Der kommende Aufstand

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Der kommende Aufstand ist ein politischer Essay, der erstmals 2007 unter dem Titel L’Insurrection qui vient in französischer Sprache mit der Autorangabe Comité invisible (Unsichtbares Komitee) erschienen ist. 2009 wurde der Essay überarbeitet und fand zumeist über das Internet große Verbreitung. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem Deutsch, Englisch und Spanisch.

Die Autoren des Buches sind nicht bekannt. Die Polizei verdächtigte Julien Coupat,[1] der die Verfasserschaft aber dementierte,[2] ebenso wie der Herausgeber Éric Hazan.[3]

Inhalt[Bearbeiten]

Der kommende Aufstand bezieht sich auf Unruhen, Demonstrationen und Aufstände in den Jahren vor dem Erscheinen des Textes, zum Beispiel in Griechenland und Frankreich. Die Autoren sehen in den Revolten „Symptome des Zusammenbruchs der westlichen Demokratien“ und proklamieren als Alternative eine Gesellschaft von föderierten Kommunen und selbstverwalteten lokalen, ökonomischen Organisationen. Das Buch behandelt in sieben Kapiteln die Themen Identität, Gesellschaft, Arbeit, Raum, Ökonomie, Ökologie, Zivilisation und Kultur. Im Praxisteil werden Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines kommenden Aufstandes dargelegt.

Das Comité invisible hat bereits drei weitere Schriften der Gruppe Tiqqun vorgelegt: Theorie vom Bloom (2000), Kybernetik und Revolte (2001) sowie Theorie des Jungen-Mädchens (2001).

Schreibstil[Bearbeiten]

Die Abhandlung ist in sehr dichten Formulierungen geschrieben. Bei vielen Ausdrücken werden Reflexion und Interpretation geradezu herausgefordert und sind zum richtigen Verstehen auch zwingend notwendig.

Rezeption in Deutschland[Bearbeiten]

Wurde das Buch in Szenekreisen schon kurz nach seinem Erscheinen 2007 ausführlich diskutiert, so erfuhr das Werk nach einer breiten Rezeption in Frankreich und den USA durch die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe im Herbst 2010 auch im deutschsprachigen Raum große Aufmerksamkeit. Besonders in den Feuilletons bürgerlicher Zeitungen erschienen mehrere Rezensionen, die dem Werk überraschend viele positive Seiten abgewinnen konnten.

Als erstes Massenmedium rezensierte Der Freitag das Buch und befindet, das Buch sei „sehr geschickt in Szene gesetzte Theorie und mitreißend in der Lektüre“ sowie ein „Versuch, linke bzw. postmarxistische Theorie mit sehr deutlichen anarchistischen Anklängen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen“.[4]

Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung könnte es „das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit werden“.[5] Später schrieb ein anderer Autor der FAZ am 26. November 2010 abfällig, dass unklar sei, ob es sich um eine Theorie oder um Jugendliteratur handeln würde und führt aus: „Vor allem hassen die Autoren große Städte. Genauer: die ‚urbane Fläche‘, in die der Unterschied von Stadt und Land verwandelt worden sei. ‚Die Metropole will die Synthese des ganzen Territoriums‘, ein Kontinuum von industrieller Landwirtschaft, vermarkteten Naturparks, Großwohnanlagen, Feriensiedlungen. In ihnen finden sie die Gesellschaft selbst repräsentiert. Es gibt keine Dörfer mehr, keine Nahbeziehungen. Die Vertrautheit der Wohnviertel sei zerstört worden, die Bindung ‚an Orte, Wesen, Jahreszeiten‘.“[6]

Die taz meinte dazu: „Das Buch ist der aktuellste Versuch, ultralinker Politik ein glamouröses Antlitz zu verpassen. Situationismus, Autonomen-Anarchismus und Punkpoesie werden darin zu einem knackig formulierten Pamphlet gemixt“.[7]

Im November 2010 hatte Der Spiegel Auszüge des Buches veröffentlicht. Dort hieß es, der Essay sei „der radikalste und problematischste Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Unbehagens“.[8]

Die Grundrisse kritisieren den an manchen Stellen zu „martialischen“ Ton und die Nichtberücksichtigung von Gender-Fragen.[9]

Die Jungle World stellt fest: „Kritiker der FAZ und der SZ besprachen es äußerst wohlwollend. Das ist bedenklich. Gestützt auf die Theorien des Nazijuristen Carl Schmitt heißt es in dem Buch, »sechzig Jahre Befriedung« seien »sechzig Jahre demokratische Anästhesie«. In Deutschland sollte diese Art von Polemik inakzeptabel sein.“ Das Aufsehen, das das Werk errege, sei nur im Zusammenhang mit dem Hakenkrallen-Anschlag auf den TGV vom Herbst 2008 erklärbar. Der Kerngedanke der Gruppe sei „eine kybernetischen Verfassung der Macht im 21. Jahrhundert – das heißt einer »dezentralisierten Macht«, die sich in Verkehrs-, Energie- und Computer-Netzwerken organisiert“. Die Jungle World bemängelt: „Der Text […] schuldet vieles nationalsozialistisch gefärbten Theoretikern, die von der postmodernen Linken immer noch zu unkritisch rezipiert werden: Martin Heidegger und eben Carl Schmitt.“ Es handele sich „um eine Art Reimport“. Konstatiert wird ein revisionistischer Antimodernismus.[10]

Die rechtskonservative Sezession dagegen schätzte das Manifest als vermutlich von Chuck Palahniuks Roman Fight Club beeinflusste „literarische Fiktion“ ein, und wies seine Verortung nach „rechts“ zurück: „Wer sich nun als Linker anschickt, den Leichnam der ‚klinisch toten Zivilisation‘ zu sezieren, wer über Entwurzelung, Vereinzelung, Bindungslosigkeit oder gar Rationalisierung klagt, wird eingestehen müssen, daß die Linke selbst an diesen Entwicklungen einen erklecklichen Anteil hatte und hat.“[11]

Der Politikwissenschaftler Joachim Hirsch attestiert dem Essay, dass sich dessen Sprache „wohltuend von üblichen linksradikalen Politikmanifesten“ unterscheide. Er kritisiert jedoch, dass in dem Text die Gesellschaft in viele Einzelne zerfalle, so dass die Autoren letztlich die von ihnen kritisierten Zustände nur reproduzierten. „Man könnte sich also fragen, ob der Text nicht auch ein Ausdruck der in alle Winkel der Gesellschaft hinein gedrungenen ideologischen Hegemonie des Neoliberalismus ist.“[12]

Ausgaben[Bearbeiten]

(Original: L’insurrection qui vient)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rapport de la sous-direction antiterroriste de la Direction nationale de la police judiciaire au procureur de Paris (PDF; 270 kB). Zitat: « tel qu’il est mentionné au sein du pamphlet intitulé L’Insurrection qui vient signé du Comité invisible, nom du groupe constitué autour de Julien Coupat ». Abgerufen am 11. November 2010.
  2. Interview mit J. Coupat in: Le Monde, 25. Mai 2009. Abgerufen am 11. November 2010.
  3. « SNCF : l'étrange itinéraire du saboteur présumé ». In: Le Figaro, 19. November 2008. Abgerufen am 11. November 2010.
  4. Ein linkes Manifest als Bestseller von Florian Schmid auf freitag.de, abgerufen 25. November 2010.
  5. Autor: Nils Minkmar, 8. November 2010. Seid faul und militant. Abgerufen am 10. November 2010.
  6. Jürgen Kaube, 26. November 2010. Den Hass genießen . Abgerufen am 29. November 2010.
  7. Revolution mit Melancholie von Aram Linzel auf taz.de, 10. November 2009. Abgerufen am 10. November 2010.
  8. Der Spiegel, Nr. 47/2010, 22. November 2010, S. 166–170.
  9. The Invisible Committee: The Coming Insurrection. von fuzi auf grundrisse.net, abgerufen 25. November 2010.
  10. Links ist das nicht! von Johannes Thumfart in Jungle World Nr. 47, abgerufen 29. November 2010.
  11. Unsichtbare Gegner. Veröffentlicht auf sezession.de im Dezember 2010, abgerufen am 8. Juni 2011.
  12. Aufstandsphantasien von Joachim Hirsch auf links-netz.de veröffentlicht, abgerufen am 23. Mai 2011.