Virtuelle Telefonanlage

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Eine virtuelle Telefonanlage ist eine Telefonanlage deren Hardware nicht beim Unternehmen steht, sondern bei einem Provider. Über das Internet wird mittels VoIP (Voice over IP – zu deutsch: Internet-Telefonie)[1] das Telefonieren als reine Software-Lösung ermöglicht.

Funktionsweise einer virtuellen Telefonanlage im Vergleich zur analogen Telefonie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die herkömmliche Telefonanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der herkömmlichen Telefonanlage handelt es sich um eine zentrale Anlage, an die alle Anschlüsse in verschiedenen Räumen mit ihren jeweiligen Rufnummern und Telefonen angebunden sind. Sie werden von einem Anbieter gekauft und eingerichtet und müssen gewartet werden. Die so genannten Nebenstellen (ein Apparat pro Nutzer) sind in der Regel von einem Techniker anzuschließen. Eine analoge Telefonanlage ist deshalb relativ aufwändig in der Nutzung insbesondere wenn ein Defekt vorliegt, da meist ein Techniker vor Ort benötigt wird.

Die virtuelle Telefonanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der internetbasierten Telefonie wird keine Verkabelung oder physische Telefonanlage mehr benötigt, da die Telefonate über ein Internetprotokoll in Rechenzentren via VoIP übertragen werden. Telefongespräche werden daher nicht mehr über einen Telefonanschluss geführt, sondern über einen DSL-Anschluss. Die Sprachübertragung erfolgt dabei in Echtzeit. Mit einer stabilen Internetverbindung kann der Zugriff auf das virtuelle Telefonsystem von jedem Endgerät (PC, Tablet oder Smartphone) und von jedem Ort aus erfolgen. Auch ein reguläres Telefon kann dafür verwendet werden, solange es IP-basiert ist. Mithilfe eines Ethernet-Kabels kann es ins Netz eingehängt und mit einem DSL-Router verbunden werden.

Ein Smartphone kann durch „Fixed Mobile Convergence[2] in die Cloud-Telefonanlage eingebunden werden. So ist es möglich, dass jeder Nutzer die Anrufe, die auf seiner Durchwahl eingehen, von überall aus direkt am Handy beantworten kann.

Die Funktion des Codecs bei der Gesprächsübertragung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Begriff Codec versteht man einen Algorithmus, mithilfe dessen das Gesprochene in einem Telefonat verschlüsselt (kodiert) und im Anschluss wieder entschlüsselt (dekodiert) wird. Da es verschiedene Anforderungen an VoIP Telefongespräche gibt, unterscheiden sich die Algorithmen und somit auch die Codecs, die jeweils besondere Vorteile und Eigenschaften haben.[3]

Die größten Unterschiede existieren mit Hinblick auf die Sprachqualität, benötigter Bandbreite, Kompression & benötigter Rechenleistung, Bitrate (variable oder fest) und die Verbreitung.

Einige Codecs bieten beispielsweise eine bessere Sprachqualität als andere. Jedoch kann man als Nutzer nicht pauschal einen Codec wählen, da die Funktionalität des Codecs von weiteren Faktoren abhängt. So müssen zum Beispiel alle Endgeräte und die VoIP-Telefonanlage selbst den Codec unterstützen.

In der Praxis kommen folgende Codecs besonders häufig vor:

  • G.711 (ca. 100 kbit/s, unkomprimiert, Qualität sehr gut)
  • G.722 (ca. 100 kbit/s, unkomprimiert, Qualität sehr gut)
  • G.729 (ca. 15 kbit/s, komprimiert, Qualität sehr gut bis gut)

Im Folgenden werden die meistverbreiteten Codecs näher beschrieben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Codec G.711 (a-law oder u-law) Der Codec G.711 ist einer der häufigsten und bietet sehr gute Sprachqualität, vergleichbar mit ISDN.

Die benötigte Bandbreite liegt bei ca. 100 kbit/s, inklusive Overhead. Der Codec G711 wird von beinahe allen Endgeräten und VoIP-Telefonanlagen unterstützt.

Codec G.722 (HD-Codec) Der Codec G.722 ermöglicht IP-Telefonie in HD-Qualität über eine VoIP-Telefonanlage durchzuführen. Die benötigte Bandbreite liegt hier auch ca. b 100 kbit/s. Das übertragene Frequenzspektrum ist jedoch höher, wodurch Gesprochenes und Musik besser klingen. Diese Qualität wird oft jedoch ausschließlich intern innerhalb der VoIP-Telefonanlage erreicht. Bei Telefonaten nach außen ist weiterhin die Gesprächsqualität von ISDN gegeben.

Codec G.729 Der Codec G.729 eignet sich gut für Home-office, Remote-Arbeitsplätze oder Softclients (VoIP-Software auf dem PC), weil diese häufig über eine schlechtere Internetverbindung mit der VoIP-Telefonanlage verbunden sind. Mit dem Codec G.729 erreicht man die ISDN-Qualität von G.711, jedoch mit deutlich weniger benötigter Bandbreite.[4]

Vorteile einer virtuellen Telefonanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsunabhängigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein stationäres Telefon ist nicht mehr zwingend notwendig, die Anrufe können mithilfe eines Softphones[5] ausgeführt werden. Dies funktioniert über eine Software, welche auf einem PC, Tablet oder Smartphone installiert wird und somit ortsunabhängig genutzt werden kann. Anrufe können somit an jedem Ort angenommen werden. Das ist besonders vorteilhaft bei mehreren Standorten und Mitarbeitern im Home-Office.

Flexibilität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der virtuellen Telefonanlage können neue Nebenstellen in der Cloud mit einem Klick hinzugefügt werden. Der Nutzer muss sich somit zu Beginn nicht auf eine bestimmte Anzahl an Nebenstellen festlegen. Es werden dabei nur die tatsächlich genutzten Nebenstellen berechnet.

Des Weiteren können alle Einstellungen online selbst vorgenommen werden, wie zum Beispiel das Erstellen von Weiterleitungen oder Ändern der Wartemusik.

Kostenersparnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten Provider rechnen pro Nebenstelle ab. Das heißt, dass nur das bezahlt wird, was tatsächlich benötigt wird. Zudem sind keine Investitionen in Hardware nötig (von den VoIP-Telefonen abgesehen).

Ein weiterer Vorteil ist, dass der Provider der Cloud-Telefonanlage für alle Updates, Wartungen und den reibungslosen Betrieb verantwortlich ist und somit keine laufenden Kosten für Wartungspersonal anfallen.

Voraussetzungen für eine virtuelle Telefonanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausreichende Internetverbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Damit die Gesprächsverbindungen störungsfrei bleiben sind hohe Übertragungsraten wichtig. Bis zu einem Anschluss von ca. 20 Nebenstellen ist eine ADSL- bzw. SDSL-Leitung ausreichend. Bei über 20 Nebenstellen sollte auf eine VDSL-Leitung umgestiegen werden, um eine gute Verbindung garantieren zu können.

Bei der Höhe der Bandbreite ist sowohl die Anzahl der Mitarbeiter als auch das Anrufaufkommen entscheidend, da Nutzung eines Gesprächskanals etwa 100Kbit/s[6] pro Sekunde in Anspruch (Up- und Download) nimmt.

VoIP-Fähigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Netzwerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Nutzung einer virtuellen Telefonanlage in Verbindungen mit IP-Endgeräten wird eine entsprechende LAN-Infrastruktur (lokales Netzwerk) benötigt. Meistens ist diese standardmäßig vorhanden.

Endgeräte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gängigen Hersteller VoIP-fähiger Endgeräte[7] sind vor allem die Unternehmen Gigaset und Snom, aber auch Yealink, Grandstream und Mitel (Aastra).

Auch die Nutzung von Softphones, also Telefonie-Software auf Ihrem Rechner, oder Call-Apps, also Telefonie-Apps auf Smartphones ist möglich.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Definition Voice over IP. In: Duden. Abgerufen am 17. April 2019.
  2. Bedeutung Fixed Mobile Covergence. Abgerufen am 17. April 2019.
  3. Codecs - VoIP-Info. In: VoIP-Info. 8. September 2005 (voip-info.org [abgerufen am 12. Oktober 2018]).
  4. Codecs für VoIP-Telefonanlagen – Das sollten Sie wissen. Abgerufen am 12. Oktober 2018.
  5. Softphones bei virtuellen Telefonanlagen. Abgerufen am 17. April 2019.
  6. Internetbandbreite. Abgerufen am 23. April 2019.
  7. VoIP-fähige Endgeräte. In: Chip.de. Abgerufen am 17. April 2019.