Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich über die Kolonien und Helgoland

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Parade zur Abtretung Helgolands an Deutschland am 10. August 1890
Parade zur Abtretung Helgolands an Deutschland am 10. August 1890

Der Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich über die Kolonien und Helgoland vom 1. Juli 1890 regelte die Beziehungen zwischen Gebiets- und Hoheitsansprüchen des Deutschen Reiches und dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland im kolonialisierten Afrika. Vor allem ging es um Klärungen mit Bezug auf die afrikanischen Kolonien, allerdings übertrug das Vereinigte Königreich auch die Nordsee-Insel Helgoland an das Deutsche Reich.[1]

Dieses deutsch-britische Abkommen wird oft als Helgoland-Sansibar-Vertrag bezeichnet, wodurch fälschlicherweise der Eindruck entsteht, diese beiden Inseln seien getauscht worden. Tatsächlich war Sansibar keine deutsche Kolonie, sondern bis Vertragsschluss freies Sultanat.

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ungenaue, jedoch griffige Name Helgoland-Sansibar-Vertrag ist weit verbreitet und findet sich auch in der Geschichtswissenschaft wieder. Er geht auf den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck zurück, der kurz zuvor von Wilhelm II. entlassen worden war. Bismarck wollte das umfangreiche Vertragswerk seines Nachfolgers, Leo von Caprivi, abwerten. Caprivi war auf einen Ausgleich mit dem Vereinigten Königreich aus.

Bismarcks polemische Bezeichnung weckt den Eindruck, das Deutsche Reich habe die wertvolle ostafrikanische Insel Sansibar gegen einen Felsen in der Nordsee, Helgoland, eingetauscht. Tatsächlich verzichtete das Deutsche Reich in dem Kolonialvertrag lediglich auf die Geltendmachung von Gebietsansprüchen, hat Sansibar jedoch nie besessen.[2]

Bedeutung Helgolands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Britische Flagge Helgolands bis 1890

Das deutsche Interesse an Helgoland bezog sich vor allem auf die damaligen Pläne zum Ausbau der deutschen Seemacht. Helgoland galt als strategisch bedeutsam für eine mögliche Kontrolle der Mündungen von Weser und Elbe sowie des 1887 begonnenen Kaiser-Wilhelm-Kanals (Nord-Ostsee-Kanal). Die Blockade des Hamburger Hafens durch die dänische Marine 1848, die mit Helgoland einen neutralen Anlaufpunkt hatte, war nicht vergessen. Wilhelm II. persönlich äußerte Interesse an einem Erwerb Helgolands, um den Flottenbau strategisch zu sichern. Hintergrund war aber eine zuerst nicht national aufgeladene Helgoland-Begeisterung im frühen 19. Jahrhundert, die seit der Reichsgründung in die oft auch aggressiv vorgetragene Forderung umschlug, dass Helgoland deutsch werden solle.[3]

Im Vereinigten Königreich hingegen sah man den militärischen Wert als gering an, da die Deutschen die Insel in viel kürzerer Zeit hätten besetzen können, als es möglich gewesen wäre, eine Hilfsflotte vor Ort zu bringen. Eine Sicherung wäre nur durch äußerst aufwendige Befestigungen möglich gewesen. Die Insel war in England wenig bekannt.

Bedeutung für die Helgoländer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der ehemaligen englischen Kaserne feiern deutsche Soldaten. Konsul Johann Gottlob Bufe (1832–1898), Helgoländer Brauereibesitzer, trinkt nicht mit. Er sitzt auf einem Hummerkorb – in Zivil. 1890 hatte er als Vertreter der Helgoländer bei der Übergabe den Kaiser begrüßt

Die Interessen der Helgoländer standen für die Verhandlungsparteien nicht im Vordergrund. Beide Seiten mussten aufgrund ihrer Geheimdienstinformationen vermuten, dass diese nicht Deutsche werden wollten. In diesem Sinne wurde auch in der Presse geschrieben. In englischen Zeitungen, die dem Vertrag kritisch gegenüber standen, wurde eine Volksabstimmung der Insulaner gefordert.[4] Den Helgoländern wurden dann im Paragraph XII,4 eingeräumt: "Die zur Zeit bestehenden heimischen Gesetze und Gewohnheiten bleiben soweit es möglich ist, unverändert fortbestehen." Sie mussten bis 1918 keine Steuern bezahlen. Die Wehrpflicht wurde erst für die ab 1890 Geborenen eingeführt und die Zollfreiheit wurde bis 1910 garantiert. Allerdings war die Formulierung der Rechte so weich ("soweit es möglich ist"), dass die Einführung der Einkommensteuer und die Aufhebung des Wahlrechts nur für ansässige Helgoländer nach dem 1. Weltkrieg zu Separationsbestrebungen führte, wobei dieser Satz des Vertragstextes immer wieder zitiert wurde.[5] Geblieben ist bis heute die Zollfreiheit, die 1910 hätte aufgehoben werden können, was man aus politischen Gründen aber nicht tat. 1914 wurden die Helgoländer von den Deutschen als Sympathisanten der Engländer von der Insel deportiert.

Die Deutschen fühlten sich durch die Abneigung ihrer neuen Untertanen gekränkt, erst in der neuesten Literatur wird überhaupt die Meinung der Helgoländer wieder diskutiert.

Inhalt des Vertrages[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abtretungen von Gebieten und Ansprüchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Vertrag verzichtete das Deutsche Reich auf alle etwaigen Ansprüche nördlich Deutsch-Ostafrikas. Dies betraf Deutsch-Witu, Lamu,[6] Gebiete nördlich des Tana und am Baringosee sowie das im Uganda-Vertrag erwähnte Buganda.[7][8] Dadurch sollte ein Ausgleich mit Großbritannien erzielt werden. Auch die Ansprüche auf die gesamte Somaliküste zwischen Buur Gaabo und Aluula wurden aufgegeben, wovon die Beziehungen zum Dreibund-Partner Italien profitierten. Deutsch-Südwestafrika wurde im Gegenzug mit dem Sambesi verbunden (Caprivizipfel). Unter diesen Umständen scheiterten wiederum die deutschen Kolonialbestrebungen in Südostafrika:[9] 1884 wurde im Namen Lüderitz’ mit dem Zulu-König Dinuzulu ein Vertrag geschlossen, der Deutschland einen lokalen Gebietsanspruch an der Santa-Lucia-Bucht im Zululand sichern sollte. Im Zuge eines Ausgleichs mit Großbritannien wurde das Ansinnen aber im Mai 1885 fallengelassen.[10] Auch zwei Kolonisierungsversuche im südafrikanischen Pondoland, 1885 und 1889, scheiterten.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Birken: Der Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890. In: Internationales Jahrbuch für Geschichts- und Geographie-Unterricht. Bd. 15, 1974, ISSN 0074-9834, S. 194–204.
  • Heinz Schneppen: Der Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890. In: Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande – Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton Verlag, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-269-8, S. 185–189.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertragstext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b The Anglo-German Treaty (Heligoland–Zanzibar Treaty) 1 July 1890 (englische Übersetzung)
  2. Ulli Kulke: Die Mär vom Helgoland-Sansibar-Tausch. In: welt.de. 30. Juni 2015, abgerufen am 7. Oktober 2018.
  3. Vgl. Eckhard Wallmann, Helgoland Eine deutsche Kulturgeschichte, Hamburg 2017
  4. Vgl. Jan Rüger: Heligoland. Oxford 2017, S. 87, und Eckhard Wallmann: Helgoland – Eine deutsche Kulturgeschichte, Hamburg 2017, Kapitel XIII
  5. Eckhard Wallmann: Eine Kolonie wird deutsch. Helgoland zwischen den Weltkriegen. Bredstedt 2016 (erste Auflage 2012).
  6. Lamu, in: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Bd. II, Leipzig 1920, S. 411.
  7. Rochus Schmidt: Deutschlands Kolonien. Band 1, Berlin: Verlag des Vereins der Bücherfreunde Schall & Grund, 1898, S. 19. (Reprint durch Weltbild Verlag, Augsburg 1998, ISBN 3-8289-0301-0)
  8. Wilfried Westphal: Geschichte der deutschen Kolonien. Bindlach: Gondrom, 1991, S. 126ff., ISBN 3-8112-0905-1.
  9. Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien. 5. Aufl., Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2004, S. 80f., ISBN 3-8252-1332-3.
  10. Santa Lucīa, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 17, Leipzig 1909, S. 587.
  11. Pondoland, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 16, Leipzig 1908, S. 145–146.