Gerhard Benkowitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gerhard Benkowitz während des Prozesses

Gerhard Benkowitz (* 2. Juni 1923 in Sudschenka, Sowjetunion; † 29. Juni 1955 in Dresden, DDR) war ein Widerstandskämpfer der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit gegen das SED-Regime und Schauprozessopfer in der DDR.[1] Er wurde unter anderem wegen der Vorbereitung der Sprengung von Brücken und einer Talsperre zum Tode verurteilt und hingerichtet.[2]

Leben und Familie[Bearbeiten]

Der Vater von Gerhard Benkowitz war im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft gekommen. Dort heiratete er eine Wolgadeutsche und kehrte nach der Geburt des Sohnes nach Deutschland zurück.[2] Er war Ortsbauernführer im NS-Staat.

Gerhard Benkowitz legte 1941 in Weimar das Abitur ab und wurde anschließend Offiziersanwärter der Wehrmacht. Er wurde 1943 in der Schlacht im Kursker Bogen verwundet. 1944 studierte er ein Semester Medizin in Jena. Nach dem Krieg arbeitete er als Verkäufer und später in der Stadtverwaltung von Weimar, ab Ende 1946 bei der SMAD Thüringen. 1946 wurde er Mitglied der LDPD, aus der er im gleichen Jahr wieder austrat. 1948 trat er der SED bei. Er begann 1949 ein Fachschulstudium in Russisch und arbeitete ab 1950 als Russischlehrer in Buttstädt und ab 1951 in Weimar. 1954 wurde er stellvertretender Schuldirektor.[1]

Gerhard Benkowitz hatte 1949 die Zusammenarbeit mit der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) begonnen, weil er hoffte, durch die West-Berliner Hilfe etwas über den Verbleib seines Vaters zu erfahren, der 1945 von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet worden war. Zunächst lieferte Gerhard Benkowitz Stimmungsberichte an die KgU. Im Herbst 1950 bildete er eine illegale Widerstandsgruppe und trug zeitweilig illegal eine Waffe.[1] Im Zeitraum von 1950 bis 1952 bereitete er Sprengungen und Sabotagemaßnahmen vor, die aber nicht zur Ausführung kamen.[1] Nachdem die KgU sich nach 1952 von ihrer militanten Strategie abwendete, bestand die Arbeit der Gruppe von Gerhard Benkowitz im Verteilen von Flugblättern, dem Sammeln von Informationen und dem Versenden von Drohbriefen an Funktionäre in der DDR.

Gerhard Benkowitz war verheiratet mit der Lehrerin Erika Benkowitz († 27. Dezember 2008). Sie wurde mit ihm inhaftiert und am 20. Juli 1955 vom 1. Erfurt Strafsenat unter Kurt Bieret zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem, dass sie davon ausgehen musste, dass ihre „Erzählungen und Berichte“ für Spionagezwecke missbraucht würden.[3]

Verhaftung, Schauprozess und Hinrichtung[Bearbeiten]

Benkowitz spricht im Gerichtssaal mit seinem Verteidiger

Am 4. April 1955 wurden Erika und Gerhard Benkowitz und am folgenden Tag das Ehepaar Christa und Hans-Dietrich Kogel in Weimar verhaftet. Hans-Dietrich Kogel (1925–1955) war Sachbearbeiter für Planung und Statistik beim Rat der Stadt Weimar. Zugleich wurden unter anderem der Fahrdienstleiter Willibald Schuster aus Großebersdorf, der Reichsbahnangestellten Gerhard Kammacher und der Student Christian Busch inhaftiert und kamen in die Stasi-Gefängnisse Erfurt und Berlin-Hohenschönhausen.[4] Während die Weimarer sich kannten, gab es zu den anderen Inhaftierten keine Beziehungen. Als ein Schauprozess Anfang 1955 von der SED-Führung geplant wurde, waren Benkowitz und Kogel noch gar nicht im Visier der Staatssicherheit. Am 15. Mai 1955 wurde Gerhard Benkowitz wegen des in Berlin geplanten Prozesses nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht.

Vor der Verhaftung war bei der Staatssicherheit kein Operativer Vorgang zu Gerhard Benkowitz angelegt, was darauf hindeutet, dass er sehr kurzfristig ins Visier der Staatssicherheit geraten ist. Als Verräter von Gerhard Benkowitz kommt der damalige KgU-Sachgebietsleiter für Thüringen Rupprecht Wagner (Deckname „Wolff“) in Frage, welcher damals eine undichte Stelle im KgU war, bevor er am 10. September 1955 öffentlichkeitswirksam zur Staatssicherheit wechselte. Die Staatssicherheit wusste zunächst nichts über Mitstreiter von Gerhard Benkowitz und erfuhr davon erst durch seine Aussage, woraufhin das Ehepaar Kogel und zwei weitere Personen am folgenden Tag verhaftet wurden. Bei den Verhören gab Gerhard Benkowitz an, die Bleilochtalsperre an der Saale, die Sechsbogen-Eisenbahnbrücke bei Weimar und weitere Objekte für eine Sprengung ausgekundschaftet zu haben. Bei Hans-Dietrich Kogel sollte das Sprengkommando beherbergt werden. Da Gerhard Benkowitz und Hans-Dietrich Kogel detailreiche und weitgehend gleichlautende Angaben machten, können die Aussagen als zutreffend betrachtet werden.[5] Gerhard Benkowitz widersprach heftig der Vorhaltung, er hätte Sprengstoff ausgehändigt bekommen. Ein in die Zelle eingeschleuster Informant machte auch keine gegenteilige Angaben. Daraufhin wurde dieser Vorwurf wieder fallen gelassen.

Die Stasi-Offiziere, die Benkowitz bearbeiteten, und der Pflichtverteidiger hatten ihm eingeredet, eine ausführliche Selbstbezichtigung und Reue könnte ihn retten. Benkowitz glaubte das und spielte so unwillentlich seinen Anklägern in die Hände. Der Prozess wurde am 14. Juni 1955 eröffnet. Im Prozess wurden die Angeklagten und die KgU mit großem propagandistischem Aufwand als Terroristen dargestellt.

Das Todesurteil gegen Benkowitz stand schon vor Prozessbeginn aufgrund eines Vorschlags des ZK der SED (federführend war Klaus Sorgenicht) fest. Hans-Dietrich Kogel sollte ursprünglich zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt werden. Diesen Vorschlag änderte Walter Ulbricht in Todesstrafe. Die Gerichtsverhandlungen fanden am 22. und 23. Juni 1955 statt. Am 29. Juni wurde das Urteil „im Namen des Volkes“ vollstreckt: Gerhard Benkowitz und Hans-Dietrich Kogel verloren in der Zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in Dresden ihr Leben.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gerhard Benkowitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Ilko-Sascha Kowalczuk: Gerhard Benkowitz. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  2. a b Karl Wilhelm Fricke, Roger Engelmann: „Konzentrierte Schläge“: Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse, Schriftenreihe des BStU, 11, S. 161, Online
  3. Petra Weber: Justiz und Diktatur. Justizverwaltung und politische Strafjustiz in Thüringen 1945–1961. (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 46), München, Oldenbourg 2000, S. 451.
  4. Gerhard Finn: Die Widerstandsarbeit der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (PDF; 330 kB), in: Unrecht überwinden – SED-Diktatur und Widerstand. (Aktuelle Fragen der Politik, Nr. 38), St. Augustin 1996.
  5. Karl Wilhelm Fricke, Roger Engelmann: „Konzentrierte Schläge“: Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse, Schriftenreihe des BStU, 11, S. 162, Online