Evangelische Hauptkirche Rheydt

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Evangelische Hauptkirche Rheydt von Südwesten
Ev. Hauptkirche Rheydt: Der Südwestturm trägt noch den heute fehlenden spitzen Helm (Kolorierte Ansichtskarte um 1905)
Innenansicht der Evangelischen Hauptkirche Rheydt 1902

Die Evangelische Hauptkirche Rheydt ist ein evangelisches Kirchengebäude in Rheydt, einem Stadtteil von Mönchengladbach.

Geschichte des Vorgängerbaus[Bearbeiten]

An der Stelle des 1899–1902 von dem berühmten Berliner Kirchenbaumeister Professor Johannes Otzen (1839–1911) erbauten Wahrzeichens der ehemals selbstständigen Stadt Rheydt befand sich auf dem Marktplatz bis 1899 die „Alte Hauptkirche“, deren Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichten. Im 16. Jahrhundert wurde diese ursprünglich dem heiligen Alexander geweihte Dorfkirche mit fast der ganzen Bevölkerung der Jülich'schen Unterherrschaft Rheydt evangelisch und diente seit 1587 (endgültig seit 1633) dem reformierten Gottesdienst. 1741 erfolgte durch die Einfügung eines länglichen Querbaus zwischen Turm und Chor eine Umgestaltung zur evangelischen Predigtkirche, in der sich die wachsende Gemeinde ihrem Bekenntnis gemäß um Kanzel und Abendmahlstisch versammeln konnte.

Mit dem Anwachsen Rheydts infolge der Industrialisierung erwies sich die Alte Hauptkirche schon in der frühen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als zu klein.

Der Neubau (1899–1902)[Bearbeiten]

Als dann auch die 1866 als Filialkirche in Dienst gestellte Friedenskirche nicht mehr ausreichte, den immer weiter steigenden Raumbedürfnissen Abhilfe zu schaffen, legte man die alte Kirche am Markt nieder, um die „Neue Hauptkirche“ zu errichten. Erhalten blieben lediglich die Grabplatte der Familie Otto von Bylandts (heute eingemauert am Eingang zur Sakristei) sowie weitere Erinnerungsstücke (drei Säulen, Türsturz, Turmkreuz, Tafel zum Reformationsfest 1817), die heute im Erdgeschoss des Hauptturmes zu sehen sind.

Der stattliche Neubau sollte im Unterschied zu dem schlichten Vorgängerbau den Wandel Rheydts zur Industriestadt signalisieren und stellte sich auch dem 1897 erbauten neuen Rathaus würdig zur Seite. Bei aller aufwändigen Ausführung und sehr prachtvollen Innenausstattung wurde die evangelisch-reformierte Raumordnung des Vorgängerbaus aufgegriffen und weitergeführt, indem man sich bewusst für den Architekten Johannes Otzen und sein 1891 veröffentlichtes Wiesbadener Programm entschied. Er bezeichnet seinen an den Bedürfnissen des evangelischen Gottesdienstes orientierten und auch in Rheydt konsequent umgesetzten Zentralraum darin als "Versammlungshaus der feiernden Gemeinde". Baugeschichtlich knüpft die Hauptkirche damit an die Tradition protestantischer Gemeinde- und Predigtkirchen des 17. und 18. Jahrhunderts an. Auch der figürlich und floral besonders ausgestaltete Kanzelaltar, der eine ausgezeichnete Hörbarkeit und Sichtbarkeit des Predigers von allen 1200 Sitzplätzen ermöglicht, unterstreicht das. Rein stilistisch ist dieser Bau des Späthistorismus kaum einzuordnen. Der Neugotiker Otzen verwendet, durch die Zusammenführung romanischer und gotischer Stilelemente, bewusst einen "Kombinationsstil". Die einzelne Form, wie auch die figürliche und florale Ausmalung im frühen Jugendstil, ist dabei immer der Konzentration aller Gottesdienstteilnehmer auf Kanzel und Altar - beide mit gleichem Rang platziert - untergeordnet.

Die Hauptkirche nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Bauwerk schwere Schäden an den Dächern, der größte der drei Nebentürme blieb beim Wiederaufbau zur Mahnung an die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg ohne seinen ursprünglich spitz auslaufenden Helm. Bis auf die Fenster blieb die originale Ausstattung einschließlich der heute sehr kostbaren spätromantischen Sauer-Orgel aus dem Jahr 1902 erhalten. Eindringendes Wasser beschädigte allerdings große Teile der Jugendstilausmalung. Bei der Innenrenovierung von 1962 entschied sich die Gemeindeleitung aus theologischer Überzeugung und auch aus Gründen des Zeitgeschmacks dafür, den Innenraum möglichst nüchtern und ohne jeden malerischen Schmuck zu erneuern. Dadurch wurde der ursprüngliche Eindruck des Gesamtkunstwerks Hauptkirche empfindlich gestört.

Im Jahr 2001 beschloss das Presbyterium, die originale farbige Raumfassung von 1902 wiederherzustellen. Davon ausgenommen sind die beiden Christus-Darstellungen am Triumphbogen. Nachdem bereits seit 1997 die originalgetreue Wiederherstellung des Kanzelaltars sowie der Nachbau fehlender Beleuchtungskörper durch das Engagement des 1995 gegründeten „Förderkreises Hauptkirche“ erreicht worden war, gelang es im Jahr 2004 mit EU-Fördermitteln des INTERREG-IIIA Projektes „Menschen und Kirchen im Dialog über Zeiten und Grenzen“ und durch viele Spenden aus der Kirchengemeinde und der Bürgerschaft Mönchengladbachs die Raumfassung des Innenraums bis auf die Bereiche unter den Emporen des Querhauses zu rekonstruieren. Als Basis für die Restauration des Innenraums der Hauptkirche dienten neben freigelegten Befunden überwiegend historische Fotos. Im November 2011 wurde die Kunstverglasung von 1962 im Bereich der Apsis und unterhalb der Orgelempore durch Entwürfe des Glasbildners Thomas Kuzio ersetzt.

Seit November 2011 ist die Evangelische Hauptkirche Nagelkreuzzentrum.

Daten[Bearbeiten]

Architekt Johannes Otzen
Bauleiter Wilhelm Maack
Baubeginn 20. November 1899
Datum der Indienststellung 2. Dezember 1902
Veranschlagte Baukosten 531.000,00 Mark
Endgültige Baukosten 603.888,13 Mark
Ursprüngliche Sitzplatzzahl 1.294
Heutige Sitzplatzzahl 1.200
Höhe des Hauptturms 72 m

Orgel[Bearbeiten]

Die große Orgel auf der Westempore wurde 1902 von dem Orgelbauer Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder) in einem von dem Architekten geplanten Orgelprospekt mit 40 Registern auf drei Manualen und Pedal erbaut. Das Instrument wurde im Laufe der Zeit mehrfach verändert, u.a. im Zuge der Orgelbewegung, als der ursprünglich romantische Charakter entfernt wurde, indem der Klang „aufgehellt“ wurde, und romantische Register durch „barocke“ ausgetauscht wurden. In den Jahren 1985–1986 wurde das Instrument von dem Orgelbauer Karl Schuke (Berlin) umfassend überarbeitet und die Orgel dabei weitgehend in den Zustand von 1902 zurückversetzt.[1] Der originale pneumatische Spieltisch wurde in den 1950er Jahren durch einen neuen elektrischen ersetzt. 1987 bekam die Orgel einen neuen Spieltisch, der äußerlich den Sauer-Spieltischen angeglichen ist. Die Trakturen blieben elektro-pneumatisch: Elektrisch vom Spieltisch bis zum Relais, dann original pneumatisch.[2] Im November/Dezember 2012 wurde die Orgel nach neuesten Erkenntnissen des historischen Klanges der Sauer-Orgeln von der niederländischen Orgelbaufirma Verschueren, Heythuysen, grundlegend neu intoniert.

I Hauptwerk C–g3
1. Principal 16′
2. Principal 8′
3. Flute harmonique 8′
4. Gamba 8′
5. Gedackt 8′
6. Gemshorn 8′
7. Octave 4′
8. Rohrflöte 4′
9. Octave 2′
10. Cornett III–IV
11. Mixtur IV
12. Trompete 8′
II Oberwerk C–g3
13. Bourdon 16′
14. Principal 8′
15. Lieblich Gedackt 8′
16. Concertflöte 8′
17. Salicional 8′
18. Fugara 4′
19. Flauto dolce 4′
20. Piccolo 2′
21. Sesquialtera II
22. Klarinette 8′
III Schwellwerk C–g3
23. Lieblich Gedackt 16′
24. Geigenprincipal 8′
25. Fernflöte 8′
26. Aeoline 8′
27. Voix celeste 8′
28. Quintatön 8′
29. Traversflöte 4′
30. Violine 4′
31. Oboe 8′
Pedalwerk C–f1
32. Kontrabass 16′
33. Violon 16′
34. Subbass 16′
35. Lieblich Gedackt 16′
36. Octavbass 8′
37. Cello 8′
38. Gedacktbass 8′
39. Octave 4′
40. Posaune 16′
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
    • Suboktavkoppeln: III/III
    • Superoktavkoppeln: I/I
  • Spielhilfen: Registerschweller, feste Kombinationen (pp, p, mf, f, ff), 4000-fache Setzeranlage

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nähere Informationen zur Geschichte der Orgel
  2. Nähere Informationen zur Orgel

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Evangelische Hauptkirche Rheydt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

51.1681786.446383Koordinaten: 51° 10′ 5″ N, 6° 26′ 47″ O