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lange war fälschlicherweise angenommen worden, dass das Kastell zwischen 306 und 311 unter Kaiser Konstantin begründet worden wäre[9]. In der jüngeren Forschung konnte jedoch nachgewiesen werden, dass die Gründung bereits gegen Ende des dritten, spätestens zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts[10], wahrscheinlich sogar schon im letzten Viertel des dritten Jahrhunderts, relativ kurz nach 275 erfolgt war[11]. Der Name Tricensimae deutet auf ein mögliches Weiterbestehen der – nach der diocletianischen Heeresreform – in spätantiker Zeit auf 1000 Soldaten reduzierten Legio XXX Ulpia Victrix (trīcēsimus = Ordinalzahl von trīgintā, 30) hin, die zuvor in Vetera stationiert gewesen war[12]. Im Jahr 352 wurde Tricensimae durch die Franken erobert, aber bereits 359 von Julian zurückgewonnen und neu aufgebaut. Keramikfunde weisen noch bis ins erste, vereinzelt bis ins zweite Viertel des fünften Jahrhunderts[13], spätestens in dieser Zeit wurde die Festung aufgegeben.[5]

Die Erbauung erfolgt auf den neun zentralen Insulae der Colonia Ulpia Traiana (Insulae 10–12, 17–19 und 24–26). Die Festung bedeckte ein Areal von 400 m im Quadrat, was genau 16 Hektar entspricht. Sie war von einer vier Meter mächtigen Wehrmauer umgeben. An den Ecken der Mauer befanden sich vier dreiviertelrunde, nach außen vorspringende Wehrtürme, an den Seiten jeweils zehn halbrunde. Vor der Mauer folgten nach einer vier Meter breiten Berme zwei jeweils zwölf Meter breite Gräben als Annäherungshindernisse. Das Baumaterial der Festung war direkt vor Ort durch den Abbruch der infolge des Bevölkerungsrückganges in dieser Zeit nicht mehr benötigten Baulichkeiten der CUT gewonnen worden. Das Abräumen des Vorfeldes erfüllte auch aus militärischer Sicht einen Zweck, da jede Ruine eine Sichtbehinderung für die Verteidigung darstellte und eine Schutzmöglichkeit für potentielle Angreifer bot.[14]

Die Interpretation der Innenbauten gestaltet sich, nicht zuletzt aufgrund der spärlichen Befundlage, zur Zeit noch problematisch. Die Funde legen die Weiternutzung eines großen kaiserzeitlichen Gebäudes mit offenbar repräsentativer Funktion[15] in spätantiker Zeit bis etwa zum Ende des vierten Jahrhunderts nahe, eine abschließende Beurteilung ist aber sowohl bei diesem Gebäude wie auch bezüglich anderer Spuren der Innenbebauung zum gegenwärtigen Forschungsstand noch nicht möglich.[16]

Das Umland der Tricensimae[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kamm aus Bein stammt aus dem 5. Jahrhundert und wurde bei Xanten-Lüttingen ausgegraben

Eine kleine spätrömische Siedlung wurde etwa einen Kilometer nordöstlich der Tricensimae zwischen den Xantener Stadtteilen Lüttingen und Wardt lokalisiert und ausgegraben. Dort war bereits in der mittleren Kaiserzeit unmittelbar am damaligen Bett des Rheines ein Wachturm errichtet worden, der seine Funktion bis zum Ende des vierten Jahrhunderts behielt. Im Zusammenhang mit dem nahe gelegenen, schon im 19. Jahrhundert durch Philipp Houben entdeckten, fränkischen Gräberfeld von Lüttingen-Wardt, das ab der Mitte des fünften Jahrhunderts belegt wurde, kann auf eine Nachnutzung des Turms durch die Franken geschlossen werden.[17]

Ferner wurde bereits 1764 südwestlich von Xanten, auf dem Gelände des Klosters Hagenbusch ein Hortfund mit über 400 römischen Goldmünzen entdeckt. Die Münzreihe lässt sich auf den Zeitraum zwischen Konstantin und Valentinian III. (425–455) datieren.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Julianus Egidius Bogaers und Christoph B. Rüger (Hrsg.): Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Kunst und Altertum am Rhein, 50. Rheinland Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 18–21 und 106–112.
  • Christoph B. Rüger et al.: Die spätrömische Großfestung in der Colonia Ulpia Traiana. In: Bonner Jahrbücher 179, 1979, S. 499–524.
  • Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 549–582.
  • Clive Bridger: Die Gräber der Spätantike (275–ca. 430 n. Chr.) In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 583–594.
  • Thomas Otten: Xanten in der Spätantike. Ein urbanes Zentrum am Niederrhein. Nuclei spätantik-frühmittelalterlichen Lebens? In: Römische Legionslager in den Rhein- und Donauprovinzen. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 2011, ISBN 978-3-7696-0126-8, S. 143–174.
  • Clive Bridger: Das spätantike Xanten. In: Thomas Grünewald und Sandra Seibel: Kontinuität und Diskontinuität. Germania inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Beiträge des deutsch-niederländischen Kolloquiums in der Katholieke Universiteit Nijmegen (27. bis 30. Juni 2001), (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde), Ergänzungsband 35, de Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-090090-3, S. 12–36.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Amm. Marc. res gestae, XVIII,2,1.
  2. Amm. Marc. res gestae, XX,10,1f.
  3. Clive Bridger: Das spätantike Xanten. In: Thomas Grünewald und Sandra Seibel: Kontinuität und Diskontinuität. Germania inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Beiträge des deutsch-niederländischen Kolloquiums in der Katholieke Universiteit Nijmegen (27. bis 30. Juni 2001), (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde), Ergänzungsband 35, de Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-090090-3, S. 17.
  4. Siehe auch Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Tagungsbericht zu dem internationalen Kolloquium „Römische Legionslager in den Rhein- und Donauprovinzen. Nuclei spätantikfrühmittelalterlichen Lebens?“. Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 2006, S. 8, (Digitalisat).
  5. a b c Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 563–567.
  6. Hermann Hinz: 1. Bericht über die Ausgrabungen in der Colonia Traiana nördlich von Xanten. Bonner Jahrbücher, 161 (1961), S. 343ff. und Ders.: 2. Bericht über die Ausgrabungen in der Colonia Traiana nördlich von Xanten. Bonner Jahrbücher, 163 (1963), S. 393ff.
  7. Clive Bridger: Das spätantike Xanten. In: Thomas Grünewald und Sandra Seibel: Kontinuität und Diskontinuität. Germania inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Beiträge des deutsch-niederländischen Kolloquiums in der Katholieke Universiteit Nijmegen (27. bis 30. Juni 2001), (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde), Ergänzungsband 35, de Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-090090-3, S. 18f.
  8. Christoph B. Rüger et al.: Die spätrömische Großfestung in der Colonia Ulpia Traiana. In: Bonner Jahrbücher 179, 1979, S. 523f.
  9. a b Christoph B. Rüger: Colonia Ulpia Traiana. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Theiss, Stuttgart 1987, S. 637f.
  10. Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 551.
  11. Clive Bridger: Das spätantike Xanten. In: Thomas Grünewald und Sandra Seibel: Kontinuität und Diskontinuität. Germania inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Beiträge des deutsch-niederländischen Kolloquiums in der Katholieke Universiteit Nijmegen (27. bis 30. Juni 2001), (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde), Ergänzungsband 35, de Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-090090-3, S. 23f.
  12. Clive Bridger: Das spätantike Xanten. In: Thomas Grünewald und Sandra Seibel: Kontinuität und Diskontinuität. Germania inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Beiträge des deutsch-niederländischen Kolloquiums in der Katholieke Universiteit Nijmegen (27. bis 30. Juni 2001), (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde), Ergänzungsband 35, de Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-090090-3, S. 18.
  13. Clive Bridger: Das spätantike Xanten. In: Thomas Grünewald und Sandra Seibel: Kontinuität und Diskontinuität. Germania inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft. Beiträge des deutsch-niederländischen Kolloquiums in der Katholieke Universiteit Nijmegen (27. bis 30. Juni 2001), (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde), Ergänzungsband 35, de Gruyter, 2012, ISBN 978-3-11-090090-3, S. 22 und 24.
  14. Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 549–582.
  15. Michael Erdrich: Der Repräsentationsbau. Überlegungen zum Charakter der Bebauung der Doppelinsula 11/18. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 355–359.
  16. Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 552–555.
  17. Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 569.
  18. Thomas Otten und Sebastian Ristow: Xanten in der Spätantike. In Martin Müller et al.: Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 570.