Geißenklösterle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Höhle Geißenklösterle (September 2004)

Das Geißenklösterle ist ein Abri im Achtal bei Blaubeuren und zugleich ein bedeutender archäologischer Fundplatz des Jungpaläolithikums.

Geologie[Bearbeiten]

Geißenklösterle im Bruckfelsmassiv (Achtal)
Blick vom Fußweg hinauf zum Geißenklösterle. Die Grabungsfläche ist durch ein Gitter geschützt.
Das Geißenklösterle

Das Geißenklösterle ist Teil einer Fundlandschaft im heutigen Blau- und Achtal, wo sich im Pleistozän am Südrand der Schwäbischen Alb ein tiefes Tal in die Juraformationen gegraben hat. Dadurch wurden einige Hohlräume des Karstsystems angeschnitten. Viele der so entstandenen Höhlen des Achtals wurden schon von Neandertalern des Mittelpaläolithikums als Lagerplatz genutzt (neben dem Geißenklösterle auch in der Brillenhöhle und der Großen Grotte bei Blaubeuren). Andere, wie der nahe gelegene Hohle Fels, weisen mehrfache intensive Besiedlungsphasen durch den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) auf.

Das Geißenklösterle liegt heute etwa 60 m über der Talsohle. Der Eingang ist durch zwei vorspringende Felswände geschützt.

Archäologie[Bearbeiten]

1963 wurde eine erste Sondage durch Gustav Riek durchgeführt. Systematische Grabungen begannen 1973 unter Eberhard Wagner (Landesdenkmalamt Baden-Württemberg), seit 1974 dann im Auftrag des Landesdenkmalamtes unter Leitung von Joachim Hahn (Universität Tübingen), die nach dessen Tod (1997) durch die Tübinger Prähistoriker Nicholas Conard und Hans-Peter Uerpmann fortgeführt wurden. Die Ausgrabungen wurden im Jahre 2002 vorläufig abgeschlossen.[1]

Die Grabungen bis 1983 wurden in einer Monographie vorgelegt, die vor allem Funde des Aurignacien vorstellte.[2] Ein besonderes Augenmerk galt dabei der Schichtgenese innerhalb der Höhle. Es konnten innerhalb des Aurignacien sechs Fundhorizonte, innerhalb des Gravettien sieben Fundhorizonte unterschieden werden. Sie repräsentieren jedoch keine Nutzungsphasen, sondern entstanden durch natürliche Prozesse.

Folgende stratigraphische Abfolge wurde festgestellt (in der Auflistung vom älteren zum jüngeren):

Eisenzeit, Mittelalter

Mittelpaläolithikum[Bearbeiten]

In den letzten Grabungsjahren von 2000–2002 wurden die basalen Schichten des Mittelpaläolithikums untersucht. Es konnten drei archäologische Horizonte unterschieden werden (AH IV bis VI), die den geologischen Schichten GH 18–20 entsprechen. Zwischen dem untersten Aurignacien-Horizont und den Schichten des Mittelpaläolithikums gab es eine weitgehend fundleere Schicht (GH 17), die durch Glimmer und grobklastischen Kalkschutt charakterisiert ist.[3]

Holzkohlen weisen auf die Nutzung von Feuer hin, doch fehlen ausgeprägte Brandschichten.

Aurignacien[Bearbeiten]

Nachweisbar ist ein Aufenthalt kleiner Gruppen von Menschen während der letzten Würmeiszeit, ungefähr zwischen 43.000 und 32.000 Jahren vor heute.

Das Herstellen von Steinwerkzeugen, das Verarbeiten von Knochen, Geweih und Elfenbein zu Gebrauchs-, Schmuck- oder Kunstgegenständen oder das Behandeln von Tierhäuten in der Höhle wurden nachgewiesen. Eventuell wurden einige der Gegenstände hier nicht nur hergestellt und benutzt, sondern auch deponiert. Reste von Brandstellen weisen darauf hin, dass die mit Knochen geschürten Feuer nicht nur zur Nahrungszubereitung, sondern auch zur Erwärmung, als Lichtquelle sowie als Schutz- und Arbeitshilfsmittel gedient haben. Die Rohmaterialversorgung mit Hornstein erfolgte wohl vorrangig aus der Umgebung; gebänderter Jaspis verweist allerdings auf Verbindungen der Bewohner in den bayerischen Raum.

Figürliche Kleinkunst

Weltweite Bedeutung erlangte das Geißenklösterle durch die dem Aurignacien zugehörigen Funde von Schnitzereien aus Mammutelfenbein, die zusammen mit den Funden aus dem nahe gelegenen Hohlefels und der Vogelherdhöhle im Lonetal zu den ältesten bisher bekannten figürlichen Kunstwerken zählen.

Flöten aus Knochen und Elfenbein
Nachbildung der Flöte 1

Im Geißenklösterle wurde im Jahre 1990 eine 12,6 cm lange Flöte (Flöte 1) aus dem Radius eines Singschwans gefunden.[4] Neben der gut erhaltenen Flöte 1 wurde von Hahn und Münzel eine zweite, sehr fragmentarische Vogelknochen-Flöte (Flöte 2) vorgelegt. Beide Exemplare stammen aus dem Archäologischen Horizont II (Oberes Aurignacien) und zeigen sorgfältig angelegte Kerben und flach geschnittene Grifflöcher, die eine eindeutige Interpretation der Funde als Flöten ermöglichen. Später wurde eine weitere Flöte (Flöte 3) aus dem Geißenklösterle identifiziert, die erstaunlicherweise aus zwei ausgehöhlten Mammutelfenbeinspänen hergestellt und dann zusammengeklebt wurde.[5] Wie die Vogelknochenflöten wurde diese Flöte aus dem oberen Aurignacien-Schichtkomplex AH II geborgen. Ein Teil der Flöte 3 war von Hahn bereits 1988 als mit einer Kerbreihe verziertes Elfenbeinstabfragment veröffentlicht worden, konnte aber wegen fehlender Teile noch nicht als Flöte identifiziert werden.[6] Neuere Forschungsergebnisse ergaben für diese Flöten ein Alter von etwa 42.000 bis 43.000 Jahren, was sie damit zu den derzeit (2012) ältesten bekannten Musikinstrumenten macht.[7]

Eine weitere Knochenflöte wurde 2008 im benachbarten Hohlen Fels gefunden.[8] Wie in dem Artikel von Conard, Malina und Münzel (2009) kurz erwähnt, gibt es dort einige weitere Bruchstücke mit eindeutigen Flötenmerkmalen, außerdem auch aus der Vogelherdhöhle.

Bemalte Steine

Neben den figürlichen Kleinkunstwerken gibt es in Aurignacien-Schichten des Geißenklösterle mehrere Steine mit Farbaufträgen. In seiner Bedeutung als Kleinkunstwerk ragt ein dreifarbig (schwarz, rot und gelb) bemaltes Kalksteinstück aus der Aurignacien-Schicht IIb heraus.[9] Die roten Farbaufträge bestehen aus Hämatit, die gelben aus Limonit. Gelbe Ockerstücke wurden in denselben Schichten auch als mineralische Überreste gefunden, so dass die Verbindung zu den regelmäßigen Pigmentaufträgen gesichert ist.

Gravettien[Bearbeiten]

Mehrere Feuerstellen wurden gefunden: eine große im nördlichen, geschützten Bereich, eine kleine im südlichen, offenen Höhlenbereich. Die Nutzung erfolgte wohl im Frühjahr.

Literatur[Bearbeiten]

  • L. Moreau: Geißenklösterle. Das Gravettien der Schwäbischen Alb im europäischen Kontext. Kerns, Tübingen 2009, ISBN 978-3-935751-11-7.
  • Eberhard Wagner: Eiszeitjäger im Blaubeurener Tal. Führer zu arch. Denkm. Bad.-Württ. Bd 6. Theiss, Stuttgart 1979. ISBN 3-8062-0225-7.
  • Urgeschichte in Oberschwaben und der mittleren Schwäbischen Alb. Zum Stand neuerer Untersuchungen der Steinzeit-Archäologie. Arch. Inform. Bad.-Württ. Bd 17. Stuttgart 1991. ISBN 3-927714-09-7.
  • Michael Zick: Die ersten Künstler. in: Abenteuer Archäologie. Spektrum, Heidelberg 2006,1,28ff. ISSN 1612-9954.
  • Joachim Hahn: Eine auragnicienzeitliche Menschendarstellung aus dem Geißenklösterle bei Blaubeuren, Alb-Donau-Kreis. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 9. Jg. 1980, Heft 2, S. 56ff. (PDF)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nicolas Conard, Maria Malina: Abschließende Ausgrabungen im Geißenklösterle bei Blaubeuren, Alb-Donau-Kreis. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2002 Theiss, Stuttgart 2003, S. 17–21 ISSN 0724-8954
  2. Joachim Hahn: Die Geißenklösterle-Höhle im Achtal bei Blaubeuren: Fundhorizontbildung und Besiedlung im Mittlelpaläolithikum und im Aurignacien. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg, Band 26. Theiss, Stuttgart, 1988 ISBN 3-8062-0794-1
  3. Conard, N. J., Malina, M.: Neue Ausgrabungen in den untersten Schichten des Aurignacien und des Mittelpaläolithikums im Geißenklösterle bei Blaubeuren. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2001. Theiss, Stuttgart, 2002, S. 16–21
  4. Joachim Hahn, Susanne Münzel: Knochenflöten aus dem Aurignacien des Geißenklösterle bei Blaubeuren, Alb-Donau-Kreis. Fundberichte aus Baden-Württemberg 20, 1995. S. 1–12
  5. Nicholas J. Conard, Maria Malina, Susanne C. Münzel, Friedrich Seeberger: Eine Mammutelfenbeinflöte aus dem Aurignacien des Geissenklösterle. Archäolog. Korrespondenzblatt 34, 2004. S. 447 ff.
  6. Joachim Hahn: Die Geißenklösterle-Höhle im Achtal bei Blaubeuren I. Fundhorizontbildung und Besiedlung im Mittelpaläolithikum und im Aurignacien. Forsch. u. Ber. z. Vor- und Frühgesch. in Baden-Württemberg 26. Stuttgart, 1988.
  7. idw-online. vom 24. Mai 2012: „Älteste Kunst noch älter.“
    Earliest music instruments found. Webseiten der BBC (abgerufen 25. Mai 2012). Wissenschaftliche Originalveröffentlichung:  Thomas Higham, Laura Basell, Roger Jacobic, Rachel Wood, Christopher Bronk Ramsey, Nicholas J. Conard: Τesting models for the beginnings of the Aurignacian and the advent of figurative art and music: The radiocarbon chronology of Geißenklösterle. In: Journal of Human Evolution. 8. Mai 2012, doi:10.1016/j.jhevol.2012.03.003 (kostenpflichtiger Inhalt, online, abgerufen am 25. Mai 2012).
  8. Nicholas J. Conard, Maria Malina & Susanne C. Münzel: New flutes document the earliest musical tradition in southwestern Germany. Nature, 24. Juni 2009, doi:10.1038/nature08169
  9. Harald Floss et al: Lascaux auf der Alb? Hinweise auf Höhlenkunst im deutschen Südwesten. In: Eiszeit: Kunst und Kultur. Thorbecke, 2009, S. 303-306 ISBN 978-3799508339

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Geißenklösterle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.3983333333339.7722222222222Koordinaten: 48° 23′ 54″ N, 9° 46′ 20″ O