Der Gang nach dem Eisenhammer

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Anfang der Ballade in Schillers Musen-Almanach für das Jahr 1798

Der Gang nach dem Eisenhammer ist eine Ballade von Friedrich Schiller. Er verfasste sie im Herbst des Balladenjahres 1797. Sie wurde erstmals in dem von Schiller herausgegebenen Musenalmanach für das Jahr 1798 veröffentlicht.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Illustration von Moritz Retzsch. Die Knechte werfen den Jäger Robert statt Fridolin in den Ofen.

Der Knecht (Diener) Fridolin ist seiner Herrin Kunigunde, aber auch seinem Herrn, dem Grafen von Saverne, treu ergeben. Der neidische Jäger Robert deutet gegenüber dem Grafen jedoch ein Liebesverhältnis der Gräfin mit dem Pagen an. Der erzürnte Graf befiehlt daraufhin den in einem Eisenhammer arbeitenden Knechten, den vermeintlichen Nebenbuhler in den Ofen zu werfen. Doch weil Fridolin auf dem Weg dorthin als Ministrant bei einer Messe aushilft, kommt es zu einer Verwechslung; statt seiner ergreifen die Knechte den Verleumder Robert, der so seine gerechte Strafe erhält. Der tief bewegte Graf bringt Fridolin der Gräfin mit den Worten zurück:

„Dieß Kind, kein Engel ist so rein,/Laßts Eurer Huld empfohlen seyn,/Wie schlimm wir auch berathen waren,/Mit dem ist Gott und seine Schaaren.“

Entstehung[Bearbeiten]

Im September 1797 sandte Charlotte von Stein an die Frau des Dichters Friedrich Schiller eine französische Anthologie, die auch die Stoffvorlage des Gang nach dem Eisenhammer enthält. Schiller griff dieses Sujet sofort auf, in dieser Zeit befasste er sich intensiv mit der literarischen Form der Ballade. Während sein Freund Christian Gottfried Körner einen “besondern Reiz durch den Ton der christlichen – katholischen – altdeutschen Frömmigkeit” empfand (Brief vom 26. März 1798) sowie “etwas Herzliches” durch die Idee der göttlichen Vorsehung, war Goethe davon überzeugt, dass Schiller die Ballade als feinkomische Replik auf das in jenen Jahren noch immer kultivierte Genre der Moralparabel verstanden wissen wollte. Goethe schrieb ihm nach der Lektüre am 30. Oktober 1797: “Sie haben kaum irgend etwas mit so glücklichem Humor gemacht und die retardirende Messe ist von dem besten Effect.”

Öffentliche Uraufführung, Rezeptionsgeschichte und Vertonungen[Bearbeiten]

Schillers Publikation der Ballade im Rahmen einer Anthologie, eines zierlichen Musenalmanach für das Jahr 1798, scheint ursprünglich als stiller Lesestoff bestimmt gewesen zu sein. Damals aber waren Gedichte und Balladen nicht in erster Linie für die Lektüre einzelner Leser gedacht. Vielmehr waren sie zum Vortrag vor kleineren privaten und größeren öffentlichen Auditorien bestimmt, und sie wurden oft genug nicht bloß gelesen, sondern mit erhobener Stimme auswendig deklamiert. Die Gepflogenheit höherer und bürgerlicher Kreise, literarische Produkte zu den Klängen von Instrumenten oder durch Präludieren am Klavier umrahmt zu konsumieren, half dabei, sich die dramatischen Inhalte des Gelesenen und die Empfindungen ihrer Protagonisten auszumalen.

Kurz nach der Berliner Erstaufführung von Franz Ignaz von Holbeins Schauspiel Fridolin – aufgeführt am 30. November 1807 mit einer musikalischen Einlage Bernhard Anselm Webers – hatte dieser, offenbar bestellt oder zumindest initiiert von seinem Theaterdirektor August Wilhelm Iffland, auch die Vorlage des Schauspiel-Sujets, Schillers Ballade, als Melodram mit Chor und Orchesterbegleitung vertont. Die im Allgemeinen recht hohe Wertschätzung seiner Komposition lässt sich an zahlreichen zeitgenössischen Erörterungen ablesen, auch die spätere Adaption seines Werkes (1829) durch Carl Loewe kann als Gradmesser seiner Popularität gelten. Öffentlich aufgeführt wurde das Stück erstmals am 25. Februar 1808 in Berlin durch Iffland im Rahmen einer “musikal. Akademie im Theatersaale” des Schauspielhauses auf dem Gendarmenmarkt, “die zu den interessantesten Unterhaltungen dieses Winters gehörte”.

Von der Ballade gab es zwischen 1831 und 1907 in allen Gattungen (musik-)dramatische Adaptionen von den Komponisten Karl Schönfeld, Franz Mejo, Paolo Fabrizi, Conradin Kreutzer, Frank Romer, Otto Claudius, Carl Gustav Kupsch, Léonard Terry, Heinrich Schulz-Beuthen, Johann Baptist Klerr, Adolphe Edouard Marie Deslandres und Adolf Wallnöfer (Franz Stiegers Opernlexikon, Tutzing 1975). An der schon oben erwähnten Sprechtheaterversion Holbeins sowie der Opernfassung Kreutzers (Wien 1838) lässt sich unmissverständlich ablesen, dass die Handlung zu dieser Zeit ohne ironische Brechung als seriöses Sujet gelesen wurde (vgl. etwa Johann Anton Friedrich Reils Libretto Der Gang zum Eisenhammer, Wien 1838).

Erst in jüngerer Zeit gilt es als ausgemachte Tatsache, dass Schillers Dichtung so gemeint war, wie schon Goethe sie las und wie Iffland sie interpretiert zu haben scheint.

Karl Kraus’ despektierliche Bemerkung über Schillers Eisenhammer-Ballade (in der Fackel von 1927 in seinem Essay über Reime in der deutschen Literatur) gründet möglicherweise auf der unausgesprochenen Voraussetzung, dass der hehre Schiller per se humorlos gewesen sei. Dass Kraus in seiner Einschätzung des Dichters Schillers Sinn für Komik nicht berücksichtigt, etwa dessen Illustrationen zu den “Avanturen des neuen Telemachs”, liegt wohl auf der Hand. Daher ist Kraus’ Bemerkung über die Ballade nur bedingt richtig: “noch in der »dritten Periode« ist Fridolin – in einem der peinlichsten Gedichte, deren Ruhm jemals im Philistertum seinen Reim fand – »ergeben der Gebieterin«” (vgl. Karl Kraus. Schriften Hrsg. von Christian Wagenknecht. Bd. 7. Die Sprache, Frankfurt 1987, S. 335) Liest man Kraus’ harschen Kommentar, kann man sich die Ballade kaum anders als von Johann Nestroy deklamiert und Loewes Vertonung allenfalls in einer ironischen Verballhornung etwa des Interpreten Georg Kreisler vorstellen.

Quellen[Bearbeiten]

  1. vgl. Friedrich Schiller, Hrg.: Musenalmanach für das Jahr 1798, Cottasche Buchhandlung, Tübingen, 1797 im Friedrich Schiller Archiv

Literatur[Bearbeiten]

Aufsätze
  • Paul Beck: Die Vorlagen zu Schillers „Gang nach dem Eisenhammer“. In: Alemannia, Bd. 28 (1900), S. 3ff.
  • Till G. Waidelich: B. A. Webers Melodram „Der Gang nach dem Eisenhammer“ und seine kompositorische Aneignung durch Carl Loewe in der zeitgenössischen Rezeption. In: Michael Kube, Werner Aderhold, Walburga Litschauer (Hrsg.): Schubert und das Biedermeier. Beiträge zur Musik des frühen 19. Jahrhunderts. Festschrift Walther Dürr zum 70. Geburtstag. Bärenreiter, Kassel 2002, ISBN 3-7618-1523-9, S. 185–207.
Bücher
  • Moritz Retzsch: Acht Umrisse zu Schiller's Fridolin: oder der Gang nach dem Eisenhammer. Mit einigen Andeutungen von Carl August Böttiger. Cotta, Stuttgart 1837.
  • Ulrike Völz: Funktion des Mittelalters in Schillers klassischen Balladen „Ritter Toggenburg“ und „Der Gang nach dem Eisenhammer“. Hausarbeit, Universität Greifswald 1990.

Weblinks[Bearbeiten]