Fürstliche Bibliothek Corvey

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Fürstliche Bibliothek Corvey
Fürstliche Bibliothek Corvey.JPG

Ein Raum der Bibliothek, 2012

Ort Höxter
ISIL DE-110

Die Fürstliche Bibliothek Corvey ist eine Adelsbibliothek im Eigentum des Herzoglichen Hauses Ratibor und Corvey in Schloss Corvey, der ehemaligen Benediktinerabtei. Sie besteht aus circa 74.000 Bänden und ist eine der kostbarsten und größten Privatbibliotheken Deutschlands.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Bibliothek geht im Kern auf die Sammeltätigkeit des bibliophilen Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg (1779-1834) und seiner Vorfahren in vier Generationen zurück. Der Landgraf hatte 1820 vom König von Preußen als Gebietsausgleich das frühere Fürstbistum Corvey erhalten. Um dem von ihm und seiner Frau adoptierten Neffen, dem Erbprinzen Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1818-1893) das von einer Klausel der hessischen Hausverträge bedrohte Erbe zu sichern, wurden die Mobilien zwischen 1825 und 1833 nach Corvey gebracht, während der Landgraf weiter in Rotenburg residierte. Der adoptierte Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst wurde 1840 von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen unter Verzicht seiner Schillingsfürster Erbansprüche und dynastischen Titel zum ersten Herzog von Ratibor und Fürsten von Corvey erhoben. Seine Nachkommen sind bis heute Eigentümer von Schloss und Bibliothek Corvey.

1860 bis 1874, in seinen letzten Lebensjahren, betreute August Heinrich Hoffmann von Fallersleben die Bibliothek als Bibliothekar.

Bestand[Bearbeiten]

Ein großer Schatz der Bibliothek ist die Belletristik aus dem frühen 19. Jahrhundert, der ergänzt wird durch eine bedeutende Sammlung an Reiseliteratur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts (ca. 3.500 Bände). Der Landgraf und seine Frau trugen eine Büchersammlung zusammen, in der auch das vorhanden war, was in anderen Adels- oder Bürgerbibliotheken meist fehlte: triviale Romane und Reiseliteratur. Die Bibliothek umfasst eine große Zahl Unica (einmalige Werke) und Rara (seltene Werke). Die drei Hauptsprachen Deutsch, Französisch und Englisch waren etwa gleich vertreten. Hoffmann von Fallersleben, der diese Romane in einem Brief von 1863 als Krebbschaden unserer Bibliothek (Steinecke S. 197) bezeichnete, kaufte dagegen kostbare Pracht- und Ansichtenwerke sowie germanistische Literatur aus seinem eigenen Fach- und Interessengebiet. 1865 konnte er von Paul Wigand einige Werke aus der alten Corveyer Klosterbibliothek erwerben.

Die Bibliothek besteht aus 15 Sälen und wurde mit 200 unterschiedlichen Bücherschränken aus verschiedenen Holzarten wie Nussbaum, Riegelahorn und Kirschbaum ausgestattet. Sie hat der aus Berlin stammende Architekt Anton Gehtmann aus Höxter (Schüler von Carl Friedrich Schinkel) im Stil des Biedermeier und des späten Klassizismus entworfen.

Der Sommersaal mit seiner qualitätvollen Stuckdecke hat in den Lünetten der Stichkappen Grisaille-Malereien. Diese Fantasielandschaften werden dem Corveyer Hofmaler Ferdinand Ludwig Bartscher zugeschrieben. Der Sommersaal dient der Bibliothek heute als Ausstellungsraum.

Zwischen 2007 und 2011 wurden die historischen Räume der Fürstlichen Bibliothek mit Hilfe öffentlicher und privater Geldgeber aufwändig restauriert. Heute kann das einzigartige Ensemble mit seinen 15 Sälen besichtigt werden. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei das Arbeitszimmer des Bibliothekars Hoffmann von Fallersleben ein, darin sich noch originale, ebenfalls restaurierte Möbelstücke zu sehen.

Projekt Corvey[Bearbeiten]

Seit dem Jahre 1999 wird die Fürstliche Bibliothek Corvey vom „Corvey-Institut für Buch- und Bibliotheksgeschichte“, einem Institut an der Universität Paderborn, betreut. Dieses Institut ist aus dem "Projekt Corvey" hervorgegangen, durch das die ca. 74.000 Bände der Bibliothek für die Wissenschaft erschlossen worden sind. Hierzu wurde 1985 der sogenannte "Grundlagenvertrag" zwischen dem Eigentümer der Bibliothek, dem Herzog von Ratibor und Fürsten von Corvey, sowie dem Land Nordrhein Westfalen abgeschlossen. Dieser ermöglichte die weiteren Erschließungsschritte, wie die bibliothekarische, editorische und wissenschaftliche Erschließung sowie die langfristige Nutzung der Bibliothek. Diese Bibliothek verfügt über einen außergewöhnlichen Bestand aus dem 19. Jahrhundert mit einer Vielzahl von Rara; damit ist sie zusammen mit ihrer biedermeierzeitlichen Einrichtung ein bibliotheksgeschichtliches Denkmal höchsten Ranges. Das Corvey-Institut hat seinen Sitz in Schloss Corvey bei Höxter und ist Kooperationspartner der Universität Paderborn. So betreut es neben der Bibliothek auch das Archiv in Corvey und beliefert somit Wissenschaft und Forschung im In- und Ausland mit dem gewünschten Quellenmaterial. Durch das Corvey-Institut werden weitere Bestände der Corveyer Bibliothek vor Ort digitalisiert und einem breiten Benutzerkreis zur Verfügung gestellt. Arbeitsgrundlage ist der in den vergangenen Jahren durch das "Projekt Corvey" unter maßgeblicher Beteiligung der Universitätsbibliothek Paderborn erarbeitete und 1999 fertiggestellte Katalog, der online nutzbar ist. Die wissenschaftliche Auswertung und Bearbeitung der Bestände erfolgt im Rahmen von Forschungsarbeiten der Institutsmitglieder oder in Drittmittelprojekten, die unter anderem von der Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert werden. Die Ergebnisse stehen in gedruckter Form zur Verfügung (eigenständige Monographien oder unselbständige Publikationsorgane wie wissenschaftliche Zeitschriften und Serien).

Während andere Adelsbibliotheken überwiegend Negativschlagzeilen machen, wenn sie auf Auktionen zerstückelt werden, gilt die Kooperation des Eigentümers Franz-Albrecht Metternich-Sandor mit der Universität Paderborn, um die Zugänglichkeit der Bestände zu ermöglichen, als vorbildlich, ja sogar als einzigartig.

Zahlreiche Bücher aus Corvey liegen im Rahmen der kostenpflichtigen Angebote des Belser-Verlags Deutschsprachige Frauenliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts und English Language Women's Literature of the 18th and 19th Centuries digitalisiert sowie in mehreren Editionen des Olms-Verlages (Hildesheim) vor und stehen jedem wissenschaftlich Arbeitenden in Deutschland aufgrund der Nationallizenz zur Verfügung.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hartmut Steinecke. Die Fürstliche Bibliothek Corvey. In: Jammers, Antonius (Hg.): Die besondere Bibliothek oder: Die Faszination von Büchersammlungen. München: Saur, 2002, S. 189-204. ISBN 3-598-11625-X
  • Hartmut Steinecke. : Die Fürstliche Bibliothek Corvey – eine „wirkliche Schatzkammer“ in der westfälischen Provinz. In: Graef, Sabine; Prühlen, Sünje; Stork, Hans-Walter (Hg.): Sammler und Bibliotheken im Wandel der Zeiten. Kongress Hamburg am 20. und 21. Mai 2010. Frankfurt am Main: Klostermann, 2010 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Sonderband 100), S. 182-190.
  • Günter Tiggesbäumker, Peter Knaup. Corvey. Zeuge einer großen Vergangenheit. Deutscher Kunstverlag, 2008, S. 42-45, 122-131 (zahlreiche Abbildungen)
  • Günter Tiggesbäumker. Vor 170 Jahren starb Landgraf Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg. Monatshefte des Heimat- und Verkehrsverein Höxter e.V. Heft 10/11, 2004. online (PDF; 217 kB)
  • Günter Tiggesbäumker: Ein fürstlicher Bücherschatz – Bucheinbände und Buchillustrationen aus vier Jahrhunderten aus der Fürstlichen Bibliothek zu Corvey. Ausstellung des Kunstvereins Paderborn vom 23. April - 4. Juni 1989. Paderborn 1989.
  • Günter Tiggesbäumker u.a. [Hrsg.]: Die Fürstliche Bibliothek Corvey. Ihre Bedeutung für eine neue Sicht der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. Beiträge des 1. Internationalen Corvey-Symposions, Paderborn 1990. München: Fink, 1992. (Corvey-Studien. 1.)
  • Günter Tiggesbäumker u.a.: Corvey – Fürstliche Bibliothek. In: Handbuch der Historischen Buchbestände in Deutschland, Band 3 (NRW). Hildesheim: Olms, 1992. S. 1-11.
  • Günter Tiggesbäumker: Das Projekt Fürstliche Bibliothek Corvey. Zur Erschließung einer Privatbibliothek durch die Universität-GH Paderborn. In: Einblicke-Ausblicke. 25 Jahre Universität-GH Paderborn. Hrsg. von Elisabeth Fisch und Hartmut Vollmer. Paderborn: Bonifatius, 1998. S. 132-144.
  • Günter Tiggesbäumker: Die Fürstliche Bibliothek in Corvey. Das Lebenswerk des August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Höxter: Sparkasse 2002. (Kultur im Kreis Höxter. 4.)
  • Günter Tiggesbäumker: Die Fürstliche Bibliothek zu Corvey. 2. verbesserte Auflage. Münster: Westfälischer Heimatbund 2004. (Westfälische Kunststätten. 71.)
  • Günter Tiggesbäumker: Hoffmann von Fallersleben als Bibliothekar in Corvey. In: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1798-1998. Festschrift zum 200. Geburtstag, hg. v. Hans-Joachim Behr u. a. Bielefeld 1999. S. 35-48.
  • Günter Tiggesbäumker: Ein Bücherschatz nicht nur für Literaturwissenschaftler. Zwanzig Jahre „Fürstliche Bibliothek Corvey“ an der Universität Paderborn. In: PUZ – Paderborner Universitätszeitschrift 4, 2007. S. 48-50.
  • Günter Tiggesbäumker: Die Fürstliche Bibliothek Corvey. In: Repräsentation – Wissen – Öffentlichkeit. Bibliotheken zwischen Barock und Aufklärung, hg. von Claudia Brinker-von der Heyde und Jürgen Wolf. Kassel: University-Press, 2011. S. 23-35.
  • Günter Tiggesbäumker: „Der Besuch der Bibliothek war gegen frühere Jahre ein sehr zahlreicher“. Zur Erschließung der Fürstlichen Bibliothek Corvey durch die Universität Paderborn. In: 40 Jahre Universität Paderborn. Paderborn 2012, S. 118-123.
  • Günter Tiggesbäumker: „Im Laufe des Sommers wurde die Bibliothek fleißig besucht und benutzt“. Von Fürsten, Gelehrten und anderen Bücherfreunden in der Fürstlichen Bibliothek Corvey im 19. Jahrhundert. In: Das historische Erbe in der Region. Festschrift für Detlev Hellfaier. Hrsg. von Axel Halle u.a. Bielefeld 2013. S. 83-94.

Weblinks[Bearbeiten]

51.7791469.409811Koordinaten: 51° 46′ 44,9″ N, 9° 24′ 35,3″ O