Chinoiserie

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Landschaft mit Mandarinenbaum (Vicenza, Italien; Fresko von Giovanni Domenico Tiepolo, 1757)
Pagode in Kew

Chinoiserie war die an chinesischen Vorbildern orientierte Richtung der europäischen Kunst, die besonders im 18. Jahrhundert populär wurde und auf die vermeintlich heile Welt der Chinesen verweisen sollten. Die China-Begeisterung speiste sich sowohl aus Interesse am Exotismus als auch aus der Vorstellung eines friedlichen Riesenreiches, dessen zahlreiche Bevölkerung bis in einfache Schichten literarisch und philosophisch gebildet war.

Jesuiten[Bearbeiten]

Kenntnis von China gelangte nach Marco Polos Reisen über Kaufleute und Gesandte, seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem über jesuitische Missionare nach Europa. Sie konkretisierten das Chinabild und machten China für Leibniz zu einem Reich, „das gleichsam wie ein Europa des Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert“ („Novissima Sinica“). Die Vermittlung durch die Jesuiten erfolgte nicht uneigennützig. China sollte so dargestellt werden, dass eine Mission erfolgversprechend und damit förderungswürdig schien. Das chinesische Reich wurde deshalb in seiner Idealform präsentiert: hochkultiviert und hochzivilisiert.

Frankreich[Bearbeiten]

Den französischen Physiokraten François Quesnay beeindruckte 1767 die angebliche Harmonie zwischen agrarischer Produktion und staatlicher Herrschaft in China so sehr, dass er sich den Despotisme de la Chine als Gesellschaftsmodell auch für Europa wünschte. Dass in China die Vergabe öffentlicher Ämter nach einem Prüfungssystem erfolgte, übte auch eine große Faszination auf das Bildungsbürgertum Europas aus, das sich gegen feudale Erbstrukturen durchsetzen wollte. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte auch eine Gegenbewegung ein, die die bedingungslose Chinaverehrung in Zweifel zog, ja verspottete. Aber noch bis ins 19. Jahrhundert hinein galt das konfuzianische Staatswesen als vorbildlich.

Voltaire schrieb 1756 über China. Für ihn war China ein von aufgeklärten Gelehrtenbeamten regiertes Utopia. Es war die vierbändige China-Enzyklopädie „Déscription de la Chine“ des Paters Jean-Baptiste Du Halde aus dem Jahr 1735, die Voltaire zu begeisterten Kommentaren animierte und ein Jahrhundert lang Pflichtlektüre für jedes Gespräch über China war. In dieser Enzyklopädie beschrieb du Halde ein blühendes Reich, dessen innerer Handelsaustausch entwickelter sei als der innerhalb Europas.

England[Bearbeiten]

Im 18. Jahrhundert waren aus China und Japan importiertes Porzellan, Seide und Möbel sehr in Mode. Beeinflusst durch diese Gegenstände aus Asien, entwarfen britische Künstler und Handwerker eigene, oft extravagante, Einrichtungsgegenstände und Interieurs für die britische Oberschicht. Für die Briten des 18. Jahrhunderts waren diese Objekte und Interieurs exotisch und aufregend. China war ein mystischer und weit entfernter Ort und die Chinoiserie stillte den Hunger nach Exotischem und Fremdem.

Beliebte Motive waren abenteuerliche Landschaften mit hohen Bergen, Gewässern, Häuser und Menschen im asiatischen Stil. Der Drache war ein weiteres sehr beliebtes Motiv. In der geheimnisvollen Gestalt des Drachens schienen alle Sehnsüchte nach dem exotischen Land zu verschmelzen. Diese Motive wurden oftmals von den importieren Waren übernommen aber noch häufiger von den Designern nach eigenen Vorstellungen umgesetzt.

Die Chinoiserie wurde oftmals mit Elementen des Rokoko und des Medieval Revival kombiniert.

In Britannien traf man vor allem in Schlafzimmern und Ankleidezimmern auf die Chinoiserie als Thema zur kompletten Raumgestaltung. Kleinere Objekte fand man aber auch in den übrigen Repräsentationsräumen. Populär war die Chinoiserie ebenfalls in der Gestaltung von Gartenpavillon und kleineren Nebengebäuden.

Personen und Orte zur britischen Chinoiserie[Bearbeiten]

William Chambers – der lange Zeit als Kaufmann in China verbrachte – hatte 1757, nach seiner Rückkehr nach England, ein Buch über ostasiatische Baukunst verfasst (Designs of Chinese buildings). 1763 ein Werk über den von ihm in Kew angelegten Park mit Kupferstichen der dortigen orientalischen Bauten: Pagode, Moschee, Alhambra und 1772 ein Buch über chinesische Gärten, in dem er den Bau chinesischer Parkbauten anregte. Dadurch löste Chambers eine europaweite »Chinoiserie«-Mode innerhalb des Rokoko aus. Diese war geprägt von einer Traumwelt aus Porzellan, Lackarbeiten, Seide und Papiertapeten. Sein Werk fand auch Verwendung bei der Gestaltung des Chinesischen Pavillons im Schlosspark Pillnitz bei Dresden. Die Abbildungen seines Buches zieren das Innere dieses Pavillons.

Jean-Baptiste Pillement – der als gebürtiger Franzose der 1750 nach London zog war einer der einflussreichsten Designer der Chinoiserie in Britannien und die Vorlagen aus seinem Buch A New Book of Chinese Ornaments (1755) fanden Eingang in unzählige Porzellanfiguren, Pavillons und Stoffe.

Deutschland[Bearbeiten]

Schloss Pillnitz im „chinesischen“ Stil

Auch an deutschen Fürstenhöfen fand die China-Mode bald Verbreitung. Vollständig im Stil der Chinoiserie wurde etwa das Schloss Pillnitz bei Dresden erbaut. Andernorts wurden kleinere Parkschlösser und -pavillons so gestaltet; Beispiele sind etwa das Drachenhaus und das Chinesische Haus im Park Sanssouci, die Pagode und das Teehaus im chinesischen Garten von Oranienbaum bei Dessau, oder der nach dem Vorbild von Kew Gardens erbaute Chinesische Turm im Englischen Garten in München. Des Weiteren wurden häufig Innenräume im „chinesischen“ Stil ausgestattet, so etwa auf dem sächsischen Schloss Weesenstein, in der Münchner Residenz oder in der Pagodenburg im Schlosspark Nymphenburg. 1781 errichtete man das „chinesische Dorf“ Mou-lang im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel. Auch chinesische Gärten wurden vielfach nachgeahmt.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gu, Zhengxiang: Zum China-Bild des Zedlerschen Lexikons: Bibliographie der in seinen China-Artikeln besprochenen oder als Quellen genannten Werke. In: Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Nr. 423. Stuttgart: Verlag Hans-Dieter Heinz, Akademischer Verlag 2004 [2005], S. 477-506. ISBN 3-88099-428-5.
  • Woesler, Martin: Zwischen Exotismus, Sinozentrismus und Chinoiserie, Européerie. 3. Aufl., überarb. und erw. Neuaufl. Bochum : Europäischer Universitäts-Verlag 2006 (Scripta Sinica, Bd. 6). ISBN 978-3-89966-107-1 / ISBN 3-89966-107-9
  • Chinoiserie : der Einfluss Chinas auf die europäische Kunst, 17.-19.Jahrhundert : Ausstellung; Riggisberg, 6. Mai - 28. Oktober 1984 / Red.: Alain Gruber. - Bern : Abegg Stiftung Bern, 1984.
  • Das Ende der Chinoiserie : die Auflösung eines Phänomens der Kunst in der Zeit der Aufklärung / Johannes Franz Hallinger. - München : Scaneg, cop. 1996. (Beiträge zur Kunstwissenschaft ; Band 66)
  • Rinaldi, Bianca Maria: The 'Chinese Garden in Good Taste'. Jesuits and Europe’s Knowledge of Chinese Flora and Art of the Garden in the 17th and 18th Centuries. München 2006. ISBN 978-3-89975-041-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Chinoiserie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien