Aufstand in Soweto

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Der Aufstand in Soweto, auch als Schüleraufstand bezeichnet,[1][2][3] begann am 16. Juni 1976 in Soweto in Südafrika. Er forderte zahlreiche Todesopfer und führte zu lange andauernden, landesweiten Protestaktionen gegen die rassistische Bildungspolitik und das gesamte Apartheidsregime des Landes.

Geschichte[Bearbeiten]

Soweto war 1976 ein südwestlicher Vorort der südafrikanischen Großstadt Johannesburg, der aus mindestens 28 Townships für Schwarze bestand. Auslöser des Aufstandes waren die Pläne des Bildungsministers Andries Treurnicht, wonach Afrikaans, die Sprache der weißen burischen Herrschaftsschicht, als verbindliche Unterrichtssprache eingeführt werden sollte. Die schwarzen Schülerinnen und Schüler, die diese Sprache zum Teil kaum beherrschten, sahen sich dadurch ihrer Chancen im Bildungssystem beraubt. Sie formierten sich unter Führung des Schülers Tsietsi Mashinini am 16. Juni 1976 zu einem Demonstrationszug mit etwa 15.000 Teilnehmern durch Orlando in Soweto. Die Polizei schlug die Demonstration blutig nieder: Nach ihren Angaben starben bei den Auseinandersetzungen 575 Menschen, die Gegenseite spricht von weit höheren Opferzahlen. Zahlreiche Kinder und Jugendliche wurden bei Razzien in Schulen inhaftiert. Durch Folter versuchte die Polizei, die Anführer des Aufstands herauszufinden. Die Unruhen griffen auf andere Townships in Südafrika über und dauerten bis 1978 an. Darüber hinaus kam es zu Streiks der schwarzen Bevölkerung und zu internationalen Protesten.

Das erste Opfer des Aufstands war der Schüler Hastings Ndlovu. Jedoch wird oft Hector Pieterson fälschlich als erstes Opfer bezeichnet, weil ein Foto, das den tödlich verletzten Pieterson zeigt, weltweit bekannt wurde. Das Hector-Pieterson-Mahnmal steht seit 1992 in Orlando, Soweto.

Die Apartheidsregierung gab eine Untersuchung der Unruhen im Zeitraum vom 16. Juni 1976 bis Februar 1977 in Auftrag. Unter Leitung des Juristen Piet Cillie befasste sich eine Kommission mit der Thematik und erkannte die katastrophalen Lebensumstände in Soweto und anderen Townships als hintergründige Basis solcher Aufstände, die durch den angestauten Unmut ihrer Bewohner auf das Bildungssystem ausbrachen. Die Cillie-Kommission legte am 29. Februar 1980 dem Südafrikanischen Parlament ihren Bericht vor.[4]

Hintergrund[Bearbeiten]

Mit dem Bantu Education Act von 1953 wurde eine minderwertige Bildung für die schwarze Bevölkerung in Südafrika etabliert. Nach den Empfehlungen der Eiselen-Kommission (Eiselen Commission) von 1951 sollte die jeweilige afrikanische Muttersprache für die schwarze Bevölkerung auf die gesamte Primarschulzeit (bis 8. Klasse) ausgedehnt werden und die beiden damaligen Amtssprachen Südafrikas, Englisch und Afrikaans, erst in der 2. Klasse bzw. in der 4. Klasse als Fremdsprachen eingeführt werden. Die zuständige oberste Behörde fürchtete jedoch eine Zurücksetzung von Afrikaans – der Sprache der Buren – und entschied, dass von der 1. Klasse an bereits drei Sprachen zu unterrichten sind.

Die beabsichtigte Bevorzugung jeweiliger Muttersprachen (und damit verbunden die Ausgrenzung durch den eingeschränkten Zugang zu den offiziellen Sprachen des Landes) blieb allerdings bestehen. Dieses Ziel erreichte man erstmals 1959, als dann die Abschlussprüfungen der Primarschule 8. Klasse nicht auf Englisch, sondern in der jeweiligen afrikanischen Muttersprache geschrieben wurden.[5]

Im damaligen Transvaal wurde vom Department of Native Affairs (Abteilung für „Eingeborenenangelegenheiten“) dagegen festgelegt, dass in der Sekundarstufe die meisten Fächer in den beiden offiziellen Landessprachen Englisch (Naturwissenschaften, praktische Fächer) und Afrikaans (Mathematik, sozialkundliche Fächer) unterrichtet werden sollten. Nur Musik, Religion und Sport hatten die Lehrer in den regionalen Muttersprachen abzuhalten. Nach den Empfehlungen der Eiselen-Kommission sollte nur eine Amtssprache in der Sekundarstufe fortgeführt werden. Im Schulalltag bedeutete diese Regelung, dass nach dem achtjährigen Unterricht in der regionalen Muttersprache während der Primarschulzeit die höhere Bildung (ab Sekundarschule) in den beiden offiziellen Amtssprachen im Verhältnis 1:1 zu führen war. Der Sprachunterricht in den Amtssprachen war vorrangig auf grammatikalische Studien und Übersetzungen ausgerichtet, so dass die Schüler nur schwerlich mündliche Kompetenz erlangen konnten. Das wirkte sich als massive Benachteiligung der schwarzen Schüler aus.[6]

Im Gegensatz zu den Schulen für weiße Kinder, wo die Unterrichtssprache von Beginn an entweder Englisch oder Afrikaans war, gab es keine Vorgabe zum dualen Sprachunterricht. Wo er stattfand, schaffte man ihn nach kontroverser Diskussion wieder ab.

Der Bantu Education Act erfuhr innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft heftige Kritik. Gegen dieses Gesetz wandten sich Eltern, Lehrervereinigungen, Community-Verbände und der Südafrikanische Kirchenrat. Im Zentrum der öffentlichen Kritik standen die Regelungen zum Sprachunterricht. Die Proteste und Bemühungen zu einer Änderung erstreckten sich über den Zeitraum der 1960er und 1970er Jahre. Selbst als kaum oppositionell einzustufende Organisationen wie der Advisory Board for Bantu Education (Beirat für Bantu-Erziehung) und der African Teachers’ Association of South Africa (Lehrerverband) versuchten die Bantu-Behörde in Pretoria zu einer Veränderung zu bewegen.[7]

Die landesweiten Proteste gegen die Struktur des Sprachunterrichts blieben lange ohne gesetzgeberische Konsequenz, wurden aber in zahlreichen Fällen mit Ausnahmegenehmigungen quittiert. Eine Verschärfung trat 1974 mit dem personellen Wechsel an der Spitze des Ministeriums ein. Der neue Amtsträger ignorierte die Appelle und Eingaben von der Basis und führte die Behörde nach harten Maßstäben. Selbst die Interventionsversuche von den politisch gleichgeschalteten Homelandregierungen wies man rigoros zurück.

Man senkte nach 1975 den Anteil der muttersprachlich basierten Unterrichtssprache ab und zog die Abschlussprüfung der achtjährigen Primarschule auf die 7. Klasse vor. In Südafrika erfolgte der Wechsel zwischen der 6. und 7. Klasse von den Muttersprachen (Englisch, Afrikaans) auf dualen Unterricht, in den formell unabhängigen Homelands zwischen der 4. und 5. Klasse.[8]

Eine politisch außerordentlich brisante Stimmung bildete sich ab 1975 heraus, als erstmals die Abschlussprüfungen in der 7. Klasse abgelegt werden mussten und nun in Englisch oder Afrikaans (für die schwarzen Schüler nicht mehr in der afrikanischen Muttersprache). Die angefallenen und strukturell bedingten sprachlichen Defizite aus den vorangegangenen Lehrplänen waren innerhalb eines Schuljahres nicht aufzuholen.[9]

Anfang des Jahres 1976 regte sich in vielen Primarschulklassen und unteren Sekundarschulklassen im gesamten Land deutliches Missfallen gegen die 1:1-Lösung. Der sich daraus entwickelnde Streik begann im Mai und weitete sich auf das gesamte Land aus.

Internationale Reaktionen[Bearbeiten]

Auf Initiative mehrerer UN-Mitgliedsstaaten wurde der UN-Sicherheitsrat zu einer Stellungnahme gegenüber Südafrika aufgefordert. Dieser reagierte 1976 mit der Resolution 392, worin die Regierung Südafrikas wegen ihrem unverhältnismäßigen Vorgehen bei den Unruhen in Soweto scharf kritisiert und zur Aufhebung der Apartheidsverhältnisse aufgefordert wurde. Der Sicherheitsrat stellte sich in solidarischer Position zu den Opfern der Unruhen.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: United Nations Security Council Resolution 392 – Quellen und Volltexte (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Soweto - Ein Ghetto gegen die Apartheid. Abgerufen am 16. Juni 2010.
  2. Guido Pinkau: Schüleraufstand in Soweto. In: Reisegast in Südafrika: Fremde Kulturen! Verstehen und erleben. Abgerufen am 16. Juni 2010.
  3. Schüleraufstand in Soweto. Abgerufen am 16. Juni 2010.
  4. Pat Tucker: Cillie Commission. auf www.disa.ukzn.ac.za (PDF-Datei; 718 kB)
  5. Heike Niedrig: Sprache-Macht-Kultur, 2000, S. 87
  6. Heike Niedrig: Sprache-Macht-Kultur, 2000, S. 88
  7. Heike Niedrig: Sprache-Macht-Kultur, 2000, S. 89
  8. Heike Niedrig: Sprache-Macht-Kultur, 2000, S. 92
  9. Heike Niedrig: Sprache-Macht-Kultur, 2000, S. 93
  10. Originaltext der Resolution. auf www.un.org (englisch)