Yauyos-Quechua

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Yauyos-Quechua (Yawyu Runashimi)

Gesprochen in

Peru
Sprecher 6.500  
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von Peru (regional)
Sprachcodes
ISO 639-1:

qu

ISO 639-2:

que

ISO 639-3:

qux, que (Makrosprache)

Yauyos-Quechua (Quechua: Yawyu Runashimi) ist eine Gruppe von Varietäten der Quechua-Sprachfamilie, die in Sprachinseln in der Provinz Yauyos des peruanischen Departamentos Lima sowie einigen angrenzenden Gemeinden der Provinz Chincha des Departamentos Ica und der Provinz Castrovirreyna des Departamentos Huancavelica gesprochen werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Neben der benachbarten Provinz Huarochirí war Yauyos Aufzeichnungsort und Gegenstand des um 1600 vom spanischen Geistlichen Francisco de Ávila auf Quechua aufgezeichneten Huarochirí-Manuskripts. Die hier verwendete Quechua-Variante entspricht zwar nicht dem Yauyos-Quechua, sondern mehr einer damals als „Allgemeine Sprache Perus“ dienenden Variante, doch sind durch das Manuskript in einmaliger Weise Traditionen der Region überliefert worden.

Das Yauyos-Quechua war bis in die 1960er Jahre praktisch undokumentiert. Die Orte, an denen es sich noch hielt, waren von außen nur über lange Märsche auf schlechten Straßen bzw. Pfaden erreichbar. Alfredo Torero macht in seinen grundlegenden Arbeiten über die „Dialekte des Quechua“ (1964 und 1974) Angaben über das Yauyos-Quechua und ordnet es in den Gesamtzusammenhang des Quechua ein. Eine ausführlichere Dokumentation der zahlreichen Quechua-Mundarten von Yauyos einschließlich der Aufzeichnung mündlicher Tradition wurde aber erst in den 1980er Jahren vom australisch-französischen Linguisten Gerald Taylor vorgenommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Sprache weithin bereits nur noch von Erwachsenen oder sogar nur noch von Älteren gesprochen. Im Rahmen eine Projekts „Bedrohte Sprachen“ (Endangered Languages) erfolgten in den 2010er Jahren weitere Feldforschungen durch Aviva Shimelman. In der Folge wurden Dialoge in dieser Sprache auch der Öffentlichkeit über das Internet zugänglich.

Heutige soziolinguistische Situation[Bearbeiten]

Das Quechua in Yauyos ist in seinem Bestand hochgradig bedroht und wird wahrscheinlich von keinen Kindern mehr gesprochen. Bei der Volkszählung 1993 gaben nur im Distrikt Viñac (Wiñaq) noch fast die Hälfte der Befragten Quechua als Muttersprache an (702 von 1444 oder 48,6 %), gefolgt von Lincha (22,9 %), Huangáscar (20 %), Madeán (19,7 %) und Azángaro (18,2 %). In Laraos waren es nur 13 Personen (1,3 %), in ganz Yauyos 1689 (7,0 %). Bei der Volkszählung 2007 gaben von 25.036 befragten Personen über 5 Jahren in Yauyos nur noch 800 Personen (3,2 %), weniger als die Hälfte von 1993, Quechua als Muttersprache an.[1] Die Sprecherzahl für Yauyos-Quechua wird vom Ethnologue von SIL International für das Jahr 2003 mit 6500 angegeben.[2] Die 14. Ausgabe des Ethnologue gab für 1974 noch eine Sprecherzahl von knapp 19.000 an, wovon 3800 in Gebieten mit Sprechern aller Altersstufen und 9200 in Gebieten mit Sprechern ab dem Jugendalter seien.[3] Aviva Shimelman, die in der Region Forschungen betrieb, schätzt 2015 ihre Anzahl auf nur noch 450 Sprecher, mehrheitlich im Alter von über 65 Jahren, und nur noch sehr wenige, sehr alte Einsprachige. Die jüngsten Sprecher sind hiernach Ende dreißig, während nur einige Kinder, die mit ihren Großeltern und Urgroßeltern leben, noch passive Kenntnisse des Yauyos-Quechua haben. Der bewaffnete Konflikt in Peru in den 1980er Jahren, bei dem Sendero Luminoso auch in der Provinz Yauyos sehr aktiv war, führte zu einer Massenflucht insbesondere der jüngeren Generation nach Lima, von wo kaum jemand zurückgekehrt ist oder das Yauyos-Quechua an seine Kinder weitergegeben hat.

Gerald Taylor veröffentlichte 1987 unter dem Titel Atuq („Fuchs“) in der Zeitschrift Allpanchik phuturinqa die von ihm gesammelten Quechua-Erzählungen aus Laraos, Lincha, Huangáscar und Madeán auf Yauyos-Quechua mit hinzugefügter spanischer Übersetzung. 2012 folgte eine Veröffentlichung von Aviva Shimelman von Erzählungen aus Wiñaq und San Pedro de Huacarpana mit Übersetzungen ins Spanische und Englische. Niemand in Yauyos hat jedoch Zugang zu dieser Literatur in seiner Sprache bzw. kann diese mangels Quechua-Schulbildung nicht lesen. Weitere Literatur auf Yauyos-Quechua gibt es bisher nicht – abgesehen von einem kurzen, für Evangelisationszwecke dienenden Text des evangelikalen Global Recordings Network in der Mundart von Madeán.

Während nach 2011 für das ebenfalls bedrohte Jaqaru in der Provinz Yauyos 9 Schulen mit interkultureller zweisprachiger Erziehung eingerichtet wurden, gibt es keine Schulen mit Unterricht in Yauyos-Quechua.[4]

Merkmale und Klassifikation[Bearbeiten]

Die Quechua-Mundarten von Yauyos haben den alten Quechua-Lautbestand weitgehend bewahrt, einschließlich des retroflexen ch [ĉ]. In der Grammatik vereinen sie Merkmale des Quechua I (Waywash) und Quechua II (Wampuy), wobei diese je nach lokaler Mundart variieren. Ihre Zuordnung zu einer dieser „Hauptgruppen“ – soweit diese überhaupt noch anerkannt werden – ist umstritten. Insbesondere wird auf Grund der recht großen Unterschiede ihr Status als gemeinsame Varietät in Frage gestellt. Alfredo Torero ordnet sie 1964 dem Quechua II a (Yunkay) innerhalb des Wampuy zu. 1974 erkennt er ihr den Status eines „Supralekts“ zu – gewissermaßen einer Quechua-„Sprache“, die nach dem Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit abgegrenzt wird. Er nennt folgende Varietäten (auch von SIL aufgezählt): Huacarpana, Apurí, Madean-Viñac, Azángaro-Huangáscar-Chocos, Cacra-Hongos, Tana-Lincha, Tomás-Alis, Huancaya-Vitis und Laraos. Im Widerspruch hierzu stellt Rodolfo Cerrón Palomino in seiner Lingüística Quechua das Quechua von Huangáscar und Topará an die Seite das Wanka (Waywash-Zweig Wankay), ebenso die Mundarten von Tomás-Alis und Huancaya-Vitis, welche er mit dem Quechua von Cajatambo (Nord-Lima), West-Pasco und Nord-Junín in der Untergruppe Yaru zusammenfasst.

Aviva Shimelman stellt in ihrer Grammatik 2015 die Unterschiede der Mundarten, die diese den beiden unterschiedlichen „Hauptzweigen“ zuordnen würden (-ni/-y vs. -aa/-ii/-uu für „ich ...“, „mein“ (1. Person), -wa vs. -ma für „mich“ (1. Person, Objekt im Verb)) in den Hintergrund, stellt die Gemeinsamkeiten heraus und vertritt die Klassifikation als „gemeinsame Sprache“ (Süd-Yauyos) innerhalb des Yunkay.

Literatur[Bearbeiten]

  • Aviva Shimelman (2015, i.E.): A grammar of Yauyos Quechua. Studies in Diversity Linguistics 9, Language Science Press, Berlin (Entwurf, 17. August 2014).
  • Gerald Taylor (1987): Atuq. Relatos quechuas de Laraos, Lincha, Huangáscar y Madeá, provincia de Yauyos. Allpanchis Phuturinqa, año XIX, N° 29/30, S. 249-266.
  • Gerald Taylor (1984): Yauyos, un microcosmo dialectal quechua. Revista Andina 3, S. 121–46.
  • Alfredo Torero (1983): La familia lingüística quechua. In: B. Pottier (Hrsg.): América Latina en sus lenguas indígenas, S. 61-92. UNESCO/Monte Avila, Caracas 1983.
  • Rodolfo Cerrón Palomino (1987): Lingüística Quechua. Centro Bartolomé de Las Casas, Cusco 1987.
  • Alfredo Torero (1974): El quechua y la historia social andina. Universidad Ricardo Palma, Lima 1974. 240 Seiten.
  • Alfredo Torero (1964): Los dialectos quechuas. Anales Científicos de la Universidad Agraria, 2, S. 446-478. Lima 1964.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Perfil Sociodemográfico del Departamento de Lima y la Provincia Constitucional del Callao. Censos Nacionales 2007, XI de Población y VI de Vivienda. Instituto Nacional de Estadística e Informática (INEI), Lima 2008. S. 112 (Capítulo 2 – Características Sociales).
  2. Quechua, Yauyos: a language of Peru. M. Paul Lewis, Gary F. Simons, Charles D. Fennig (eds.), 2014: Ethnologue: Languages of the World, Seventeenth edition. Dallas, Texas: SIL International.
  3. Quechua, Yauyos: A language of Peru. Barbara F. Grimes (ed.), 2000: Ethnologue: Languages of the World, Fourteenth edition. Dallas, Texas: SIL International.
  4. Perú, Ministerio de Educación, Dirección General de Educación Intercultural, Bilingüe y Rural: Documento Nacional de Lenguas Originarias del Perú, Lima, 2013, S. 410.