Wolf Schmid

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Wolf Schmid (* 24. März 1944 in Teplitz (Böhmen)) ist ein deutscher Slawist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Studium der Fächer Slawistik, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Köln, Prag und Bochum legte Schmid 1969 das Erste Staatsexamen für das höhere Lehramt in Bochum ab und promovierte 1972 an der Universität München mit der Dissertation zum Thema „Textaufbau in den Erzählungen Dostoevskis“. Von 1972 bis 1976 war er Dozent für russische Literatur an der Rijksuniversiteit Utrecht (Niederlande). 1976 übernahm Schmid eine Professur an der Universität Oldenburg und trat 1978 eine ordentliche Professur an der Universität Hamburg an, die er bis zu seiner Emeritierung 2009 innehatte.

Schmid ist besonders als Narratologe hervorgetreten und in vielen Wissenschaftsorganisationen tätig. An der Universität Hamburg gründete er 1998 die Forschergruppe Narratologie und saß ihr als Sprecher vor. Ebenda war er 2004 Direktor des Interdisciplinary Center for Narratology und 2009 wurde er Vorstandsvorsitzender des European Narratology Network.

In den Jahren 1989 und 2005 war Wolf Schmid ausländisches Mitglied der Kommission zur Evaluation der nicht-westlichen Philologien an den Universitäten der Niederlande und von 1988 bis 2005 Mitglied des deutsch-russischen Kuratoriums des Alexander-Sergejewitsch-Puschkin-Preises der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., dessen Vorsitz er 1993 bis 2005 innehatte. 1997 war Schmid ausländisches Mitglied der Jury des Booker Russian Novel Prize und ist seit 2005 Jurymitglied des Efim Etkind-Preises der Europäischen Universität St. Petersburg.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schmid entwickelte eine Alternative zum dreistufigen Modell der Redewiedergabe (zitierte, transponierte und erzählte Rede). Sein „Textinterferenz-Modell“ sieht lediglich zwei Hauptarten der Redewiedergabe vor: die Figurenrede und die Erzählerrede. Dabei definiert er als Figurenrede ausschließlich die direkte Rede der Figur als Zitat, während alle weiteren Textanteile, also auch die vom Erzähler in anderer als der direkten Weise wiedergegebene Rede einer Figur, in den Bereich der Erzählerrede fallen. Die Bezeichnung „Textinterferenz-Modell“ rührt daher, dass eine beliebige Passage der Erzählerrede stets sowohl narratoriale (auf den Erzähler verweisende) als auch figurale (auf die Figur verweisende) Merkmale aufweisen kann, was Schmid in Anlehnung an Valentin Vološinov als „Interferenz von Erzählertext und Figurentext“ oder kurz als „Textinterferenz“ bezeichnet.[1]

In der Geschichtswissenschaft wird Schmids Modell der narrativen Transformation u. a. von Martin Clauss rezipiert.

Als Slawist arbeitete Schmid zu den Klassikern der russischen Literatur: Puškin, Dostoevskij, Tschechow und zur russischen Prosa der 1920er Jahre (Babel’, Oleša, Zamjatin) sowie zur Prosa der 1960er Jahre (Bitov, Trifonov).

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolf Schmid: Der Textaufbau in den Erzählungen Dostoevskijs. 2. Aufl. Amsterdam: Verlag B.R. Grüner, 1986 (1. Aufl. München: Wilhelm Fink Verlag 1973).
  • Wolf Schmid: Der ästhetische Inhalt. Zur semantischen Funktion poetischer Verfahren. Lisse: The Peter de Ridder Press, 1977.
  • Wolf Schmid: Puškins Prosa in poetischer Lektüre. Die Erzählungen Belkins. München: Wilhelm Fink Verlag, 1991.
    • Russisch: Проза Пушкина в поэтическом прочтении. Повести Белкина и Пиковая дама. 2., erw. Aufl. St. Petersburg, 2013 (1. Aufl. 1996)
    • Serbisch: Poetsko čitanje Puškinove proze. Belkinove priče. Preveo T. Bekić. Sremski Karlovac, Novi Sad, 1999.
  • Wolf Schmid: Ornamentales Erzählen in der russischen Moderne. Čechov – Babel' – Zamjatin. Frankfurt am Main u. a. : Verlag Peter Lang, 1992.
  • Вольф Шмид: Проза как поэзия. Пушкин — Достоевский — Чехов — авангард. 2., verb.u. wesentl. erw. Aufl. St. Petersburg, 1998 (1. Aufl. 1994).
  • Вольф Шмид: Нарратология. 2. verb. Aufl. Moskva: Изд. «Языки славянской культуры», 2008 (1. Aufl. 2003).
    • Deutsch: Elemente der Narratologie. 3., überarb.u. erw. Aufl. Berlin & Boston: de Gruyter, 2013 (1. Aufl. 2005).
    • Englisch: Narratology. An Introduction. Berlin & New York: de Gruyter, 2010.
  • Wolf Schmid: Mentale Ereignisse. Bewusstseinsveränderungen in europäischen Erzählwerken vom Mittelalter bis zur Moderne (= Narratologia 58). Berlin & Boston: de Gruyter, 2017.

Herausgabe narratologischer Internetzeitschriften

  • Narratorium. Meждисциплинарный журнал. Russischsprachige Internetzeitschrift zur Narratologie (mit Valerij Tjupa, Moskau). http://narratorium.rggu.ru/
  • Amsterdam International Electronic Journal of Cultural Narratology (mit Willem Weststeijn, Amsterdam). http://cf.hum.uva.nl/narratology/

Herausgabe wissenschaftlicher Buchreihen

  • Narratologia. Contributions to Narrative Theory. Walter de Gruyter Verlag, Berlin & Boston (mit Fotis Jannidis, Matías Martínez und John Pier). Bisher erschienen: 53 Bände, 2003–2016.
  • Slavische Literaturen. Texte und Abhandlungen. Verlag Peter Lang. Bisher erschienen: 47 Bände, 1992–2016.
  • Петербургский сборник (mit Vladimir M. Markovič†, St. Petersburg). Bisher erschienen: 5 Bände, 1993–2014.

Herausgabe von Sammelbänden

  • Handbook of Narratology. 2nd edition, fully revised and expanded. Ed. Peter Hühn, Jan Christoph Meister, John Pier, Wolf Schmid. Berlin & Boston: de Gruyter, 2014 (1. Aufl. 2009).
  • Event and Eventfulness. Papers of the conference „Event, Eventfulness, Tellability“, Ghent 2007. Ed. Wolf Schmid. In: Amsterdam International Electronic Journal for Cultural Narratology, Vol. 4 (2007).
  • Mind – Narrative – Ethics. Proceedings of the Opening Conference of the European Narratology Network (ENN), Hamburg 2009. Ed. Wolf Schmid. In: Amsterdam International Electronic Journal for Cultural Narratology, Vol. 5 (2008–2009). http://cf.hum.uva.nl/narratology/a09_index.html
  • Slavische Erzähltheorie. Russische und tschechische Ansätze. Hg. von Wolf Schmid. Berlin & New York: de Gruyter, 2009.
  • Russische Proto-Narratologie. Texte in kommentierten Übersetzungen. Hg. von Wolf Schmid. Berlin & New York: de Gruyter, 2009.
  • Проблемы нарратологии и опыт формализма/структурализма [Probleme der Narratologie und die Erfahrung des Formalismus/Strukturalismus – russ.]. Hg. von V. M. Markovič und W. Schmid. St. Petersburg, 2008.
  • Point of View, Perspective, and Focalization. Modeling Mediation in Narrative. Ed. Peter Hühn, Wolf Schmid, Jörg Schönert. Berlin & New York: de Gruyter, 2009.
  • Dialog der Texte. Hamburger Kolloquium zur Intertextualität. Hg. von Wolf Schmid und Wolf-Dieter Stempel. Wien 1983.
  • Событие и событийность [Ereignis und Ereignishaftigkeit – russ.]. Hg. von V. Markovič und W. Schmid. Moskva: Intrada, 2010.
  • Text – Symbol – Weltmodell. Johannes Holthusen zum 60. Geburtstag. Hg. von Johanna Renate Döring-Smirnov, Peter Rehder und Wolf Schmid. München: Sagner, 1984.
  • Mythos in der slawischen Moderne. Hg. von Wolf Schmid. Wien 1987.
  • Русская новелла. Проблемы теории и истории [Die russische Novelle. Theorie und Geschichte – russ.]. Hg. von V. M. Markovič und W. Schmid. St. Petersburg, 1993.
  • Автор и текст [Autor und Text – russ.]. Hg. von V. Markovič und W. Schmid. St. Petersburg, 1996.
  • Парадоксы русской литературы [Paradoxien der russischen Literatur – russ.]. Hg. von V. Markovič und W. Schmid. St. Petersburg, 2001.
  • Существует ли Петербургский текст? [Gibt es den Petersburger Text? – russ.] Hg. von V. M. Markovič und W. Schmid. St. Petersburg, 2005.
  • Wortkunst • Erzählkunst • Bildkunst. Festschrift für Aage A. Hansen-Löve. Hg. von Rainer Grübel und Wolf Schmid. München: Sagner, 2008.
  • Emerging Vectors of Narratology. Hg. von Per Krogh Hansen, John Pier, Philippe Roussin, Wolf Schmid (= Narratologia 57). Berlin & Boston: de Gruyter, 2017.
  • Erzählen (= Grundthemen der Literaturwissenschaft 1). Hg. von Martin Huber und Wolf Schmid. Berlin & Boston: de Gruyter, 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Silke Lahn und Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart/Weimar: Metzler 2008, ISBN 978-3-476-02226-4, S. 129.