Der Handschuh

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Der Handschuh ist eine der bekanntesten Balladen Friedrich Schillers aus dem Jahr 1797, dem Jahr des freundschaftlichen Wettstreits um die besseren Balladen mit Johann Wolfgang von Goethe. Es wurde erstmals in dem von Schiller herausgegebenen Musenalmanch für das Jahr 1798 veröffentlicht.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Die achtstrophige Ballade handelt vom Missbrauch einer Liebe.

König Franz sitzt mit seinem Gefolge auf dem Balkon des Löwengartens, um einen Tierkampf zu sehen. Ein Löwe betritt die Arena, ein Tiger, zwei Leoparden. Daraufhin lässt Fräulein Kunigunde ihren Handschuh zwischen die Raubkatzen fallen und fordert den Ritter Delorges, welcher schon seit langem um sie wirbt, auf, ihn zurückzubringen. Zum Erstaunen und Entsetzen des Publikums steigt der Ritter gelassen in die Arena und nimmt den Handschuh auf. Zurück auf dem Balkon erwartet ihn schon Fräulein Kunigunde mit „zärtlichem Liebesblick“, doch unerwarteterweise wirft er ihr den Handschuh ins Gesicht und verlässt sie darauf.

Text

Die vollständige Ballade lautet:

König Franz I.

„Der Handschuh“ (1,15 MB, OGG)

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen
Und streckt die Glieder
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor.
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier;
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
richtet sich auf – da wird’s still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis’
Wendet sich Fräulein Kunigund:
„Herr Ritter, ist Eure Lieb’ so heiß,
wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.“

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbaren Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:[N 1]
„Den Dank, Dame, begehr ich nicht“,
Und verlässt sie zur selben Stunde.

  1. Auf Intervention der Charlotte von Stein ersetzte Schiller den drittletzten Vers durch die harmlosere Fassung "Und der Ritter, sich tief verbeugend, spricht:"

Herkunft[Bearbeiten]

Die Ballade ist als wahre Geschichte überliefert, Schiller fand sie in einem Band mit „Essais historiques sur Paris de Monsieur de Saint-Foix“, herausgegeben im Jahr 1797. Dort heißt es:

Eines Tages, als Franz I. einem Kampf seiner Löwen zusah, ließ eine Dame ihren Handschuh fallen und sagte zu dem Ritter Delorges: ,Wollt Ihr mich glauben machen, daß Ihr mich liebt, wie Ihr mir alle Tage schwört, so hebt mir den Handschuh auf!‘ Der Handschuh war aber in den Löwenzwinger hinabgefallen. Delorges stieg hinunter, hob den Handschuh aus der Mitte der schrecklichen Tiere auf, stieg wieder zurück, warf ihn der Dame ins Gesicht und wollte sie nie wiedersehen, ungeachtet vieler Anträge von ihrer Seite.[2]

Die Geschichte soll sich am Hofe des französischen Königs Franz I. zugetragen haben, der von 1515 bis 1547 regierte. In Paris, in der späteren „Rue des Lions“ (Straße der Löwen), habe er Löwen gehalten, die für Kampfspiele gebraucht worden seien. Als eines Tages Franz I. mitsamt dem Hofstaat einem Löwenkampf zugesehen habe, habe eine Dame ihren Handschuh zwischen die Raubkatzen fallen lassen wie in der Ballade.

Eine frühe Fassung findet sich außerdem in den Novellen Bandellos, die u. a. auch Shakespeare als Quelle für seine Stücke dienten.[3]

Andere Bearbeitungen[Bearbeiten]

Die zugrunde liegende Geschichte diente auch anderen Autoren als Basis für ihre Arbeiten. Einer der bekannteren war Leigh Hunt (1784–1859), englischer Essayist und Dichter. In seinem Gedicht The Glove and the Lions erzählt er die Geschichte etwas näher am Original, als dies Schiller tat. Im Jahr 1845 veröffentlichte der englische Dichter Robert Browning unter dem Namen The Glove in seinem Werk Dramatic Romances and Lyrics eine weitere Version des Stoffes.

Es gibt weiterhin eine Vertonung des Stoffes (die allerdings auch auf einem traditionellen Volkslied über das Thema basieren kann) von den Grateful Dead auf ihrem Album Terrapin Station von 1977 mit dem Titel Lady With a Fan. Das dazugehörende englische Volkslied ist bekannt unter den Namen: Lady of Carlisle, Sharp #66, The Bold Lieutenant, The Lion’s Den oder The Lady’s Fan.

Robert Schumann vertonte den Handschuh in seinem Opus 87. Graham Waterhouse komponierte den Text von Schiller im Jahr 2005 für Cello und Sprechstimme.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Moritz: Deutsche Balladen. Analyse für den Deutschunterricht. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 1972. ISBN 3-506-72814-8
  • Edgar Neis: Interpretationen von 66 Balladen, Moritaten und Chansons. Analysen und Kommentare. Hollfeld: Bange-Verlag, 1978. ISBN 3-8044-0590-8

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Friedrich Schiller (Hrg.: Musenalmanach für das Jahr 1798, Cottasche Buchhandlung, Tübingen, 1797) im Friedrich Schiller Archiv
  2. Neis, 1978
  3. Bandello, Matteo: Don Giovanni Emanuel tötet sieben Mohren, dringt in den Löwenzwinger ein und geht heil daraus hervor – alles aus Liebe zu einer Dame. In: Ders.: Novellen. Hrsg. v. Otto M. Mittler. München: Musarion Verl., 1919