Damals war es Friedrich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Damals war es Friedrich ist ein 1961 erstmals erschienenes Jugendbuch des deutschen Schriftstellers Hans Peter Richter.

Inhalt

Die Hauptfigur des Buches ist ein 1925 geborener, jüdischer Junge namens Friedrich, der in der Zeit des Nationalsozialismus lebt.[1] Die gesamte Geschichte wird aus der Ich-Erzähler-Perspektive eines anderen Jungen erzählt, dessen Name nicht genannt wird. Dieser erzählt in einem zurückhaltenden, kaum wertenden Tonfall, der den Schrecken der Ereignisse noch verstärkt. Anfangs ist alles noch friedlich, er wohnt mit Friedrich im selben Haus (welches dem Hausbesitzer H. Resch gehört) und er ist eine Woche älter als sein bester Freund, mit dem er sehr viel spielt. Aber als Hitler an die Macht kommt, muss Friedrich merken, dass sich für ihn als Juden mit der Zeit vieles zum Schlechten wendet und der Nachbarsjunge immer weniger Zeit hat, um sich um seinen Freund zu kümmern, und den Geschehnissen der Zeit ausgeliefert ist. Am Ende stirbt Friedrich bei einem Bombenangriff, weil der Blockwart Resch ihm den Zutritt zum Luftschutzkeller verweigert.

Der Autor Hans Peter Richter hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt und im Kampf einen Arm verloren. Das Buch stand auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis und wird im deutschen Schulunterricht sehr häufig gelesen. Im April 2012 ist bereits die 61. Auflage des Buches erschienen. Es wurde in 13 Sprachen übersetzt.

Der Titel bezieht sich auf das Motto, das dem Buch vorangestellt ist:

Damals waren es die Juden.
Heute sind es dort die Schwarzen, hier die Studenten.
Morgen werden es vielleicht die Weißen, die Christen oder die Beamten sein.

Charakterisierungen

  • Friedrich Schneider ist ein normales, „zufällig jüdisches“ Kind, das eine Reihe von positiven Eigenschaften zeigt: Friedrich ist friedlich, höflich und dankbar. 1934 muss er die allmgeine Schule verlassen.[2] Im Verlauf der Handlung wird Friedrich immer verantwortungsvoller, reagiert aber später auch spürbar verzweifelt und aggressiv (wahrscheinlich wegen des Tods seiner Mutter), was die psychische Belastung veranschaulicht. Er stirbt im Jahr 1942 bei einem Bombenangriff, da er nicht in den Luftschutzkeller darf und von einem Bombensplitter tödlich getroffen wird.[1]
  • Frau Schneider ist jüdischen Glaubens und die Mutter von Friedrich. Sie ist eine einerseits zurückhaltende, gleichzeitig aber auch großzügige, bescheidene und freundliche Frau. Sie wird in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von einer Nazi-Horde in ihrer Wohnung überfallen und stirbt an den Folgen der Misshandlung.
  • Herr Schneider ist Friedrichs Vater, ein zunächst großzügiger und geselliger Mann, der anfangs eine (scheinbar) gesicherte Position innehat. Als Jude nimmt er in nicht allzu strenger Form am religiösen Leben teil. Herr Schneider verkörpert den Typus des jüdischen Deutschen, der nicht wahrhaben will, welche Gefahr ihm durch die mörderische Rassenpolitik der Nazis droht. Diese fatale Interpretation seiner Situation liegt begründet in einer religiösen Deutung der Opferrolle der Juden, und diese Opferrolle sieht er als Konstante der jüdischen Geschichte. Er entwickelt sich im Laufe der Geschichte, nach dem Tode seiner Frau, zu einem depressiven und mürrischen Menschen und wird im Jahr 1941 von der Gestapo abgeholt und vermutlich in ein KZ gebracht.
  • Der Erzähler, dessen Name im Buch nicht genannt wird, wird zunächst Pimpf und später auch Hitlerjunge, erweist sich aber im privaten Bereich als jemand, der keine Vorbehalte gegenüber Friedrich und dessen Familie hat und begrenzt auch solidarisch mit diesem ist. Trotzdem lässt er sich in der Reichspogromnacht in den Sog einer kollektiven Zerstörungswut ziehen,[3] die er aber unmittelbar danach wieder bereut.
  • Der Vater des Erzählers, ein ebenfalls vorurteilsloser Mann, lässt seinen Jungen mit Friedrich spielen und zeigt sich gegenüber der Familie Schneider im privaten Rahmen solidarisch und freundschaftlich verbunden. Das hindert ihn aber nicht daran, aus Opportunitätsgründen und um des beruflichen Fortkommens willen in die NSDAP einzutreten. In der Beurteilung der politischen Lage zeigt er sich weitsichtiger als Herr Schneider, dem er die den Juden drohende Gefahr deutlich macht.
  • Die Mutter des Erzählers, eine hilfsbereite und freundliche Frau, ist vorurteilsfrei ihren jüdischen Nachbarn gegenüber und lässt ihren Sohn mit Friedrich spielen. Der Gewalt gegen ihre Nachbarn hat sie allerdings nichts entgegenzusetzen. Als ihr Mann, als typisches Opfer der Weltwirtschaftskrise, arbeitslos wird, muss sie mitverdienen, was ihr eher unangenehm ist.
  • Großvater ist der Großvater des Ich-Erzählers; er verkörpert den Typus des autoritätsfixierten Kleinbürgers wilhelminischer Prägung, dessen Vorurteilsstruktur gegenüber Juden auf (angeblichen) persönlichen Erfahrungen beruht. Dementsprechend verbietet er seinem Enkel, mit Friedrich zu spielen. Dieser Typus zeigt zwar keine Neigung zu verbaler oder körperlicher Gewaltausübung gegenüber Juden, er gehört aber zu den geistigen Wegbereitern der Judenverfolgung in Deutschland.
  • Herr Resch ist der Typus des brutalen und nur auf seinen Vorteil bedachten Nazis. Als offensichtlicher Leser des Stürmers ist er ein von Anfang an überzeugter Nationalsozialist. Er ist gefühllos, rücksichtslos, grausam und praktiziert in fast idealtypischer Weise sämtliche Spielarten des Antisemitismus, von der Beschimpfung bis hin zur rohen Gewalt. In seiner Rolle als Blockwart verschuldet er indirekt den Tod Friedrichs, indem er diesem den Zutritt zum Luftschutzkeller verwehrt.

Die weiteren Figuren des Romans lassen sich (kontrastiv) dem Merkmal Täter, Opfer oder Zuschauer zuordnen; viele dieser Figuren tauchen nur in einem Kapitel auf und sind daher auch recht statisch angelegt. Einige wenige Figuren (alte Frau, Helga, Lehrer Neudorf, Feldwebel) werden in Entscheidungssituationen gebracht und überwinden damit ein wenig das Gefühl völligen Ausgeliefertseins an den Terror.

Kritik

Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal sprach sich in Ihrem Beitrag in der Zeitschrift Praxis Deutsch (195, 2005, S. 57–58) gegen die Lektüre des Jugendbuchs im Fach Deutsch aus. Zwar habe das Buch „ein unbestreitbares Verdienst als Beginn der Thematisierung der nationalsozialistischen Judenverfolgung in der Schule“[4], ihm liege aber ein „fatalistisches Geschichtsbild“[5] zugrunde, „das keine Handlungsspielräume zulässt, ein aktives Eingreifen von handelnden Personen unmöglich erscheinen lässt und daher auch die Frage nach Verantwortung und Unterlassung nicht stellt.“[5] Richters Versuch, „tradierte Antisemitismen durch eine neue Art der Darstellung von Juden und Judentum zu korrigieren“[6], hält sie für gescheitert und betont stattdessen, dass er auch „das zentrale Ereignis der nationalsozialistischen Judenverfolgung, die Ermordung der Juden, zugunsten einer unspezifischen Täter-Opfer-Konstruktion in relativierender Absicht“[7] ausblende. Das Kinderbuch sei, so Schrader, Kind seiner Zeit und müsse daher als ein „zeitgeschichtliches Dokument einer letztlich auf Entlastung zielenden Verarbeitung des Nationalsozialismus“ gelesen werden.[8] Auch weil die „Darstellung des Nationalsozialismus in dem Kinderbuch Damals war es Friedrich (…) weder dem aktuellen Stand der Zeitgeschichtsforschung noch der Geschichtsdidaktik[9] (entspräche), „sollte das Buch nicht mehr als Lektüre für den Deutschunterricht empfohlen werden“.[9]

Ausgaben

Literatur

  • Franz Waldherr: Hans Peter Richter, Damals war es Friedrich. Oldenbourg-Schulbuchverlag, München 2001, ISBN 3-486-80802-8.
  • Ulrike Schrader: Immer wieder Friedrich. Anmerkungen zu dem Schulbuchklassiker von Hans Peter Richter. In: Praxis Deutsch. Zeitschrift für den Deutschunterricht, Jg. 32 (2005), Bd. 195, S. 57–58, ISSN 0341-5279.

Einzelnachweise

  1. a b „Damals war es Friedrich“/ „In diesem Kurort sind Juden unerwünscht“: Beispiele für den Einsatz fiktionaler und nichtfiktionaler Texte im Unterricht
  2. Erinnerungsarbeit: Grundlage einer Kultur des Friedens, S. 300 [1]
  3. Erinnerungsarbeit: Grundlage einer Kultur des Friedens, S. 305 [2]
  4. Schrader 2005, S. 57 („These 1“)
  5. a b Schrader 2005, S. 57 („These 2“).
  6. Schrader 2005, S. 57 („These 3“).
  7. Schrader 2005, S. 58 („These 4“).
  8. Schrader 2005, S. 58 („These 5“).
  9. a b Schrader 2005, S. 58 („These 6“).

Weblinks