Wikipedia:Enzyklopädie/Parlamentarierportal BIOPARL

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Programm[Quelltext bearbeiten]

Das Parlamentarierportal BIOPARL dient zur Erforschung des Parlamentarismus und der politischen Führungsgruppen / Eliten in der deutschen Geschichte. Bislang verfügt die Forschung zu großen Teilen über keine geeignete flächendeckende Informationsbasis über die handelnden Politiker. Demzufolge richtet sich das Forschungsinteresse vorwiegend auf die Analyse von institutionellen und politischen Rahmenbedingungen und den Verlauf parlamentarischer Verhandlungen. Dabei spielen die handelnden Politiker in diesem systematischen Zusammenhang keine Rolle.

Das Parlamentarierportal BIOPARL hat sich daher die Aufgabe gestellt, biografische Daten deutscher Parlamentarier zu erschließen und der Forschung zur Verfügung zu stellen. BIOPARL führt Datenbestände aus verschiedenen insbesondere am Zentrum für Historische Sozialforschung (ZHSF) (Teil von GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Datenarchiv und Datenanalyse, Köln) bearbeiteten kollektiv–biografischen Forschungsprojekten (Kollektive Biografie) zusammen. Es liegen biografische Informationen zu Parlamentariern der Deutschen Reichstage und Landesparlamente, der Deutschen Bundestage und der 10. Volkskammer der DDR vor. BIOPARL wird wissenschaftlich von Wilhelm Heinz Schröder geleitet.

Wissenschaftlicher Begründungszusammenhang[Quelltext bearbeiten]

Der wissenschaftliche Begründungszusammenhang des Parlamentarierportals BIOPARL ist in einer Reihe von Publikationen des Zentrums für Historische Sozialforschung dargelegt. So hat u.a. Wilhelm Heinz Schröder schon 1985 systematische wissenschaftliche Überlegungen zu einem „Biographischen Handbuch der Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen bis 1933“ (BIOPARL) vorgelegt und 1995 in seiner umfassenden Einleitung zum BIOSOP-Handbuch die Grundlagen der lexikalischen und kollektiven Biografik theoretisch, methodisch und empirisch erläutert. Schröder hat zusammen mit seinen Mitarbeitern Wilhelm Weege und Martina Zech schließlich in 2000 die Erträge der historischen Parlamentarismus-, Eliten- und Biographieforschung am Zentrum für Historische Sozialforschung kompakt zusammengefaßt. Einerseits leistet BIOPARL einen Beitrag zur Grundlagenforschung über die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, andererseits versteht sich BIOPARL als ein Beitrag zur Erforschung politischer Eliten, insbesondere im Rahmen der interdisziplinär angelegten Wahl-, Parlamentarismus-, Parteien- und Verbändeforschung.

Elitenforschung[Quelltext bearbeiten]

Zum einen geht es bei der Elitenforschung darum, durch die Untersuchung der Zusammensetzung, der Rekrutierung, der Verflechtung, der Transformation usw. von Eliten Erkenntnisse zu gewinnen über die Sozialstruktur, das Schichtgefüge, die Mobilitätsprozesse einer Gesellschaft und den damit verbundenen Wandel. Zum anderen geht es darum, durch die Analyse der Herkunft, der Wertvorstellungen, der Kohärenz, der Zirkulation, der Machtstellung usw. von Eliten Erkenntnisse zu gewinnen über die sozialen Grundlagen und Bedingungen politischer Prozesse und über die Determinanten des politischen Handelns und Verhaltens von Eliten. Parlamentarische »Eliten« werden in diesem Zusammenhang im Sinne der Definition von »Funktionseliten« verstanden. »Funktionseliten« sind demnach »die mehr oder weniger geschlossenen sozialen und politischen Einflußgruppen, welche sich aus den breiten Schichten der Gesellschaft und ihren größeren und kleineren Gruppen auf dem Wege der Delegation oder der Konkurrenz herauslösen, um in der sozialen oder der politischen Organisation eine bestimmte Funktion zu übernehmen«. (Otto Stammer).

Kollektive Biografik[Quelltext bearbeiten]

Eine der Hauptquellen der Forschung über politische Eliten stellen die Lebensläufe der Elitenmitglieder dar. Zur Auswertung von Lebensläufen wurde u. a. die Methode der »kollektiven Biografie« entwickelt. »Kollektive Biografie« kann man definieren als: »die theoretisch und methodisch reflektierte, empirische, besonders auch quantitativ gestützte Erforschung eines historischen Personenkollektivs in seinem gesellschaftlichen Kontext anhand einer vergleichenden Analyse der individuellen Lebensläufe der Kollektivmitglieder«. (Wilhelm Heinz Schröder). Im Mittelpunkt der Analyse stehen hierbei vor allem folgende Problembereiche:

  • Alters und Generationsstruktur;
  • Konfessionsstruktur;
  • Rekrutierungsmuster;
  • Berufliche Gliederung;
  • Regionale Herkunft/Migration;
  • Mandatsdauer/Professionalisierung;
  • Parlamentarische Aktivitäten: Ämter und Issues.

Als Quellengrundlage für eine kollektive Biografie dienen die systematisch elaborierten und wissenschaftlich gesicherten Lebensläufe der jeweiligen Elitenmitglieder.

Theoretische Ansätze[Quelltext bearbeiten]

Im gesellschaftlichen Sozialisationssystem (Familie, Jugendgruppen, Bildungseinrichtungen etc.) erfolgt u.a. die frühe Politische Sozialisation, d.h. insbesondere das Erlernen von politischen Werten, Rollen und Normen. Die dabei am häufigsten verwandten theoretischen Erklärungsansätze der Kollektiven Biografik sind:

  • stratifikationstheoretischer Ansatz (soziale Herkunft determiniert entscheidend die späteren Aufstiegschancen);
  • sozialisationstheoretischer Ansatz (grundlegende Einstellungen und Verhaltensmuster von Erwachsenen werden schon in der Kindheit und Jugend geprägt);
  • persönlichkeitstheoretischer Ansatz (die Herausbildung von Persönlichkeitsmerkmalen in der frühen Kindheit determiniert wesentlich die Persönlichkeitsstruktur des Erwachsenen und damit auch dessen spezifische Karrierechancen);
  • generationstheoretischer Ansatz (vor allem verwandte Geburtsjahrgänge sind durch eine gemeinsame Generationslage gekennzeichnet, was wiederum bedeutet, daß tendenziell bei einer Generation bestimmte Arten und Weisen des Erlebens, Denkens, Fühlens und Handelns ausgeschlossen, andere dagegen dominant sind).

Die Politische Sozialisation schafft die Voraussetzung für die Politische Rekrutierung (Beitritt zu politischen Vereinen / Parteien). Im gesellschaftlichen Selektionsystem (Parteien, Parlamente, Staat, Vereine, Verbände, Berufe, Betriebe etc.) vollzieht sich dann der Prozeß der (Erwachsenen-)Sozialisation, der Qualifizierung und der Professionalisierung, was schließlich die Möglichkeiten einer Politischen Karriere und den Zugang zur Politischen Elite eröffnet. Die dabei am häufigsten verwandten theoretischen Erklärungsansätze der Kollektiven Biografik sind:

  • karrieretheoretischer Ansatz;
  • professionaliserungstheoretischer Ansatz;
  • bürokratisierungstheoretischer Ansatz und
  • elitentheoretischer Ansatz.

Literaturüberblick[Quelltext bearbeiten]

Die Literatur zur allgemeinen Biographie- und Lebenslaufforschung ist inzwischen zahllos. Die Literatur zur kollektiven Biografik ist überschaubar. Einen guten neueren Überblick über die politische (kollektive) Biografik bietet der Übersichtsartikel von Alexander Gallus im Rahmen der Bundeszentrale für politische Bildung in 2005. Themen sind hier: „Biographisches Verlangen und Unbehagen“, „Britische und deutsche Erfahrungen „ und „Leistungen und Kritik“.

Quellen: Biografien deutscher Parlamentarier 1848 bis heute (BIOPARL)[Quelltext bearbeiten]

Folgende biografische Datenbanken werden online bereitgestellt:

  • Abgeordnete deutscher Nationalparlamente 1848 – 1933 (BIORAB)
    • Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung 1848 – 1849 (BIORAB–FRANKFURT)
    • Abgeordnete des Norddeutschen Reichstages, des Zollparlaments und der Deutschen Reichstage 1867 – 1918 (BIORAB–KAISERREICH)
    • Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung und der Deutschen Reichstage 1919 – 1933 (BIORAB–WEIMAR)
  • Abgeordnete des Deutschen Bundestages 1949 – 2006 (BUMAST)
  • Abgeordnete der 10. DDR–Volkskammer 1990 (VOLKPARL)
  • Sozialdemokratischen Parlamentarier in den deutschen Reichs– und Landtagen 1867–1933 (BIOSOP)
  • Sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Reichstagskandidaten 1898–1918 (BIOKAND)
  • Abgeordnete in den Landtagen der Weimarer Republik 1918 – 1933 (BIOWEIL)

Neben den personenbezogenen Grunddaten werden Informationen über Berufsstationen, politische Karriere und parlamentarische Tätigkeit strukturiert angeboten.

Die Informationsdichte und die wissenschaftlichen Prinzipien der Edition sind in den einzelnen Projekten sehr unterschiedlich. Wurden in einigen Projekten nur wissenschaftlich gesicherte Informationen als Grundlage kollektiv–biografischer Forschung aufgenommen, beruhen andere Datenbestände auf der freiwilligen Selbstangabe der Parlamentarier. Gemeinsam ist allen Datenbeständen, dass sie in strukturierter Form in Datenbanken abgelegt wurden. Diese Datenbanken sind vernetzt, so dass Informationen zu einzelnen Parlamentarier auch zusammengefasst abgerufen werden können.

Neben den Lebensläufen werden Publikationen / Dokumentationen zur kollektiv–biografischen Parlamentarismusforschung angeboten.

Parlamentarierlisten in WIKIPEDIA[Quelltext bearbeiten]

Auch in WIKIPEDIA finden sich für die Abgeordneten auf nationaler Ebene vergleichbare Listen mit biografischen Informationen, die im Aufbau sind und teilweise schon mit BIOPARL verlinkt sind:

Ebenso gibt es verschiedene Listen zu deutschen Landesparlamenten.

Literatur[Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Heinz Schröder: Lebenslaufforschung zwischen Biographischer Lexikographik und Kollektiver Biographik: Überlegungen zu einem "Biographischen Handbuch der Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen bis 1933" (BIOPARL) . In: Historical Social Research No. 31, Vol. 9 (1984) No. 3 , p. 38-62 ((Text)
  • Wilhelm Heinz Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933. Biographien – Chronik – Wahldokumentation. Ein Handbuch, darin: Einleitung, S. 15-85 (Text)
  • Wilhelm Heinz Schröder / Wilhelm Weege / Martina Zech: Historische Parlamentarismus-, Eliten- und Biographieforschung. Forschung und Service am Zentrum für Historische Sozialforschung. Köln 2000; Supplementheft 11 der Zeitschrift Historical Social Research. (Text)
  • Alexander Gallus: Biographik und Zeitgeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 01-02/2005) (Text)

Weblinks[Quelltext bearbeiten]