Zwischenfall am Ussuri

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Zwischenfall am Ussuri
Teil von: Kalter Krieg
Datum 2. März – 11. September 1969
Ort Ferner Osten
Ausgang Modus vivendi
Konfliktparteien

China VolksrepublikVolksrepublik China Volksrepublik China

Sowjetunion 1955Sowjetunion Sowjetunion

Befehlshaber

Mao Zedong

Leonid Iljitsch Breschnew


Der Zwischenfall am Ussuri war ein Grenzkonflikt zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion (UdSSR), der 1969 auf dem Höhepunkt der chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisse in einer Serie von kriegerischen Zusammenstößen gipfelte. Die ersten Kämpfe fanden im März 1969 am Ussuri in der Nähe der Insel Zhenbao Dao (Damanski) statt und weiteten sich danach auf verschiedene Gebiete aus.[1][2]

In der Sowjetunion wurde die Auseinandersetzung verharmlosend als Grenzkonflikt auf der Damanski-Insel bezeichnet. Tatsächlich handelte es sich weder politisch noch militärisch um eine auf eine Flussinsel begrenzte Konfrontation. Die Streitkräfte beider Länder standen sich entlang der damals über 11.000 Kilometer langen chinesisch-sowjetischen und chinesisch-mongolischen Grenze feindlich gegenüber. Daher wird im chinesischen, englischen und oft auch im deutschen Sprachraum die Auseinandersetzung Chinesisch-Sowjetischer Grenzkonflikt (1969) genannt.[3]

Nach sieben Monate andauernden Kämpfen einigten sich die Kontrahenten in bilateralen Gesprächen auf einen Waffenstillstand und Modus vivendi. Im Anschluss fanden zweimal jährlich Grenzverhandlungen statt, über 40 Jahre. Politisch konnte der Streit erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beigelegt werden.[4]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinesische Provinzen während der Qing-Dynastie und heutige Grenzen (rot gestrichelt)
Das Amur-Ussuri-Gebiet

Mit dem Vertrag von Aigun wurde das Kaiserreich China 1858 gezwungen, die komplette Äußere Mandschurei an das Russische Kaiserreich abzutreten. Dieser Festsetzung folgte eine Reihe „Ungleicher Verträge“, auf dessen Grundlage China rund 1,5 Millionen Quadratkilometer seines Territoriums verlor.[5] Anfang des 20. Jahrhunderts besetzte Russland weitere Gebiete in der Mandschurei südlich des Heilong Jiang (Amur). Nach dem Russisch-Japanischen Krieg vereinbarte Russland mit Japan ein Geheimabkommen über die Aufteilung der Mandschurei in eine nordöstliche Einflusssphäre Russlands und südwestliche Einflusssphäre Japans; Russland akzeptierte den besonderen Status Japans in Korea und Japan erkannte die Expansionsinteressen Russlands in den zum Chinesischen Reich gehörenden Provinzen der Äußeren Mongolei und nördlichen Mandschurei an.[6] Die ab 1900 annektierten mandschurischen Gebiete südlich des Heilong Jiang gab Russland vorerst offiziell an China zurück.[7]

Nach der Oktoberrevolution erklärte Lenin, dass „Russland den Chinesen mit Hilfe der ‚Ungleichen Verträge‘ wie ein Dieb 1,5 Millionen Quadratkilometer Land abgenommen“ habe.[8] Daraufhin veröffentlichte 1919 die Regierung Sowjetrusslands das Karachan-Manifest, in welchem sie die „imperialistischen Ziele“ des Russischen Kaiserreiches in China verurteilte und auf sämtliche politischen Sonderrechte und Ansprüche der ehemaligen russischen Regierung gegenüber China verzichtete. Kurze Zeit später bestritt die Regierung der UdSSR die Existenz des Manifestes und setzte de facto die zaristische Expansion fort.[9] Die sich daraus zwischen beiden Ländern ergebenden Spannungen gipfelten 1929 im Sowjetisch-Chinesischen Grenzkrieg. Während dieser Auseinandersetzung okkupierte die Rote Armee Gebiete erneut südlich des Heilong Jiang, auf die in der Folgezeit sowohl die Kuomintang (Nationale Volkspartei Chinas) als auch die KPCh (Kommunistische Partei Chinas) Ansprüche erhob.[10]

Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong die Volksrepublik China und verfolgte ab Mitte der 1950er Jahre eine eigene Außenpolitik auf Grundlage der sogenannten Fünf Prinzipien: territoriale Integrität, Aggressionsverzicht, Einmischungsverzicht, Gleichheit und friedliche Koexistenz. Damit ging Peking auf direkte Konfrontation mit Moskau, wo die Ansicht vorherrschte, dass ein einzelnes sozialistisches Land sich nur im Rahmen aller sozialistischen Länder unter der Führung der UdSSR entwickeln kann. Mao Zedong propagierte die Theorie der drei Welten und warf der Sowjetunion vor, dass nicht der westliche Imperialismus, sondern sie selbst die gefährlichste kriegstreibende Macht auf der Welt sei. Damit begann das heute sogenannte Chinesisch-sowjetische Zerwürfnis.[11][12]

Moskau unterstellte Peking Revisionismus und Rückgabeforderungen auf die seit 1858 an Russland abgetretenen Gebiete. Dagegen betonte Mao, dass „China sich bereit erklärt, den Status quo anzuerkennen“, wenn die Sowjetunion „die ‚Ungleichen Verträge‘ von Anfang an als ungerecht“ erklärt.[13] Dass die Auseinandersetzung damit abgeschlossen sei, zweifelte die Regierung der UdSSR an; zumal die chinesische Regierung bereits ab Ende der 1950er Jahre nur noch Atlanten und geographische Karten herstellen ließ, auf denen verschiedene Grenzen als „nicht endgültig festgelegt“ markiert waren. Das betraf gleichfalls die 4.630 Kilometer lange Grenze zur Äußeren Mongolei. Diese ehemalige chinesische Provinz, von einer weiteren rund 1,8 Millionen Quadratkilometer Gesamtfläche, hatte die Sowjetunion de facto ab 1921 annektiert und den Marionettenstaat Tuwinische Volksrepublik und Satellitenstaat Mongolische Volksrepublik gegründet.[14][15][16]

In dieser Folge verstärkte die Führung in Moskau die Anzahl sowjetischer Truppen an der Grenze zu China. Nach mehreren Grenzverletzungen durch Angehörige der Sowjetarmee warf Mao dem Kreml vor, dass die Sowjetunion Vorbereitungen für militärische Grenzüberschreitungen träfe, und gab die Losung heraus: „Vorbereitungen für den Verteidigungsfall treffen, tiefe Tunnel graben, überall im Land Getreidevorräte anlegen.“[17] Tatsächlich existierten sowjetische Pläne, das chinesische Kernwaffentestgelände Lop Nor mit nuklearen Waffen zu zerstören und China aufzuteilen: Tibet und die Mandschurei sollten zu unabhängigen Staaten werden, Sinkiang sollte mit dem sowjetischen West-Turkestan vereinigt werden, damit Chinas Uran-Vorkommen und sein Atom-Testgebiet unter sowjetische Kontrolle gerieten, und die Innere Mongolei sollte der Mongolischen Volksrepublik angeschlossen werden.[18]

Ab 1968 erhöhte die UdSSR die Anzahl der an der chinesischen Grenze stationierten Truppen von 15 auf 49 Divisionen; nach westlichen Schätzungen auf insgesamt rund eine halbe Million Soldaten, laut chinesischen Angaben auf über eine Million. Diesem Aufgebot standen nach westlichen Expertisen 64 chinesische Divisionen gegenüber.[19] Der hohe Prozentsatz sowjetischer Trägerwaffen und Raketen-Streitkräften an der chinesischen Grenze sowie die sehr offene Sprache der sowjetischen Regierung über die „Verwendung moderner Waffen“ stützte die Überzeugung und Furcht der Chinesen, dass die UdSSR einen nuklearen Angriff auf China plane.[20] Parallel versetzte die UdSSR über 100.000 sowjetische Elitesoldaten, Militärinstrukteure und Spezialisten an die mongolisch-chinesische Grenze.[21] Die höchste Truppenkonzentration erfolgte im Amur-Ussuri-Gebiet, wo seriösen Angaben zufolge zeitweise 658.000 chinesische Soldaten 814.000 sowjetischen gegenüberstanden.[22] Gemäß russischer Quellen ereigneten sich allein in diesem Abschnitt zwischen 1966 und 1969 über 2.000 Zwischenfälle.[23]

Das Amur-Ussuri-Gebiet zählt zu den rohstoffreichsten Regionen der Erde. Auf beiden Seiten entlang der Flüsse existieren riesige Gold- und Eisenerzlagerstätten.[24] Relativ einfach gelingt zudem die Förderung von Waschgold, welches sich in Geröllbänken vor Flussinseln im Amur und Ussuri ansammelt.[25] In China werden diese Sandbänke auch „Schatzinseln“ genannt. Der Abbau der Rohstoffe im Amur-Ussuri-Gebiet erfolgt von beiden Ländern bis an die Grenze heran. Einer der ersten ernsthaften Zwischenfälle ereignete sich in diesem Zusammenhang am 5. Januar 1968, bei welchem sowjetische Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen am Ussuri chinesische Arbeiter angriffen und vier von ihnen töteten.[26]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konfliktgebiet, Teilausschnitte Kämpfe am Argun (Amur) und Ussuri
Ein sowjetisches Kampfschiff beschießt auf dem Ussuri mit einem Wasserwerfer einen chinesischen Fischer, 6. Mai 1969
Ein während des Konflikts eroberter sowjetischer T-62 im Militärmuseum Peking
Die heute an Sinkiang angrenzenden Staaten und chinesischen Provinzen

Im März 1969 eskalierte der Konflikt am Ussuri. Sowjetische Grenztruppen lieferten sich mit Angehörigen der chinesischen Volksbefreiungsarmee erste Gefechte, bei denen auf beiden Seiten mehrere Soldaten getötet wurden. Die UdSSR bezifferte später 59 chinesische und 800 sowjetische Gefallene.[27] Seriöse Verlustangaben liegen nicht vor, da beide Kontrahenten behaupteten, höhere Verluste als die Gegenseite zu haben.[28] Ebenso schoben beide Länder die Schuld für den Ausbruch der Gefechte dem Anderen zu. Ausgelöst wurden die Kämpfe, als am 2. März eine sowjetische Militärpatrouille chinesische Soldaten auf der von der UdSSR beanspruchten Insel Zhenbao Dao antrafen. Die chinesische Armee hielt die Insel fortan besetzt.[29]

Zwei Wochen später planten die Sowjets mit einem Überraschungsangriff Zhenbao Dao erneut zu erobern. Um drei Uhr morgens bombardierte die sowjetische Luftwaffe am 15. März die nur einen Quadratkilometer große Insel in Flammen. Anschließend versuchten russische Bodentruppen auf Zhenbao Dao zu landen. Allerdings hatten die chinesischen Streitkräfte mit einem erneuten Angriff gerechnet und sich dementsprechend vorbereitet. Bei den Kämpfen setzte die Sowjetunion ihre damals modernste Militärtechnik ein, wie den T-62 MBT und den BTR-60. Die chinesische Armee schlug die Sowjets buchstäblich mit ihren eigenen Waffen, da sie unter anderem über eine hohe Anzahl in Lizenz gebauter RPG-Werfer verfügte. Damit erwies sich insbesondere der BTR-60, dessen Panzerung nur Kleinwaffenfeuer und Schrapnellgeschosse abhalten konnte, für diese Operation als vollkommen ungeeignet. Nach enormen Verlusten zogen sich die sowjetischen Truppen von der Insel zurück und überließen sie den Chinesen.[30][31]

Neben Zhenbao Dao griffen sowjetische Boden- und Luftstreitkräfte noch weitere „Schatzinseln“ an, zum Beispiel Abagaitu Zhouzhu und Heixiazi Dao. Das Spannungsfeld lag jedoch nicht allein an den unübersichtlichen Flussschleifen des Fernen Ostens: der militärische Konflikt erstreckte sich entlang der gesamten chinesisch-sowjetischen Grenze auf über 11.000 Kilometer, einschließlich der chinesisch-mongolischen Grenze, wo ebenfalls Soldaten der Sowjetarmee aufmarschierten.[32]

Den Höhepunkt erreichten die Kämpfe im August 1969 in Sinkiang. Die Provinz gilt als Chinas neuralgische Stelle. Einerseits nahm in Sinkiang 1960 das chinesische Atom- und Uranzentrum Lop Nor den Betrieb auf, anderseits befinden sich in der Region neben großen Uranlagerstätten ein fünftel der chinesischen Kohle-, Gas- und Erdölvorkommen, was die Provinz zu der mit der höchsten Konzentration von fossilen Energievorräten Chinas macht.[33] Die Jahresförderung in Sinkiang liegt bei 240 Millionen Tonnen Kohle, 24 Milliarden Kubikmeter Erdgas und 27,3 Millionen Tonnen Erdöl. Die Rohstoffreserven betragen 2,2 Billionen Tonnen Kohle, 10,3 Billionen Kubikmeter Erdgas und 20,9 Milliarden Tonnen Erdöl.[34]

Erste russische Annexionen fanden in dieser Gegend ebenfalls im 19. Jahrhundert statt. 1934 erfolgte die Sowjetische Invasion in Sinkiang. Bis 1944 war die Provinz ein Protektorat der UdSSR, danach erfolgte nach sowjetischem Vorbild die Gründung der Republik Ostturkestan. 1949 erreichten die chinesischen Kommunisten eine friedliche Eingliederung Sinkiangs in die Volksrepublik China. Das Interesse der Sowjetunion an der Provinz blieb bestehen.[35][36] 1969 bedrohte die Sowjetarmee Sinkiang mit einem Zangenangriff von drei Seiten: im Osten über ihren Satellitenstaat die Mongolische Volksrepublik, im Norden und Westen über die Kasachische, die Kirgisische und die Tadschikische Sowjetrepublik.[37]

Sowohl den Kämpfen am Ussuri als auch den Zusammenstößen in den Bergen von Sinkiang gingen eine lange Kette kleinerer Zwischenfälle voraus, bei deren propagandistischer Begleitmusik beide Seiten ihren Anspruch auf das umstrittene Grenzgebiet bekräftigten. Dokumentiert sind beispielsweise folgende Geschehnisse:

  • dreimal überschritten am 16. April sowjetische Truppen in der Region Altay die Grenze
  • mit mehreren Hundert Panzerfahrzeugen stießen am 2. Mai Sowjet-Verbände westlich des Altai-Gebirges sieben Kilometer nach Sinkiang vor
  • sowjetische Bulldozer zerstörten eine sieben Kilometer lange Straße, die China für Grenzpatrouillen gebaut hatte
  • Mitte Mai trieben chinesische Hirten, bewacht von zwei chinesischen Bataillonen, ihre Herden auf sowjetische Weiden
  • als Vergeltung starteten sowjetische Grenzsoldaten zwei Kommando-Unternehmen und erbeuteten ein chinesisches Waffenlager
  • zwischen Mai und Juni installierten Angehörige der sowjetischen Armee im umstrittenen Gebiet nicht näher bekannte militärische Objekte und setzten neue Grenzmarkierungen
  • in Yumin erschossen am 10. Juni Sowjetsoldaten eine chinesische Hirtin und verschleppten ihren Mann.[38][39]

Am 13. August 1969, um 3 Uhr morgens nach Moskauer Zeit, brach das größte Gefecht los, als sowjetische Panzer, Hubschrauber und BM-21 Raketenwerfer in Tacheng eindrangen. Die Kämpfe dauerten mehrere Tage und erhöhten die Gefahr eines Atomkrieges.[40] Nachdem es den chinesischen Truppen immer wieder gelang, die Angreifer zurückzudrängen, ließ die sowjetische Regierung über ihr Außenministerium und den KGB bei der amerikanischen Regierung ausloten, ob Erstens: die USA mit einem gemeinsamen militärischen Präventivschlag gegen China einverstanden wären, oder ob Zweitens: die USA sich bei einem allein von der Sowjetunion geführten Atomschlag gegen China neutral verhalten würden.[41]

Derartige Deals waren nicht ungewöhnlich. Nachweislich ließ Lyndon B. Johnson zu Beginn der 1960er Jahre ebenfalls ernsthafte Gespräche in Moskau über eine Reihe von gemeinsamen Präventivschlägen gegen andere Länder aufnehmen, allerdings mit konventionellen Waffen.[42][43] Am 13. Juni 1969 war das Außenministerium der Vereinigten Staaten in einer geheim gehaltenen Analyse jedoch bereits zu der Erkenntnis gekommen, dass die Provokationen an der chinesisch-sowjetischen Grenze nicht von China ausgingen.[44] Zudem leuchtete vielen westlichen Beobachtern nicht ein, warum Mao die Sowjetunion an einer Stelle reizen solle, an der China wirtschaftlich, militärisch und politisch höchst verwundbar ist.[45] Im President’s Daily Brief vom 14. August 1969 beschrieb die CIA die Vorkommnisse in Sinkiang als „höchst explosives Potential“ für die Region (Indien, Korea, Vietnam etc.).[46]

Unabhängig voneinander haben später der ehemalige sowjetische UNO-Diplomat Arkadi Nikolajewitsch Schewtschenko sowie der ehemalige Stabschef des Weißen Hauses Harry Robbins Haldeman in ihren Memoiren festgehalten, dass der damalige US-Präsident Richard Nixon die sowjetischen Vorschläge 1969 ablehnte, weil er die UdSSR als eigentliche Bedrohung betrachtete und eine Annäherung an China suchte. Außerdem sei für ihn bei einem Atomschlag eine Gefahr für die 250.000 amerikanischen Soldaten in der asiatisch-pazifischen Region nicht auszuschließen gewesen.[47][48]

Unterschiedlichen Quellen zufolge, drohte der damalige US-Sicherheitsberater Henry Kissinger bei einem Treffen mit dem sowjetischen Botschafter in Washington, Anatoli Dobrynin, für den Fall eines Atomschlags gegen China damit, US-Atomwaffen auf 130 sowjetische Städte abzufeuern. Erst danach habe die UdSSR ihre Angriffspläne zurückgezogen und Verhandlungen mit Peking aufgenommen. Friedensnobelpreisträger Kissinger hat die Darstellungen nie dementiert.[49] Auf Grundlage dieser Angaben stand die Welt, ausgelöst durch den Zwischenfall am Ussuri, erneut kurz nach der Kubakrise am Rand eines globalen Atomkrieges.[50][51]

Letztlich gelang es den beiden Ländern in Geheimverhandlungen, einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Am 11. September 1969 landete der sowjetische Ministerpräsident Alexei Nikolajewitsch Kossygin nach einem Aufenthalt in Hanoi überraschend in Peking, um mit dem chinesischen Premierminister Zhou Enlai zusammenzutreffen. Beide Seiten vereinbarten am 7. Oktober 1969 die Wiederaufnahme von Gesprächen, was zur Folge hatte, dass die Kampfhandlungen aufhörten und ein Modus vivendi gefunden wurde. Der Grenzkonflikt konnte zeitnah nicht endgültig gelöst werden. Die Situation entspannte sich zwar, beide Länder setzten den Bau von militärischen Verteidigungsanlagen entlang der Grenze jedoch fort. Über 40 Jahre fanden zweimal jährlich Grenzverhandlungen statt.[52]

Erst nach dem Ende der Sowjetunion 1991 wurden ernsthafte Bemühungen zur Lösung der Grenzprobleme unternommen. 1995 erkannte Russland in einem Vertrag Chinas Anspruch auf bestimmte Gebiete an. Unter anderem bestätigte Moskau, dass Zhenbao Dao, die Insel, wo 1969 die militärischen Konflikte begannen, chinesisches Territorium ist. Vollständig geklärt wurde der Grenzverlauf 2004 im „Ergänzungsabkommen über den östlichen Teil der chinesisch-russischen Grenze zwischen der Volksrepublik China und der Russischen Föderation“. Darin verpflichtete sich Russland, verschiedene Gebiete endgültig an China zurückzugeben. Ratifiziert wurde der Vertrag und damit die Festschreibung der nunmehr 4.300 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Staaten am 23. Juli 2008.[53]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas W. Robinson: The Sino-Soviet border dispute: background, development, and the March 1969 clashes. Rand, 1970.
  • Franz Ansprenger, Erik von Groeling: Die Außenpolitik Chinas. Oldenbourg, 1975.
  • Dieter Heinzig: Der sowjetisch-chinesische Grenzkonflikt. Ursachen-Ablauf-Perspektiven. Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, 1979.
  • Yan Shi: Sino-Soviet Border Clashes of 1969 and Its Implications on the Making of U.S. Foreign Policy. Baylor University, 2010.
  • Henry Kissinger: China. Zwischen Tradition und Herausforderung. C. Bertelsmann Verlag, München 2011.
  • Ann-Kathrin Bartels: Analyse und/oder Spekulation? Der sowjetisch-chinesische Konflikt in der westdeutschen Presse am Beispiel des Grenzkonflikts am Ussuri im März 1969. Diplom-Verlag, 2015.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Godfrey Baldacchino: Solution Protocols to Festering Island Disputes. Taylor & Francis, 2017, S. 76 f.
  2. The Sino-Soviet Border Conflict CAN Analysis an solution 2010, abgerufen am 20. September 2017
  3. Dimitri Riabuschkin: Mythen von Damansky. ACT Moskau, 2004, S. 236–264.
  4. Lange Grenze zwischen Russland und China Die Welt vom 23. Juli 2008, abgerufen am 17. September 2017
  5. Eine schwarze Wolke hängt über uns., online DER SPIEGEL, 11. Februar 1974, abgerufen am 21. September 2017.
  6. Alexander Jordan: Der russisch-japanische Konflikt in Asien. Vereinigung der Freunde des Wehrgeschichtlichen Museums Schloss Rastatt, 2014, S. 23–24., abgerufen am 9. August 2017.
  7. Sören Urbansky: Kolonialer Wettstreit. Russland, China, Japan und die Ostchinesische Eisenbahn. Campus, 2008, S. 27 f.
  8. Eine schwarze Wolke hängt über uns., online DER SPIEGEL, 11. Februar 1974, abgerufen am 21. September 2017.
  9. Bruce A. Elleman: The Soviet Union's Secret Diplomacy Concerning the Chinese Eastern Railway, 1924–1925. Journal of Asian Studies, Band 53, S. 461-471.
  10. Michael Strupp: Chinas territoriale Ansprüche. Institut für Asienkunde, 1982, S. 44 f.
  11. Heimatrecht für Russen in geraubten Gebieten. In: Der Spiegel. 7. Juli 1969; abgerufen am 29. Oktober 2016.
  12. Harrison E. Salisbury: „Krieg zwischen Russland und China“. In: Der Spiegel. 9. Februar 1970; abgerufen am 29. Oktober 2016.
  13. Eine schwarze Wolke hängt über uns., online DER SPIEGEL, 11. Februar 1974, abgerufen am 21. September 2017.
  14. Mongolen zwischen Mao und Moskau, Zeit Online, 10. April 1959, abgerufen am 22. September 2017.
  15. Iwan Jakowlewitsch Korostovetz: Von Cinggis Khan zur Sowjetrepublik. Eine kurze Geschichte der Mongolei unter besonderer Berücksichtigung der neuesten Zeit. Walter de Gruyter, 1926, S. 51.
  16. Eva-Maria Stolberg: Stalin und die chinesischen Kommunisten. Eine Studie zur Entstehungsgeschichte der sowjetisch-chinesischen Allianz vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Franz Steiner Verlag, 1997, S. 113 f.
  17. Eine schwarze Wolke hängt über uns., online DER SPIEGEL, 11. Februar 1974, abgerufen am 21. September 2017.
  18. Ebenda
  19. Ebenda
  20. Krieg zwischen Russland und China DER SIEGEL 7/1970, online DER SPIEGEL, 2. Februar 1970, abgerufen am 21. September 2017
  21. Udo B. Barkmann: Dokumente zur Außen- und Sicherheitspolitik der Mongolei 1990–2015. Böhlau Verlag, 2016, S. 24.
  22. Dimitri Riabuschkin: Mythen von Damansky. ACT Moskau, 2004, S. 236–264.
  23. Ussuri-Konflikt DER SIEGEL 12/1969, online DER SPIEGEL, 17. März 1969, abgerufen am 21. September 2017
  24. James Flath, Norman Smith: Beyond Suffering. Recounting War in Modern China. UBC Press, 2011, S. 107.
  25. R. J. Meyer: Gold. Lieferung 2. Vorkommen, Technische Darstellung, Bildung und Reindarstellung, Besondere Formen, Kolloides Gold, Oberflächenbehandlung. Springer-Verlag, 2013, S. 162.
  26. Ann-Kathrin Bartels: Analyse und/oder Spekulation? Der sowjetisch-chinesische Konflikt in der westdeutschen Presse am Beispiel des Grenzkonflikts am Ussuri im März 1969. diplom.de-Verlag, 2015, S. 17.
  27. Dimitri Riabuschkin: Mythen von Damansky. ACT Moskau, 2004, S. 236–264.
  28. Ebenda
  29. Ann-Kathrin Bartels: Analyse und/oder Spekulation? Der sowjetisch-chinesische Konflikt in der westdeutschen Presse am Beispiel des Grenzkonflikts am Ussuri im März 1969. diplom.de-Verlag, 2015, S. 19.
  30. Ann-Kathrin Bartels: Analyse und/oder Spekulation? Der sowjetisch-chinesische Konflikt in der westdeutschen Presse am Beispiel des Grenzkonflikts am Ussuri im März 1969. diplom.de-Verlag, 2015, S. 19.
  31. Michael Barjatinski: BTR-60. BTR-70. BTR-80. Otechestvennye koljosnye bronetransportjory, Nr. 11. Bronekollektsija, 2007, S. 32.
  32. Schüsse in Sinkiang Die Zeit vom 22. August 1969, abgerufen am 25. September 2017
  33. The Energy Industry in Xinjiang, China: Potential, Problems, and Solutions Powermag.com, abgerufen am 25. September 2017
  34. W. A. Khan: The Uyghur Insurgency in Xinjiang: The Success Potential. US Army Command and General Staff College Fort Leavenworth United States, 2015, S. 3.
  35. Mark Dickens: The Soviets in Xinjiang. Oxus Communications 1990, abgerufen am 25. September 2017
  36. Roland Banken: Die sowjetisch-chinesischen Beziehungen von 1949 - 1969 im Rahmen der weltweiten Interdependenz. Entstehung, Wandel und Verfall des Bündnisses zwischen beiden kommunistischen Mächten. LIT Verlag Münster, 2005, S. 47.
  37. China. Grenzkonflikt. Trauben des Zorns. Der Spiegel vom 18. August 1969, abgerufen am 25. September 2017
  38. Schüsse in Sinkiang Die Zeit vom 22. August 1969, abgerufen am 25. September 2017
  39. China. Grenzkonflikt. Trauben des Zorns. Der Spiegel vom 18. August 1969, abgerufen am 25. September 2017
  40. Yang Kuisong: The Sino-Soviet Border Clash of 1969. From Zhenbao Island to Sino-American Rapprochement. Band 1. Cold War History Press, 2000, S. 21–52.
  41. Frank Umbach: Das rote Bündnis. Entwicklung und Zerfall des Warschauer Paktes 1955 bis 1991. Ch. Links Verlag, 2005, S. 158.
  42. Ebenda
  43. Eine Lehre, die sie nicht vergessen Der Spiegel vom 20. Februar 1978, abgerufen am 26. September 2017
  44. Intelligence Note 459 United States Department of State 13. Juni 1969, abgerufen am 7. Oktober 2017
  45. Alptraum China Die Zeit vom 22. August 1969, abgerufen am 26. September 2017
  46. The President's Daily Brief. 14. August 1969. S. 3–5. (PDF) Central Intelligence Agency, abgerufen am 26. September 2017
  47. Frank Umbach: Das rote Bündnis. Entwicklung und Zerfall des Warschauer Paktes 1955 bis 1991. Ch. Links Verlag, 2005, S. 158.
  48. Eine Lehre, die sie nicht vergessen Der Spiegel vom 20. Februar 1978, abgerufen am 26. September 2017
  49. USSR planned nuclear attack on China in 1969 The Telegraph by 13. May 2010, abgerufen am 26. September 2017
  50. Atomkrieg gegen China? Atomkrieg gegen China? Die Zeit vom 21. November 2012, abgerufen am 26. September 2017
  51. Henry Kissinger: China. Zwischen Tradition und Herausforderung. C. Bertelsmann Verlag, München 2011. S. 33 f.
  52. Roland Banken: Die sowjetisch-chinesischen Beziehungen von 1949– 1969 im Rahmen der weltweiten Interdependenz. Entstehung, Wandel und Verfall des Bündnisses zwischen beiden kommunistischen Mächten. LIT Verlag Münster, 2005, S. 163–164.
  53. Lange Grenze zwischen Russland und China Die Welt vom 23. Juli 2008, abgerufen am 17. September 2017