Coup-Contre-coup-Mechanismus

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Klassifikation nach ICD-10
S06.9 Schädelhirntrauma
S06.3 Umschriebene Hirnverletzung
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Entstehungsmechanismus der „einfachen“ Kontusion (Coup - Aufprallseite)
Entstehungsmechanismus des „Contre-coup“ (Seite, die dem Aufprall gegenüberliegt)

Als Coup-Contre-coup-Mechanismus (Coup: Kontusion der Aufprallseite – Contre-coup: Kontusion der Seite, die dem Aufprall gegenüberliegt) bezeichnet man die Entstehung von Hirnschädigungen (Hirnrindenprellungsblutungen und -zerstörungen) oder extrazerebralen Blutungen sowohl auf der Seite der Gewalteinwirkung auf den menschlichen Schädel, als auch auf der gegenüber liegenden Seite.[1]

Entstehung[Bearbeiten]

Sofern keine Fraktur entsteht, werden die auf den Schädel einwirkenden mechanischen Kräfte (Bewegungs-Energie) nur zu einem geringen Teil von der direkten Auftreffstelle aufgenommen. Der gesamte Kopf (einschließlich des Gehirns) ist daher kurzfristig einer starken Beschleunigung ausgesetzt. Durch die dabei auftretenden Kräfte kommt es durch die einsetzende rasche Beschleunigung zu Verformungen der Gehirnstrukturen und Umverteilungen des Liquors. Im Gehirn treten im Rahmen dieser Verformung durch die Trägheit der Gehirnmasse (und die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Druckverhältnisse in der weichen Gehirnmasse) Scherkräfte als Ursache struktureller Läsionen (sogenannte Kontusionsherde) sowohl an der Aufprallseite als auch auf der dem Aufprall entgegengesetzten Seite auf.[2][3]

Reimann und Kollegen veranschaulichen dies 1990 am Beispiel des geradlinigen Falls eines Steines ins Wasser: Der geradlinige Fall des Steines in die Tiefe entspricht der Stoßrichtung; die seitliche Wellenausbreitung auf der Wasseroberfläche entspricht der räumlichen Fernwirkung.[4]

Lokalisation[Bearbeiten]

Bei der Hirnkontusion finden sich typischerweise sowohl auf der Seite der ursächlichen Krafteinwirkung als auch auf der gegenüberliegenden radiologisch erkennbare Kontusionsherde. Die häufigsten Lokalisationen sind der Stirn- und Schläfenlappen (frontotemporal) sowie der Stirnlappen und das Stammhirn (frontobasal).[5] Im Falle einer Hirnkontusion müssen jedoch die entfernter liegenden verletzungsbedingten Veränderungen nicht zwangsläufig auf der Gegenseite auftreten, weshalb die Bezeichnung Coup – Contre-coup in der Neurochirurgie als veraltet und irreführend angesehen wird.[6]

Rechtsmedizinische Relevanz[Bearbeiten]

Wenn auf einen fixierten Kopf geschlagen wird, sind Schädelfraktur (falls vorhanden) und Gehirnläsion auf derselben Seite. Wird aber ein fallender Kopf plötzlich durch den Aufprall gebremst, findet sich eine Gehirnläsion üblicherweise auch auf der kontralateralen Seite.[7] Bei solchen Verzögerungstraumata durch freien Sturz auf den Hinterkopf entstehen sogar fast nur Gegenpolverletzungen (Contre-coup-Kontusionen).[8]

Beim traumatischen Hirnschaden (Contusio cerebri) mit Hirnrindenprellungsherden ist der Coup-Contre-coup-Mechanismus insbesondere auch für den Rechtsmediziner von erheblicher Bedeutung. Nicht nur an der Stelle der Gewalteinwirkung selbst (Coup), sondern fortgeleitet an der Gegenstoßstelle (contre-coup) finden sich indirekte Prellungsherde der Hirnrinde. Oft ist der Contre-coup gekreuzt: Coup rechter OkzipitalpolContre-coup linker Stirnpol.[9] Die Beachtung der Contre-coup-Verletzungen zur Unterscheidung eines Schlages von einem Sturz auf den Schädel ist von ausschlaggebender Bedeutung, wenn es keine Zeugen gibt.[10] Den Contre-coup erklärt man heute nicht mehr als Aufpralleffekt des Gehirns , sondern dadurch, dass bei der plötzlichen Beschleunigung, die der Kopf beim Stoß erfährt, an der gegenüber liegenden Stelle ein Unterdruck (Sog-Theorie nach Lenggenhager) entsteht.[11] Contre-coup-Verletzungen fehlen nämlich im Allgemeinen bei Gewalteinwirkung gegen den fixierten Schädel.[1]

Der Druck auf der Aufschlagstelle (z. B. Hinterkopf) erzeugt Unterdruck an der Gegenstoßstelle (Stirn-Schläfen-Bereich). Die Gegenstoßstelle ist hier insbesondere die Unterseite der Stirnhirnpole. Durch den auftretenden Sog (Contre-coup) kann es zu Einbrüchen der Orbitaldächer kommen. Auch die Augen als vorgestülpte Hirnteile werden nach rückwärts gezogen, was sich in der Augenhöhle erkennen lässt: Die dünne mediale knöcherne Begrenzung (Lamina papyracea) oder die basale Wand bricht ein. Diese Orbitazeichen können gutachtlich als Äquivalent des Hirn-Contre-Coup verwendet werden.[12][13] Beim Aufprall auf den Hinterkopf ist die Contre-coup-Verletzung im Allgemeinen erheblich größer ausgebildet als die Coup-Verletzung.[1][9][11] Dies wird verständlich, weil das Gehirn gegenüber Sog empfindlicher reagiert als gegenüber Druck.[11] Anders sind die Verhältnisse beim Sturz auf die Stirn. Hier wird meist auf der Coup-Seite eine größere Gewebsläsion gefunden als am Contre-coup-Pol, denn der Stoß wird durch den Einbruch der viel dünneren und elastischen Knochenbedeckung im Frontalbereich des Schädels aufgefangen. Wesentliche Untersuchungen zur Thematik gehen auf die ehemaligen Direktoren des Instituts für Gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität (Charité), Gunther Geserick und Otto Prokop zurück.[14]

Fallbeispiel[Bearbeiten]

„Eine 57 Jahre alte Frau wurde nach Verlassen einer Gaststätte auf der Straße von einem jungen Mann vor die Brust gestoßen, schlug mit dem Hinterkopf auf den Boden auf, wurde bewusstlos und verstarb kurz danach im Krankenhaus. Etwa 10 cm große, längs verlaufende Platzwunde der Kopfschwarte über den hinteren Partien des rechten Scheitel- und angrenzenden Hinterhauptbeins. Schädelberstungsbruch im Bereich der rechten hinteren Schädelgrube. Einzelne kleine, teils sternförmige Knochenbrüche im Bereich beider Augenhöhlendächer mit geringer Verbiegung der Bruchenden zu der Schädelhöhle hin, rechtsseitig mit Einsprengung von Augenhöhlenfettgewebe in die Bruchlinien. Blutungen zwischen knöchernem Schädel und harter Hirnhaut in der rechten hinteren Schädelgrube und über beiden Augenhöhlendächern. Blutungen zwischen harter und weicher Hirnhaut über beiden Hirnhaupt- und Stirnlappen der Großhirnhälften sowie über beiden Kleinhirnhälften, vorwiegend rechts. Massenblutungen in den weichen Hirnhäuten beider Kleinhirnhälften und beider Stirnlappen des Großhirns. Zahlreiche Rindenzertrümmerungsherde in der rechten Kleinhirnhälfte (Coup) und besonders im Bereich beider Stirnlappen des Großhirns (Contrecoup). Hirnzertrümmerung mit Gewebsblutungen im Bereich der Brücke. Schwellung des Gehirns. Rechts Erweiterung des Herzens. Ödem der Lungen. Blutstauung der inneren Organe. Geringgradige Gefäßverkalkung der großen Körperschlagader, ihrer abgehenden Äste und der Hirngrundgefäße. Die Brüche der Augenhöhlendächer mit Eintreten von Fett aus den Augenhöhlen sind eine eindrucksvolle Bestätigung für die Mechanik der Entstehung des Contrecoup ('Sogtheorie'....).“

O. Prokop und G. Radam: Atlas der gerichtlichen Medizin. Verlag Volk u. Gesundheit, Berlin, 1987, S. 365.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c H. Hunger, W. Dürwald und H. D. Tröger (Herausgeber): Lexikon der Rechtsmedizin. Johann Ambrosius Barth, Leipzig, Berlin, Heidelberg, Karl F. Haug Fachbuchverlag Heidelberg, 1993, S.&bsp;77. ISBN 3-830-40456-5
  2. T. Helfen: Basics Notfall- und Rettungsmedizin. Urban&Fischer Verlag, 2008, S. 84. ISBN 3-437-42366-5 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  3. S. Massalme: Crashkurs Pathologie. Urban&Fischer Verlag, 2004, S. 170. ISBN 3-437-43380-6 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. W. Reimann, O. Prokop und G. Geserick: Vademecum Gerichtsmedizin. Verlag Gesundheit GmbH, 1990, S. 127. ISBN 3-333-00488-7
  5. E. Bücheler u. a.: Einführung in die Radiologie. Thieme Verlag, 2006, S. 689. ISBN 3-133-16011-7 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  6. D. Moskop: Neurochirurgie. Schattauer Verlag, 2005, S. 334. ISBN 3-794-51991-4 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  7. B. Knight: Forensische Medizin. ZFA Taschenatlas. Hippokrates Verlag Stuttgart, 1986, S. 58. ISBN 3-7773-0796-3
  8. B. Brinkmann und B. Madea: Handbuch gerichtliche Medizin. Band 1, Springer, Berlin, 2004, S. 401. ISBN 3-540-00259-6 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  9. a b O. Prokop und W. Göhler: Forensische Medizin. Verlag Volk u. Gesundheit, 3. Aufl., Berlin, 1975, S. 194. ISBN 3-437-00192-2
  10. B. Knight: Forensische Medizin. ZFA Taschenatlas. Hippokrates Verlag Stuttgart, 1986, S. 56. ISBN 3-7773-0796-3
  11. a b c W. Schwerd (Herausgeber): Kurzgefaßtes Lehrbuch der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln-Lövenich, 1979, S. 44. ISBN 3-7691-0255-X
  12. B. Madea u. a.: Basiswissen Rechtsmedizin, Springer, 2007, S. 121ff., ISBN 3-540-71428-6 eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  13. G. Geserick, O. Prokop und C. Kruse: Frakturen der knöchernen Orbita bei stumpfem Schädeltrauma als Contrecoup-Verletzung. In: Kriminal Forens Wiss 39, 1980, S. 53–57.
  14. O. Prokop und W. Göhler: Forensische Medizin. Verlag Volk u. Gesundheit, 3. Aufl., Berlin, 1975, S. 194–197. ISBN 3-437-00192-2

Literatur[Bearbeiten]

  • C. B. Courville: The mechanism of coup-contrecoup injuries of the brain; a critical review of recent experimental studies in the light of clinical observations. In: Bull Los Angel Neuro Soc 15, 1950, S. 72–86. PMID 15426860
  • P. M. Hein und E. Schulz: Contrecoup fractures of the anterior cranial fossae as a consequence of blunt force caused by a fall. In: Acta Neurochirurgica 105, 1990, S. 24–29. doi:10.1007/BF01664853
  • L. B. Drew und W. E. Drew: The contrecoup-coup phenomenon: a new understanding of the mechanism of closed head injury. In: Neurocrit Care 1, 2004, S. 385–390. PMID 16174940
  • G. Szabó: Beiträge zum Mechanismus der Contrecoup-Verletzungen des Hirns. In: International Journal of Legal Medicine 37, 1943, S. 64–71.doi:10.1007/BF01757174
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