Erfahrungskurve

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Erfahrungskurve ist ein betriebswirtschaftliches Konzept, das erstmals 1925 im US-amerikanischen Flugzeugbau entdeckt wurde.

Das Konzept besagt, dass die inflationsbereinigten (realen) Stückkosten konstant sinken, wenn sich die kumulierte Ausbringungsmenge (Produktionsmenge) erhöht. Typischerweise sinken die Kosten um 20 bis 30 % bei einer Verdoppelung der kumulierten Ausbringungsmenge, entsprechend einer Lernrate von L = 70 % - 80 %. Dieses Konzept besagt damit, dass es vorteilhaft ist, möglichst schnell große Marktanteile zu gewinnen, um durch hohen Output die internen Kosten senken zu können und dadurch Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Es sinken nur jene Kosten, die der Wertschöpfung unterliegen (beispielsweise sinken Materialeinzelkosten dadurch nicht).

Dabei ist der enger gefasste Begriff der Lernkurve dadurch abgegrenzt, dass er sich lediglich auf die Menge der addierten (kumulierten) Arbeitszeit bezieht. Die Erfahrungskurve bezieht auch andere Einflussgrößen mit ein.

Beschreibung[Bearbeiten]

Der Ausbau dieses Konzepts wurde in den 1970er Jahren durch die Boston Consulting Group betrieben, welche es als strategisches Marketinginstrument vermarktete. Das Erfahrungskurvenkonzept ist deshalb auch unter dem Namen "Boston-Effekt" bekannt (siehe auch BCG-Matrix).

Zum Erfahrungskurveneffekt tragen viele Einzelursachen bei, die in zwei Hauptkategorien zusammengefasst werden können:

  • Dynamischer Skaleneffekt
    • Hier unterscheidet man den Lerneffekt (Übungsgewinn aufgrund wiederholender Arbeitstätigkeit),
    • Effizienzsteigerung durch fortschreitende qualitative Verfahrenstechniken/Produktqualität (Wertanalyse, Standardisierung, Kanban etc.)
    • und die Effizienzsteigerung durch Automatisierung und Rationalisierung (Produktivitätssteigerung, technischer Fortschritt etc).
  • Statischer Skaleneffekt
Hierbei sind Fixkostendegression, Betriebsgrößendegression (Skaleneffekte, Verbundeffekte) und von der Ausstoßmenge abhängige Übergänge zu kostengünstigeren Produktionstechnologien (zum Beispiel von Werkstatt- zu Fließfertigung) zu betrachten.

Der oftmals angegebene statische Effekt steht dabei aber im Widerspruch zur ursprünglichen Definition, die von einer kumulierten Ausbringungsmenge ausgeht (wird je Zeiteinheit die gleiche Menge produziert, können sich die statischen Effekte nicht ergeben).

Der dynamische Effekt verursacht, im Gegensatz zum statischen Effekt, keine automatische Senkung der Kosten. Es bedarf zum Teil der bewussten Anstrengung, um die Kostensenkungspotenziale auch zu realisieren, die auch mit Geld- und Zeitbedarf zusammenhängen. Diese Kosten machen den möglichen Vorteil mitunter wieder wett.

Die Aussagekraft der Erfahrungskurve ist unter anderem stark branchenabhängig, so trifft sie in der chemischen und elektronischen Industrie besonders stark zu, da dort eine Homogenität und geringe Unterschiedlichkeit zwischen erst- und letztproduziertem Produkt besteht. Im Dienstleistungsbereich insbesondere mit Kundenkontakt können die Erfahrungskurveneffekte beschränkt sein. Gründe sind die Integration des externen Faktors in die Dienstleistungsproduktion und die damit verbundene Individualität der Dienstleistung sowie deren Nichtlagerfähigkeit. Aufgrund der zunehmenden Automatisierung und Standardisierung von Dienstleistungen (z. B. Bankautomaten) werden vermutlich in Zukunft höhere Erfahrungskurveneffekte zu erwarten sein.

Eventuelle Probleme bei Strategieverfolgung mittels der Erfahrungskurve:

  • Die Erfahrungskurve schließt aufgrund ihres betriebswirtschaftlichen Effizienzsteigerungsfokus andere Strategien aus. Optimal ist sie für Preis- oder Kostenstrategien.
  • Bei reiner Konzentration auf Produktionsvolumensteigerung entlang der Kurve, verliert man oft den Blick auf den Markt und neue geforderte Produkte.
  • Das zugrundeliegende Ziel der Produktionsvolumenerhöhung oder der relativen Marktanteilssteigerung kann andere Erfahrungsquellen (Technologieersatz etc) außer Acht lassen, d. h. man darf sich daher nicht mit einem hohen Marktanteil zufriedengeben.
  • Es kann vorkommen, dass Wettbewerber mit erheblich geringeren kumulierten Mengen die niedrigsten Stückkosten besitzen, wenn sie beispielsweise im Rahmen eines Greenfield Ansatzes ihre Produktionsstätte völlig neu geplant und errichtet haben. Manchmal geschieht dies in Kombination mit einer Verlagerung des Produktionsstandortes in Länder mit niedrigeren Löhnen. Wird diese Strategie beispielsweise durch die Imitation nicht patentgeschützter Prozesse ergänzt, können durchaus weniger erfahrene Wettbewerber am Kostenführer vorbeiziehen.

Bezug zu Marktanteil (relativ)[Bearbeiten]

Es lässt sich eine Interaktion zwischen dem relativen Marktanteil und den Kosten erkennen. Der Marktanteil spiegelt dabei den Faktor Erfahrung wider. Dabei sind die Stückkosten indirekt proportional zum Marktanteil. Folgende Kriterien müssen zutreffen, damit der Marktanteil als Erfahrungsfaktor gelten kann:

  • Alle Marktteilnehmer müssen zugleich eingetreten sein
  • Die Marktteilnehmer müssen sich gleichmäßig entwickelt und stabilisiert haben
  • Die produzierten Produktionsvolumen wurden abgesetzt

Schreibweise[Bearbeiten]

Die prozentuale Abnahme der Produktionskosten K um die Lernrate L bei Vervielfachen der Produktionsmenge p folgt einer Exponentialfunktion:

K_L(p) = K_0 \cdot L^{\operatorname{ld}\left(\frac {p}{p_0}\right)}

mit

\operatorname{ld}(x): Logarithmus von x zur Basis 2
p_0: Produktionsmenge zu Beginn
K: Kosten

Beispiel[Bearbeiten]

Folgendes Beispiel soll zur Veranschaulichung dienen: Lernrate L = 80 %; d.h. nach einer Verdoppelung der kumulierten Ausbringungsmenge senken sich die Kosten auf 80 % des letzten Wertes.

Zu Beginn des Beobachtungszeitraums betragen die Wertschöpfungskosten 100 GE. Jedes Jahr wird die gleiche Menge von 10 Stk. produziert. Die kumulierte Produktionsmenge steigt. Jeweils nach einer Verdoppelung der kumulierten Produktionsmenge sinken die Kosten um 20 %.

Jahr Produktions-
menge
Kumulierte
Produktions-
menge
Kosten
1 10 10 100
2 10 20 80 [1]
3 10 30 70 [2]
4 10 40 64 [3]
5 10 50 59,6
6 10 60 56,2
7 10 70 53,5
8 10 80 51,2 [4]

Grafisch dargestellt sieht dieses Beispiel wie folgt aus:

Erfahrungskurve Beispiel.GIF

Siehe auch[Bearbeiten]

Literaturhinweise[Bearbeiten]

  • Coenenberg, A. G.: Kostenrechnung und Kostenanalyse. 4. Auflage. Landsberg, Lech: 1999, S. 199 - 219. ISBN 3-478-39394-9
  • Crawford, J.R.: Estimating, Budgeting and Scheduling 1944.
  • Henderson, Bruce D.: Die Erfahrungskurve in der Unternehmensstrategie, Frankfurt/New York 1974, S. 19ff. ISBN 3-585-32086-4
  • Wright, T. P.: Factors affecting the cost of airplanes. Journal of the Aeronautical Science, 1936, S. 122-128.