Wirtinnenvers

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Wirtinnenvers: Noten

Wirtinnenverse sind Scherz- oder Spott-Gedichte meist derb obszönen oder zotigen Inhalts auf eine überlieferte Melodie in deren Reimschema.

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Versmaß[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die verwendete Strophe ist die Lindenschmidtstrophe. Damit hat ein Wirtinnenvers ebenso wie ein Limerick fünf Zeilen, aber mit dem Reimschema [aabxb]. Während ein Limerick überwiegend aus Amphibracheis besteht (dreisilbig ◡—◡), bevorzugen die Wirtinnenverse Jamben (zweisilbig ◡—). Im Wirtinnenvers enden die a-Zeilen und die Waise (x) männlich, die b-Zeilen weiblich. Ebenfalls abweichend vom Limerick sind in Wirtinnenversen die a-Zeilen und die Waise vierhebig, die b-Zeilen dreihebig.

Muster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Strophe lautet:

Es steht ein Wirtshaus an der Lahn.
Da kehren alle Fuhrleut an.
Frau Wirtin sitzt am Ofen,
die Fuhrleut um den Tisch herum,
die Gäste sind besoffen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frau Wirtin hat auch...-Buch aus dem Jahre 1950 in limitierter Auflage unter Bezugnahme auf Bonifacius Kiesewetter

Die Überlieferung lädt zum Improvisieren und Verfassen aufmüpfiger Texte ein. Der Ursprung der ersten Verse dürfte im frühen 18. Jahrhundert liegen. Im Laufe der Zeit wurden - bis zum heutigen Tag – etwa 800 Strophen hinzugefügt.

Spottverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spottverse können auf allgemeine Typen oder auf einzeln gemeinte Personen gemünzt sein und sind nicht notwendig obszön. Zu öffentlicher Wiedergabe geeignet sind beispielsweise drei Spottverse auf den Anatomie-Professor Spiter, die Curt Goetz in seine Komödie Frauenarzt Dr. Prätorius aufgenommen hat. Der erste geht so:

Es lebt allhier ein weiser Mann,
der, was dir fehlt, ergründen kann.
Er tut dich schön sezieren.
Wenn du von dir was wissen willst,
brauchst du nur zu krepieren.

(Quelle: Goetz, Curt. Gesammelte Bühnenwerke. Berlin-Grunewald: F. A. Herbig (Walter Kahnert), o. J. (C) Copyright 1937 und 1952 by Curt Goetz: S. 725 f.).

Zotenverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehr und mehr kam es hauptsächlich darauf an, animalisches und sexuelles Geschehen zu schildern, nicht nur offen schamlos, sondern noch lieber derb übertrieben. Hier ein weniger deftiges Beispiel:

Frau Wirtin hat auch einen Arzt,
der Opernmelodien farzt.
Da ist er Virtuose,
doch wenn er Wagner blasen soll,
dann geht es in die Hose.

Kennzeichnende Beispiele überlässt ein Lexikon besser der mündlichen Weitergabe. Besonders Männer, wenn sie unter sich waren (Militär, Studenten, Handwerker), wollten mit solcher vermeintlichen „Kühnheit“ gegen die sonst gebotene Prüderie aufbegehren. Seit der sexuellen Emanzipation des späten 20. Jahrhunderts besteht an solcher „Entlastung“ kaum noch Bedarf.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Liedtext und Melodie
  • Schallplattenaufnahmen des Liedes mit mehr oder weniger verbrämten Anzüglichkeiten gibt es von den Comedian Harmonists sowie von Will Höhne.
  • Film Die Wirtin von der Lahn.
  • Trübe Quelle. In: Der Spiegel. Nr. 21, 1967, S. 81 (online15. Mai 1967).
  • Peter Stähle: Mach nur einen Vers. In: Die Zeit vom 25. Mai 1967
  • Das Wirtshaus an der Lahn. Ein Volkslied. Verlag Karl Schustek, Hanau am Main 1966. (Sammlung von Wirtinnenversen mit 8-seitigem Vorwort.)
  • Hans Günther Bickert / Norbert Nail: „Es stand ein Wirtshaus an der Lahn…“ Der alte Gasthof zum Schützenpfuhl in Marburg. Mit einem Beitrag über „Himmelsbriefe“. Marburg 2008 (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur; 90). [Zur Geschichte des Wirtshausliedes S. 18–28] ISBN 978-3-923820-90-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Wirtinnenvers – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen