Eisenbahnunfall von Staplehurst

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Staplehurst rail crash.jpg

Der Eisenbahnunfall von Staplehurst, Kent, war ein Brückeneinsturz unter einem fahrenden Zug bei Bauarbeiten auf der South Eastern Main Line an der Brücke über den Beult, einem Nebenfluss des Medway, am 9. Juni 1865. Bei diesem Unfall starben 10 Reisende, 40 wurden verletzt. Ein Mitreisender im Zug war der Schriftsteller Charles Dickens.

Rahmenbedingungen[Bearbeiten]

Als Tidal wurden Boat Trains bezeichnet, Züge die den Anschluss zwischen London und Schiffsverbindungen zum kontinentalen Festland herstellten, die gezeitenabhängig verkehrten, weil der Hafen von Folkestone damals noch nicht gezeitenfrei anzulaufen war. Dies bedingte einen täglich wechselnden Fahrplan. Am Unfalltag fanden auf der Strecke bei Staplehurst Bauarbeiten statt.

Unfallgeschehen[Bearbeiten]

Für die Arbeiten ließ ein Vorarbeiter Schienen auf der Brücke über den Beult entfernen. Er rechnete irrtümlich mit einer späteren Ankunft des Zuges, so dass die Gleisanlage nicht mehr rechtzeitig wiederhergestellt war, als der „Tidal“ von Folkestone sich näherte, der mit Reisenden einer Schiffsverbindung aus Frankreich besetzt war. Der vorgeschriebene Streckenposten, der Zügen die Gefahr signalisieren sollte, war nicht, wie vorgeschrieben, 1.000 m, sondern lediglich 500 m vor der Baustelle aufgestellt. Weiter hätten vorschriftsmäßig Knallkapseln auf dem Gleis angebracht sein müssen – auch diese fehlten. Der Zug konnte so nicht mehr rechtzeitig bremsen und überfuhr die Schienenlücke mit etwa 50 km/h. Die Lokomotive rutschte noch über die Holzbalken, auf denen die Schienen auf der Brücke hätten montiert werden sollen, aber der Stoß, den der entgleisende Zug auf der Brücke verursachte, brach die gusseisernen Brückenträger. Lokomotive, Schlepptender und ein Gepäckwagen blieben auf dem Gleis, der folgende Reisezugwagen blieb nach seinem Absturz relativ unbeschadet an der Brücke hängen (in ihm reiste Charles Dickens), die folgenden Fahrzeuge stürzten ab, nur die letzten drei blieben wieder auf dem Gleis stehen.

Untersuchungsergebnis[Bearbeiten]

Neben den Sicherungsversäumnissen auf der Baustelle wurde auch die Konstruktion der Brücke beanstandet, die keinerlei zusätzliche Sicherungen gegen einen Absturz von Fahrzeugen aufwies.

Literarischer Niederschlag[Bearbeiten]

Der Schriftsteller Charles Dickens kehrte von Paris zurück und befand sich im ersten Reisezugwagen (auf der Abbildung ist das derjenige, der halb von der Brücke herunter hängt). Er kam körperlich unverletzt davon, war durch den Unfall allerdings psychisch traumatisiert. Er hatte seitdem große Probleme, wenn er mit dem Zug reisen musste und versuchte, das möglichst zu vermeiden. Er schilderte den Unfall im Nachwort zu dem Roman Our Mutual Friend[1], an dem er während der Reise gearbeitet hatte. Nachdem er sterbenden und verletzten Reisenden Hilfe geleistet hatte, kletterte er noch einmal in den Wagen zurück, um das Manuskript des Buches zu retten. Kurz nach dem Unfall schrieb er die Kurzgeschichte The Signal-Man, eine Geistergeschichte um einen Eisenbahnunfall. Diese schöpft aber eher aus den Ereignissen des Eisenbahnunfalls im Clayton-Tunnel, der sich 1861 ereignete.

Weiter wurde der Eisenbahnunfall von Staplehurst in der Handlung von Ronald Frederick DelderfieldsGod is an Englishman“ (Swann Saga)[2] verarbeitet und der Unfall ist Ausgangspunkt des Romans Drood aus dem Jahr 2009 von Dan Simmons.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter R Lewis: Dickens and the Staplehurst Rail Crash = The Dickensian 104 (476), S. 197 (2009).
  • Peter R Lewis: Disaster on the Dee. Robert Stephenson's Nemesis of 1847. Tempus 2007. ISBN 978 0 7524 4266 2
  • Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt 1989. ISBN 3-596-24414-5, S., 123f.
  • Oswald Stevens Nock: Historic Railway Disasters. 3. Aufl. London 1983, S. 15–19. ISBN 0 7110 0109 X.
  • Lionel Thomas Caswell Rolt: Red for Danger. The classic history of British railway disasters. Sutton Publishing 1998. ISBN 0-7509-2047-5

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nachwort zu Our Mutual Friend (PDF; 10,4 MB)
  2. 1970; deutsch: Gott ist Engländer (1972).

51.1692570.580205Koordinaten: 51° 10′ 9″ N, 0° 34′ 49″ O