Bocksbeutel

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Ein Bocksbeutel ist eine Flasche in angenäherter Form eines flach gedrückten Ellipsoids für Weine aus dem Anbaugebiet Franken. Der Inhalt beträgt normalerweise 0,75 l (drei fränkische Schoppen à 0,25 l).

Bocksbeutel
zwei fränkische Bocksbeutel

Frankenwein[Bearbeiten]

Der Bocksbeutel dient seit mindestens 250 Jahren als für den Frankenwein typisches Behältnis, zunächst für den angesehensten und besten Wein, den Würzburger Stein, später auch für andere Frankenweine. 1728 beschloss der Stadtrat von Würzburg, dass die besten Weine des städtischen Bürgerspitals in Bocksbeutel gefüllt werden sollten.

Üblicherweise wird der Bocksbeutel für qualitativ hochwertige Weine verwendet. Das Mindest-Mostgewicht für Bocksbeutelwein liegt mit 72 Grad Oechsle über dem für Qualitätswein. Weiterhin gibt es seit 2009 eine neue Regelung. Diese besagt, dass Weine, die in Bocksbeutel gefüllt werden sollen, bei der amtlichen Qualitätsweinprüfung eine Mindestpunktzahl von 2,0 aufweisen müssen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Flaschenform als solche ist schon viel länger in Gebrauch. Sie leitet sich wohl aus Feldflaschen ab, die aus praktischen Gründen platt gedrückt waren: zum einen wegen des leichteren Transports im Gepäck oder am Körper, zum anderen, weil die Flasche in unebenem Gelände nicht wegrollen kann. Die Form wird auch in anderen Weinregionen von je her verwendet, beispielsweise in Portugal.

Der Bocksbeutel (niederdeutsch: Booksbüdel für Bücherbeutel) war ein seit der Vorreformationszeit gebrauchter beutelartiger Überzug von Gebet- und Gesangbüchern (siehe: Beutelbuch). Üblicherweise trugen Ratsherren ein solches Büchlein bei sich, wenn sie in den Rat gingen. Nachdem dies aus der Mode gekommen war, manche aber noch daran festhielten, bezeichnete man die altväterliche Denkart und das Beharren auf einem überwundenen Standpunkt als Bocksbeutelei. Andere Quellen, beispielsweise das Wörterbuch Kaspar von Stielers um 1690, nennen als Wortherkunft die nahe liegende Deutung Hodensack eines Ziegenbocks. Für diese Deutung spricht, dass es Bokesbudel schon im früheren Mittelalter gab, als man noch gar keine Gesangbücher hatte. Das Deutsche Wörterbuch nennt die Redensart jemandem einen Bocksbeutel anhängen, um ihn lächerlich zu machen.

Bocksbeutel und Markenschutz[Bearbeiten]

Im sogenannten Bocksbeutelstreit entschied der Europäische Gerichtshof 1983, dass diese Flaschenform, entgegen den Wünschen der fränkischen Winzer, keinen Markenschutz genießt und die festgelegten Bestimmungen in der deutschen Weinverordnung unzulässig waren, wonach nur Qualitätsweine aus Franken in Bocksbeutel-Flaschen verkauft werden durften. „Soweit die Weine nach einer lauteren Praxis und herkömmlichen Übung in ihrem Heimatstaat in solchen Flaschen abgefüllt sind, ist das Verbot [der Verwendung der Bocksbeutelflasche] unverhältnismäßig.“ (EuGH, Rs. 16/83, Slg. 1984, 1299 Rn.31ff.)[1] Dies gilt aber fast ausschließlich für fränkische und portugiesische Weine, weshalb in deutschen Supermärkten in der Regel nur Weine aus diesen beiden Anbauregionen im Bocksbeutel zu finden sind. In Baden ist die Weinabfüllung in Bocksbeutel in den Weinbaugemeinden des Baden-Badener Reblandes seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlich. Meist handelt es sich dabei um hochwertige Rieslinge. Auch Weine vom Badischen Frankenland dürfen auf Grund der historischen Gebietszugehörigkeit in Bocksbeutelflaschen abgefüllt werden. „Heute ist der Bocksbeutel das Markenzeichen des Frankenweins und seit 1989 auch für Qualitäts- und Prädikatsweine aus Franken urheberrechtlich geschützt.“[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hildebrecht Hommel: Bocksbeutel und Aryballos. Philologischer Beitrag zur Urgeschichte einer Gefäßform. Winter, Heidelberg 1978 (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 1978,2). ISBN 3-533-02707-4
  • Hinrich Borkenstein (1705-1777): Der Bookesbeutel. Hrsg. von Heitmüller, Leipzig 1896 (E-Text)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bocksbeutel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Bocksbeutel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. EuGH, Urteil vom 13. März 1984, Rs. 16/83, Volltext.
  2. Deutsche Weine