Birth of the Cool

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Birth of the Cool
Studioalbum von Miles Davis
Veröffentlichung 1954 (1957)
Aufnahme 1949, 1950
Label Capitol Records
Format EP, LP, CD
Genre Jazz
Anzahl der Titel 8 bzw. 11 (12)

Besetzung

Produktion Pete Rugolo, Walter Rivers
Studio New York City

Birth of the Cool ist ein Jazzalbum von Miles Davis, das am Übergang vom Bebop zum Cool Jazz steht, mit dem sog. Capitol Orchestra eingespielt wurde und sich erstmals der Zusammenarbeit mit dem Arrangeur Gil Evans verdankt.

Das Album[Bearbeiten]

Das 1957 als Langspielplatte veröffentlichte Album enthält 11 Musiktitel. Ursprünglich wurden einige der Kompositionen, die an zwei Studioterminen 1949 und einem 1950 aufgenommen wurden, auf Schellackplatten durch Capitol Records veröffentlicht; diese 8 Stücke waren bereits 1954 auf einer Vinyl-EP der Classics in Jazz-Reihe zusammengefasst worden.[1] 1971 wurde bei einer Neuauflage der LP als zwölfter Titel „Darn That Dream“ (mit Sänger Kenny Hagood) hinzugefügt, der seitdem in allen weiteren Auflagen enthalten ist.

Das Capitol-Orchestra vereinte einerseits afroamerikanische Musiker, die vom Bebop kamen, und andererseits weiße Musiker, die aus der Big Band von Claude Thornhill stammten. Dieses Bandprojekt spielte erstmals im August und September 1948 für zwei Wochen im Royal Roost. 1949 spielten sie auch im Clique Club. Die Gruppe hatte aber keinen ökonomischen Erfolg und wurde 1950 aufgelöst.[2]

Zu den Instrumenten dieser aufgrund der Beratung von Gil Evans nach den Klangfarben zusammengestellten middle band gehörten neben einer Trompete (Davis), einem Altsaxophon (Lee Konitz), einem Baritonsaxophon (Gerry Mulligan), einer Posaune (J. J. Johnson bzw. Kai Winding), einem Piano (John Lewis bzw. Al Haig), Kontrabass (Al McKibbon, Joe Shulman bzw. Nelson Boyd) und Schlagzeug (Max Roach bzw. Kenny Clarke) auch ein Waldhorn (teilweise Gunther Schuller) und eine Tuba (Bill Barber) als Melodieinstrument. So konnten eigenartig schwebende, dunkle Sounds entstehen[3] Die Bläser wurden in den Arrangements häufig als selbstständig geführte Stimmen eingesetzt. Traten sie aber zusammen, so wurden sie parallelistisch geführt, aber in sechsstimmigen, damals im Jazz ungewöhnlichen Akkorden. Die Musiker spielten mit leichtem, vibratolosen Ton. Ausgehend von der für Claude Thornhill geschaffenen Ästhetik, die auf dieses Orchester übertragen wurde, entstand eine eigentümlich introvertiert anmutende Musik. Besonders in den Arrangements von Gil Evans fallen polyphone Passagen auf; Mulligan arbeitete bereits (in „Jeru“) mit Taktwechseln. Die avancierteste Komposition „Israel“, ein polyphoner Blues, stammt von dem Wolpe-Schüler Johnny Carisi.

Tracks des Original-Albums[Bearbeiten]

  1. Move (Denzil Best) (2:32)
  2. Jeru (Gerry Mulligan) (3:10)
  3. Moon Dreams (Chummy MacGregor, Johnny Mercer) (3:17)
  4. Venus de Milo (Mulligan) (3:10)
  5. Budo (Miles Davis, Bud Powell) (2:32)
  6. Deception (Davis) (2:45)
  7. Godchild (George Wallington) (3:07)
  8. Boplicity (Cleo Henry)[4] (2:59)
  9. Rocker (Mulligan) (3:03)
  10. Israel (Johnny Carisi) (2:15)
  11. Rouge (John Lewis) (3:13)
  12. Darn That Dream (Eddie DeLange, Jimmy Van Heusen) (3:26)

Aufnahmedaten[Bearbeiten]

Aufgenommen in New York

1, 2, 5, 7 – 21. Januar 1949

4, 8, 10, 11 – 22. April 1949

3, 6, 9, 12 – 9. März 1950

Arrangements[Bearbeiten]

1, 5, 11 – John Lewis

2, 4, 6, 7, 9, 12 – Gerry Mulligan

3, 8 – Gil Evans

10 – Johnny Carisi

Bedeutung[Bearbeiten]

Davis meinte zu den Aufnahmen in seiner Autobiographie: „Wir spielten uns etwas sanfter in die Ohren der Leute als Bird oder Dizzy, bewegten uns in Richtung Mainstream. Mehr war’s nicht.“[5] Anders sah dies Joachim Ernst Berendt: „Mit diesen Stücken wurde ein Klangbild durchgesetzt, das schulebildend auf die ganze Entwicklung des kühlen Jazz gewirkt hat“.[6]Zu einem wichtigen, ja sogar „programmatischen Konzeptalbum“ wurde Birth of the Cool aber erst im jazzhistorischen Rückblick.[7] Denn als LP wurden die Titel erst veröffentlicht, nachdem die coolen Aufnahmen von Davis aus der Mitte der 1950er auf dem Markt waren. Dennoch beeinflussten sie den West Coast Jazz sehr stark.[8]

„Zusätzlich zu raffinierten Arrangements enthielten diese Nummern die sichersten Soli von Davis, die er bis zu diesem Zeitpunkt auf Platte aufgenommen hatte“, schrieb sein Biograph Eric Nisenson.[9] Nach Nisenson hatte Davis damals zu seinem Stil gefunden; die Aufnahmen erschienen als Birth of the Cool. Das Etikett cool blieb eine Weile an Davis haften: „Ich habe nie verstanden, warum das so genannt wurde; ich glaube, was die wirklich gemeint haben, ist ein sanfter Klang – nicht so durchdringend,“ meinte Davis.[10]

Die Musikzeitschrift Jazzwise nahm das Album in die Liste The 100 Jazz Albums That Shook the World auf.[11]

Neuere Editionen[Bearbeiten]

In der CD Complete Birth of the Cool (1998) sind neben den klanglich überarbeiteten Original-Titeln weitere Aufnahmen des Nonetts vom 4. und vom 18. September 1948 enthalten; diese waren ursprünglich für eine Hörfunksendung von Symphony Sid im Royal Roost mitgeschnitten worden. Sie erschienen auch separat unter dem Titel Real Birth of the Cool oder als Cool Boppin’[12].

Aufgrund der hohen Bedeutung dieses Albums für den Jazz hat der für seine zahlreichen Jazzaufnahmen bekannte Tonmeister Rudy Van Gelder eine neuerliche Digitalisierung der ursprünglichen Aufnahmen vorgenommen. Diese CD erschien 2000 unter dem Namen Birth of the Cool - The Rudy Van Gelder Edition beim Label Blue Note Records.

Neuaufnahmen der Arrangements[Bearbeiten]

1991 entschied sich Gerry Mulligan, die Arrangements noch einmal zu beleben; Miles Davis zeigte sich interessiert, allerdings kam es zu den Aufnahmen zu Re-Birth of the Cool erst nach seinem Tod. John Lewis und Bill Barber nahmen von der Originalband teil, sowie Wallace Roney, Phil Woods, Dave Bargeron, John Clark und das Rhythmus-Team von Mulligan. Die Neu-Interpretationen der einzelnen Stücke brauchten sich nicht mehr an das Single-Format zu halten, so dass auch längere Soli eingespielt wurden.[13]

Joe Lovano legte auf seinem Album Streams of Expression 2006 drei der Arrangements vor (Move, Moon Dreams und Boplicity), die für eine konventionellere und etwas größere Besetzung umgeschrieben und in eine neue Birth of the Cool-Suite von Gunther Schuller eingebettet waren, die harmonisch weitaus komplexere Strukturen als das Original aufweist.[14]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Linernotes von Pete Welding sowie Ralf Dombrowski: Basis-Diskothek Jazz. Stuttgart 2005. S. 58
  2. Vgl. Stephanie Stein Crease: Gil Evans: Out of the Cool – His life and Music. Chicago 2002, S. 156ff.
  3. Andre Asriel: Jazz. Aspekte und Analysen. Lied der Zeit Musikverlag, Berlin 1986, S. 187
  4. als Pseudonym von Davis und Gil Evans
  5. Miles Davis: Die Autobiographie. Hamburg 1993, S. 143
  6. Joachim E. Berendt: Das Jazzbuch. Von Rag bis Rock. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1973, S. 97
  7. Ralf Dombrowski: Basis-Diskothek Jazz. Reclam-Verlag, Stuttgart 2005, S. 67
  8. Scott Yanow: Jazz: A Regional Exploration Westport CT 2005, S. 141
  9. Eric Nisenson: Miles Davis. Round About Midnight: Ein Porträt. Wien 1985, S. 78
  10. zit. nach Nisenson, S. 78.
  11. Keith Shadwick schrieb in seiner Begründung: :„The wonder of Miles’ career is the sheer amount of times he seized the moment, grabbed the right people, and got them to deliver their best creative thoughts for him. The first time was with Charlie Parker, but by the time he landed a contract with Capitol for some modern jazz sides with an augmented group, he was able to operate freely, pulling in the restless writing talents of Gil Evans, John Lewis, Gerry Mulligan and John Carisi to create a unified and superbly subtle backdrop for his emergent lyricism. The world is changed, part one. “. The 100 Jazz Albums That Shook The World
  12. Gekoppelt mit sechs Stücken der Tadd Dameron Band mit Miles Davis, darunter die Titel Good Bait, Focus, Webb’s Delight und Cashbah
  13. Vgl. Scott Yanow: Re-Birth of the Cool.
  14. Will Layman, J. Lovano: Streams of Expression. (ausführliche Besprechung, englisch)