Gemeindepsychologie

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Die Gemeindepsychologie (engl. community psychology) ist ein Teilbereich der Psychologie. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Ungleichheiten durch Relation gesellschaftlich bzw. kulturell bestimmter Lebensbedingungen zu individueller psychischer Gesundheit und versucht im lokalen und regionalen Kontext psychosoziale Hilfeformen zu entwickeln.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

Diese Disziplin der Psychologie ist eine noch junge Form gesellschaftlicher Einflussnahme. Sie entstand aus einem veränderten Verständnis im Umgang mit psychischen Problemen aus der Kritik am Psychoboom der 60er und 70er Jahre, an der sich in der sozialen Arbeit entwickelnden Therapeutisierung und damit Individualisierung von Problemen (Gildemeister 1992).

Es war ernüchternd, dass diese Ansätze gerade für die Unterschichtsklientel kaum Verbesserungen brachte. Der Fokus lag bislang zu sehr auf der individuellen Behandlung von Störungen und Persönlichkeitsdefiziten. Wenn lebensweltbedingte Probleme zu sehr „psychologisch“ betrachtet und aufgefasst werden, geraten die gesellschaftlichen Bedingungen z. B. für die Entstehung von Armut zu sehr aus dem Blick.[1] Verschiedene Untersuchungen bestätigten, dass mangelnde materielle Ressourcen großen Einfluss auf das Wohlbefinden eines Menschen haben. Z. B. verursacht es großen Stress, mit einem knappen Budget eine Familie versorgen zu müssen. Es entwickelte sich eine „Community-health-Bewegung“, die eine kommunale kostenlose und niederschwellige Versorgung zum Ziel hatte. Daraus gingen alltagsnahe therapeutische Interventionsverfahren hervor.

Gegenstand der Gemeindepsychologie[Bearbeiten]

Gemeindepsychologie begreift den Raum als Lebenswelt und versucht durch die Stärkung von benachteiligten Bevölkerungsgruppen eine Verbesserung ihrer Situation zu erzielen. In diesem Zusammenhang will sie Wohlbefinden und Gesundheit fördern. Dabei sieht die Gemeindepsychologie einen Zusammenhang zwischen gesellschaftliche Entwicklungen und psychosoziale Problemlagen. Diese sollen weniger defizitorientiert als vielmehr ressourcenorientiert behandelt werden. Gemeindepsychologie ist keine Behandlungsform, die ein Psychologe in einer Praxis am Patienten vornimmt, sondern spiegelt eine breite Palette gesellschaftlicher Gestaltungsprozesse und Interventionen wider.

Praktische Ansätze der Gemeindepsychologie können beispielsweise sein:

  • Analyse eingelebter Lebensformen (Rituale, kulturelle Selbstverständlichkeiten, etc.), auch und gerade vor dem Hintergrund unterschiedlicher Nationalitäten;
  • Stärkung innerer (geistiger) und äußerer (körperlicher) Ressourcen und Erkenntnis und Beseitigung der Ursachen von Krankheiten;
  • Pflege und Förderung von Gemeinschaft und Förderung von Faktoren, die die Bindung und soziale Unterstützung positiv beeinflussen (daher die Wortherkunft ‚Community Psychology’);
  • Kritische Reflexion der unerwünschten Nebenfolgen ausgreifender Professionalisierung;
  • Begleitung der gesellschaftlichen und politischen Diskussion im Rahmen der derzeitigen Umstrukturierung der psychosozialen und gesundheitlichen Versorgung (Gesundheitsreform) und Umstrukturierung kommunaler Gesundheitsvorsorge;
  • Neubestimmung der Begriffe „Partizipation“ oder „Stärkung der Eigenverantwortlichkeit“ im gesundheits- und sozialpolitischen Diskurs zum Wohl der betroffenen Bürger.

Zentrale Begriffe und Arbeitszweige der Gemeindepsychologie sind Prävention (zur Abwehr der Folgen von Benachteiligungen), Empowerment (zum eigenen Handeln befähigen), Lebensweltorientierung (dort ansetzen, wo der Klient „steht“), Ressourcenorientierung (Fähigkeiten des Klienten nutzen und ausbauen), Gemeinwesenarbeit und Netzwerkintervention (Zusammenarbeit von Institutionen zum Wohl des Menschen).

Gegenwärtig verändern sich viele Rahmenbedingungen. So ist die Diskussion über die Gemeindepsychologie von der Frage geprägt, was die Gemeindepsychologie und die angrenzenden Wissenschaften dazu beitragen können, dass soziale Belange im Verhältnis zur Ökonomie berücksichtigt bleiben und sich nachhaltig in gesundheits- und sozialpolitischen Orientierungen ausdrücken. Der „Gemein(schafts)sinn“ und die dafür erforderliche soziale Unterstützung sind wichtige Voraussetzungen sowohl für das Erreichen persönlicher Ziele als auch für ein funktionierendes Gemeinwesen mit funktionsfähigen Organisationen. Somit ist der gemeindepsychologische Ansatz selbstreflektiv. Das Handeln Professioneller bzw. der Institutionen soll mit dem Handeln der Betroffenen in Einklang stehen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dalton, J. H., Elias, M. J. & Wandersman, A. (2001). Community Psychology - Linking Individuals and Communities. Wadsworth, Belmont Ca.
  • Keupp, H. (1997). Handlungsperspektiven der Gemeindepsychologie. Geschichte und Kernideen eines Projekts. In H. Keupp, Ermutigung zum aufrechten Gang (S. 191-206). Tübingen, dgvt-Verlag.
  • Keupp, H. (2005): Psychologie. In Kreft, Dieter & Mielenz, Ingried: Wörterbuch Soziale Arbeit. Aufgaben, Praxisfelder, Begriffe und Methoden der Sozialarbeit und Sozialpädagogik (5. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Weinheim und Basel: Juventa Verlag.
  • Lenz, A. & Stark, W. (Hrsg.) (2002). Empowerment. Neue Perspektiven für psychosoziale Praxis und Organisation. Tübingen: dgvt-Verlag.
  • Rappaport, J. & Seidman, E. (Hrsg.) (2000): Handbook of community psychology. New York: Kluwer.
  • Röhrle, B. & Sommer, G. (Hrsg.) (1995). Gemeindepsychologie: Bestandsaufnahmen und Perspektiven. Tübingen: dgvt-Verlag.
  • Röhrle, B., Sommer, G. & Nestmann, F. (Hrsg.) (1998): Netzwerkintervention. Tübingen: dgvt-Verlag.
  • Sommer, G. & Ernst, H. (Hrsg.)(1977). Gemeindepsychologie. München: Urban & Schwarzenberg.
  • Trojan, A. & Legewie, H. (2001). Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung - Leitbilder, Politik und Praxis der Gestaltung gesundheitsförderlicher Umwelt- und Lebensbedingungen. Frankfurt: VAS - Verlag für Akademische Schriften.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Untersuchung über Familienberatung in einem Stadtteil in München (Buchholz/Höfer 1987, S. 218)

Weblinks[Bearbeiten]