Desinfektion

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Werbung für das Desinfektionsmittel Lysoform für Kriegsverwundete (1917)
Händesdesinfektionsmittel Sterillium

Desinfektion macht einen wesentlichen Teil der antiseptischen Arbeitsweise aus. Laut dem Deutschen Arzneibuch (DAB) bedeutet Desinfektion: „Totes oder lebendes Material in einen Zustand versetzen, dass es nicht mehr infizieren kann“.

Zur Desinfektion können chemische oder physikalische Verfahren eingesetzt werden. Es gibt verschiedene Listen mit geprüften Desinfektionsmitteln und -verfahren, in denen diese nach verschiedenen Einsatzbereichen aufgeführt sind: Händedesinfektion, Hautantiseptik, Flächendesinfektion, Instrumentendesinfektion, Wäschedesinfektion, Raumdesinfektion und Desinfektion von Abfällen.

Technisch unterscheidet man zwischen Desinfektion und Sterilisation. Von Desinfektion spricht man bei einer Keimreduktion in einem bestimmten Testverfahren mit bestimmten Prüfkörpern um einen Faktor von mindestens 10−5, das heißt, dass von ursprünglich 1.000.000 vermehrungsfähigen Keimen (sogenannten koloniebildende Einheiten (KbE)) nicht mehr als 10 überleben (Ausnahme: Wäschedesinfektionsverfahren: Keimreduktion um einen Faktor von mindestens 10−7). Bei der Sterilisation dürfen höchstens 10−6 KbE auf einer Einheit des Sterilisierguts enthalten sein, damit ist gemeint, dass auf einer Million gleich behandelter Einheiten maximal eine KbE vorhanden ist. Die Sterilisation ist also wesentlich effektiver als die Desinfektion.

Bei der Desinfektion der Hände unterscheidet man zwischen der sogenannten „hygienischen“ und der „chirurgischen“ Händedesinfektion.

Desinfektionsmittel[Bearbeiten]

Wirkstoffe[Bearbeiten]

Wirkstoff Bakterien Sporen Pilze Viren Anwendung GHS-Gefahrstoffkennzeichnung
Oxidationsmittel
Peressigsäure bakterizid sporozid fungizid viruzid Oberflächen, Instrumente
02 – Leicht-/Hochentzündlich 05 – Ätzend 07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich
Chlordioxid bakterizid schnell sporozid fungizid viruzid Oberflächen, Instrumente, Wasser
03 – Brandfördernd 04 – Gasflasche 05 – Ätzend 06 – Giftig oder sehr giftig 09 – Umweltgefährlich
Wasserstoffperoxid bakterizid langsam sporozid fungizid viruzid Oberflächen, Instrumente, Wasser, Haut, Schleimhaut
03 – Brandfördernd 05 – Ätzend 07 – Achtung
Natriumhypochlorit bakterizid sporozid fungizid viruzid Oberflächen, Instrumente, Wasser
05 – Ätzend 09 – Umweltgefährlich
Chlor bakterizid langsam sporozid fungizid viruzid Wasser, Instrumente
03 – Brandfördernd 04 – Gasflasche 06 – Giftig oder sehr giftig 09 – Umweltgefährlich
Ozon bakterizid langsam sporozid fungizid viruzid Wasser, Instrumente; Ozon für Fahrzeuge
03 – Brandfördernd 06 – Giftig oder sehr giftig 08 – Gesundheitsgefährdend
Chloramin T bakterizid sporozid fungizid viruzid Oberflächen, Wasser, Instrumente, Haut, Schleimhaut
05 – Ätzend 07 – Achtung 08 – Gesundheitsgefährdend
Iod bakterizid langsam sporozid fungizid viruzid Haut, Schleimhaut
05 – Ätzend 07 – Achtung 08 – Gesundheitsgefährdend
Weitere Wirkstoffe
Aldehyde (Formaldehyd, Glutaraldehyd/1,5-Pentandial) bakterizid sporozid fungizid viruzid Raum-, Geräte- und Flächendesinfektion
06 – Giftig oder sehr giftig 05 – Ätzend 08 – Gesundheitsgefährdend 09 – Umweltgefährlich
Ethylenoxid bakterizid sporozid fungizid viruzid Oberflächen, Instrumente, thermolabile Arzneimittel,[1] Lebensmittel
02 – Leicht-/Hochentzündlich 04 – Gasflasche 06 – Giftig oder sehr giftig 08 – Gesundheitsgefährdend
Alkohole (bspw. Ethanol, 1-Propanol) bakterizid wirkungslos fungizid teilweise viruzid Haut, Schleimhaut, Oberflächen, Instrumente
02 – Leicht-/Hochentzündlich
Phenole (Chlorxylenol, Triclosan) bakterizid/bakteriostatisch wirkungslos fungizid viruzid (variabel) Haut, Schleimhaut, Oberflächen, Instrumente
07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich
Stickstoffverbindungen (z. B. quartäres Ammoniumsalz bspw. Benzalkoniumchlorid) bakterizid (eingeschränkt bei Gram-negativen) wirkungslos fungistatisch viruzid Haut, Schleimhaut
05 – Ätzend 07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich
Weitere Detergentien (bspw. auch Tenside wie Cetyltrimethylammoniumbromid) bakterizid (variabel) wirkungslos fungistatisch wirkungslos Haut, Schleimhaut
05 – Ätzend 07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich
Chlorhexidin bakteriostatisch wirkungslos fungistatisch virustatisch Haut, Schleimhaut
07 – Achtung 08 – Gesundheitsgefährdend 09 – Umweltgefährlich
Guanidinderivate (bspw. Cocospropylendiaminguanidiniumacetat) bakterizid sporozid fungizid virustatisch Oberflächen, Räume
05 – Ätzend 07 – Achtung 09 – Umweltgefährlich
Octenidin (Octenidindihydrochlorid,
oft in Kombination mit Phenoxyethanol)
bakterizid wirkungslos fungizid viruzid Haut, Schleimhaut nach GHS nicht kennzeichnungspflichtig

Wasserstoffperoxid ist als dreiprozentige wässrige Lösung zur Desinfektion von Haut und Schleimhaut geeignet, weil es nur Organismen an der Oberfläche tötet, im Gewebe hingegen durch Katalase/Peroxidase zersetzt wird. In höheren Konzentrationen (meist 30 %) wird es in Medizin, Pharmazie und Lebensmittelherstellung zur Sterilisation von Instrumenten und Behältern eingesetzt.

Sporizide, Oxidationsmittel, Wirkstoffkombinationen [Bearbeiten]

Sporizidie wird nach der EN Norm 13704 mit Sporen von Bacillus subtilis getestet. Damit ein Wirkstoff/Desinfektionsmittel als sporizid eingestuft werden kann muss er eine 3-log Reduktion bei Sporen hervorrufen.

Ein Wirkstoff, der überhaupt Sporen keimunfähig machen kann (ein sporozider Wirkstoff, ein Sporizid), benötigt dafür eine Mindesteinwirkzeit, um die panzernde Hülle der Spore zu durchdringen. Diese erforderliche Einwirkdauer ist dann ein Maß für seine Effizienz als Sporizid.[2]

Die in der Tabelle aufgeführten Sporizide Peressigsäure, Wasserstoffperoxid, Ozon und Natriumhypochlorit sind stark reagierende bzw. schnell zerfallende Oxidationsmittel. Sie müssen gegen Wärme und Licht geschützt aufbewahrt und chemisch stabilisiert werden, falls sie nicht gleich nach der Herstellung zur Desinfektion eingesetzt werden sollen.

Wasserstoffperoxid bildet mit Peressigsäure und Essigsäure eine „schnell“ sporizide Mischung, die durch die Essigsäure stabilisiert wird. Solche Mischungen werden nur im professionellen Bereich – Reinraumtechnik – eingesetzt. Als Beimischung zu Alkoholen kann Wasserstoffperoxid deren Wirkung bei der Händedesinfektion verbessern.

Testverfahren[Bearbeiten]

Zur Prüfung von Flächendesinfektionsmitteln werden nach der Europäischen Norm CEN TC 216 WG1 und WG3 Testorganismen eingesetzt.

Auslobung Testorganismen Phase 2 Stufe 1 Phase 2 Stufe 2
Bakterizid Pseudomonas aeruginosa, Staphylococcus aureus, Enterococcus hirae EN 13727 EN 13697
Fungizid, Levurozid Candida albicans, Agaricus brasiliensis EN 13624 EN 13697
Mykobakterizid Mycobacterium terrae, Mycobacterium avium EN 14348 -
Sporozid Sporen von Bacillus subtilis EN 13704 -
Tuberkulozid Mycobacterium terrae EN 14348 -
Viruzid Poliovirus, Adenoviridae, murine Norovirus EN 14476 -

In der Phase 2 Stufe 1 wird in einem quantitativen Suspensionsversuch zunächst im Reagenzglas unter praxisnahen Bedingungen geprüft. In der Phase 2 Stufe 2 wird die Wirksamkeit der Desinfektionsmittel im praxisnahen Versuch durchgeführt.

Bekannte Desinfektionsmittel und ihre Wirkstoffe (Auswahl)[Bearbeiten]

AHD 2000®, Hospisept® und Hospisept-Tuch® sind Markennamen von Desinfektionsmitteln zum Desinfizieren von Flächen. Alle Produkte sind bakterizid, fungizid, tuberkulozid, begrenzt viruzid (inkl. Hepatitis B, Hepatitis C, HIV gemäß RKI-Empfehlung Bundesgesundheitsblatt 2008). Wirksame Bestandteile sind primär die beiden Alkohole 1-Propanol und 2-Propanol. Nutzer sind vor allem Krankenhäuser und pflegende Einrichtungen. Bei dem Markeninhaber handelt es sich um die Firma Lysoform Dr. Hans Rosemann GmbH.

Sagrotan® ist der Markenname eines Desinfektionsmittels für Gegenstände und Flächen. Es wirkt bakterizid, fungizid und teilweise viruzid. Wirksame Bestandteile des Mittels sind heute 2-Propanol, Ethanol, Milchsäure, Wasserstoffperoxid, Benzalkoniumchlorid und Glyoxal. In früheren Rezepturen waren diverse Phenole enthalten. Jahrelang wurde es fast ausschließlich in Kliniken und Krankenhäusern verwendet, hat aber in der Zwischenzeit auch Eingang in die Haushalte gefunden. Diese Produkte wurden vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland bzw. werden heute noch zusätzlich in den USA unter dem Markennamen Lysol (Erfinder: Dr. Gustav Adolf Raupenstrauch, 1859–1943)[3] vertrieben, in Großbritannien unter dem Markennamen Dettol (Hersteller Reckitt Benckiser).

desderman® pure ist der Markenname eines farbstoff- und parfümfreien alkoholischen Einreibepräparats zur hygienischen und chirurgischen Händedesinfektion. Das Produkt zeichnet sich durch ein breites Wirkungsspektrum (es ist u. a. bakterizid, fungizid und begrenzt viruzid (gemäß RKI-Empfehlung Bundesgesundheitsblatt 2008)) sowie durch eine sehr gute Hautverträglichkeit aus.

octenisept® ist ein wässriges und farbloses Wund- und Schleimhautantiseptikum (Hersteller: Schülke & Mayr GmbH). Mit seiner Wirksamkeit gegen Bakterien (einschl. MRSA, ESBL, Chlamydien und Mycoplasmen), Pilze und Hefen, Protozoen (Trichomonaden) und Viren (Herpes simplex, HBV, HCV und HIV) bietet es ein breites antiseptisches Wirkungsspektrum bei einem schnellen Wirkungseintritt ab 30 Sekunden. Durch die gute Haut- und Schleimhautverträglichkeit ermöglicht es eine schmerzfreie Anwendung und ist bereits für Säuglinge und Frühgeborene geeignet. Die wirksamen Bestandteile sind Octenidindihydrochlorid und Phenoxyethanol (PH.Eur.).

gigasept® Instru AF ist ein aldehydfreies, kombiniertes Desinfektions- und Reinigungspräparat für die manuelle Aufbereitung von Instrumenten aller Art. Das Produkt wirkt fungizid, bakterizid und begrenzt viruzid. Zudem ist es zum Einsatz im Ultraschallbad geeignet.

thermosept® ist ein Markenname für Desinfektionsmittel, die in der Maschine zur Aufbereitung von Instrumenten und Endoskopen eingesetzt werden.

terralin® protect ist ein flüssiges Konzentrat zur Desinfektion und Reinigung von Medizinprodukten und Flächen aller Art in allen Bereichen mit Anspruch auf hygienische Sicherheit auf Basis einer Kombination aus aromatischen Alkoholen, quaternären Ammoniumverbindungen, amphoteren Glycinderivaten und nichtionischen Tensiden. Die mikrobiologische Wirksamkeit umfasst u. a. TB, Noro, Polyoma SV40 und begrenzt viruzid (gemäß RKI-Empfehlung Bundesgesundheitsblatt 2008).

Oust 3in1® ist der Markenname eines geruchsneutralisierenden und desinfizierenden Produkts. Desinfizierend wirksame Bestandteile sind Ethanol, Triglykol und eine Quartäre Ammoniumverbindung (Benzalkoniumsaccharinat). Triglykol trocknet die Raumluft und minimiert Gerüche in der Luft. Hergestellt wird Oust von dem internationalen Konzern S. C. Johnson & Son.

C.F.40 ist ein Desinfektionsmittel-Konzentrat für die Flächendesinfektion. Das DGHM/VAH gelistete C.F.40-Desinfektionsmittel ist auf der Basis quaternärer Ammoniumverbindungen hergestellt. Es wirkt gegen Bakterien, Pilze, spezielle Viren HIV/HBV. Ein großer Vorteil des Desinfektionsmittels C.F.40 ist, dass es eine gute Materialverträglichkeit aufweist und auf Acrylglasverträglichkeit geprüft und zugelassen ist. Das Produkt C.F.40 wird oft als Desinfektionsmittel in Fitness Centern und Sonnenstudios für die Desinfektion von Solarium und Fitnessgeräten eingesetzt.

Sanosil ist ein Desinfektionsmittel auf Basis von Wasserstoffperoxid und Silber. Es ist bakterizid, fungizid, viruzid, sporozid, und begrenzt protozoozid. Die beiden Hauptwirkstoffe Silber und Wasserstoffperoxid potenzieren sich in ihrer bioziden Wirksamkeit, was das Produkt wesentlich stärker als handelsübliches Wasserstoffperoxid macht.

Sterillium oder Softa-Man acute sind Markennamen von Desinfektionsmitteln zum Einreiben der Haut. Beide Produkte sind bakterizid, fungizid, tuberkulozid, begrenzt viruzid (inkl. Hepatitis B, Hepatitis C, HIV [gem. RKI-Empfehlung Bundesgesundheitsblatt 2008]). Wirksame Bestandteile des Mittels Sterilium sind 2-Propanol, 1-Propanol und Mecetroniumetilsulfat und bei Softa-Man acute zusätzlich zu Propanol und Ethanol noch weitere Wirkstoffe. Werden hauptsächlich im professionellen Bereich eingesetzt.

Betadine (Lösung standardisiert) oder Betaisodona® Lösung (Deutschland) sowie Braunol® sind Desinfektionsmittel/Antiseptika speziell für Haut und Schleimhäute. Sie wirken bakterizid, fungizid, sporozid, protozoozid und viruzid. Betadine ist ein häufig verwendetes Desinfektionsmittel zur Hautdesinfektion vor chirurgischen Eingriffen. Wirkstoff: 10 mg Iod als Polyvidon-Iod pro 1 ml Lösung sowie Hilfsstoffe.

Sekusept® Plus und Sekusept® Aktiv sind Markennamen von Desinfektionsmitteln, die für die manuelle Instrumentendesinfektion genutzt werden. Sekusept® Plus basiert auf dem Wirkstoff Glucoprotamin und ist bakterizid, fungizid und begrenzt viruzid. Sekusept® Aktiv basiert auf dem Wirkstoff Peressigsäure und ist bakterizid, fungizid, viruzid und sporozid. Nutzer sind vor allem Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und pflegende Einrichtungen. Markeninhaber ist die Firma Ecolab. Ein weiteres Markenprodukt desselben Herstellers ist Incidin® Plus, das zur Flächendesinfektion verwendet wird. Incidin® Plus basiert auf Glucoprotamin und ist bakterizid, fungizid begrenzt viruzid (inkl. Hepatitis B, Hepatitis C, HIV gemäß RKI-Empfehlung Bundesgesundheitsblatt 2004). -->

Probleme beim Einsatz von Desinfektionsmitteln[Bearbeiten]

Resistenzen[Bearbeiten]

Desinfektionsmittel müssen professionell und strategisch verwendet werden. Eine gewohnheitsmäßige Anwendung im Haushalt[4] ist dagegen eher nachteilig. Unsachgemäße Anwendung kann zu Resistenzen führen, wenn insbesondere Wirkstoffkonzentration und Einwirkzeit und damit der Keimreduktionsfaktor zu gering sind (Selektion robuster Stämme). Oft weisen gegen Desinfektionsmittel widerstandsfähige Bakterien auch eine erhöhte Antibiotikaresistenz auf.

Schädigung der Haut[Bearbeiten]

Gewohnheitsmäßige Anwendung von Desinfektionsmitteln zur Reinigung der Hände im Haushalt kann neben die Gesundheit bedrohenden Keimen gleichzeitig die Hautflora zerstören, welche z. B. gegen Dermatosen schützt. Verwendet man stattdessen nur Seife o. ä., so wirken die enthaltenen Tenside weniger desinfizierend (mikrobiozid), als dass sie die Wasserlöslichkeit von Verschmutzungen erhöhen. Seife entfernt eher den zuletzt von außen eingetragenen Schmutz als die dauerhaft vorhandene und erhaltenswerte Hautflora.

Angemessene Haut- bzw. Händedesinfektion in der Medizin schädigt die Hautflora dagegen nicht nachhaltig. Nur eine relativ geringe Zahl der Hautflora-Mikroben wird getötet. Die lokal dezimierte Hautflora regeneriert sich bald. Die Kombination von übermäßigem Waschen mit Seife vor der Händedesinfektion und der Desinfektion selbst kann die Hautflora jedoch nachhaltig schädigen, da ein großer Teil der Hautflora im fettartigen Talg der Haarfollikel (Haarbalg) siedelt. Vor tensidfreien oder tensidarmen Desinfektionsmittel sind diese Mikroben geschützt, die Desinfektion zerstört nur von den Haaren weiter entfernte Mikroben. Diese werden in den folgenden Stunden bzw. Tagen durch Ausbreitung der in den Haarfollikeln gebildeten Keime ersetzt. Übermäßiges Waschen der Hände mit Seife löst dagegen den schützenden Talg. Eine anschließende Händedesinfektion zerstört dann auch die Keime im Haarfollikel, aus denen sich die umliegende Hautflora sonst regenerieren würde.

Auswirkungen auf die Umwelt[Bearbeiten]

Wenn Desinfektionsmittel bedenkenlos im Haushalt eingesetzt werden oder Reste davon nicht richtig entsorgt werden, gelangen sie in Flüsse oder Kläranlagen und stören dort das wichtige Zusammenspiel einer Vielzahl von Bakterienarten, wodurch die Reinigungswirkung (in den Klärbecken oder in den Gewässern) herabgesetzt wird. Viele Desinfektionsmittel (z. B. Phenol) wirken zudem ökotoxisch auf Gewässer.[5]

Weitere „Nebenwirkungen“ von Desinfektionsmitteln[Bearbeiten]

Manche Wirkstoffe von Desinfektionsmitteln können die menschliche Nase irritieren. Beispiele sind der stechende Geruch von Chlor oder der typische Phenol-Geruch, den Aromaten an sich haben.

Bei allen Desinfektionsmitteln sollte man dem Etikett Beachtung schenken und auf die Gefahrensymbole achten. Viele dieser Mittel sind ätzend, reizen die Haut und/oder Schleimhäute, oder sie sind entflammbar oder sogar explosiv oder können in Mischung mit anderen Haushaltsreinigern giftiges Chlorgas freisetzen[6]. Darüber hinaus sind manche Desinfektionsmittel humantoxisch oder karzinogen (Aldehyde, Phenol), und manche können Allergien hervorrufen. Oxidierende Wirkstoffe wie Peroxide oder Halogene können bestimmte Metalle angreifen.

Plasmadesinfektion[Bearbeiten]

Die Plasma-Desinfektion ist eine marktreife Technologie zur Desinfektion mit kaltem Plasma. Kaltplasma mit niedriger Temperatur, also unter 100 °C, tötet zeitsparend auch antibiotikaresistente Erreger sogar durch die Kleidung ab. Es eignet sich zum Beispiel zur Desinfektion von Luft, Oberflächen, Gegenständen, zur Handdesinfektion, zur Behandlung von schlecht heilenden chronischen Wunden und von Fußpilz.[7]

Desinfektion von Flüssigkeiten[Bearbeiten]

Die Desinfektion von Abwässern, Trinkwasser oder flüssigen Medien kann durch verschiedene Verfahren erfolgen. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen chemischen und physikalischen Verfahren zur Desinfektion.

Desinfektion von Trinkwasser[Bearbeiten]

Außer dem § 37 des Infektionsschutzgesetzes fordert die Trinkwasserverordnung (TrinkV 2001) in § 6 die Freiheit des Trinkwassers von Krankheitskeimen. Darüber hinaus sind die anerkannten Regeln der Technik, die in der DIN-Vorschrift 1988 und in DVGW-Vorschriften festgeschrieben sind zu beachten, Arbeitsblätter W 551 „Technische Maßnahmen zur Verminderung des Legionellenwachstums“ und W 553 „Bemessung von Zirkulationssystemen in zentralen Trinkwassererwärmungsanlagen“, sowie die VDI-Vorschrift 6023 „Hygiene in Trinkwasser-Installationen“. Zulässige Stoffe und Verfahren zur Abwehr sind in einer aktualisierten Liste des Umweltbundesamtes nach § 11 Trinkwasserverordnung 2001 beschrieben.[9]

Thermische Desinfektion[Bearbeiten]

Dazu sind alle Zapfstellen für drei Minuten mit heißem Wasser von 70 °C zu betreiben.

Chemische Desinfektion[Bearbeiten]

Meist wird mit Chlor, Chlordioxid, oder Natrium- und Calciumhypochloritlösungen desinfiziert, wegen des hohen Aufwandes seltener wird Ozon in der Trinkwasserhygiene genutzt. Dabei ist die Dosierung von Chlorgaslösungen oder der Zusatz von Natrium- und Calciumhypochloritlösungen erlaubt. Zudem kann Chlor vor Ort elektrolytisch hergestellt und dosiert werden oder es wird vor Ort eine Chlordioxidlösung hergestellt und zugesetzt. Ozon und Ozonlösungen sind ebenfalls vor Ort zu erzeugen und in geeigneter Menge zuzusetzen. Nach § 6 der Trinkwasserverordnung darf nur die minimale Menge an Desinfektionsmittel zugesetzt werden. Die Kaltentkeimung wird zur Desinfektion von manchen Getränken verwendet.

UV-Desinfektion[Bearbeiten]

Durch Bestrahlen mit UVC bei 254 nm werden Bakterien inaktiviert, allerdings können Legionellen in Amöben überleben. Zur Verbesserung der Wirkung kann zusätzlich Ultraschall genutzt werden.

Membrantechnik[Bearbeiten]

Zunehmend werden auch Membranen zur Entfernung von Mikroorganismen benutzt. Mit Mikro- und Ultrafiltration lassen sich bei einer Porengröße von kleiner als 0,2 µm auch Bakterien, teilweise sogar Viren ausfiltern. Ultrafiltrationsanlagen mit einer Trenngrenze von 0,02 µm sowie einer integrierten, täglichen Prüfung der Membran auf Defekte sind in den Vereinigten Staaten von Amerika als Desinfektionsverfahren im Trinkwasser zugelassen.[10] Für solche Anlagen wird in den USA der Nachweis für vollständige Entfernung von Bakterien, Viren und Parasiten gefordert, der tägliche durchzuführende Test muss in der Lage sein, langfristig vollständige Entfernung von Bakterien und Parasiten zu gewährleisten.

Rechtliche Klassifizierung in Deutschland[Bearbeiten]

Die Herstellung und Verwendung von Desinfektionsmitteln werden durch Gesetze geregelt. Die Produkteinstufung ist aber relativ komplex, denn sie richtet sich immer nach der spezifischen Anwendung, teilweise aber auch nach den Inhaltsstoffen. Ethanol beispielsweise kann in jede Produktkategorie fallen, je nach spezieller Desinfektionsanwendung.

Arzneimittelrecht[Bearbeiten]

Humanarzneimittel[Bearbeiten]

Desinfektionsmittel sind Humanarzneimittel, wenn sie am Menschen angewendet werden zur Vorbeugung oder Behandlung von Infektionserkrankungen.

Beispielsweise Ethanol zur Desinfektion bei einer Blutentnahme.

Tierarzneimittel[Bearbeiten]

Desinfektionsmittel sind Tierarzneimittel, wenn sie am Tier angewendet werden zur Vorbeugung oder Behandlung von Infektionserkrankungen oder wenn sie angewendet werden, um Geräte antiseptisch zu machen, bevor diese Geräte mit dem Tier in Kontakt kommen oder den tierärztlichen Behandlungsbereich antiseptisch zu machen.

Beispielsweise Ethanol zur Desinfektion einer Wunde.

Medizinprodukterecht[Bearbeiten]

Desinfektionsmittel sind Medizinprodukte, wenn sie angewendet werden, um Medizinprodukte oder den humanärztlichen Behandlungsbereich antiseptisch zu machen.

Beispielsweise Ethanol zur Desinfektion eines Katheters.

Chemikalienrecht[Bearbeiten]

Desinfektionsmittel sind Biozide, wenn sie zur Flächendesinfektion (außer bei Medizinprodukten und im humanärztlichen Behandlungsbereich) oder am Menschen oder im Schwimmbad (siehe Schwimmbadverordnung) eingesetzt werden sollen, um eine unspezifische Weitergabe von Infektionskeimen zu kontrollieren.

Beispielsweise Alkohol zur Desinfektion des Arbeitsbereiches.

Lebensmittelrecht[Bearbeiten]

Nur sehr wenige Desinfektionsmittel (wie Ethanol) sind zugelassen zur Desinfektion von Lebensmitteln oder Trinkwasser (siehe Trinkwasserverordnung). Eine größere Gruppe von Desinfektionsmitteln darf (und muss) jedoch zur Desinfektion von Geräten zur Lebensmittelherstellung verwendet werden. Andere dürfen nicht in Kontakt mit Lebensmitteln treten, durch deren Kontakt würde das Lebensmittel seine Genusstauglichkeit verlieren.

Beispielsweise Ethanol zur Desinfektion einer Produktionsanlage.

VDI 6022[Bearbeiten]

Die VDI 6022 enthält die anerkannten Regeln der Technik für Raumluft- und Klimatechnik.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Anonymus: Liste der vom Robert Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 46(1), S. 72–95 (2003), ISSN 1436-9990
  • M. Klade, U. Seebacher, M. Jaros: Potenzielle Gefährdung von Mensch und Umwelt durch Desinfektionsmittel in der Krankenhaushygiene. Eine vergleichende Bewertung. Krankenhaus Hygiene und Infektionsverhütung 24(1), S. 9–15 (2002), ISSN 0720-3373
  • Udo Eickmann, Jochen Türk, Renate Knauff-Eickmann, Kerstin Kefenbaum, Monika Seitz: Desinfektionsmittel im Gesundheitsdienst. Informationen für eine Gefährdungsbeurteilung. Gefahrstoffe – Reinhaltung der Luft 67(1/2), S. 17–25 (2007), ISSN 0949-8036
  • G. E. McDonnell: Antisepsis, Disinfection, and Sterilization: Types, Action, and Resistance. Blackwell Publishing, 2007. ISBN 1-55581-392-5, ISBN 978-1-55581-392-5
  • S. Block: Disinfection, Sterilization, and Preservation. S. 220. Edition: 5, Lippincott Williams & Wilkins, 2001. ISBN 0-683-30740-1, ISBN 978-0-683-30740-5
  • R. Walter, K. Büsching, H. Lausch: Wasserentkeimung mit Vollmetallkatalysatoren und Wasserstoffperoxid. In: Wasser, Boden, Luft: 1-2/2005, S. 30
  • J. Koppe, S. Winkens: Vollumfängliche Einhaltung der VDI 6022 - Möglich durch Festkörper-Katalysatoren bei der H2O2-Desinfektion von Luftbefeuchtern
  • G. Franke, J. Koppe, M. Raulf-Heimsoth, R. Walter, M. Weinkamp, R. Weyandt: MOL®CLEAN-Verfahren - eine hygienische Alternative zu konventionellen Bioziden. Vortrag, gehalten am 9. November 2001 in München auf dem 3. Symposium „Raumklima in der Wende“

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Desinfektion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Ausführlicher Artikel im Pflege-Wiki

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. FLUGS: Hygiene und Desinfektion in Klinik und Haushalt – eine Einführung (PDF, 125 kB). FLUGS-Fachinformationsdienst am Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Stand März 2004, S. 3.
  2. Dieser Abschnitt beruht hinsichtlich chemischer Einzelheiten wieder auf Pflege-Desinfektionsmittel, in Hinsicht auf Sporen auf: Jörg Dressler, Peter Koger: Sporen und Sporizide – der besondere Zweikampf im Sterilbereich. Steriltechnik 1/2003, GIT Verlag, Darmstadt; S. 29–32.
  3. Lysolfabrik, Schülke & Mayr Nachf. Dr. Raupenstrauch, Wien. Österreichische Apotheker-Verlagsges.m.b.H
  4. Der Abschnitt über Risiken von Desinfektionsmitteln behandelt vor allem die Problematik der Anwendung im Haushalt im Gegensatz zur professionellen Anwendung im medizinisch-pflegerischen Bereich oder in der Reinraumtechnik. Zugrunde liegt die Darstellung in: FLUGS: Hygiene und Desinfektion in Klinik und Haushalt – eine Einführung, FLUGS-Fachinformationsdienst am Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, Stand März 2004.
  5. Daniel Bürgi, Lars Knechtenhofer, Isabel Meier, Walter Giger: Biozide als Mikroverunreinigungen in Abwasser und Gewässern: Priorisierung von bioziden Wirkstoffen. Studie im Auftrag des BAFU und ERZ, 2007 (Download)
  6. Sauberes noch sauberer. In: Der Spiegel 37/1980 vom 8. September 1980. Online auf spiegel.de.
  7. New Journal of Physics Volume 11 - FOCUS ON PLASMA MEDICINE Nov. 2009 (PDF; 521 kB)
  8. R. Walter, K. Büsching, H. Lausch: Wasserentkeimung mit Vollmetallkatalysatoren und Wasserstoffperoxid. In: Wasser, Boden, Luft: 1-2/2005, S. 30
  9. Heinz Röttlich: Maßnahmen gegen Legionellen im Wasser. In: Umwelt-Magazin. Heft 1/2 2010, Springer-VDI-Verlag, Düsseldorf 2010
  10. US EPA Filtration Guidance Manual (Englisch, PDF-Datei; 3,8 MB). Online auf water.epa.gov.
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