Gesundheitswissenschaften

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Gesundheitswissenschaften (englisch: Health Sciences) ist seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland als wissenschaftliches Fach bekannt. Häufig wird auch der Begriff Public Health verwendet, der allerdings ein umfassenderes Verständnis von (wörtlich) 'Bevölkerungsgesundheit' bezeichnet. Das Fach Gesundheitswissenschaften beschäftigt sich mit den geistigen, körperlichen, psychischen und sozialen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit einer Gesellschaft. Beispielsweise definieren Haisch, Weitkunat und Wildner (1999, S. 317) Gesundheitswissenschaften als die „Wissenschaft und Praxis der Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und Gesundheitsförderung durch organisierte, gemeindebezogene Maßnahmen; ein interdisziplinäres Gebiet, das sich mit Gesundheit und ihren Determinanten befaßt“. Schwartz (1998) spricht von der „Analyse, Bewertung und Organisation von Gesundheitsproblemen in der Bevölkerung und ihrer Verhinderung beziehungsweise Bekämpfung mit angemessenen, wirksamen und ökonomisch vertretbaren Mitteln“.

Hurrelmann (1995, S. 5) und Hurrelmann und Razum (2012) sprechen sich im Handbuch der Gesundheitswissenschaften dafür aus, die deutsche Bezeichnung zu verwenden. Sie drückt durch den Plural die interdisziplinäre Ausrichtung und durch den zweiten Wortbestandteil den wissenschaftlichen Charakter dieses Gebietes aus. „Wir definieren Gesundheitswissenschaften als ein Ensemble von wissenschaftlichen Einzeldisziplinen, die auf einen gemeinsamen Gegenstandsbereich gerichtet sind, nämlich die Analyse von Determinanten und Verläufen von Gesundheits- und Krankheitsprozessen und die Ableitung von bedarfsgerechten Versorgungsstrukturen und deren systematische Evaluation unter Effizienzgesichtspunkten. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses der Gesundheitswissenschaften liegt ganz im Sinne von ‚Public Health‘ die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung durch Krankheitsverhütung und Gesundheitsförderung.“

Geschichte[Bearbeiten]

Public Health kann auf eine 100-jährige angelsächsische Tradition zurückschauen, wie an der Universität Edinburgh, Schottland, oder an der Harvard University, USA. Bedingt durch die Nationalsozialistische Rassenhygiene hatte die Public-Health-Entwicklung in Deutschland eine große Schwächung erfahren (vgl. Eckart, 1990).

Bei der Entwicklung der Gesundheitswissenschaften ist Deutschland einen historisch bedingten Sonderweg gegangen (Hurrelmann 1999, S. 5). Im Unterschied zu den vergleichbaren westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern wurde das Gebiet zwar zur gleichen Zeit, nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, tatkräftig in Angriff genommen, in den 1930er und 1940er Jahren dann aber durch die massiven Eingriffe der nationalsozialistischen Machthaber politisch-ideologisch instrumentalisiert (Hurrelmann 1999, S. 5). Die verheißungsvollen Ansätze der in den 1920er Jahren aufgekommenen Forschungen der „Sozialhygiene“ als „Wissenschaft von der Erhaltung und Mehrung der Gesundheit“ in Verbindung mit der praktischen Anwendung bevölkerungsweiter Erkenntnisse zur Sicherung der „Volksgesundheit“ wurden vom totalitären NS-Regime eliminiert. Die führenden Vertreter der Gesundheitswissenschaft, die bereits mit diesem Namen arbeiteten, so etwa Gottstein, Schlossmann und Teleky, wurden ebenso vertrieben wie die sozialhygienisch tätigen Mediziner, Biologen, Psychologen und Soziologen. Das Handeln staatlicher Organe zur Herstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Gesundheit wurde unter das Diktum einer Menschen verachtenden politischen Ideologie gestellt und damit bis weit über die Anfangsjahre der Bundesrepublik Deutschland hinaus diskreditiert.

In beiden deutschen Teilstaaten konnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges das gut funktionierende öffentliche Gesundheitswesen, wie es vorbildlich vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten existiert hatte, nicht wieder voll etabliert werden.

Erst in den 1980er Jahren kam es in Westdeutschland zu einer „Wiedergeburt“ der deutschen Tradition der Gesundheitswissenschaften, die ihren greifbaren Niederschlag darin fand, dass die Zusammenarbeit von Medizin- und Naturwissenschaften mit Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zur Analyse der öffentlichen und der individuellen Gesundheit über einen Zeitraum von über zehn Jahren intensiv politisch gefördert wurde (Hurrelmann und Razum 2012). Bund und Länder in Westdeutschland unterstützten Forschungsverbünde und akademische Lehrprogramme.

An der Universität Bielefeld entstand hieraus die erste deutsche "Fakultät für Gesundheitswissenschaften / School of Public Health". Gründungsdekan von 1993 an war Klaus Hurrelmann. Auch an der Universität Bremen und an den Berliner Universitäten bildeten sich Lehr- und Forschungsinstitute für Public Health mit mehreren Lehrstühlen.

Angeregt und beschleunigt wurde diese Entwicklung durch eine Reihe von sozialen Bewegungen und Umweltbewegungen und insbesondere Selbsthilfegruppen von langjährig chronisch erkrankten Menschen, die sich gegen die Dominanz eines rein körperbezogenen medizinischen Denkens wehrten und auf die Bedeutung von psychischen und sozialen Netzwerken für die Begleitung der nicht heilbaren Krankheiten setzten.

Hinsichtlich der disziplinären Entwicklung wird unterschieden in Old Public Health (auch: Public Health I) und New Public Health (auch: Public Health II). Im Mittelpunkt von Old Public Health stehen die Prävention und Versorgung von Problemgruppen. Die wissenschaftliche Basis leisten die Medizin mit der Theoretischen Medizin, klinisch-praktischen Medizin, Hygiene, Sozialmedizin und Epidemiologie wie die Sozialwissenschaften mit der Gesundheitssoziologie und -psychologie. Im Mittelpunkt von New Public Health steht seit etwa 1980 die gesamte Gesundheitspolitik. Ergänzt wird Old Public Health durch die Gesundheitssystemforschung (vgl. Schwartz, 1998) und die Versorgungsforschung, bei der sich Prävention, Gesundheitsförderung, Kurationi/Therapie, Rehabilitation und Pflege systematisch verzahnen. Biomedizinische und sozialwissenschaftliche Arbeitsweisen ergänzen sich gegenseitig. Zum Kranz der Bezugsdisziplinen sind Ökonomie mit der Gesundheitsökonomie, die Politikwissenschaften mit der Gesundheitspolitik und die Managementwissenschaften mit dem Qualitätsmanagement hinzugekommen.

Gegenstand und Disziplinen[Bearbeiten]

Die Gesundheitswissenschaft ist theoretisch, empirisch und anwendungsbezogen angelegt. In Anlehnung an die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation beschäftigen sich die Gesundheitswissenschaften mit den geistigen, körperlichen, psychischen und sozialen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit wie ihrer systemischen Verknüpfung. Insofern wird die These vertreten, dass die konzeptionellen Ansätze von Public Health die Mikro-, Meso- und Makroebene der Gesellschaft betreffen (vgl. Hurrelmann 2010, Mann, 1996). Mit Blick auf die Mehrebenenbetrachtung steht nicht nur die Person im Vordergrund, sondern der Gesundheitsstatus von Personen- und Bevölkerungsgruppen beziehungsweise der Gesellschaft und entsprechende Rückwirkungen auf die Person: die Medizinische Hochschule Hannover definiert in dieser übergreifenden Sichtweise ihren Public-Health-Studiengang mit Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen; am größten deutschen Standort in Bielefeld, mit ausgebautem Bachelor-, Master-, Doktoranden- und Weiterbildungsprogramm, werden soziale Determinanten von Gesundheit und Krankheit mit populationsbezogenen Versorgungsangeboten in Verbindung gesetzt.

Bei der Frage nach der besten gesundheitlichen Versorgung einer Bevölkerung (vgl. Schwartz, 1998; Hurrelmann, Laaser und Razum, 2006) integriert sie interdisziplinär die Epidemiologie, Medizin, Ökonomie, Psychologie, Politikwissenschaft, Sozialpolitik, Rechtswissenschaften, Soziologie und Statistik. Das Spektrum humanwissenschaftlicher Disziplinen, welche die Gesundheitswissenschaften curricular umschreiben, sind:

Auch international haben die Gesundheitswissenschaften bzw. Public Health an Bedeutung gewonnen, wie der Weltbericht Gewalt und Gesundheit belegt. Mit Blick auf die praktische Umsetzung bekommt das Gesundheitsmanagement mehr Gewicht.

Aktuelle Entwicklungen[Bearbeiten]

Methoden[Bearbeiten]

Im Zuge der empirischen Forschung beziehen sich die Gesundheitswissenschaften auf eine breite Palette an Forschungsansätzen aus der Epidemiologie mit deskriptiver und analytischer Epidemiologie, empirischer Sozialforschung mit quantitativen und qualitativen Forschungsansätzen, deskriptiver und schließender Statistik, einschließlich uni- und multivariante Regressionsanalyse und der gesundheitsökonomischen Analysen mit der Kosten-Nutzen-Analyse, Kosten-Nutzwert-Analyse und Kosten-Effektivitäts-Analyse.

Forschungsgebiete[Bearbeiten]

Das Forschungsinteresse ist die Identifikation von Risikofaktoren (genetische, klinische, soziale), die Identifikation von gesundheitsförderlichen Faktoren (Salutogenese) und die Analyse und Evaluation von Versorgungsstrukturen (Prävention, Kuration, Rehabilitation, Krankenpflege). Die wichtigsten medizinsoziologischen Gesundheitsfaktoren sind Geschlecht, Alter und sozio-ökonomischer Status sowie der Zufall.

Die Untersuchungsgegenstände reichen von der Klinischen Forschung, Evidenzbasierte Medizin (EBM), Evidence-based Nursing (EBN) über Health Technology Assessment (HTA) bis zur Ökonomischen Evaluation. Weitere Themen sind:

Public-Health-Programme[Bearbeiten]

Bekannt geworden sind Gesundheitsprogramme auf nationaler und internationaler Ebene. Angestoßen wurden diese Programme durch die Weltgesundheitsorganisation, Regionalbüros der WHO und nationaler Gesundheitsbehörden. Es geht um Themen mit epidemischer Inzidenz wie AIDS, Diabetes mellitus, Depressionen, Herzinfarkt, Tuberkulose, Suizid oder das konfliktreiche Thema Rauchen. Zuständig in Deutschland ist der Öffentliche Gesundheitsdienst von der Bundesregierung über das Robert-Koch-Institut in Berlin bis zum Gesundheitsamt einer Kommune (vgl. Niehoff, Braun, 2003).

Public-Health-Studium[Bearbeiten]

Die Gesundheitswissenschaften sind eine eigenständige Disziplin, trotzdem werden sie im Zuge der neuen Approbationsordnung auch an medizinischen Fakultäten gelehrt. Public Health hat Verknüpfungen wie zum Öffentlichen Gesundheitsdienst, zur Medizinsoziologie, zur Sozialmedizin, zur Präventivmedizin, zum Medizinrecht, zur Gesundheitsökonomie, zum Gesundheitsmanagement und zur Psychosozialen Versorgung.

Neben der Medizinischen Hochschule Hannover mit dem Studiengang Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen (Public Health) gibt es deutschlandweit unterschiedliche Hochschulen, die gesundheitswissenschaftliche Studiengänge anbieten (z.B. Bielefeld, Berlin, Dresden, Hamburg und München). Seit 1994 wurden an der in Deutschland bisher einzigen eigenständigen Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld drei Studiengänge (auf Bachelor-, Master- und Doctor-Ebene) entwickelt, die nach internationalem Vorbild konsekutiv aufgebaut sind. Weitere drei Studiengänge sind im Bereich der Fort- und Weiterbildung angesiedelt und fokussieren auf die Bereiche "Epidemiology" (MSE), "Health Administration" (MHA) und "Workplace Health Management" (MWHM). Anderen Universitäten in Deutschland ist es bislang trotz vielfältiger Bemühungen nicht gelungen, die institutionellen Strukturen aufzubauen, um einen Fachbereich nach dem international verbreiteten Muster einer „School of Public Health“ wie in Bielefeld zu etablieren.

Die folgenden international anerkannten akademische Grade können erworben werden:

  1. Bachelor of Public Health
  2. Bachelor of Health Communication
  3. Master of Public Health
  4. Master of European Public Health
  5. Zertifikat Angewandte Gesundheitswissenschaften (FAG)
  6. Dr.PH, Dr.sc.hum.
  7. Habilitation

Seit 25 Jahren besteht an der Universität Maastricht in den Niederlanden eine Fakultät für Gesundheitswissenschaften, die zusammen mit der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld im Rahmen des internationalen Studierendenaustauschs kooperiert. Neben einem Bachelorstudiengang mit sieben Spezialisierungsrichtungen (Bewegungswissenschaften, Politik und Management in Gesundheitswesen, Gesundheitsprävention und Aufklärung oder Arbeit und Gesundheit), bietet die Universität neun Master Programme im Schwerpunkt Public Health an. Besonders attraktiv für internationale Studenten ist der Bachelorstudiengang European Public Health. Hier werden die Beziehungen zwischen den Europäischen Mitgliedstaaten im Bereich der Gesundheit ins Zentrum gerückt. Die Themenschwerpunkte reichen von Border- crossing care, grenzüberschreitende Infektionskrankheiten über das Notfallmanagement bis zur Umsetzung der europäischen Gesetze in den Mitgliedsstaaten. Seit 2007 bietet die Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik Tirol Bachelor-, Master- und Doktoratsprogramme in Public Health an.

Zwischenzeitlich wird an einer Vielzahl von Fachhochschulen Public Health grundständig gelehrt, wie in Berlin, Emden oder Fulda. Der Berliner Vorläufer war ein Modellversuch unter Federführung von Dieter Kleiber: Weiterbildung "Fachkräfte für die psychosoziale Versorgung", umgesetzt gemeinsam von FU und ASH (damals FHSS) Berlin.

Literatur[Bearbeiten]

  • Cornelia Bormann: Gesundheitswissenschaften. 1. Auflage. UTB, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8252-3788-2.
  • Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer-Lehrbuch, Berlin 1999, ISBN 3-540-51982-3.
  • Jochen Haisch, Rolf Weitkunat, Manfred Wildner (Hrsg.): Wörterbuch Public Health. Hans Huber, Bern 1999, ISBN 3-456-83051-3.
  • Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Gesundheitswissenschaften. Springer, Berlin 2009, ISBN 978-3-540-64989-2.
  • Klaus Hurrelmann, Oliver Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften. 5. völlig überarbeitete Auflage. Beltz Juventa, Weinheim 2012, ISBN 978-3-7799-0790-9.
  • Bernhard Mann: Die Bedeutung der Soziologie für die moderne Public-Health-Entwicklung. In: Heine von Alemann, Annette Vogel (Hrsg.): Soziologische Beratung. Berufsverband Deutscher Soziologen. Leske+Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1682-9.
  • Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health. Nomos, Baden-Baden 2003, ISBN 3-8329-0118-3.
  • Doris Schaeffer, Martin Moers, Rolf Rosenbrock (Hrsg.): Public Health und Pflege. edition sigma, Berlin 1994, ISBN 3-89404-134-X.
  • Friedrich Wilhelm Schwartz, Bernhard Badura, Rainer Leidl, Heiner Raspe, Johannes Siegrist (Hrsg.): Das Public-Health-Buch. Gesundheit und Gesundheitswesen. Urban & Schwarzenberg, München 1998, ISBN 3-541-17441-2.
  • Heiko Waller: Gesundheitswissenschaft. Kohlhammer, Stuttgart 2002, ISBN 3-17-017014-7.
  • Klaus Hurrelmann: Gesundheitssoziologie. Weinheim: Beltz Juventa 2010, ISBN 978-3-7799-1483-9.
  • Isabell Möcke: Förderung Sozialer Kompetenzen in Jugendzentren: Die Förderung von Jugendzentren als Option gegen den Fachkräftemangel AV Akademikerverlag Mai 2012
  • Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.): Transkulturelle Public Health. Ein Weg zur Chancengleichheit. Zürich: Seismo Verlag, Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen. 2012, ISBN 978-3-03777-106-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Public health – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien