Wörgler Schwundgeld

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Das Wörgler Schwundgeld

Das Wörgler Schwundgeld, auch Wörgler Freigeld, Wörgler Schilling oder im Volksmund auch das Wunder von Wörgl genannt, war ein Schwundgeldexperiment in der österreichischen Stadt Wörgl, das vom damaligen Bürgermeister Michael Unterguggenberger zur Bewältigung der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise im Juni 1932 ins Leben gerufen wurde. Nach einem Gerichtsprozess musste das Experiment im September 1933 eingestellt werden.

Ausgangslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929 war die Wirtschaftslage in der Region um Wörgl 1931 von einer Deflation geprägt. In der Stadt war um 1932 die örtliche Zement- und Zellulosefabrikation stark zurückgegangen und die Arbeitslosenquote bedrohlich angestiegen.[1] Die Gemeinde hatte einerseits beträchtliche Steuerausfälle, andererseits hohe Lasten durch Unterstützungsleistungen an Arbeitslose. Eine Schuldenlast in Höhe von 1,3 Millionen Schilling und 1500 Arbeitslose, von denen etwa die Hälfte auf die Armenfürsorge der Gemeinde angewiesen war, machten es unmöglich, auch nur die notwendigsten Investitionen zu tätigen. Die in Umlauf befindliche, an die Goldreserven gebundene Geldmenge verkleinerte sich zusehends. Die Kasse war leer, und ein Ende war nicht abzusehen. So wurde ein Wohlfahrtsausschuss gebildet, der die Ausgabe des Notgeldes organisierte.

Das Experiment[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der damalige Bürgermeister Michael Unterguggenberger arbeitete ein Nothilfe-Programm aus, umlaufgesichertes Freigeld als Komplementärwährung im Wert von 34.500 Schilling für die Region Wörgl auszugeben. Ideenlieferant war ihm dabei die Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells.[2] Am 8. Juli 1932 wurde das Geldexperiment vom Wörgler Gemeinderat einstimmig angenommen.

Ab Ende Juli 1932 gab die Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Unterguggenberger als Lohn der Gemeindeangestellten eigene sogenannte Arbeitswertscheine aus, den Wörgler Schilling. Die Scheine gab es in Nennwerten von 1, 5 und 10 Schilling. Die einheitliche Rückseite prägte vor allem der Spruch „Er lindert die Not, gibt Arbeit und Brot!“. Insgesamt wurden 32.000 Not-Schilling aufgelegt, die Gemeinde, die das Schwundgeld ausgab, kaufte allerdings nur insgesamt 8.500 Notschilling vom Ausschuss, wovon wiederum nur durchschnittlich rund 6.000 Schilling im Umlauf waren. Es wird angenommen, dass der tatsächliche Geldumlauf innerhalb der 14 Monate über 400 Mal stattfand.[3]

Die Arbeitswertscheine waren umlaufgesichertes Freigeld. Monatlich musste eine Marke zu einem Prozent des Nennwertes der Note gekauft und in ein dafür vorgesehenes Feld auf der Vorderseite des Geldscheins geklebt werden, um ihn gültig zu erhalten. Das Geld war durch Hinterlegung von Bargeld der Gemeinde bei der Wörgler Raiffeisenkasse gedeckt und gleichwertig an den Schilling gekoppelt. Mit diesen Scheinen konnten Gemeindesteuern gezahlt werden. Einheimische Geschäftsleute nahmen Freigeld in Zahlung.

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Experiment wurde als erfolgreich bezeichnet. Geldkreislauf und Wirtschaftstätigkeit wurden wiederbelebt, während das übrige Land tief in der Wirtschaftskrise steckte. Die Erfolge des Projektes waren beachtlich:

  • Der Einnahmenrückstand wurde um 34 % verringert,
  • der Abgabenrückstand konnte um über 60 % abgebaut werden.
  • Weiters konnten eine Zunahme des Ertrages an Gemeindesteuern um 34 % und
  • eine Zunahme der Investitionsausgaben der Gemeinde von etwa 220 % verzeichnet werden.

Bis in die 1980er zeugte unter anderem die Aufschrift „mit Freigeld erbaut“ auf der Müllnertalbrücke[4] davon. In den 14 Monaten des Experiments sank die Arbeitslosenquote in Wörgl von 21 auf 15 % ab, während sie im übrigen Land weiter anstieg.

Die positiven Auswirkungen führten dazu, dass der Modellversuch in der Presse als das „Wunder von Wörgl“ gepriesen wurde. Das Interesse daran stieg derart, dass über hundert weitere Gemeinden im Umkreis von Wörgl dem Beispiel folgen wollten. Auch im Ausland und in Übersee fand die Aktion starke Beachtung und Nachahmer. Aus Frankreich reiste der Finanzminister und spätere Ministerpräsident Édouard Daladier nach Wörgl, und in den USA schlug der Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher der amerikanischen Regierung – wenn auch vergeblich – vor, ein Wörgl-ähnliches Geld mit dem Namen Stamp Scrip zur Überwindung der Wirtschaftskrise einzuführen.

Prozess und Beendigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allerdings erhob die Oesterreichische Nationalbank gegen die Wörgler Freigeld-Aktion vor dem Verwaltungsgerichtshof erfolgreich Einspruch, weil allein ihr das Recht auf Ausgabe von Münzen und Banknoten zustand. Das Experiment von Wörgl und alle weiteren Planungen wurden verboten. Nach Androhung von Armeeeinsatz beendete Wörgl das Experiment im September 1933 und stoppte den Umlauf des Wörgl-Schillings.[5]

Der „Februar-Aufstand“ 1934, bei dem sich Heimwehr und Schutzbund auch in Wörgl bekämpften, konnte glimpflich beendet werden. Daraufhin wurde jedoch die Sozialdemokratische Partei verboten und Unterguggenberger als Bürgermeister von Martin Pichler abgelöst.[2] Im Dezember 1936 starb Unterguggenberger an einer Lungenembolie.[5]

Erinnerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein Unterguggenberger-Institut hält das Erbe des Wörgler Geld-Experimentes wach und bringt historische Erfahrungen mit aktuellen Projekten zusammen. Gemeinsam mit dem Heimatmuseum und dem Stadtarchiv organisiert das Institut eine Ausstellung. Der Verein trägt zudem Lösungen rund um das Thema Komplementärwährung zusammen und stellt sie einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.

In den Jahren 1951 und 1983 erinnerten Freiwirtschaftskongresse in Wörgl an das Währungsexperiment, ebenso eine Tagung 1996.

Die Gemeinde Wörgl setzte Unterguggenberger für seine Verdienste ein Denkmal. 2007 wurde Michael Unterguggenberger postum zum Ehrenbürger der Stadt Wörgl ernannt. Die Asche Unterguggenbergers ist in der nord-östlichen Ecke des Waldfriedhofes in Wörgl begraben (Freigeldwanderweg). Das Jahr 2007 wurde zudem von der Stadt Wörgl offiziell zum Wörgler Freigeldjahr erklärt.[6]

Ende März 2009 schlug Bürgermeister Abler wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise die Einführung einer Komplementärwährung nach historischem Vorbild vor.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachrichten über das Wörgler Schwundgeld initiierten auch in den USA ähnliche Feldversuche. Grundlage dafür war das um die Jahreswende 1932/33 erschienene Handbuch Stamp Scrip, das der Ökonom Irving Fisher gemeinsam mit dem deutschen Gesell-Anhänger Hans Cohrssen und einem weiteren Mitarbeiter veröffentlicht hatte.[7]

Der Autor Alfred DeMichele transformierte in seinem Roman Wasserscheiden die Geschehnisse rund um das Wörgler Währungsexperiment in die heutige Zeit und ehrt mit der Figur eines der Protagonisten (Professor Guggenmoser) mutmaßlich Michael Unterguggenberger.

Zu Ehren Unterguggenbergers wurde 2007 in Wörgl das Theaterstück Unterguggenberger & das Freigeldexperiment uraufgeführt.[8]

Im Herbst 2017 wurde als Gemeinschaftsproduktion von ORF, BR und Arte unter der Regie von Urs Egger der Spielfilm Das Wunder von Wörgl über Unterguggenbergers Experiment gedreht. Die Hauptrolle spielt Karl Markovics; die Erstausstrahlung erfolgte im Dezember 2018.[9] Eine zugehörige Dokumentation erhielt den Titel Der Geldmacher – Das Experiment des Michael Unterguggenberger.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Uchatius: Das Wunder von Wörgl. (Memento vom 12. Oktober 2019 im Internet Archive). In: Die Zeit, 22. Dezember 2010, Nr. 52.
  2. a b Michael Unterguggenberger – Heimat Wörgl. Abgerufen am 6. April 2021.
  3. Fritz Schwarz: Der Freigeldversuch in Wörgl, 1932/33. 1951, abgerufen am 3. Februar 2011.
  4. Veronika Spielbichler: Bild der sog. „Freigeldbrücke“ (wahrsch. von 1955). (der Artikel http://heimat.woergl.at/verschiedenes/freigeld-woergl ist von Veronika Spielbichler, von wem die Bilder sind, ist dort nicht belegt). In: http://heimat.woergl.at. Abgerufen am 6. Mai 2021.
  5. a b Das Wunder von Wörgl. In: Die Zeit, Nr. 52/2010.
  6. Freigeldjahr 2007 in Wörgl. In: Wörgl Stadtmagazin, Jänner 2007, S. 2, 4, 5, 20–21, (PDF; 3,2 MB).
  7. Ein digitalisiertes Exemplar der Schrift Stamp Scrip findet sich hier.
  8. Immo Fiebrig: Wörgl im Freigeldjahr. Unterguggenberger-Institut, Wörgl, abgerufen am 14. Dezember 2011.
  9. Karl Markovics ist „Der Geldmacher“. Österreichischer Rundfunk (ORF), 28. September 2017, abgerufen am 13. November 2017.
  10. Susanne Poelchau: Doku zum „Wunder von Wörgl“: Der Geldmacher – Das Experiment des Michael Unterguggenberger. BR.de (Bayerisches Fernsehen), 2018, abgerufen am 11. Januar 2020.