Wirklichkeitswissenschaft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Wirklichkeitswissenschaft (auch Wissenschaft von der Wirklichkeit bzw. Wissenschaft vom Wirklichen) wird in der erkenntnistheoretischen Diskussion eine Wissenschaft bezeichnet, die sich mit der konkreten, kausal zusammenhängenden Wirklichkeit, sogenanntem Erfahrungswissen auseinandersetzt und nicht mit wertfrei-generalisierender und abstrakt orientierter, reiner Theorie.

Der Begriff wurde im Gefolge Diltheys vor allem von Georg Simmel (1892 in Probleme der Geschichtsphilosophie), Wilhelm Windelband (1894 in der Straßburger Rektoratsrede Geschichte und Naturwissenschaft), Ernst Troeltsch (1897 in Voraussetzungslose Wissenschaft), Heinrich Rickert (1902 in Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung) und Max Weber (1904 in Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis), eingeführt und geprägt, später aber vor allem auch bekannt gemacht durch Hans Freyer, der die Soziologie, und durch Hermann Heller, der die Staatslehre als Wirklichkeitswissenschaften vorstellte. Sie sei als höchste und letzte Form sowohl der Natur- als auch der Geisteswissenschaften zur Wirklichkeitswissenschaft geworden.

Während von diesen Autoren zu den Wirklichkeitswissenschaften von diesen Erkenntnistheoretikern alle Kulturwissenschaften gezählt werden, inklusive der Geschichtswissenschaft, stehen ihnen die Geisteswissenschaften gegenüber, zu denen neben der Mathematik auch die Naturwissenschaften zählen.

In diesem Zusammenhang ist die Diskussion, ob nun Theologie und Philosophie als Kultur- und damit Wirklichkeitswissenschaften zu fassen sind oder aber als Geisteswissenschaften, offen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Bock: Kriminologie als Wirklichkeitswissenschaft. Berlin 1984.
  • Hans Freyer: Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Leipzig, Berlin 1930, Neuauflage Stuttgart 1964.
  • Volker Kruse: "Geschichts- und Sozialphilosophie" oder "Wirklichkeitswissenschaft"? die deutsche historische Soziologie und die logischen Kategorien René Königs und Max Webers. Frankfurt am Main 1999.
  • Georg Pfleiderer: Theologie als Wirklichkeitswissenschaft. Tübingen 1992.
  • Ulrich Sieg: Psychologie als "Wirklichkeitswissenschaft". Erich Jaenschs Auseinandersetzung mit der "Marburger Schule". In: Winfried Speitkamp (Hrsg.), Staat, Gesellschaft, Wissenschaft. Beiträge zur modernen hessischen Geschichte, Marburg 1994 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 55), S. 313–342.
  • Hans-Jörg Sigwart: Wirklichkeitswissenschaft und Ordnungswissenschaft Eric Voegelins Auseinandersetzung mit Max Weber. in: Zeitschrift für Politik 2007.