Baltenschule Misdroy
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Die Baltenschule Misdroy wurde nach dem Ersten Weltkrieg von aus dem Baltikum vertriebenen Intellektuellen im westpommerschen Misdroy gegründet. Deren Kinder fanden Aufnahme im dort ebenfalls gegründeten Ostseeinternat Dünenschloß. Gründer der Schule war Carl Hunnius. Das Internat war konservativ ausgerichtet, man legte Wert auf Manieren und das äußere Erscheinungsbild. Daneben spielte aber auch Sport eine große Rolle im Internatsleben.
Einer der bekanntesten Schüler des Internats war von 1938 bis 1942 Prinz Claus von Amsberg, der spätere Gemahl der niederländischen Königin Beatrix. Weitere Schüler der Baltenschule waren Bernd Freiherr Freytag von Loringhoven, Adjutant bei General Guderian vom 21. Juli 1944 bis zum 29. April 1945 im Führerhauptquatier, und auch der spätere DDR-Journalist Bernt von Kügelgen, beide Abkömmlinge aus baltischen Adelsfamilien. Bekannt wurde auch der Oberstudienrat und Historiker Gert Kroeger.
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[Bearbeiten] Die Baltenschule und das Ostsee-Internat Dünenschloß zu Misdroy
Die Baltenschule
- 10. Februar 1919 - 31. März 1919 Beginn im Jugendheim Misdroy
- 1. April 1919 - 30. September 1919 im Ostsee-Hotel in Misdroy
- 1. Oktober 1919 - Ostern 1920 im Kurhaus von Misdroy
- 13. April 1920 - März 1945 im ehemaligen Hotel Deutsches Haus
- 6. März 1945 Die Schule wird geschlossen.
Direktoren
- 10. Februar 1919 - 31. Dezember 1944 Dr. lic. Carl Hunnius
- 1. Januar 1945 – 6. März 1945 Dr. Dijong
Das Internat
- 1. Oktober 1920 - 30. September 1923 im Haus Königshöhe
- 24. November 1923 - Dezember 1944 im „Dünenschloß“
Internatsleiter im Dünenschloß
- 24. November 1923 - 30. September 1924 Reinhold Tantzscher
- 1. Oktober 1924 - Frühjahr 1934 Dr. Helmut Gurland
- Frühjahr 1934 - 31. Oktober 1934 Dr. Waldemar Wünsche
- 1. November 1934 - 31. August 1939 Pastor Hans Lohmann, er wird am 25. August 1939 zum Wehrdienst einberufen
stellvertretend bis Dezember 1944 Otto von Rennenkampf; Dr. Gert Kroeger
[Bearbeiten] „Misdroy“
Ein Rückblick Am 10. Februar 1919 gründete der langjährige Direktor der Landesschule in Mitau, Lic. Dr. Carl Hunnius (1873 - 1964), die Baltenschule und später das Ostsee-Internat Dünenschloß in Misdroy auf der pommerschen Insel Wollin.
In seinen Erinnerungen schildert er die Schwierigkeiten, unter denen die Gründung gelang. Sein Plan war, den vielen Kindern, die mit ihren Eltern aus dem Baltikum, vor allem aus Kurland, mit den zurückflutenden Truppen nach Deutschland gekommen waren, eine Schulmöglichkeit zu bieten. Das Ostseebad Misdroy mit seinen im Winter leerstehenden Ferienhäusern, war von vielen Balten, zumindest vorübergehend, als billige Bleibe gewählt worden. Nach Prüfung anderer Orte entschied sich Hunnius für Misdroy, zumal die Gemeinde an einem Gymnasium interessiert war, großes Entgegen kommen zeigte, die Gehälter von 4 Lehrern übernahm und 2 Freiplätze für begabte Volksschüler stiftete.
Die Gründung der Baltenschule erfolgte im Turnsaal des Jugendheimes, der Schulbe-trieb begann am 10. Februar 1919 mit 42 baltischen Schülern. Im Jahre 1920 waren es bereits 204 Schüler, davon 166 Balten. 1923 stieg die Zahl auf 253, darunter auch einige Mädchen, deren Zahl bis zur Schließung der Schule auf ein Viertel anstieg.
Unvorstellbar waren die Anstrengungen. Aus einem Hotel wurden Stühle und Gartenti-sche geliehen, ein Rundschreiben des für Schulfragen in Pommern zuständigen Ge-heimrats Bohnstedt an alle Schulen erbrachte mehrere gebrauchte Wandkarten. Am 28. Februar 1920 konnte vom Baltenverband das ehemalige Hotel „Deutsches Haus“ als Schulgebäude erworben werden, allerdings mussten zur Kostendeckung mehrere Räume an ein Kino, ein Restaurant und zwei weitere Zimmer als Laden vermietet werden.
Von Beginn an war auch ein, die Baltenschule ergänzendes Internat geplant, jedoch gestaltete sich diese Realisation noch schwieriger. Bis dahin hatten verschiedene baltische Familien eine Verdienstmöglichkeit durch die Aufnahme von Pensionären. Erst als Pastor Glass seine Schülerpension aufgab, gelang es, dessen Räume anzumie-ten. Schließlich konnte am 3. Juli 1923 vom Baltischen Roten Kreuz das „Dünenschloß“ als Internatsgebäude erworben werden. Das Schulkollegium bestand aus 18 Lehrern, meist Balten, die zumeist mit Hunnius aus Mitau gekommen waren und 8, in der Volksschule unterrichtenden Misdroyern. Die Baltenschule, die auch von einheimi-schen Kindern besucht wurde, erwarb sich rasch einen guten Ruf, der dann zum Eintritt zahlreicher, überwiegend ostelbischer Söhne führte.
Dadurch besserte sich zwar die finanzielle Situation der Einrichtung, doch blieb diese immer angespannt. Schulträger war der Baltische Vertrauensrat, ab 1922 das Baltische Rote Kreuz, dessen wechselnde Generalbevollmächtigte, sich mühten, dieser perma-nenten Schwierigkeiten Herr zu werden. Das Schulgeld konnte nur gering angesetzt und auch dann nicht von allen Eltern aufgebracht werden. 1932 wurde im Baltischen Roten Kreuz erwogen, die Anstalt zu schließen, doch gelang wieder irgendwie die finanzielle Sanierung. Für zusätzliche Einnahmen wurde das Internat in den langen Sommerferien an Gäste vermietet.
Einen wichtigen Schritt stellte das Abitur 1928 dar. Musste es bis dahin extern abgelegt werden, so fand es nun erstmalig in der Baltenschule statt.
Ohne die Bedeutung der Baltenschule schmälern zu wollen, wäre sie doch eine unter vielen geblieben, hätte es nicht auch das Ostsee-Internat Dünenschloß gegeben, der Schule angegliedert, das den Begriff „Misdroy“ schuf. Geprägt wurde es durch seinen charismatischen, langjährigen Leiter Dr. Helmut Gurland, der eine ideale Ergänzung zum Direktor war. Ihn gefunden zu haben, bezeichnete Hunnius als eine seiner größten Glücksfälle im Leben. Wie stark Gurlands Einfluss war, spiegelt sich in vielen, von Misdroyern verfassten Erinnerungen wider. In einem Brief des Jahres 1976 formuliert es ein Internatler: „Gurland ist es zu verdanken, daß aus Pension Glass und Königshö-he ein Dünenschloß geworden ist. Ohne ihn hätte auch trotz der überragenden Gestalt von Dr. Hunnius Misdroy niemals das Internat das dargestellt, als was es in unserer Erinnerung weiterlebt. Er erzog uns zu Herren im besten Sinne des Wortes.“ Helmut Gurland war der Sohn von Rudolf Hermann Gurland, einem Juden, der als Rabbiner konvertierte, evangelischer Pastor wurde. Obendrein heiratete er in zweiter Ehe eine kurländische Aristokratin. Dieses bemerkenswerte Leben ist in seinem Buch „In zwei Welten“ nachzulesen.
Nachdem es der Internatsleitung lange Zeit gelungen war, Helmut Gurland als damals sogenannten „Halbjuden“ vor den Angriffen der örtlichen Parteifunktionäre zu schützen, wurde sie 1934 vor die Wahl gestellt, entweder Schule und Internat zu schließen, oder sich von ihm zu trennen. Gurland trat freiwillig von seinem Posten zurück und wanderte mit seiner Frau nach Afrika aus. 1949 starb er in einem englischen Internie-rungslager in Rhodesien. (Heute: Simbabwe).
Dieser 1934 erzwungene Abgang bedeutete nicht nur einen tiefen Einschnitt für das Internat, sondern die alten Misdroyer spalteten sich in die alten „Gurländer“ und „Nichtgurländer“. Es kam zu einer offenen Revolte der Internatler, die auf eigene Faust bis zu Göring (Hitlers Reichsmarschall war mit einer Baltin verheiratet) vorgestoßen waren, um das Verbleiben des beliebten Internatsleiters zu erreichen - vergeblich. Erst als der junge, fünfundzwanzigjährige Pastor Hans Lohmann für die nächsten 5 Jahre bis zur Einberufung das Internat leitete, danach wurde er vertreten, beruhigte sich die Situation, wobei jedoch ein Riss innerhalb der Ehemaligen fast bis auf den heutigen Tag bestehen blieb.
Misdroy, Schule wie Internat, war durch Schüler, Erzieher, Lehrer und sonstige Mitarbeiter anfangs baltisch dominiert, späterhin noch stark geprägt. Mit der Zeit verschob sich dieses Verhältnis durch die zahlreichen reichsdeutschen Internatler. Es kam aber zu einer Angleichung beider Gruppierungen, was bei dem meist ähnlichen Herkommen vom Lande, der gleichen christlich-konservativen Begriffswelt mit gleichem Ehrgefühl nicht verwundert.
Natürlich wurden immer wieder Versuche unternommen, den spezifischen „Misdroyer Geist“ zu definieren, vergeblich, wie es alle derartigen Bemühungen bleiben müssen. Der langjährige Internatsleiter, Pastor Lohmann formulierte es 1977 folgendermaßen: „Es war die Geborgenheit dieses Hauses mit gemeinsamen Neigungen und gemeinsa-mem Lebensgefühl, aber auch mit gemeinsamen Abneigungen gegen die Zeitströmung. Preußische Schlichtheit traf sich mit baltischer Erziehungsweise, die aus der Vergan-genheit lebt, für die Gegenwart offen ist und damit der Zukunft gewachsen ist.“
Dazu kam das Vorleben durch die Erzieher und Lehrer, die ohne geregelte Freizeit, bei geringem Einkommen, mit, unter und für die Internatler lebten. Schwieriger gestalteten sich gelegentlich in der Schule die Beziehungen zu den Misdroyern, den Externen, die oft aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus kamen oder Kinder mittlerer Beamter waren.
Gleich nach Kriegsende fanden sich, durch Adressenaustausch die Misdroyer – fast alle Flüchtlinge – schnell wieder zusammen. Wie tief die gemeinsam verbrachte Internatszeit noch die heute betagten Zöglinge prägt, wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl ist, zeigen die seit 1963 bis heute regelmäßig ausgerichteten Treffen, wie auch ein lebendiger E-Mail-Austausch. Dabei hat der Krieg riesige Lücken gerissen. Kein anderes Internat in Deutschland hat einen so hohen Blutzoll entrichtet wie Misdroy. Von 1897 Schülern, die bis zur Auflösung im März 1945 die Schule besuch-ten, fielen 288
Prominentester Zögling war Prinz Claus der Niederlande, der seine Verbundenheit mit Misdroy, wohin er als Junge aus Ostafrika kam, dadurch zeigte, dass er Pastor Lohmann, und Schwester Edith (von Roth), 1966 als Ehrengäste zu seiner Hochzeit einlud.
Vor den Weihnachtsferien 1944 trat Direktor Carl Hunnius auf Befehl der vorgesetzten Schulbehörde zurück, die Anstalt sollte verstaatlicht werden. Das Internat schloss gleichzeitig und endgültig seine Pforten; zwei Monate danach auch die Schule, unter einem neuen Direktor. Eine Verstaatlichung unterblieb – die sowjetische Armee rückte inzwischen auf Pommern vor.
[Bearbeiten] Das Carl-Hunnius-Internat in Wyk 1946 - 1959
Das Wyker Internat, für kurze Zeit verbunden mit einer privaten Oberschule, wurde unter unendlichen Schwierigkeiten gegründet. Es setzte nicht nur in dieser Hinsicht die Tradition von „Misdroy“ fort.
Bewusst wurde schon im Namen an den Misdroyer Direktor angeknüpft, der hochge-achtet 1964 in Wyk starb. Herr v. Roth als Gründer und Träger des Wyker Internates, sowie Pastor Lohmann als Leiter, setzten die Verbindung zur Baltenschule fort, die als Erinnerung stets erhalten blieb, wenn diese naturgemäß, wie auch die baltische Prä-gung des Wyker Internates, mit der Zeit verblasste.
[Bearbeiten] Zur Erklärung
Livland und Kurland (mit der alten Hauptstadt Mitau) sind Landschaften, die etwa auf dem Staatsgebiet der heutigen Staaten Estland und Lettland lagen. Als „Balten“ verstanden sich jene Deutschen, deren Heimat über Generationen hinweg Livland und Kurland rsp. Estland und Lettland bildeten.
[Bearbeiten] Literatur
- Carl Hunnius: Meine Erinnerungen.
- Bernt von Kügelgen: Die Nacht der Entscheidung
- Bericht der Balten-Schule zu Misdroy, Misdroy: Balten-Schule.
- Eberhard von Lancken (Hrsg.): Den Gefallenen der Balten-Schule Misdroy.
- Baltenschule Misdroy, in: Das baltische Rote Kreuz.
- Aufruf im Adelsmarschall.
- Gert Kroeger: Vom Geist der baltischen Schule.
- Gerhard Brugmann (Hrsg.): Misdroy - Wyk - Hemmelmark. Drei christlich-konservative Internate. Chronos Verlag, 2001

