Henry-Louis de La Grange

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Henry-Louis de La Grange (2010) Photo: Dominique Degli-Esposti

Henry-Louis de La Grange (* 26. Mai 1924 in Paris) ist ein Musikwissenschaftler und Biograph von Gustav Mahler.

Leben[Bearbeiten]

Henry-Louis de La Grange wurde als Sohn einer amerikanischen Mutter (Emily Sloane) und eines französischen Vaters geboren, Amaury de la Grange, der Senator, kurzzeitig Staatsminister, und Vizepräsident der International Aviation Federation war. Er studierte Geisteswissenschaften in Paris und New York, und Literatur an der Universität von Aix-en-Provence und an der Sorbonne. Von 1946 bis 1947 studierte er an der musikalischen Fakultät der Yale Universität und anschließend, von 1948 bis 1953, privat in Paris – Klavier bei Yvonne Lefébure, Harmonielehre, Kontrapunkt und Analyse bei Nadia Boulanger.[1][2][3]

La Grange begann seine Karriere als Musikkritiker im Jahre 1952, und er schrieb für Opera News, Saturday Review, New York Herald Tribune, New York Times, Musical America, Opus in den Vereinigten Staaten, und Arts, Disques, La Revue Musicale, and Harmonie in Frankreich..[4]

Zum ersten Mal hörte La Grange die Musik von Gustav Mahler am 20. Dezember 1945, die Neunte Symphonie, als der Mahler-Schüler Bruno Walter die erste Aufführung der New York Philharmonic dieses Werkes dirigierte. Er hatte das Konzert besucht, weil er ein großer Bewunderer des Dirigenten war, aber er wusste sehr wenig über Mahler, der damals nicht annähernd so bekannt war wie jetzt. La Grange war von der Länge der Sinfonie und dem ungewöhnlichen Stil überrascht, und seine Neugier war geweckt. Er interessierte sich allmählich mehr und mehr für den Komponisten, und seit 1953 gilt sein Hauptinteresse dem Leben und Werk von Gustav Mahler.[5][6][7] Seine Recherchen führten ihn zu den meisten großen Bibliotheken Europas und Nordamerikas. Er suchte und konsultierte die noch lebenden Zeugen aus Mahlers Leben und Zeit, lernte Alma Mahler im Jahre 1952 kennen und wurde zum engen Freund ihrer Tochter Anna. Während dieser Jahre der Recherchen trug er ein riesiges Archiv von Dokumenten aller Art zusammen, das eine der reichhaltigsten Sammlungen über Mahler und seine Epoche darstellt.[3] Seine Dateien und Sammlung von Autographen, Dokumente und Fotografien bilden nun den Kern der Mahler Multimedia Bibliothek, die er im Jahre 1986 zusammen mit Maurce Fleuret gegründet hat. Deren große Bestände von Autographen, Dokumenten, Büchern und Aufnahmen sind nun für Musiker, Studenten und Journalisten aus der ganzen Welt zugänglich.[8]

Der erste Band seiner definitiven Mahler Biografie wurde von Doubleday in New York im Jahre 1973 veröffentlicht und 1974 von Victor Gollancz Ltd. in London. Eine erweiterte und aktualisierte französische Version erschien 1979 bei Fayard. Beim gleichen Verleger folgten ein zweiter und dritter Band, das ganze Buch umfasst ca. 3.600 Seiten. Einstimmig als ein internationales musikwissenschaftliches Ereignis begrüßt erhielt dieses monumentale Werk den Deems Taylor Preis (U.S. 1974), den Preis für das beste Musikbuch verliehen vom Syndicat de la critique dramatique et musicale (Frankreich 1983), und den Grand Prix de Littérature musicale der Académie Charles Cros (Frankreich 1984). Band II der überarbeiteten, aktualisierten und erweiterten vier-bändigen englischen Version von „Gustav Mahler“ ist im Jahre 1995 bei Oxford University Press in England und den USA erschienen und wurde im darauffolgenden Jahr mit dem Preis der Royal Philharmonic Society in London ausgezeichnet.[4] Band III wurde im Jahre 2000 veröffentlicht, und Band IV im Jahre 2008. Mit der deutschen Übersetzung war Albrecht Joseph, der Ehemann Anna Mahlers, beauftragt, der Übersetzer musste nach eineinhalb Jahren Arbeit sein Honorar für die bislang unveröffentlichte Arbeit vom Verlag vor Gericht erstreiten.[9]

Seit vielen Jahren hält Henry-Louis de La Grange Vorträge über Mahler, und er bereiste damit die Vereinigten Staaten, Kanada, England, Irland, Schweden, Norwegen, Belgien, Holland, Tschechien, Ungarn, Spanien, Italien, Marokko und, im Fernen Osten, Japan, Hongkong, Indonesien, die Philippinen, Australien, Neuseeland usw.[4] Darüber hinaus hat er Gastvorlesungen gegeben an der Stanford University, der Columbia University, der Indiana University (1974-1981), der Universität Genf (1982), der Universität Leipzig, The Juilliard School, der University of California in Los Angeles (1985), der Universität Budapest (1987), der Universität Hamburg (1988), der Universität von Oslo (1993), dem Pariser Konservatorium, sowie an den Universitäten von Kyoto, Hong Kong, Wellington, Sydney, Canberra, Melbourne, Boulder, und San Francisco (1998), und er lehrte ein DEA Seminar an der École Normale Supérieure in Paris (1986).[10]

Weiterhin leitete er das Festival "Les Nuits d'Alziprato" in Korsika für fünf Jahre (1974-1979), und im Sommer 1986 das Mahler-Festival in Toblach (Dobbiaco, Italien).[1] La Grange produzierte oder nahm an vielen Sendungen im Radio und Fernsehen teil, darunter 34 zweistündige Programme für France-Musique (Radio) über das Leben und Werk von Mahler, sechs einstündige Programme für WGUC (Public Radio) in Cincinnati, USA, und eine Serie von sechs über die letzten Jahren Mahlers für Radio Suisse Romande. Er hatte auch Anteil an der Konzeption und Produktion der ersten großen Ausstellung über Mahler: "Une Oeuvre, Une vie, une Epoque" am Musée d'Art moderne, Paris, im Jahre 1985, die über 27.000 Besucher angezog und so alle bisherigen Rekorde für eine musikalische Ausstellung brach.[1] In diesem Zusammenhang organisiert er zwei internationale Mahler Symposien, in Paris und Montpellier, und zwei weitere Ausstellungen in Paris am Châtelet und der Bibliothèque Gustav Mahler anlässlich der Aufführung des kompletten Mahler-Zyklus von Februar bis Mai 1989 (5 Vorträge und ein weiteres Symposium an der Sorbonne).[1][11][12]

Henry-Louis de La Grange fungierte als Berater für den Mahler-Zyklus mit dem Orchestre National de Lyon in den Jahren 1991-1993[13] und, im Jahre 1999, organisierte ein internationales Symposium über "Die Ironie in Mahlers Musik" an der Universität von Montpellier. Im Jahre 1998 verbrachte er drei Wochen in San Francisco als Gastdozent für die "Mahler Celebration" des Orchesters, und er war einer der ersten europäischen Musikwissenschaftler, der in Beijing über Mahler einen Vortrag hielt. Er tourte als Dozent durch die Vereinigten Staaten und Mexiko im Jahre 2000, und im Jahre 2002 gab er vier Konzerteinführungen in Philadelphia und New York für das Philadelphia Orchestra.[4]

Ehrungen und Preise[Bearbeiten]

  • Professorentitel, verliehen von der österreichischen Regierung, 1988
  • Eine Sammlung von Essays über Mahler von eminented Gelehrten wurde 1997 als Festschrift zu Ehren des siebzigsten Geburtstags von Henry-Louis de La Grange veröffentlicht.[14]
  • Charles Flint Kellogg Award in Kunst und Literatur am Bard College, Annandale-on-Hudson, NY,[15] 2002
  • Orden des Offizier des Ordens der Ehrenlegion (2006)
  • Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse (2010)[16]
  • IGMG Wien, Goldmedaille der Internationale Gustav Mahler Gesellschaft (2010)
  • Ehrendoktor der Musik, The Juilliard School, 2010[2][3]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  • Mahler, Band I (1860–1901). Garden City, New York: Doubleday & Co, 1973, 982 Seiten, ISBN 978-0-385-00524-1.
  • Mahler, Band I (1860–1901). London: Gollancz, 1974, 987 Seiten, ISBN 978-0-575-01672-9.
  • Gustav Mahler (Französisch, 3 Bände):
  • Gustav Mahler (English, 3 weitere Bände):
    • Band 2: Vienna: The Years of Challenge (1897–1904). Oxford: Oxford University Press, 1995, 892 Seiten, ISBN 978-0-19-315159-8.
    • Band 3: Vienna: Triumph and Disillusion (1904–1907). Oxford: Oxford University Press, 2000, 1000 Seiten, ISBN 978-0-19-315160-4.
    • Band 4: A New Life Cut Short (1907–1911). Oxford: Oxford University Press, 2008, 1758 Seiten, ISBN 978-0-19-816387-9.
  • Vienne, une histoire musicale (Französisch, 2 Bände):
  • Vienne, une histoire musicale (Französisch, kombinierte Edition). Paris: Fayard, 1995, 417 Seiten, ISBN 978-2-213-59580-1 (auch ins Deutsche und Spanische übersetzt).
  • Mahler: A la recherche de l'infini perdu, ins Japanische übersetzt von Takashi Funayama. Tokyo: Soshiba, 1993, 277 Seiten, ISBN 978-4-7942-0519-3.
  • Ein Glück ohne Ruh' – Die Briefe Gustav Mahlers an Alma (Deutsch, erste Gesamtausgabe), herausgegeben mit Günther Weiß, Berlin: Siedler Verlag, 1995, 575 Seiten, ISBN 978-3-88680-577-8.
  • Op zoek naar Gustav Mahler [Auf der Suche nach Gustav Mahler], ins Holländische übersetzt von Ernst van Altena. Amsterdam: Landsmeer, Meulenhoff, 1995, 127 Seiten, ISBN 978-90-290-4932-0.
  • Gustav Mahler: Letters to his Wife, herausgegeben von Henry-Louis de La Grange, Güther Weiß, und Knud Martner, ins Englische übersetzt von Antony Beaumont. Ithaca: Cornell University Press, 2004, 431 Seiten, ISBN 978-0-8014-4340-4.

Weitere Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Eine Sammlung seiner Artikel und Vorträge wurde 1992 auf japanisch von ARC (Tokyo), Japan, veröffentlicht.
Zehn Jahre lang (1986–1995) rezensierte er neue Mahler-Aufnahmen für die französische Zeitschrift Diapason, und er schrieb auch gelegentlich für Le Monde, L'Evénement du Jeudi, Le Monde de la Musique, Opus (Chatsworth, California: ABC Consumer Magazines), Scherzo (Madrid), Amadeus (Milano) und Le Nouvel Observateur.
Programmheft-Beiträge für das Orchestre de Paris über alle Orchesterwerke Mahlers (1971–88).
Beiträge für LPs und CDs für zahlreiche Aufnahmen von Mahler sowie anderer Komponisten von Brahms bis Tschaikowsky. Zahlreiche Beiträge zu Fachliteratur.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Henry-Louis de La Grange. Médiathèque Musicale Mahler website. Abgerufen am 27. September 2010.
  2. a b Cory Robertson: 7 Honorary Doctorates to Be Awarded at Commencement. In: The Juilliard Journal. 25, Nr. 8, May 2010.
  3. a b c The Juilliard School holds 105th commencement ceremony on Friday, May 21, 2010 at 11 AM in Alice Tully Hall. Juilliard News Release. 30. April 2010. Abgerufen am 27. September 2010.
  4. a b c d Discovery Day: Gustav Mahler (2 May 2009). Carnegie Hall website. Abgerufen am 27. September 2010.
  5. Gaudette, Gene (8 May 2008). "Downloadable Interview with Henry-Luis de La Grange – Mahler Revealed". The Classical Source. Abgerufen am 27. September 2010.
  6. "Henry-Louis de la Grange (French)". BiblioMonde. Abgerufen am 27. September 2010.
  7. Ryding, Erik; Pechefsky, Rebecca (2001). Bruno Walter: A World Elsewhere. New Haven: Yale University Press. p. 299. ISBN 978-0-300-08713-0
  8. Home. Médiathèque Musicale Mahler website. Abgerufen am 27. September 2010.
  9. Stefan Weidle: Nachwort, in: Albrecht Joseph: Ein Tisch bei Romanoffs. Vom expressionistischen Theater zur Westernserie. Erinnerungen. Juni-Verlag, Mönchengladbach 1991, S. 245
  10. International Who's Who in Classical Music 2007, 23rd edition. London: Routledge. p. 182. ISBN 978-1-85743-416-3.
  11. Lonchampt Jacques: Le cycle Mahler au Châtelet: Frissons de beauté. Le Monde. 14. März 1989. Abgerufen am 29. September 2010.. Registration and purchase required.
  12. Lonchampt Jacques: Une célébration pendant trois mois Mahler hante le Châtelet. Le Monde. 17. Februar 1989. Abgerufen am 29. September 2010.. Registration and purchase required.
  13. En direct du studio 109 de Radio France : Henry-Louis de La Grange et Christian Labrande. France Musique: Le Magazine. Abgerufen am 27. September 2010.
  14. Neue Mahleriana, Essays in Honour of Henry-Louis de La Grange on His Seventieth Birthday (English, French, German, and Italian). Peter Lang, Berne – Berlin – Frankfurt/M. – New York – Paris – Vienna 1997, ISBN 9783906756950. Enthält einen Lebenslauf von La Grange's Leben bis 1994.
  15. Bard College Awards – Bard College Catalogue 2009–2010. Bard College website. Abgerufen am 5. August 2010.
  16. BM Schmied verleiht Henry-Louis de la Grange das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. Austrian Federal Ministry for Education, Art, and Culture. 9. Oktober 2009. Abgerufen am 5. August 2010.

Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]