Gravettien

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Gravettespitze
Köpfchen der Venus von Brassempouy

Das Gravettien (auch Perigordien) ist die wichtigste archäologische Kultur des mittleren Jungpaläolithikums. Jäger und Sammler des Gravettiens haben ihre Spuren in weiten Teilen Europas und bis nach Sibirien hinterlassen.[1] Datierungen von Fundstellen des Gravettien reichen etwa von 28.000 bis 22.000 BP, das entspricht bei Kalibrierung der Daten ca. 31.000–25.000 Kalenderjahren v. Chr.[2]

Der Begriff wurde 1938 von Dorothy Garrod eingeführt, nach der Fundstelle La Gravette, einem Abri bei Bayac im Département Dordogne (Südwestfrankreich).[3]

Das Gravettien folgt auf das Aurignacien und fällt in die Zeit globaler Abkühlung vor dem 2. Maximum der Weichsel-/ bzw. Würm-Eiszeit. Die ältere Phase ist durch rückengestumpfte Klingen und Gravettespitzen, die jüngere Phase durch Kerbspitzen definiert. Regionale Ausprägungen des älteren Gravettien sind das Périgordien IV (SW-Frankreich) sowie das Pavlovien in Mähren, Niederösterreich und der Slowakei.[4] Das jüngere Gravettien (Kerbspitzen-Horizont) wird auch Willendorf-Kostenkien genannt, nach Fundschichten in Willendorf (Wachau) und Kostenki am Don. In Süd- und Osteuropa gibt es nach dem Kältemaxiumum weiterbestehende Traditionen des Gravettiens ("Epigravettien") zeitgleich zum westeuropäischen Magdalénien.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Archäologisches Inventar

Das für das Gravettien typische Feuersteingerät ist die Gravettespitze, eine schmale Spitze, die auf einer Langseite komplett steil retuschiert und so mit einem stumpfen Rücken versehen ist. Vermutlich wurden mehrere dieser Spitzen hintereinander schräg in einen Holzschaft eingesetzt und mit Birkenpech fixiert, um so eine Harpune mit Widerhaken zu erhalten. Ob zu dieser Zeit schon die Speerschleuder oder gar Pfeil und Bogen in Verwendung waren, lässt sich wegen des Fehlens entsprechender Bodenfunde nicht beantworten.

Der älteste bekannte Bumerang wurde 1985 in der Oblazowa-Höhle in den Polnischen Karpaten entdeckt und konnte mit der Radiokohlenstoffdatierung auf ein Alter von etwa 23.000 BP bestimmt werden.[5][6]

[Bearbeiten] Kunstwerke des Gravettien

Im Gravettien gab es in quantitativer und qualitativer Hinsicht einen Höhepunkt der Höhlenmalerei. Ein spezielles Kennzeichen gravettienzeitlicher Höhlenmalerei sind Handnegative. Außerdem sind vielfältige Kleinkunst- und Schmuckobjekte überliefert.[7]

Charakteristisch für den jüngeren Abschnitt des Gravettiens (ca. 25.000-22.000 BP) sind Frauenstatuetten, veraltet als Venusfigurinen bezeichnet. Wegen des häufigen und stilistisch sehr ähnlichen Auftretens (über 100 Exemplare) im gesamten Europa bis nach Sibirien spricht man bei dieser Zeit auch vom "Statuetten-Horizont". Die Figuren bestehen entweder aus Mammut-Elfenbein (z. B. Venus von Brassempouy, Venus von Moravany nad Váhom), aus gebranntem Ton (z. B. Venus von Dolní Věstonice) oder aus oolithischem Kalkstein (Venus von Willendorf). Andere Venusfiguren sind als Halbreliefs aus einer Felswand herausgearbeitet (z. B. Venus von Laussel).

[Bearbeiten] Archäologische Fundstellen

Niederösterreich
Deutschland
Tschechien
Slowakei

[Bearbeiten] Literatur

  • Bosinski, G. (1987): Die große Zeit der Eiszeitjäger. Europa zwischen 40.000 und 10.000 v. Chr. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 34, 13-139.

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Roebroeks, W.; Mussi, M.; Svoboda, J. & Fennema, K. (Hrsg.), Hunters of the Golden Age. Kolloquium Pavlov. - Annalecta Praehistorica Leidensia 31, 2000. Leiden.
  2. CalPal Kalibrationsprogramm
  3. Garrod, D.A.E. (1938), The Upper Palaeolithic in the Light of Recent Discovery. – Proceedings of the Prehistoric Society, 1-26.
  4. Svoboda, J. A. & Sedlácková, L. (Hrsg., 2004): The Gravettian along the Danube. The Dolní Vestonice Studies 11. Brno.
  5. Pawel Valde-Nowak, Adam Nadachowski, Mieczyslaw Wolsan:Upper Palaeolithic boomerang made of a mammoth tusk in south Poland. Nature 329, 436 - 438 (01 October 1987).
  6. Evers, D., Valde-Nowak, P.: Wurfversuche mit dem Jungpaläolithischen Wurfgerät aus der Obłazowa- Höhle in den polnischen Karpaten. Archäologisches Korrespondenzblatt 24, 1994, S. 137-144.
  7. Anne Scheer: Elfenbeinanhänger des Gravettien in Süddeutschland. Archäologisches Korrespondenzblatt 15, 1985. S. 269-285.
  8. Neugebauer-Maresch Chr., (Hsg.), Krems-Hundssteig – Mammutjägerlager der Eiszeit. Ein Nutzungsareal paläolithischer Jäger- und Sammler(innen) vor 41.000–27.000 Jahren, mit Beiträgen von Christine Neugebauer-Maresch, Ernst Bauernfeind, Otto Cichocki, Thomas Einwögerer, Florian Fladerer, Christa Frank, Marc Händel, Monika Krammer, Robert Peticzka, Gernot Rabeder, Tina Salcher-Jedrasiak, Ulrich Simon, Peter Stadler, Leif Steguweit und Brigitte Urban, Mitteilungen der Prähist. Komm. ÖAW 67, 2008, 347 Seiten.
  9. Einwögerer, Th. & Simon, U. 2008, Die Steingeräte der Ausgrabungen Krems-Hundssteig 2000-2002. In: Neugebauer-Maresch (Hrsg.), Krems-Hundssteig – Mammutjägerlager der Eiszeit. Ein Nutzungsareal paläolithischer Jäger- und Sammler(-innen) vor 41.000 - 27.000 Jahren. MPK 67, 177-215. Wien.
  10. Neugebauer-Maresch Chr., Eine besondere Fundkategorie: kalzifizierte Hölzer der gravettienzeitlichen Schichten von Krems-Hundssteig, Quartär 55, 2008, 143–150.
  11. Händel, M., Einwögerer, T. & Simon, U. 2008, Krems-Wachtberg – A Gravettian Settlement Site in the Middle Danube Region. Wiss. Mitt. Niederösterr. Landesmuseum 19, 91-108. St. Pölten.
  12. Einwögerer, T. Händel, M., Neugebauer-Maresch, C., Simon, U., Teschler-Nicola, M. 2008, The Gravettian Infant Burials from Krems-Wachtberg, Austria. Proceedings of the XV World Congress of the International Union for Prehistoric and Protohistoric Sciences (Lisbon, September 2006), WS26: Babies Reborn: Infant/child burials in pre- and protohistory. B.A.R. International Series, Oxford: Archaeopress 24, 15-19.
  13. Einwögerer, Th., Simon, U. & Händel, M. 2008, Neue Gravettienfunde vom Wachtberg in Krems an der Donau. Das Waldviertel 57/2, 171-175.
  14. Fund aus dem Abri im Dorf
  15. Wolfgang Weißmüller, Eine Freilandfundstelle des mittleren Jungpaläolithikums (Périgrodien-Gravettien) am Südrand der Straubinger Senke bei Salching, Lkr. Straubing-Bogen. Quartär 37/38, 1987, 109-134.
  16. Vorgeschichte im Erlanger Raum. Begleitheft zur Dauerausstellung, Hrsg. vom Stadtmuseum Erlangen.
  17. Hahn, J. (1969): Gravettien-Freilandstationen im Rheinland: Mainz-Linsenberg, Koblenz-Metternich und Rhens. Bonner Jahrbücher 169, S. 44-87.
  18. Dietrich Mania, Eine Fundstelle des Perigordien-Gravettien von Bilzingsleben. Colloque International: L’Aurignacien et le Gravettien (Perigordien) dans leur Cadre Ecologique. (Krakov 1981), S. 57-63.
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