Villa Lilly

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Hauptgebäude Haus Lilly

Die Villa Lilly ist ein Gebäudekomplex bei Lindschied, Stadt Bad Schwalbach, Hessen. Der deutsch-US-amerikanische Bierfabrikant Adolphus Busch ließ die Villa in den Jahren 1891 bis 1915 nach Entwürfen der Architekten Friedrich Groh und Joseph Drescher als Sommerresidenz errichten. Nach verschiedenen Zwischennutzungen dient das mit mehreren historischen Gebäuden bebaute, knapp 40 ha große parkähnlich angelegte Areal seit 1987 der Behandlung suchtkranker Menschen.

Wohnhaus Claire

Historische Gebäude[Bearbeiten]

Das Gesamtanwesen wurde von dem „Bierkönig“ Adolphus Busch geplant und erbaut, der damit in der Nähe seines Geburtsorts Kastel eine Sommerresidenz errichten ließ. Adolphus Busch, der ein Gymnasium besucht und in Brüssel studiert hatte, war bereits mit 18 Jahren und drei seiner Brüder 1857 nach St. Louis ausgewandert, hatte dort in einem Großhandelshaus gearbeitet, später ein eigenes gegründet und nach der Heirat mit der Brauereitochter Lilly Anheuser (1844-1928) den größten Bierkonzern der Welt entstehen lassen: Anheuser und Busch (heute: Anheuser-Busch InBev). Von seiner Sommerresidenz aus bereiste er mit dem eigens aus den USA eingeführten Salonwagen Deutschland, wobei ihn nicht nur kulturelle Ereignisse wie die Bayreuther Festspiele reizten, sondern auch Getreidepreise vor Ort (speziell in Böhmen) ausgehandelt wurden.

Das Haupthaus der Villa Lilly wurde 1891 als erstes errichtet und nach dem Namen der Frau des Erbauers Adolphus Busch, benannt: Haus Lilly. Das in Hessen einzigartige Gebäude zeichnet sich architektonisch durch eine Mischung von europäischem Klassizismus und amerikanischem Kolonialstil aus. Erst später wurde das zweitgrößte Haus, Haus Claire, fertiggestellt, das mit seinen Jugendstilelementen eher wieder europäische Züge trägt. Neben den großzügig angelegten repräsentativen und teilweise an Jagdschlösser erinnernden Wohnhäusern sind umfangreiche Wirtschaftshäuser einschließlich eines historischen Gewächshauses erhalten. Sie stehen in einem lockeren Ensemble auf dem 39 ha großen parkähnlichen Grundstück, wobei die Wirtschaftsgebäude um den an einen Dorfplatz erinnernden Hof gruppiert sind. Die Villa Lilly wurde das ganze Jahr über von umfangreichem Personal bewirtschaftet und bewohnt. Daran erinnern einige kleinere historische Gebäude, die etwas versteckter und weniger repräsentativ auf dem Gelände verteilt sind.[1]

Spätere Nutzungen[Bearbeiten]

Unter den Nationalsozialisten wurde das Gebäude als Müttergenesungsstätte genutzt. Später waren hier US-amerikanische Soldaten untergebracht, es folgten Nutzungen als Schule und als soziale Einrichtung (Albert-Schweitzer-Schule, „Haus Schwalbach“ u.a.). 1961 wurde der Komplex vom Land Hessen erworben und später für 15 Millionen DM aufwendig renoviert. Das Gesamtanwesen wurde zwischenzeitlich unter anderem auch von Mitgliedern der „Neuen Frankfurter Schule“ (gegründet unter anderem von Hans Traxler und Robert Gernhardt) bewohnt. Von diesen wurde im Haus Claire die erste Ausgabe der Satirezeitschrift „Titanic“ geplant und entworfen. Die Gebäude stehen heute sämtlich unter Denkmalschutz. Mittlerweile ist der Besitz an den heutigen Nutzer und bisherigen Pächter übergegangen (s.u.).

Heutige Nutzung[Bearbeiten]

Die Villa Lilly wird seit 1987 unter der Bezeichnung „Therapiedorf Villa Lilly“ zur therapeutischen Behandlung drogenabhängiger Menschen genutzt. Mit 85 Behandlungsplätzen und 10 Plätzen zur Aufnahme von Kindern drogenabhängiger Eltern ist die Einrichtung eine der größten in Deutschland. Sie nimmt deutschlandweit Patienten auf. Für die Vorschulkinder der hier Behandelten besteht ein gesondertes Betreuungsprogramm. Zur praktizierten Therapie gehört die Behandlung psychischer und körperlicher Folgeschäden wie Hepatitiden (v.a. Hepatitis C), Depressionen, Psychosen, Borderline und anderen, für die ebenso spezialisierte Therapieeinheiten vorgehalten werden. Die Psycho- und Suchttherapie erfolgt in Einzel- und Gruppentherapien, die von indikativen Therapieangeboten und Informationsveranstaltungen sowie Rückfallpräventionsprogrammen begleitet werden. In den Arbeitsstätten Schreinerei, Elektrowerkstatt (beide sind Ausbildungsbetriebe), Malerei, Schlosserei, Landschafts- und Gebäudepflege sowie die angegliederte Landwirtschaft tragen die Patienten selber dazu bei, die Gebäude und die knapp 40 ha große Parklandschaft zu erhalten. Um Selbstverantwortung für sich und ihre Mitmenschen zu lernen, sind die Patienten gleichwohl in der Küche und Hauswirtschaftsbereichen eingesetzt, wo sie von Fachpersonal angeleitet werden.

Träger ist der Verein Jugendberatung und Jugendhilfe e.V. mit Sitz in Frankfurt am Main.

Dokumentarfilm[Bearbeiten]

  • Ulf von Mechow: Villa Lilly oder Der Bierkönig, BR Deutschland, 1988/89, Dokumentarfilm, Direkt-Film, Länge: 90 min.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dagmar Söder: Kunstdenkmäler in Hessen. Rheingau-Taunus-Kreis II. Altkreis Untertaunus. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden, 2003

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Bierkönig und seine Sommerfrischein FAZvom 10. Oktober 2013, Seite 44

50.1608118.056862Koordinaten: 50° 9′ 39″ N, 8° 3′ 25″ O