Balkanisierung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die politische Entwicklung der Balkanhalbinsel in den letzten beiden Jahrhunderten

Balkanisierung, auch Libanonisierung,[1] ist ein politisches Schlagwort, mit dem insbesondere Dismembrationen, aber auch Sezessionen (Loslösung einzelner Landesteile) von Staatsgebilden bezeichnet werden. Es soll dabei eine in der Regel ablehnende Haltung zum Ausdruck gebracht werden.

„Balkanische Zustände“ werden mit Chaos, Gewalt, Rückständigkeit und Brutalität gleichgesetzt und dem „zivilisierten“ Europa entgegengestellt. Diese Konnotation erfolgt regelmäßig auch in den Grenzräumen der Region, zum Beispiel in Kroatien und Rumänien. In der Kernregion selbst geht man mit dem Begriff mit weniger Vorbehalten um. [2]

Der Begriff bezeichnete ursprünglich die von den europäischen Großmächten geförderte Auflösung des Osmanischen Reiches, vor allem auf der Balkanhalbinsel während des 19. Jahrhunderts. Durch den Zerfall Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg entstanden weitere neue Staaten, darunter Jugoslawien. Dieses zerfiel infolge der Jugoslawienkriege wiederum in kleinere Staaten.

Darüber hinaus findet der Begriff inzwischen weiterreichende Anwendung für Vorgänge, in denen große Gebilde in viele kleine zerfallen. Eine weitere Bedeutung ist der Verfall von guten Sitten analog zu den Jugoslawienkriegen: Die Balkanisierung eines Verhaltens, zum Beispiel die Nichtbeachtung der journalistischen Distanz.

Im kollektiven Arbeitsrecht beschreibt der Begriff (auch engl. balkanization) die Sorge, dass bei einem Abweichen vom Industrieverbandsprinzip („Ein Betrieb – eine Gewerkschaft“, Grundsatz der Tarifeinheit) und einem möglicherweise daraus folgendem wahllosen Nebeneinander von Tarifverträgen die Gefahr besteht, dass es zu Störungen im Betriebsfrieden oder einem großen Anstieg von Streiks kommen könnte.[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: balkanisieren – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eric J. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. 1990, S. 214.
  2. Konrad Clewing, Oliver Jens Schmitt: Geschichte Südosteuropas. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2012, S. 10.
  3. Franz Gamillscheg: Kollektives Arbeitsrecht. Bd. 1, München 1997, S. 752 f.