ATLAS (Detektor)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Large Hadron Collider (LHC) Anordnung der verschiedenen Beschleuniger und Detektoren des LHC
Anordnung der verschiedenen Beschleuniger und Detektoren des LHC
Detektoren
  Teilweise aufgebaut:
Vorbeschleuniger

46.2357536.055092

Karte: Schweiz
marker
ATLAS (Detektor)
Magnify-clip.png
Schweiz
ATLAS-Kaverne, Oktober 2004
ATLAS, November 2005
Der ATLAS-Kontrollraum zur Techniküberwachung

ATLAS ist ein Teilchendetektor am Large Hadron Collider (LHC), einem Teilchenbeschleuniger am europäischen Kernforschungszentrum CERN. ATLAS stand ursprünglich für A Toroidal LHC ApparatuS, wird aber mittlerweile nur noch als Eigenname benutzt. Unter anderem soll mit ATLAS erstmals das Higgs-Boson, ein für die Erklärung der Masse wichtiger Bestandteil, nachgewiesen werden sowie die derzeit kleinsten bekannten Bausteine der Materie, Leptonen und Quarks, auf eine etwaige Substruktur hin untersucht werden. Parallel zu ATLAS verfolgt auch der CMS-Detektor ein ähnliches Physikprogramm, sodass ein Ergebnis eines Experiments am jeweils anderen überprüft werden kann. Am ATLAS-Experiment nehmen etwa 7000 Forscher aus über 200 Instituten weltweit teil.[1]

Der Bau des LHC wurde im Februar 2008 abgeschlossen, die ersten Teilchenkollisionen fanden 2009 statt. Geplant ist der Betrieb von ATLAS bis mindestens 2035.

Sprecher der Kollaboration ist zurzeit (2013) Dave Charlton.[2] Vorher waren Fabiola Gianotti (bis Februar 2013) und Peter Jenni (bis 2009) Sprecher der Kollaboration.[3]

2012 war die ATLAS-Kollaboration zusammen mit der unabhängig arbeitenden CMS-Kollaboration an der Entdeckung eines neuen Bosons beteiligt, das wahrscheinlich das gesuchte Higgs-Boson ist. Die genauen Eigenschaften werden noch weiter erforscht.

Physik am ATLAS-Experiment[Bearbeiten]

Mit dem ATLAS-Detektor wird das Standardmodell der Teilchenphysik überprüft und nach möglicher Physik jenseits des Standardmodells gesucht.

Ursprung der Teilchenmassen[Bearbeiten]

Ein wichtiger Forschungsbereich ist die Frage , wie es zu den stark unterschiedlichen Massen der Elementarteilchen kommt. Die Massen reichen von den winzigen, noch nicht genau bekannten Massen der Neutrinos bis zur Masse des Top-Quarks, die der eines Gold-Atoms entspricht. Damit ist das schwerste Elementarteilchen mindestens 200 Milliarden mal so schwer ist wie das Leichteste. Untersucht wird in diesem Zusammenhang der Higgs-Mechanismus. Danach entstehen unterschiedliche Teilchenmassen, weil Teilchen unterschiedlich stark an das Higgsfeld koppeln. Daher hofft man, Higgs-Bosonen als Anregung des Higgsfeldes nachweisen zu können. Dies ist möglich, indem man die Zerfälle der Teilchen untersucht. Es wurde bereits ein Teilchen entdeckt, das in allen gemessenen Parametern mit dem vorhergesagten Higgs-Boson übereinstimmt.[4] Unklar bleibt aber auch mit dem Higgs-Mechanismus, wieso die Kopplungskonstanten so verschieden sind.

Vereinheitlichung der Wechselwirkungen[Bearbeiten]

Die Vereinheitlichung der vier fundamentalen Wechselwirkungen zu einer Quantenfeldtheorie, die auch die Gravitation mit einbezieht, bildet einen weiteren Forschungsschwerpunkt. Da diese Vereinheitlichung erst auf Energieskalen weit jenseits der in absehbarer Zeit experimentell erreichbaren Energien geschieht, ist eine direkte Beobachtung nicht möglich. Supersymmetrie ist eine Voraussetzung für eine Vereinheitlichung, weshalb mit ATLAS gezielt nach supersymmetrischen Teilchen gesucht wird. Gelänge es, supersymmetrische Partner der heute bekannten Elementarteilchen nachzuweisen, ließen sich zumindest drei der vier Grundkräfte in einer großen vereinheitlichen Theorie zu kombinieren. Bislang (Stand: 2014) wurden keine neuen Teilchen entdeckt, die bisherigen Ausschlussgrenzen konnten jedoch verbessert werden.[5]

B-Physik[Bearbeiten]

Darüber hinaus wird am ATLAS-Detektor auch B-Physik betrieben. Dabei wird der Zerfall von B-Mesonen und ihrer Antiteilchen beobachtet. Wenn sich dabei Unterschiede in den Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Zerfallskanäle zwischen Teilchen und Antiteilchen zeigen, ist dies eine Verletzung der CP-Symmetrie. Solche CP-verletzenden Prozesse sind Voraussetzung dafür, dass es im Universum, wie beobachtet, mehr Materie als Antimaterie geben kann. Diese Messungen ergänzen und überprüfen oft Ergebnisse des LHCb-Experiments, beispielsweise bei der Mischung von Bs-Mesonen.[6] Man hofft aber auch bisher unbekannte CP-verletzende Prozesse durch die Entdeckung neuer Teilchen, beispielsweise das Higgs-Boson und supersymmetrische Teilchen, zu finden.

Substruktur von Teilchen[Bearbeiten]

Im Bereich der Elementarteilchenphysik wird untersucht, ob Leptonen und Quarks eine Substruktur haben und also aus anderen Teilchen zusammengesetzt sind. Damit könnte möglicherweise eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob es tatsächlich genau drei Generationen von Elementarteilchen gibt und ob es noch weitere unentdeckte Teilchen gibt. Bislang (Stand: 2014) wurde keine Substruktur gefunden und solche Modelle konnten teilweise ausgeschlossen werden.[7]

Weitere Analysen[Bearbeiten]

Neben diesen Hauptaufgaben ist der ATLAS-Detektor auch darauf ausgelegt, weitere Forschungsfelder abzudecken. Dazu zählen etwa Prozesse der Quantenchromodynamik sowie die Suche nach Teilchen mit anormalen Quantenzahlen wie beispielsweise Leptoquarks oder Dileptonen.

Aufbau des Detektors[Bearbeiten]

ATLAS hat die Form eines Zylinders mit einer Länge von 46 m und einem Durchmesser von 25 m und hat ein Gewicht von 7.000 Tonnen. Damit ist er der größte bislang gebaute Teilchendetektor.[8] Das Experiment besteht aus vier übergeordneten Systemen. Die Systeme sind, wie bei Teilchendetektoren für Colliding-Beam-Experimente üblich, in einer Zwiebelschalenstruktur angeordnet, wobei jede Schicht nur ausgewählte Teilchen und auch nur bestimmte Eigenschaften dieser Teilchen misst.

Magnetsystem[Bearbeiten]

Das Magnetsystem erzeugt das magnetische Feld, welches geladene Teilchen ablenkt. Es besteht aus einem zentralen Solenoid-Magnetfeld von 2 Tesla, dem Endkappen-Toroiden und dem Barrel-Toroiden. Toroide sind Magnete in Form eines Torus, welche im Inneren ein sehr homogenes Magnetfeld erzeugen. Durch die Krümmung der Flugbahn geladener Teilchen kann deren Impuls bestimmt werden.

Innerer Detektor[Bearbeiten]

Der Innere Detektor besteht aus drei Subdetektoren. Der innerste Teil ist der ATLAS-Pixeldetektor mit drei Lagen Siliziumsensoren. Die Sensoren beginnen in einem Abstand von 50,5 mm um den Wechselwirkungsbereich der Strahlen herum und erlauben eine hohe Auflösung der einzelnen Wechselwirkungspunkte. Um den Pixeldetektor herum schließt sich ein Silizium-Streifendetektor an, der weitere Spurpunkte zur Bestimmung der Flugbahn liefert. Der Übergangsstrahlungsspurdetektor (engl. Transition Radiation Tracker, TRT) ist der äußerste Teil des inneren Detektors und registriert etwa 30 Spurpunkte pro durchgehendem ionisierenden Teilchen. Durch den Nachweis von Übergangsstrahlung kann außerdem zwischen Elektronen und Hadronen unterschieden werden.

Kalorimetersystem[Bearbeiten]

Das Kalorimetersystem besteht aus einem elektromagnetischen Kalorimeter und einem hadronischen Kalorimeter. Das gesamte elektromagnetische und Teile des hadronischen Kalorimeters benutzen flüssiges Argon als aktives Detektormaterial und wurden deshalb in insgesamt drei Kryostaten eingebaut. Der äußere Teil des hadronischen Kalorimeters beruht auf Szintillator-Technik. Das elektromagnetische Kalorimeter bestimmt Impuls und Energie von elektromagnetisch wechselwirkenden Teilchen. Der Wechselwirkungsquerschnitt ist dabei umgekehrt proportional zur Masse des geladenen Teilchens, weshalb vorrangig Elektronen-Photonen-Schauer und kaum die schwereren Myonen detektiert werden. Das sich nach außen hin anschließende hadronische Kalorimeter bestimmt Art und Energie der Hadronen.

Myon-Detektoren[Bearbeiten]

Es werden zwei verschiedene Myon-Systeme eingesetzt. Das erste System (precision chambers) mit einer hohen Ortsauflösung wird primär zur Bestimmung von Spurverlauf und Impuls der Myonen eingesetzt, das zweite wird primär zur Triggerung, das heißt zur schnellen Markierung von physikalisch interessanten Ereignissen mit Myonen benutzt. Die Myonen können getrennt von anderen Teilchen gemessen werden, da sie nicht an der starken Wechselwirkung beteiligt sind und wegen ihrer großen Masse die Kalorimeter ungestört durchqueren können.

Literatur[Bearbeiten]

  • ATLAS Collaboration (Hrsg.): ATLAS Detector and Physics Performance. Technical Design Report, Volume 1, CERN/LHCC/99-14,25 May 1999 TDR Vol. I (pdf-Datei; 8,08 MB)
  • ATLAS Collaboration (Hrsg.): ATLAS Detector and Physics Performance. Technical Design Report, Volume 2, CERN/LHCC/99-15,25 May 1999 TDR Vol. II (pdf-Datei; 9,56 MB)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: ATLAS (Detektor) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Liste der Teilnehmer, abgerufen am 18. April 2011
  2. UK news from CERN Issue 3 (PDF; 162 kB)
  3. CERN Courier April 2009 zur Übernahme des Sprecheramts durch Fabiola Gianotti 2009
  4. ATLAS Kollaboration: Observation of a new particle in the search for the Standard Model Higgs boson with the ATLAS detector at the LHC, Phys.Lett. B716 (2012) 1-29 (online)
  5. ATLAS Kollaboration: ATLAS Supersymmetry (SUSY) searches. Abgerufen am 29. Oktober 2013 (englisch).
  6. ATLAS Kollaboration: Time-dependent angular analysis of the decay Bs -> J/psi phi and extraction of Delta Gamma_s and the CP-violating weak phase phi_s by ATLAS. 24. März 2013, abgerufen am 29. Oktober 2013.
  7. ATLAS Collaboration: Search for Production of Resonant States in the Photon-Jet Mass Distribution Using pp Collisions at √s=7  TeV Collected by the ATLAS Detector, Phys. Rev. Lett. 108, 211802 (2012) (online)
  8. CERN: World’s largest superconducting magnet switches on. 20. November 2006, abgerufen am 29. Oktober 2013.