David Roentgen

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David Roentgen
Roentgen am Zarenhof in St. Petersburg, Scherenschnitt von Johann Friedrich Anthing, 1784
Schreibschrank von David Roentgen, um 1780/90
Kommode (Chinoiserie) von David Roentgen

David Roentgen (* 11. August 1743 in Herrnhaag; † 12. Februar 1807 in Wiesbaden) war ein deutscher Ebenist (Kunsttischler) und Kabinettmacher.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Nachdem der älteste Sohn Abraham Roentgens seine Schulausbildung in der Lehranstalt von Niesky/Oberlausitz beendet hatte, absolvierte er ab 1757 – wie später auch seine jüngeren Brüder – eine Schreinerlehre bei seinem Vater in Neuwied am Rhein und trat nach seinen Wanderjahren als Geselle wieder in die väterliche Schreinerei ein.

Er wurde zu einem der besten Ebenisten seiner Zeit, der in diesem Handwerk neue Maßstäbe in Europa setzte und auch in künstlerischer Hinsicht seinen Vater deutlich übertraf, aber sein tatsächliches Genie in der Organisation und der Vermarktung entwickelte, was sich erstmals 1769 zeigte, als das damals noch vergleichsweise kleine Unternehmen am Rande des Bankrotts stand.

Die Rezession der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts machte auch vor dem Adel nicht halt. Produktion auf Vorrat, langzeitiges Lagern der teuren, exotischen Edelhölzer zum Trocknen sowie Vorratshaltung teurer Materialien wie Elfenbein, Perlmutt oder feuervergoldete Bronzebeschläge brachten Abraham Roentgen in finanzielle Schwierigkeiten. Der einfallsreiche David Roentgen konnte seinen skeptischen Vater dazu überreden, das Möbellager durch die Veranstaltung einer Lotterie zu leeren und so die schlimmsten finanziellen Sorgen abzuschütteln. Zudem hatte er sich und den Namen der heimischen Werkstatt unter den reichen Potentaten Deutschlands bekannt gemacht, so dass es kein Zufall war, dass er 1771 den Auftrag bekam, das neuerbaute Gartenschloss in Wörlitz-Dessau mit einigen Möbeln auszustatten. Dieser Bau wurde binnen kurzem zum Mekka des modebewussten deutschen Adels, da hier zum ersten Mal der aus Frankreich kommende, neue Stil des Klassizismus baulich umgesetzt worden war.

1772, also noch zu Lebzeiten seines Vaters, wurde David Roentgen die Leitung des Betriebes übertragen, den er zu einem Unternehmen von Weltruf ausbaute.

1774 reiste Roentgen erstmals nach Paris: Er erkannte den Stilumbruch vom Rokoko zum Klassizismus und übertrug die reichen Intarsienverzierungen der Inneneinrichtungsgegenstände auf die in Paris gesehenen neuen Möbeltypen. Dabei unterlagen auch die Motive einem Wandel: Von den verspielten "peinture en bois" des Rokoko entwickelten sie sich mehr und mehr zur strengeren Klarheit flächiger Bauteile. Vor allem seine Stücke mit raffiniert angelegten Geheimfächern und ausgeklügelten technischen Spielereien wurden berühmt, die seinerzeit „mechanische Möbel“ genannt wurden. Hierbei arbeitete er eng mit dem Uhrmacher und Erfinder Peter Kinzing zusammen.

Es folgte eine Zeit großen wirtschaftlichen Aufschwungs. Fortschrittliche Betriebsorganisation mit Gruppenarbeit, Rationalisierung, die Verwendung einheimischer Obsthölzer anstelle der teureren exotischen sowie vielerlei andere Maßnahmen zur Kostenreduzierung verbesserten die wirtschaftliche Lage von Jahr zu Jahr. Genaue Marktbeobachtung und aktive -Beeinflussung befähigten Roentgen, immer wieder Aufsehen erregende, lukrative Aufträge zu erhalten. Als Mitglied der im 18. Jahrhundert einflussreichen Herrnhuter Glaubens-Gemeinschaft profitierte er dabei auch von deren exzellenten wirtschaftlichem Ruf. Da seine Werkstatt vom Zunftzwang befreit war, der die Höchstzahl von einem Gesellen und zwei Lehrlingen vorschrieb, konnte er die Zahl seiner Beschäftigten bis Ende der 80er Jahre auf ca. 80 Mitarbeiter erhöhen. Zu den bekannten Mitarbeitern zählt Johann Michael Rummer. Ergänzt und erweitert wurde die Leistungsfähigkeit der eigenen Werkstatt durch ein Netz spezialisierter Zuliefererfirmen, zu denen u.a. auch arrivierte Künstler als Entwerfer gehörten. Es so war eine stattliche Manufaktur entstanden, in der aber noch gänzlich "von Hand" gearbeitet wurde. Dennoch wurden jährlich mehrere hundert Möbel für den Export gefertigt.

Roentgen belieferte fast alle Fürsten- und Königshäuser Europas, den Adel und wohlhabende Bürger mit seinen künstlerisch gestalteten Möbeln. Vom preußischen König wurde er zum „Geheimen Kommerzienrat“ ernannt. Nachdem er sich 1780 das Meisterrecht in Paris erkauft hatte und damit auch den französischen Hof beliefern durfte, erhielt er von dem handwerklich interessierten Ludwig XVI. den Titel „Ebeniste Mecanicien du Roi et de la Reine“ (Königlicher Kunsttischler für mechanische Möbel). Die meisten seiner Röntgenmöbel verkaufte er aber in den 80-ziger Jahren des 18. Jahrhunderts an den Hof der Zarin Katharinas der Großen von Russland.

Kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution wurde deutlich, dass die Roentgen-Werkstatt ihren Zenit überschritten hatte: der französische König ließ einen teuer bezahlten Prunkschreibtisch zerlegen, weil er ihm jetzt ästhetisch missfiel, die russische Zarin verweigerte gar die Annahme einer ganzen Warensendung aus demselben Grund.[1]. Zum finanziellen Desaster kam der politische: 1794 wurde Roentgen von den revolutionären, neuen Machthabern in Frankreich in einem Revolutionserlass als Konterrevolutionär ("émigré") eingestuft und er musste sich auf die Flucht vor den französischen Truppen begeben, die die linksrheinischen Gebiete, und auch die Stadt Neuwied, Sitz der Roentgen-Werkstatt, besetzt hatten. Der sich ankündigende erneute Geschmackswandel und der durch die Französische Revolution verursachte politische Zusammenbruch des bisherigen Marktes (Hochadel)zwangen Roentgen in den folgenden Jahren bis zu seinem Tode in die permanente Nähe eines Konkurses. In einem langen, mühsamen Prozess reduzierte er die Größe seines Betriebes, bis er ihn schließlich gänzlich schließen musste. Danach versuchte er noch einige Jahre, die bereits hergestellten Produkte zu veräußern. Er starb 1807 auf einer diplomatischen Reise im Dienst der Herrnhuter Brüdergemeine.

Sonstiges[Bearbeiten]

Die Möbel aus der Röntgen-Werkstatt waren zu ihrer Zeit so bekannt und geschätzt, dass selbst Goethe sie in einer Erzählung erwähnt:

„Wer einen künstlichen Schreibtisch von Röntgen gesehen hat, wo mit einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief- und Geldfächer sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen können, wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich meine süße Begleiterin nunmehr hineinzog.“

Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre: Die neue Melusine

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Zander: "David Roentgen - berühmt, Konkurs ... vergessen!" in: Ders.:Das Tischlerhandwerk in Deutschland (1350–1870). Hamburg 2013, S. 239-270.

Literatur[Bearbeiten]

  • Melanie Doderer-Winkler: Abraham und David Roentgen (1711–1793; 1743–1807). In: Rheinische Lebensbilder. Bd. 17, hrsg. von Franz-Josef Heyen, Köln 1997, S. 57–78.
  • Dietrich Fabian u. a.: Roentgenmöbel aus Neuwied. Leben u. Werk von Abraham u. David Roentgen. Bad Neustadt 1986
  • Peter Prange: David Roentgen. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 731 f. (Digitalisat).
  • W. F. Schmidt u. a.: Kinzing u. Roentgen. Uhren aus Neuwied. Leben u. Werk der Uhrenmacherfamilien Kinzing u. der Kunstschreiner Abraham u. David Roentgen. Bad Neustadt 1984
  • Andreas Büttner, Ursula Weber-Woelk, Bernd Willscheid (Hg.): Edle Möbel für höchste Kreise - Roentgens Meisterwerke für Europas Höfe. Katalog Roentgen-Museum Neuwied 2007.
  • Wolfgang Thillmann, Bernd Willscheid (Hg.): Möbeldesign - Roentgen, Thonet und die Moderne. Roentgen-Museum Neuwied 2011.
  • Detlev Richter, Bernd Willscheid: Reinheit, Feuer & Glanz - Stobwasser und Roentgen. Kunsthandwerk von Weltrang. Roentgen-Museum Neuwied 2013.
  • Huth, Hans: Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Moebelwerkstatt, Berlin 1928.
  • Josef Greber: David Roentgen, der königliche Kabinettmacher aus Neuwied, Neuwied 1948.
  • Achim Stiegel: Präzision und Hingabe. Möbelkunst von Abraham und David Roentgen, Ausstellungskatalog, Berlin 2007.
  • Michael Stürmer: Handwerk und höfische Kultur, München 1982.
  • Christian Zander: David Roentgen - berühmt, konkurs ... vergessen, in: Ders.: Das Tischlerhandwerk in Deutschland (1350-1870), Hamburg 2013, S.239-270.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: David Roentgen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien