Castra Herculis

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Castra Herculis
Alternativname Kastell Arnhem-Meinerswijk
Limes Niedergermanischer Limes
Datierung (Belegung) 1–2) 10/20 v. Chr. bis 69/70
3) 70/71 bis 2. Jh.
4) 2. Jh. bis frühes 3. Jh.
5) frühes 3. Jh. bis um 260
6) 4. Jh. (bis 5. Jh.?)
Typ 1) Vexillationskastell
2–6) Auxiliarkastell
Einheit 1) Vexillatio der Legio V Alaudae
2–6) unbekannte Auxilia
Größe 1,7 bis 2,2 ha
Bauweise 1–3) Holz-Erde-Lager
4–6) Steinkastell
Erhaltungszustand obertägig nicht sichtbares Bodendenkmal
Ort Arnheim-Meinerswijk
Geographische Lage 51° 58′ 15″ N, 5° 52′ 25″ OKoordinaten: 51° 58′ 15″ N, 5° 52′ 25″ O hf
Vorhergehend Kastell Duiven-Loowaard (südöstlich)
Anschließend Kastell Overbetuwe-Driel (westlich)
Rückwärtig Ulpia Noviomagus Batavorum (südlich)
Vorgelagert Marschlager Ermelo (nördlich)

Castra Herculis (übersetzt: „Lager des Herkules“), das Kastell Arnhem-Meinerswijk, war ein linksrheinischer römischer Garnisonsplatz, der zur Sicherung und als Aufmarschbasis in der frühen Zeit der Okkupation Germaniens, als Auxiliarkastell des Niedergermanischen Limes und als spätrömische Festung genutzt wurde. Das heutige Bodendenkmal befindet sich in Meinerswijk, einem Polder auf dem Gebiet der Stadt Arnheim (niederländisch: Arnhem) in der niederländischen Provinz Gelderland.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heutige topographische Situation in Meinerswijk

Das Kastell Castra Herculis befand sich an einem Punkt rund fünf Kilometer flussabwärts der Stelle, an der der Rhein von seiner bisherigen, nach Nordwesten weisenden Flussrichtung nach Westen hin umbiegt und die IJssel, deren Oberlauf vermutlich mit dem der Fossa Drusiana identisch war/ist, vom Strom abzweigt.

Militärgeographisch gehörte es neben den Lagern in Nijmegen, Vechten und Velsen zu den vier Fortifikationen, die auf die frühe römische Kaiserzeit zu datieren sind und vermutlich bei den Offensiven des Germanicus eine Rolle spielten. Später war es Bestandteil der Kastellkette des defensiv ausgerichteten Niedergermanischen Limes.

In der heutigen Siedlungs- und Naturraumstopographie befindet sich das Kastell linksrheinisch, auf dem Areal eines Meinerswijk genannten Retentionsgebietes, unmittelbar westlich des Stadtzentrums von Arnheim. Die als Naturschutzgebiet ausgewiesene Polderfläche wird durch die Straßen „Drielsedijk“ und „Grote Griet“ (bzw. „Batavierenweg“ und „Eldenseweg“) sowie den Arnheim durchquerenden Rheinbogen eingerahmt.[1]

Quellen und Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Castra Herculis auf der
Tabula Peutingeriana
Lage von Castra Herculis am Niedergermanischen Limes

Über die Lage von Castra Herculis waren lange Zeit nur Spekulationen angestellt worden, die jedoch nicht durch archäologische Belege erhärtet werden konnten. Noch zu Anfang der 1970er Jahre wurde der antike Ort auf dem Gebiet der Gemeinde Druten vermutet, und man ging davon aus, dass er durch das Mäandern der Waal im Laufe der Jahrhunderte vollständig abgegangen sei.[2][3] Dabei standen für eine mögliche Lokalisierung nur wenige Quellen zur Verfügung. Ammianus Marcellinus erwähnt Castra Herculis als eine von sieben Stätten,[A 1] die im Jahre 359 vom damaligen Statthalter Galliens und späteren Kaiser Julian zur Sicherung der aus Britannien kommenden, rheinaufwärts verschifften Getreideimporte wiederhergestellt worden waren.[4] Im selben Zusammenhang der Logistiksicherung findet der Ort im Jahre 365 als polis Herakleia Erwähnung bei dem Rhetor Libanios.[5] Den konkretesten Hinweis auf die Lage des Ortes liefert die Tabula Peutingeriana. Auf ihr wird im Segment II,4 Castra Herculis zwischen den Flüssen Rhenus und Patabus, acht Leugen (etwa 17,5 km) nördlich von Ulpia Noviomagus Batavorum (Nijmegen) und 13 Leugen (ungefähr 29 km) östlich von Carvo (Kesteren) verzeichnet.[1][3]

Obwohl tatsächlich im Mittelalter große Teile der römischen Siedlungsflächen vom Rhein weggespült worden waren, gelang es schließlich 1979, das Kastell durch Widerstandsmessungen und eine Probegrabung in Arnheim-Meinerswijk zu lokalisieren.[6] Durch weitere Ausgrabungen konnten 1991 und 1992 die Lage des Kastells genauer bestimmt und 1995 die Principia (Kommandantur/Stabsgebäude) sowie ein Teil der Südmauer mit der Porta decumana (rückwärtige Pforte) untersucht werden.[1]

Datierungen und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kastell Castra Herculis wurde in den Jahren zwischen 10 n. Chr. und 20 n. Chr. angelegt. Es ist damit nach dem drususzeitlichen Lager in Nijmegen (vor/bis 12 v. Chr.) und dem tiberischen Fectio/Vechten (4/5 n. Chr.) sowie neben Velsen I (15/16 n. Chr.) eines der ältesten bisher nachgewiesenen römischen Militärlager auf dem Gebiet der heutigen Niederlande. Seine Errichtung erfolgte vermutlich im Zusammenhang mit den Vorbereitungen der in den Jahren 14 bis 16 durchgeführten Offensiven des Germanicus. Ein Graffito aus dieser Zeit, das der Legio V Alaudae zugewiesen werden kann, lässt die Annahme zu, dass eine Vexillation dieser im nahe gelegenen Vetera stationierten Legion zu jenem Zeitpunkt die Besatzung des Kastells bildete.[7][8]

Bis zu seinem Ende im dritten Jahrhundert konnten sechs verschiedene Bauphasen („Periode 1“ bis „Periode 6“) differenziert werden. Dabei ist noch nicht endgültig geklärt, ob zwischen dem frühesten, germanicuszeitlichen Lager („Periode 1“) und dem nachfolgenden („Periode 2“) eine Kontinuität bestand, oder ob es erst in claudischer Zeit zu einer Neubelegung kam. Möglich erscheint insbesondere eine Verstärkung oder Neuerrichtung im Zusammenhang mit dem Bau der Fossa Corbulonis durch den römischen Statthalter Gnaeus Domitius Corbulo im Jahre 47 n. Chr. Dominierten beim Fundmaterial der frühesten Phase arretinische Sigillata und Belgische Ware,[A 2] so trat in der zweiten Periode südgallische Terra Sigillata[A 3] in den Vordergrund. Zwischen der zweiten und der dritten Periode ließ sich ein deutlicher Zerstörungshorizont ausmachen, der durch die Ereignisse des Vierkaiserjahres bzw. des Bataveraufstandes verursacht worden war. Das datierende Fundmaterial der „Periode 3“ stammt sowohl aus flavischer Zeit als auch aus dem beginnenden zweiten Jahrhundert.[A 4] Im zweiten Jahrhundert − möglicherweise in hadrianischer Zeit − wurde die „Periode 3“ von der „Periode 4“ abgelöst, in der erstmals zumindest Teile der Innenbebauung (die Principia) aus Stein errichtet wurden. Die datierenden Funde der „Periode 4“ entstammen dem zweiten und dem ersten Viertel des dritten Jahrhunderts.[A 5] Der Fund eines Ziegelstempels des Niedergermanischen Heeres, der ungefähr auf das Jahr 175 datiert werden kann, rundet diesen Fundkomplex ab. In severischer Zeit trat die „Periode 5“ an die Stelle der „Periode 4“. Das keramische Fundmaterial[A 6] der „Periode 5“ wird durch einen Ziegelstempel aus der Zeit des Severus Alexander ergänzt.[9] Ein zweiter Ziegelstempel weist darauf hin, dass möglicherweise eine Bau-Vexillation der in Bonn stationierten Legio I Minervia pia fidelis in dieser Zeit Bau- oder Reparaturmaßnahmen in Castra Herculis durchführte.[10] Im Anschluss an die „Periode 5“, die zu Beginn der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts, etwa um das Jahr 260 endete, kam es zu einer Phase, in der das Kastellgelände vermutlich nicht genutzt wurde. Erst für das vierte Jahrhundert ließen sich wieder Besiedlungsspuren feststellen, die als „Periode 6“ zusammengefasst werden. Dabei wurden die Steine der „Periode 5“ bei der Errichtung des neuen Kastells teilweise wieder verwendet. Das spärliche Fundmaterial weist in das vierte Jahrhundert,[A 7] aber auch merowingische Keramik des fünften Jahrhunderts konnte dieser Phase zugeordnet werden.

Die gesamte Periodisierung besitzt nur einen vorläufigen Charakter und sollte mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Aus Sicht der niederländischen Archäologen können nur künftige, großflächige Untersuchungen zu einer wirklich stringenten und validen Datierung führen. Außer den beiden genannten Legionsvexillationen sind keine Einheiten aus Castra Herculis namentlich bekannt. Es dürfte sich um Auxiliartruppen, Kohorten oder Alen, oder weitere Vexillationen gehandelt haben.[1][11]

Archäologische Befunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die Ausgrabungen der Jahre 1991, 1992 und 1995 konnten insbesondere die Principia und Teile der rückwärtigen Wehrmauer mit der Porta decumana aus der „Periode 5“ näher untersucht werden.

Die Rückfront der Principia befand sich nur wenige Meter von der Porta decumana entfernt, wodurch sich ihre Lage von den üblichen Kastellschemen deutlich unterschied. Das dreigliedrige Bauwerk setzte sich aus einem Hof, einer Querhalle und einer rückwärtigen Raumflucht zusammen, war mit Erlenpfählen fundamentiert und bedeckte insgesamt eine Fläche von 39,0 m mal 34,5 m (1345,5 m²). Man betrat die Principia von Norden her durch einen an drei Seiten von Säulen gesäumten Hof, der an den Längsseiten von zwei lang gestreckten Räumen flankiert war. Von hier aus gelangte man in die Querhalle (Basilica), die sich über die gesamte Breite des Gebäudekomplexes erstreckte. An ihrer westlichen Seite befand sich eine bauliche Konstruktion, die als Rostra (Rednerpult) angesprochen wurde. Abgeschlossen wurde der Komplex von einer siebengliedrigen Raumflucht. Der mittlere Raum war das Fahnenheiligtum (Aedes principiorum oder Sacellum), es wurde symmetrisch von je drei weiteren Dienst- und Versammlungsräumen flankiert.

Nur sechs Meter hinter der Rückfront der Principia befand sich die nicht fundamentierte Wehrmauer, die in Höhe der Mittelachse des Lagers durch die Porta decumana (rückwärtiges Lagertor) unterbrochen war. Die Porta decumana war von zwei Tortürmen flankiert, die auf der Innenseite einen rechteckigen, auf der Außenseite entweder ebenfalls einen rechteckigen oder einen leicht gerundet-rechteckigen Grundriss aufwiesen. Vor der Mauer verlief ein Doppelgrabensystem, dessen innerer Graben sich vor dem Tor verjüngte.[1]

Nachrömische Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Stelle des Arnheimer Kastells entstand noch im fünften Jahrhundert eine zivile oder militärische, fränkische Siedlung, deren Existenz durch entsprechende Keramikfunde gesichert ist. Möglicherweise war sie identisch mit der Niederlassung Meginhardeswich oder war deren Vorläufer. Meginhardeswich, aus dem später Meinerswijk hervorgehen sollte, fand erstmals 814 urkundliche Erwähnung und im Jahre 847 im Zusammenhang mit einem Überfall durch die Wikinger.[12]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lenneke Cuijpers: Een Romeins Castellum in Meinerswijk. In: Paul van der Heijden: Grens van het Romeinse Rijk. De Limes in Gelderland. Matrijs, Utrecht 2016, ISBN 978-90-5345-327-8, S. 71.
  • Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 77f.
  • Piet G. van der Gaauw: Boor- en weerstandsonderzoek castellum Meinerswijk. (= RAAP-rapport. 41). RAAP Archeologisch Adviesbureau, Amsterdam 1989, ISSN 0925-6229.
  • Paul van der Heijden: Grens van het Romeinse Rijk. De Limes in Gelderland. Matrijs, Utrecht 2016, ISBN 978-90-5345-327-8, S. 65–73.
  • Rudi S. Hulst: The Castellum at Arnhem-Meinerswijk. The Remains of Period 5. (= Berichten van de Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek. 44). ROB, Amersfoort 2001, S. 397–438, ISSN 0167-5443.
  • Willem J. H. Willems: Castra Herculis. Een Romeins castellum bij Arnhem. (= Overdrukken – Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek. 145). ROB, Amersfoort 1980, ISSN 0923-702X.
  • Willem J. H. Willems: The Roman Fort at Arnhem-Meinerswijk. (= Berichten van de Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek. 34). ROB, Amersfoort 1986.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neben Quadriburgium (Qualburg), Tricensimae (Xanten), Novaesium (Neuss), Bonna (Bonn), Antunnacum (Andernach) und Bingium (Bingen am Rhein).
  2. Namentlich Haltern 1, Haltern 47, Hofheim 50 und Stuart 131.
  3. Namentlich Drag. 15/17, 24/25 und 29. Ferner Hofheim 50, 51 und 79 sowie rauhwandige Ware vom Typ Stuart 204.
  4. Darunter so genannte „Feine Nijmegische Irdenware“ („Fijn Nijmeegse aardewerk“) aus der Militärtöpferei in Holdeurn bei Nijmegen (71–104 n. Chr.), Terra Sigillata der Typen Drag. 18 und 30, aber auch Drag. 33 und Ostgallische Ware aus La Madeleine vom Typ Drag. 37. Ferner für diese Zeit charakteristische rauhwandige Ware der Typen Stuart 213a, 214b und 215.
  5. Darunter verzierte Sigillata aus La Madeleine und Lavoye, Sigillata vom Typ Drag. 31, aber auch spätere Formen der Typen Drag. 32, 38 und 45 sowie rauhwandige Ware der Typen Niederbieber 89, 104 und 112.
  6. Ware des späten Rheinzabener Töpfers Helenius und Niederbieber 32c.
  7. Ein Topf Alzey 27.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 77 f.
  2. Julianus Egidius Bogaers: Druten - Castra Herculis. In: Julianus Egidius Bogaers, Christoph B. Rüger: Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Rheinland-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 72.
  3. a b Julianus Egidius Bogaers: Castra Herculis.@1@2Vorlage:Toter Link/dare.ubn.kun.nl (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven) (PDF-Datei; 949 kB). 1968, auf der offiziellen Webpräsenz der Universität Nijmegen, (deutsch).
  4. Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte, 18, 2, 4.
  5. Libanios, Oratio XVIII, 82−3.
  6. Piet G. van der Gaauw: Boor- en weerstandsonderzoek castellum Meinerswijk. (= RAAP-rapport. 41). RAAP Archeologisch Adviesbureau, Amsterdam 1989, ISSN 0925-6229.
  7. Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 77.
  8. Willem Albertus van Es: De Romeinen in Nederland. Fibula-Van Dishoeck, Bussum 1972, ISBN 90-228-3935-4, S. 29–37 und 76–81.
  9. AE 2000, 01018
  10. AE 2000, 01019.
  11. Willem J. H. Willems: Arnhem-Meinerswijk. Een nieuw castellum aan de Rijn. (PDF-Datei; 6,05 MB). 1980, auf der offiziellen Webpräsenz der Universität Leiden.
  12. Meginhardeswich auf einer privaten Webseite zur Geschichte Arnheims