Cassius Dio

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Dieser Artikel beschreibt den Geschichtsschreiber und Konsul (um 205), den gleichnamigen Konsul des Jahres 291 beschreibt Cassius Dio (Konsul 291).

Lucius Cassius Dio Cocceianus[1] (* um 163 in Nikaia in Bithynien; † nach 229) war ein römischer Senator, Konsul, Schriftsteller und Geschichtsschreiber.

Leben[Bearbeiten]

Cassius Dio entstammte einer reichen Familie aus dem griechischen Osten des Imperium Romanum, der der Aufstieg in die Reichsaristokratie geglückt war, und war der Sohn des römischen Senators Cassius Apronianus, der um 180 Suffektkonsul war. Sein tatsächlicher Name war daher Cassius, er nahm aber die beiden anderen Namen an, um eine (in der modernen Forschung umstrittene) Abkunft mütterlicherseits von dem berühmten Redner Dion Chrysostomos zu belegen. Obwohl er von seiner Mutter her griechischer Abstammung war und obwohl er die im ganzen römischen Osten maßgebende griechische Sprache in seinen Schriften benutzte und von griechischem Denken geprägt war, kann er andererseits aufgrund seiner politischen Laufbahn und seiner Weltanschauung zugleich auch als Römer angesehen werden.

Cassius Dio verbrachte den größten Teil seines Lebens im öffentlichen Dienst. Er ging als junger Mann nach Rom, wurde unter Commodus (Kaiser 180–192) Senator und nach dem Tod des Septimius Severus (193–211) Curator der kleinasiatischen Städte Smyrna und Pergamon. Um das Jahr 205 war er selbst Suffektkonsul, später Prokonsul von Africa und schließlich Statthalter von Pannonien und Dalmatien. Der junge Kaiser Severus Alexander (222–235) schätzte ihn sehr und machte ihn 229 zum zweiten Mal zum Konsul, diesmal als consul ordinarius und Kollege des Herrschers, was eine besondere Ehre darstellte. Nach seinem zweiten Konsulat kehrte Cassius Dio in seine griechische Heimat zurück, wo er vor 235 starb.

Werk[Bearbeiten]

Cassius Dio veröffentlichte eine heute nur noch teilweise erhaltene Römische Geschichte (gr.: ‘Ῥωμαϊκὴ ἱστορία) in 80 Büchern, die Frucht einer mindestens 24-jährigen Arbeit. Sie begann mit der Ankunft des mythischen Aeneas in Italien und reichte über die Gründung von Rom bis zu seinem Konsulatsjahr 229. Das Werk war der Tradition der römischen Annalistik folgend aufgebaut, folgte aber zugleich den Genreregeln der griechischen Geschichtsschreibung. Bis zur Zeit Caesars sind seine Angaben, soweit man es den Fragmenten entnehmen kann, eher summarisch, danach bietet das Werk mehr Details, und ab der Herrschaft des Commodus wird Dio sehr ausführlich in der Darstellung dessen, was er selbst erlebt hat.

Von den ersten 36 Büchern sind nur Fragmente erhalten, darunter allerdings ein beträchtlicher Teil des 35. Buches mit dem Krieg des Lucius Licinius Lucullus gegen Mithridates VI. von Pontus sowie des 36. Buches mit dem Krieg gegen die Piraten und dem Feldzug des Pompeius gegen den König von Pontus. Die folgenden Bücher, bis zum 54. einschließlich, sind dann fast vollständig erhalten. Sie behandeln die Zeit von 65 bis 12 v. Chr., also vom Asienfeldzug des Pompeius und dem Tod des Mithridates bis zum Tod von Marcus Vipsanius Agrippa. Das 55. Buch weist eine erhebliche Lücke auf. Die Bücher 56 bis 60 behandeln die Zeit von 9 bis 47 n. Chr. und sind vollständig erhalten geblieben.

Von den folgenden 20 Büchern sind wieder nur Fragmente und dürftige Auszüge (epitome) von den Byzantinern Johannes Xiphilinos, einem Mönch des 11. Jahrhunderts und Neffen des gleichnamigen Patriarchen von Konstantinopel, und Johannes Zonaras aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Das 80. und letzte Buch beschreibt die Zeit von 222 n. Chr. bis 229 n. Chr. in der Regierungszeit des Severus Alexander. Der noch vorhandene Teil der Zusammenfassung des Xiphilinos beginnt mit dem 35. Buch und reicht bis zum Ende des 80. Buches. Sie ist eine sehr gleichgültige Arbeit, die im Auftrag des Kaisers Michael VII. erstellt wurde, aber dennoch einen groben Eindruck vom ursprünglichen Text vermitteln dürfte. Dieser Eindruck ergibt sich aus einem Vergleich mit dem vollständig erhaltenen Werk Herodians über die Jahre 180 bis 238, der Dio erkennbar als Hauptquelle benutzt hat.

Die Fragmente der ersten 36 Bücher liegen in vier Versionen vor:

  1. Die Fragmenta Valesiana, verteilt auf verschiedene Schreiber, Grammatiker, Lexikografen etc., wurden von Henri de Valois zusammengetragen.
  2. Die Fragmenta Peiresciana enthalten große Teile und wurden gefunden im Abschnitt De virtutibus et vitiis der großen Sammlung oder transportablen Bibliothek, die im Auftrag des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. Porphyrogenitus zusammengestellt wurde. Dazu gehörte das Manuskript Nicolas-Claude Fabri de Peiresc.
  3. Die Fragmente der ersten 34 Bücher, erhalten im zweiten Teil dieser Bibliothek, genannt De legationibus. Diese sind unter dem Namen Fragmenta Ursiniana bekannt, da das Manuskript, welches diese Texte enthielt, in Sizilien bei Fulvio Orsini gefunden wurde.
  4. Die Excerpta Vaticana, die Fragmente der Bücher 1 bis 35 und 61 bis 80 enthalten. Zu diesen wurden Fragmente eines unbekannten spätantiken Schreibers hinzugefügt, der die Arbeit Dios bis in die Zeit Konstantins I. fortsetzte (Anonymus post Dionem; es könnte sich dabei um Petros Patrikios gehandelt haben). Andere Fragmente Dios, die hauptsächlich zu den ersten 35 Büchern gehören, wurden in zwei vatikanischen Manuskripten gefunden, die eine Sammlung enthalten, die von Maximus Planudes erstellt wurde. Die Annalen des Zonaras enthalten ebenfalls mehrere Exzerpte aus Dios Werk.

Dio, der einen betont senatorischen Standpunkt vertrat (siehe senatorische Geschichtsschreibung), nahm sich Thukydides zum Vorbild, wenngleich er nicht an diesen heranreicht. Dennoch war Dio ein bedeutender Geschichtsschreiber. Sein Stil ist, wo der Text nicht verderbt ist, im Allgemeinen klar, obwohl er voller Latinismen steckt; seine Reden sind, wie in der antiken Geschichtsschreibung üblich, in der Regel frei erfunden. Seine Sorgfalt steht aber außer Frage: Dio konnte sich auf zahlreiche Quellen stützen, die nicht mehr in allen Einzelheiten erkennbar sind. Sicher ist jedoch, dass er als Senator auch Zugriff auf mehrere, heute verlorene Werke sowie auf Senatsakten hatte. In der selbst erlebten Zeit war er aufgrund seiner persönlichen Teilnahme an der hauptstädtischen Politik gut vertraut mit den Geschehnissen im Römischen Reich und ist speziell hierfür eine wichtige Quelle.

Dio selbst setzt allerdings bereits mit dem Beginn des Prinzipats, also der faktischen Monarchie, ausdrücklich einen Einschnitt an, was die Zuverlässigkeit der von ihm gelieferten Informationen betrifft:

Alles, was seither [d. h. seit Beginn des Kaisertums] geschah, kann nicht mehr in der gleichen Weise wie das Vorangegangene berichtet werden. Denn früher wurde alles, auch wenn es in noch so weiter zeitlicher Entfernung geschehen war, vor den Senat und vor das Volk gebracht. Daher konnten es alle erfahren, und viele schrieben es nieder [...]. Von nun an aber begannen die meisten Ereignisse, im Verborgenen zu geschehen, ohne dass darüber noch offen gesprochen worden wäre. Und wenn doch einmal etwas an die Öffentlichkeit gelangte, so begegnete man ihm mit Misstrauen, da es nicht mehr nachprüfbar war. Was immer jetzt geredet wird, was immer geschieht, bei allem vermutet man, es sei nach den Wünschen der jeweiligen Herrscher oder ihrer Nebenherrscher geschehen. Und so wird zugleich über vieles, was überhaupt nicht passiert ist, ausgiebig geschwätzt, während man von vielen anderen wirklichen Ereignissen gar nichts mehr erfährt. Alles wird nun sozusagen anders, als es in Wahrheit gewesen ist, in Form von Gerüchten verbreitet. Und gerade die Größe des Imperiums und die Fülle der politischen Vorkommnisse darin machen eine genaue Wiedergabe der Geschichte unglaublich schwierig.[2]

Der Wert Dios als Quelle ist trotz mancher Probleme sehr hoch. Für die Zeit der späten Republik, vor allem aber für die Kaiserzeit bietet er wertvolles Material, das teilweise sonst nirgendwo anders verzeichnet ist und weitgehend als zuverlässig gilt. Problematisch ist allerdings, dass Dio vielfach Entwicklungen und Zustände seiner eigenen Zeit auf die Verhältnisse in Republik und früher Kaiserzeit überträgt, was mitunter zu Anachronismen führt, die nicht immer leicht zu identifizieren sind. Besonders deutlich erkennbar ist dies bei der berühmten "Verfassungsdebatte" im 52. Buch, die ein fiktives Gespräch zwischen Octavian und seinen Freunden schildert. In byzantinischer Zeit stellte Dios Geschichtswerk offenbar auch die Hauptquelle für viele Autoren bezüglich der römischen Geschichte bis ins frühe 3. Jahrhundert dar und wurde oft herangezogen.

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Lukas de Blois: Emperor and Empire in The Works of Greek-speaking Authors of the Third Century AD. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW) II.34.4 (1998), S. 3391-3443.
  • Lukas de Blois: Volk und Soldaten bei Cassius Dio. In: ANRW II.34.3 (1997), S. 2650-2676.
  • Martin Hose: Cassius Dio: A senator and historian in the Age of Anxiety. In: John Marincola (Hrsg.), A companion to Greek and Roman Historiography. Oxford 2007, S. 461-467 (aktueller Überblick mit weiterer Literatur)
  • Fergus Millar: A Study of Cassius Dio. Oxford 1964 (Standardwerk)
  • Bernd Manuwald: Cassius Dio und Augustus. Philologische Untersuchungen zu den Büchern 45-56 des dionischen Geschichtswerkes. Wiesbaden 1979.
  • Eduard Schwartz: Cassius Dio. In: Pauly-Wissowa RE 3, 2 (1899), Sp. 1684–1722 [auch in: Eduard Schwartz: Griechische Geschichtschreiber. 2. Auflage, Leipzig 1959, S. 394ff.]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Cassius Dio – Quellen und Volltexte

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Zu seinem Namen: Roman Military Diplomas, Roxan, 133 = L. Cassius Dio; das Cognomen Cocceianus wird erst in byzantinischer Zeit erwähnt und ist daher fiktiv; ein weiterer Gentilnomen Claudius in L’Année épigraphique 1971, 430 = Κλ΄ Κάδδιος Δίων wird als fehlerhafte Wiedergabe des L(ucius) gesehen.
  2. Cassius Dio 53,19
  3. Die Stadtbibliothek Colmar besitzt 3 Exemplare der "Römischen Geschichte", die im 16. Jahrhundert gedruckt wurden. Sie gelangten hierher, als sich humanistische Philologen um eine Rekonstruktion bemühten. Der Weg des Textes führt von der byzantinischen bis zur italienischen Renaissance und zum europäischen Humanismus.