Händedesinfektion

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Waschbecken mit Spendern für Flüssigseife und Händedesinfektionsmittel

In der Medizin versteht man unter Händedesinfektion ein Verfahren zur Verringerung der Zahl von Krankheitserregern auf der Haut der Hände mit Hilfe von Händedesinfektionsmitteln. Ziele sind die Vermeidung der Übertragung von Krankheitserregern (insbesondere Bakterien und Viren) von einem Patienten zum nächsten und der eigene Schutz der im Gesundheitswesen beschäftigten Personen.

Transiente Hautflora[Bearbeiten]

Die Desinfektion dient der Reduzierung der transienten Hautflora. Darunter versteht man die vorübergehende Besiedelung mit hautfremden, möglicherweise krankheitsverursachenden (pathogenen) Erregern. Auch durch Waschen kann die transiente Hautflora weitgehend und für den privaten Gebrauch ausreichend entfernt werden. Im Bereich der Krankenversorgung ist der Anspruch höher, daher werden hier Desinfektionsmittel notwendig.

Residente Hautflora[Bearbeiten]

Die residente hauteigene Flora schützt vor krankmachenden Erregern. Weil auch sie von Desinfektionsmitteln angegriffen wird, gehört zur Händedesinfektion auch der systematische Aufbau eines Hautschutzes.

Hygienische und chirurgische Händedesinfektion[Bearbeiten]

Drei Fingerabdrücke auf einen Nährboden aus Hefe-Dextrose-Agar mit anschließender 24stündiger Inkubation bei 37 °C. Beschreibung aus 4-Uhr-Position gegen den Uhrzeigersinn: Abdruck eines ungewaschenen Fingers; Fingerabdruck der mit Warmwasser und Seife gewaschenen und abgetrockneten Hand; Fingerabdruck der mit Warmwasser und Seife gewaschenen und abgetrockneten Hand mit anschließender Händedesinfektion

Die hygienische Händedesinfektion wird vor und nach jedem Patientenkontakt durchgeführt, die gründlichere chirurgische Händedesinfektion dagegen vor Operationen oder invasiven Eingriffen.

Die Unterscheidung zwischen hygienischer und chirurgischer Händedesinfektion wurde im Jahr 1905 von Carl Flügge eingeführt.[1] Die hygienische Händedesinfektion beseitigt die hautfremden Erreger und reduziert die Zahl der hauteigenen Erreger. Die chirurgische Händedesinfektion ist die weitgehende Eliminierung der hauteigenen Erreger, die in der Hornhaut bis zum Stratum lucidum in abnehmender Zahl vorhanden sind, wobei Schweiß- und Talgdrüsen normalerweise nahezu keimfrei sind.

Den historisch entscheidenden Beitrag in der Medizin lieferte Ignaz Semmelweis (1818–1865), ein ungarisch-österreichischer Arzt. Er erkannte die Ursache für das Kindbettfieber und führte 1847 als erster Hygienevorschriften für Ärzte, Hebammen und Krankenhauspersonal ein. Zu seinen Vorschriften zählte auch die Anweisung, vor und nach jedem Patientenkontakt die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Er konnte damit die Anzahl der innerklinischen Todesfälle deutlich senken. Erst 1861 erschien sein Buch Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers.

Die Idee, statt der bisherigen Waschung der Hände mit unterschiedlichen Zusätzen ein Mittel zu entwickeln, das nur in die Hände eingerieben werden sollte, hatte 1965 Peter Kalmár, damals Assistenzarzt in der Chirurgischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Damit sollte das Verfahren der Händedesinfektion effizienter, einfacher und schneller durchgeführt werden. Die Realisierung dieser Idee führte zur Entwicklung des alkoholischen Einreibeverfahrens zur hygienischen und chirurgischen Händedesinfektion. Kalmár war auch der Initiator der grundlegenden Änderung des Verfahrens der chirurgischen Händedesinfektion. Aufgrund der gesammelten Erfahrungen und des dermatologischen Kenntnisstandes setzte er sich intensiv für die heute allgemein akzeptierte Vorgehensweise ein, die damals übliche und zum Teil auch hautschädigende aggressive Vorwaschung mit Wasser, Seife und Bürste wegzulassen bzw. die gelegentlich erforderliche kosmetische Handwaschungen zeitlich vom Desinfektionsvorgang zu trennen.

Hygienische Händedesinfektion[Bearbeiten]

Die hygienische Händedesinfektion ist die wichtigste Maßnahme zur Verhütung von Krankenhausinfektionen. Sie schützt den Patienten und auch das ärztliche und pflegerische Personal.

Semmelweis hatte sie seinerzeit mittels Chlorkalk eingeführt. Heute sollen zugelassene, hautschonende Desinfizientien verhindern, dass die Hände bei der Behandlung und Pflege von Patienten im Krankenhaus Infektionserreger übertragen (Nosokomiale Infektion). Bei der Händedesinfektion mit alkoholischen Präparaten werden ca. 3 ml (2 bis 3 Hübe aus Wandspendern) in die trockene Hohlhand gegeben und verrieben. Die Einwirkzeit beträgt mindestens 30 Sekunden. Die Mittel wirken durch die Zerstörung der Einzeller-Hüllen. Die Verteilung des Händedesinfektionsmittels unterteilt sich in sechs Schritte, die sicherstellen, dass die Fingerzwischenräume, die Fingerkuppen und die Nagelfalze mitbenetzt werden[2]:

  • Handflächen aneinander reiben
  • Reiben der Handfläche an der Handoberseite der jeweils anderen Hand mit gespreizten Fingern
  • Reiben der Handflächen aneinander, mit gespreizten Fingern
  • Reiben der Oberfläche der Finger in der Handfläche der jeweils anderen Hand
  • Reiben des jeweils anderen Daumens in der geballten Faust
  • Reiben der Fingerkuppen in der Handfläche der jeweils anderen Hand

Die Mindesteinwirkzeit von 30 Sekunden reicht für die Inaktivierung einiger resistenter Erreger (z. B. Pseudomonas) nicht aus. Bei Kontamination mit Hepatitis-B-Viren sind spezielle Händedesinfektionsmittel einzusetzen, deren Wirksamkeit gegen Hepatitis-B-Viren entsprechende Gutachten belegen.

Schmuck- und Eheringe, Armbanduhren und Armreife, Nagellack, lange Fingernägel bieten nicht nur Nistplätze für Erreger, sondern beeinträchtigen die Wirkung der Händedesinfektion, da die Flüssigkeit die Haut unterhalb des Schmucks und der künstlichen Fingernägel nicht erreicht.

Maßgebliche Vorschriften stehen in den Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften (§ 22, § 6 UVV), oder in den Pflegestandards der jeweiligen Einrichtung. Hier sind beispielsweise Hinweise zur Vermeidung von Fehlern im Umgang mit den Desinfektionsmittelspendern zu entnehmen.

Chirurgische Händedesinfektion[Bearbeiten]

Zwei Ärzte bei der chirurgischen Händedesinfektion, Leipzig, Universitätsklinik, 1970.

Die chirurgische Händedesinfektion findet ihren Einsatz vor allen operativen Eingriffen. Ziel ist die weitgehende Erregerfreiheit. Neben dem Operateur müssen sich alle direkt am Operationstisch stehenden und arbeitenden Personen dieser Desinfektionsmaßnahme unterziehen. Auf die vor einer Operation sauberen Hände kommt nur das Desinfektionsmittel. Durch die chirurgische Händedesinfektion mittels Einreiben alkoholischer Präparate in die trockenen Hände wird die transiente Flora so stark reduziert, dass eine Keimweiterverbreitung bzw. Übertragung unterbunden wird. Eine mechanische Reinigung der Hände mit Wasser und Seifenwaschung sowie Nageltoilette sollte zur Schonung der Haut zeitlich unabhängig von der Verwendung des Desinfektionsmittels vorgenommen werden. Dieses Verfahren führt zu deutlich höheren Reduktionsraten als die hygienische Händewaschung mit antimikrobiellen Waschpräparaten oder als die Seifenwaschung und bietet damit eine größere Sicherheit. Darüber hinaus wird eine Verbreitung von Mikroorganismen in die Umgebung, wie sie beim Händewaschen stattfindet, verhindert. In die Hände und Unterarme wird für die Dauer von mindestens 3, besser 5 Minuten ein alkoholisches Händedesinfektionsmittel in mehreren Portionen (mindestens 2 × 5 ml) verteilt und eingerieben. Dabei wird anfangs bis zum Ellbogen gearbeitet und am Schluss nur noch die Hände eingerieben. Vor dem Anziehen der Handschuhe müssen die Hände trocken sein. Bei Operationen, die länger als drei Stunden dauern oder bei Verletzungen der OP-Handschuhe ist in Zusammenhang mit Wechsel der OP-Kleidung (Handschuhe etc.) eine erneute kurze Händedesinfektion erforderlich, um die zwischenzeitlich aus den tieferen Schichten des Stratum corneum oder durch Kontamination an die Hautfläche gelangten Erreger abzutöten.

Händedesinfektion im allgemeinen Alltagsleben[Bearbeiten]

Handdesinfektionstücher

Desinfektionsmittel, die im medizinischen Bereich genutzt werden, sind im Haushalt nicht zu empfehlen, da sie auch unbedenkliche Keime abtöten, die der Körper braucht, um seine Abwehr zu trainieren. Das Waschen der Hände mit hautfreundlicher Seife, speziell bei Verschmutzungen, nach dem Gang zur Toilette, nach dem Kontakt mit Türen oder Türklinken in öffentlichen Einrichtungen und nach dem Kontakt mit Tieren oder erkrankten Menschen, reicht aus. Ausnahmen bestehen dann, wenn ein Familienmitglied krank ist oder unter einem geschwächten Immunsystem leidet.

Erfordernis der Hautpflege[Bearbeiten]

Durch die wiederholte Händedesinfektion wird die Haut angegriffen und vom Alkohol entfettet. Deshalb enthalten Händedesinfektionsmittel häufig rückfettende Komponenten. Zusätzliche Hautpflege wird empfohlen und ist in den Unfallverhütungsvorschriften genannt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur, Medien[Bearbeiten]

zur chirurgischen Händedesinfektion[Bearbeiten]

zur hygienischen Händedesinfektion[Bearbeiten]

  • Th. Bernig: Vergleich der Hautverträglichkeit von sechs ausgewählten alkoholischen Händedesinfektionsmitteln im klinischen Doppelblindversuch anhand der subjektiven Akzeptanz und der Bestimmung objektiver Hautparameter. Diss Med Fak Univ Greifswald 1997.
  • Klaus Koch: Kinderstube statt Logik. Hygiene-Verhalten der Ärzte untersucht. Süddt. Ztg., 3. April 2001, Deutschland S. V2/15

allgemein[Bearbeiten]

  • European Standard EN 1499: Chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika, Desinfizierende Händewaschung, Prüfverfahren und Anforderungen (Phase 2/Stufe 2) 1998. Hygiene&Medizin 28. Jg. 2003, Heft 4; 129-133
  • A. Kramer u. a. (Hrsg.): Klinische Antiseptik. Springer, Berlin 1993
  •  Günter Kampf: Hände-Hygiene im Gesundheitswesen. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-44200-6.Online: eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. R.H. Steinhagen: Entwicklungsstadien der Händedesinfektion, in: Eckert/Rodewald, Hygiene und Asepsis in der Chirurgie, S. 55-61, hier: S. 57. Vgl. auch: Sonderdruck aus: Volker Schumpelick, Niels M. Bleese, Ulrich Mommsen (Hg.): Chirurgie. Lehrbuch für Studenten. Stuttgart o.J., S. 51
  2. Merkblatt zur hygienischen Händedesinfektion (PDF; 152 kB)