Eisenbahnunfall von Versailles

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zugunglück von Versailles

Das Zugunglück von Versailles vom 8. Mai 1842 bei Meudon gehört zu den schwersten Katastrophen im Eisenbahnverkehr des 19. Jahrhunderts. Nach einem Achsbruch an der Vorspannlokomotive eines Personenzuges schoben sich die Lokomotive und die folgenden Personenwagen über den geborstenen Kessel und fingen Feuer. Mindestens 50 Menschen starben, die Zahl bleibt ungenau, da die Identifizierung der Opfer schwierig war.

Ablauf der Ereignisse[Bearbeiten]

Zeitgenössische Darstellung des Unfalls von A. Provost

Zu Ehren Königs Louis-Philippe d'Orléans wurde am 8. Mai 1842 im Garten des Schlosses Versailles zu einem Fest mit zahlreichen Wasserspielen eingeladen. Ganze Familien wanderten oder fuhren von Paris nach Versailles. Am späten Nachmittag entschlossen sich viele Besucher zur Heimkehr nach Paris, sodass für den Zug um halb sechs besonders viele Passagiere in den Bahnhof Versailles Rive Gauche (Versailles-Linkes-Ufer) strömten. Dort wurde ein langer Zug bereitgestellt, mit 17[1] oder 18 Wagen, davon drei Wagen erster Klasse, die anderen zweiter und dritter Klasse, davon zwei offene Wagen. An der Spitze fuhren eine kleine britische Dampflokomotive von Matthieu-Murray und die große l'Éclair-Lokomotive.[2] Insgesamt war der Zug wohl 120 Meter lang und transportierte ungefähr 770 Reisende und Personal.[2]

Unter Volllast erreichte der Zug am Ortseingang von Meudon eine Geschwindigkeit von etwa 40 km/h. Unmittelbar nach dem Passieren der historischen Straße Pavé des Gardes, die vor Meudon die Eisenbahnlinie kreuzt, erlitt die erste Lokomotive einen Achsbruch, entgleiste und rutschte in einen Graben. Der Tender schob auf, ebenso die folgende Lokomotive, die umstürzte. Über die beiden Lokomotiven schoben sich dann drei Personenwagen, zwei weitere Personenwagen schoben sich ineinander. Der Kessel der Lokomotive barst und entzündete sowohl den verteilten Koks als auch die darüber- und hineingeschobenen Wagen. Das Feuer schoss schnell hoch, und da zu jener Zeit die Wagentüren während der Fahrt aus Sicherheitsgründen abgeschlossen waren, konnten sich viele Personen nicht befreien und verbrannten.

In den Berichten werden 43 Tote am Ort des Unglücks genannt, weitere 9 erlagen ihren Verletzungen. Eine genaue Zahl lässt sich nicht angeben, da die Zuordnung der zerrissenen und verkohlten Körperteile schwierig war. Hinzu kommen mindestens hundert weitere Verletzte. Andere Quellen beschreiben das Unglück deutlich schwerer mit teils über 200 Todesfällen.[3]

Untersuchung[Bearbeiten]

Admiral Dumont d'Urville

Die Identifizierung der Opfer gestaltete sich schwierig, da durch die große Hitze die Opfer bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren. Die Identifizierung von Admiral Jules Dumont d'Urville, eines damals berühmten Entdeckungsreisenden, gelang nur durch ein paar Kleidungsdetails sowie einen Vergleich mit einem Schädelabdruck, den der Schiffsarzt Dumontier aus Interesse für Phrenologie vorher angefertigt hatte – dies gilt als einer der ersten Belege einer modernen forensischen Untersuchung. Dumont wurde auf dem Cimetière Montparnasse beerdigt, aus Andenken an die Toten wurde an der Unglücksstelle eine Kapelle eingerichtet, die bis heute existiert.

Die technische Untersuchung wurde von William John Macquorn Rankine durchgeführt, der zahlreiche Haarrisse in den gebrochenen Achsen entdeckte, die sich durch das ganze Material hindurch zogen – dieser Effekt ist heute als Materialermüdung bekannt, zu jener Zeit erzeugte er jedoch Verwirrung, und man diskutierte mysteriöse „Rekristallisationsvorgänge“ im Metall, letztlich dauerte es mehrere Jahre, bis das Untersuchungsergebnis von Rankine in vollem Umfang anerkannt wurde. Tatsächlich war die Eisenbahnlinie auf der linken Seite der Seine nicht so profitabel wie jene auf der rechten Seite der Seine, sodass Strecke und Lokomotiven an die Verschleißgrenzen gefahren wurden. Achsbrüche waren zu jener Zeit allgemein nicht ungewöhnlich, und es dauerte noch viele Jahre, bis die Ingenieure mit neuerem Achsaufbau das Problem in den Griff bekamen. August Wöhler entwickelte später Testmethoden, mit denen man Materialermüdung erkennen konnte, wodurch diese Art von Unglücken selten wurden.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Histoire des chemins de fer en France de Louis Armand, p.42, éd. Presses Modernes.
  2. a b Marc Seguin: du pont de Tournon--aux premiers chemins de fer de Marie-Hélène Reynaud, éd. du Vivarais, 1986.
  3. L'opinion publique après le déraillement de Meudon en 1842, article de Pierre Mercier dans Paris et Ile-de-France - Mémoires (tome 44), 1993, ouvrage collectif, Fédération des sociétés historiques et archéologiques de Paris et Ile-de-France.

48.8183333333332.2311111111111Koordinaten: 48° 49′ 6″ N, 2° 13′ 52″ O